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Wahrer Gott und wahrer Mensch
(Gedanken zum 2. Sonntag der Weihnachtszeit (2015))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2015-01-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Sir 24,1-2.8-12; (Eph 1,3-6.15-18); Joh 1,1-18

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Liebe Gläubige,

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die Texte des heutigen Sonntags sind einander sehr ähnlich und unterscheiden sich doch auch in einem entscheidenden Punkt.

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Die alttestamentliche Weisheitsschrift Jesus Sirach spricht von der Weisheit als einem selbständigen Wesen: ein Geschöpf zwar, aber eines, das ganz nah bei Gott war, das vor allem anderen, ja vor der Zeit geschaffen wurde und in Ewigkeit nicht vergeht. Und diese Weisheit, die so nahe mit Gott verbunden ist, sie wird von Gott in die Welt gesandt – und zwar zu einem konkreten Volk – Israel – und in eine konkrete Stadt – Jerusalem. Was ganz nah bei Gott war, kommt nun einem kleinen, unbedeutenden Volk ganz nah, wird heimisch dort und ist bei den Menschen zu Hause.

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Johannes beginnt sein Evangelium ganz ähnlich. Er spricht vom göttlichen Logos, der auch ganz nah bei Gott war und nun in die Welt kommt. Wenn in unserer Bibel „Logos“ mit Wort übersetzt wird, ist das durchaus richtig, aber im Griechischen bedeutet es viel mehr, u.a. auch „Vernunft“ – und Vernunft und Weisheit haben ja durchaus miteinander zu tun. Beide Male kommt also etwas von Gott, das mit der Erkenntnis der Wahrheit zu tun hat, um bei den Menschen zu wohnen, bei ihnen heimisch zu sein und sie mit Gott zu verbinden.

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Und doch macht Johannes gegenüber dem Buch Jesus Sirach eine gewaltige Steigerung – und setzt uns auch einer gehörigen Dosis Realismus aus, die uns vielleicht gar nicht so gut gefällt.

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Aber kommen wir zuerst zur Steigerung: Die Weisheit des Jesus Sirach geht zwar am Anfang, vor der Zeit, aus dem Mund des Herrn hervor und vergeht in Ewigkeit nicht, aber sie ist doch geschaffen. Sie ist das erste und höchste der Geschöpfe, in großer Nähe zu Gott, aber mehr nicht. Beim Logos des Johannes ist das anders: Von ihm heißt es, dass er „im Anfang“ schon war. Am Anfang – im Anfang: nur ein Buchstabe ist anders, aber von „im Anfang“ spricht die Bibel, wenn sie sagt, dass Gott „im Anfang“ Himmel und Erde schuf – und zwar durch sein Wort (vgl. Gen 1,1). Und nun wird klar: dieser Logos, dieses vernunftvolle Wort Gottes, von dem Johannes spricht, ist genau jenes Wort, durch das Gott alles gemacht hat, wenn es heißt: „Und Gott sprach: Es werde Licht – Und es wurde Licht.“ Der Logos war nicht einfach nur vor allem anderen da, sondern alles andere wurde durch ihn: Gott schuf durch ihn: „Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ Johannes stellt daher ganz klar: „Das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Die Nähe zu Gott, die dieses Wort hat, ist noch viel enger als die der Weisheit des Jesus Sirach, trotz aller Ähnlichkeit: Der Logos war Gott, er war kein Geschöpf, er ist nicht ganz am Anfang geschaffen, er ist gar nicht geschaffen – weil er selbst Gott ist.

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Und auch dieser Logos wird nun in die Welt gesandt, ebenfalls in ein konkretes Land, aber seine Sendung ist universal – für die ganze Menschheit. Und das In-der-Welt-Sein des Logos ist in gewissem Sinn auch eine Steigerung gegenüber dem der Weisheit bei Sirach. Denn vom Logos heißt es in dem berühmten zentralen Satz: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Gemeint ist damit, dass dieser Logos eben Mensch geworden ist mit allem, was dazugehört, sogar mit der Schwachheit des Fleisches – anfällig für Krankheit, Verletzung und Tod. Verletzlich wie wir – und doch immer noch ganz eins mit Gott.

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Schon die Autoren des Neuen Testaments haben sich bemüht, auszudrücken, was das bedeutet: Sie betonen, dass dieser Jesus vor aller Schöpfung ist (Kol 1,17), dass durch ihn alles geschaffen wurde, dass er tatsächlich Herr und Gott sei (Joh 20,28) – sie betonen aber auch, dass er wirklich traurig war (Mt 26,28; Joh 11,33), gelitten hat und gestorben ist – ja sogar, dass er in allem (!) wie wir in Versuchung geführt wurde, aber nicht gesündigt hat (vgl. Hebr 4,15, auch 2,18). Es gibt nur diesen einen Unterschied zwischen ihm und uns: Er hat nicht gesündigt. Das Wort ist Fleisch geworden = Der, durch den alles erschaffen wurde, ist ganz einer von uns geworden ohne Abstriche. Aber er hat sich durch die Versuchungen nicht davon abbringen zu lassen, ganz in Einheit mit Gott zu bleiben, das bedeutet: er hat nicht gesündigt.

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Diese Botschaft von der Fleischwerdung des göttlichen Wortes war auch für die Christinnen und Christen der ersten Jahrhunderte kaum zu verstehen. Kann das sein? Und wie kann es zusammengehen? Vielleicht war dieses Wort ja doch nicht wirklich göttlich, vielleicht war es nur Gott ähnlich, so wie die Weisheit des Sirach. Oder aber es war nicht wirklich Mensch geworden, vielleicht hatte es nur einen menschlichen Körper – Fleisch eben – angenommen, aber war geistig doch Gott geblieben; vielleicht hat es nur zum Schein, gewissermaßen als Theater für uns, ein menschliches Leben geführt, gegessen und getrunken, sich gefreut und getrauert, gelitten und ist schließlich sogar gestorben.

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Wie konnte man die Aussagen des Neuen Testaments über Jesus zusammenbringen? Die Kirche der ersten Jahrhunderte bemühte sich darum, das mit Hilfe des griechischen Denkens zu tun. Und schließlich nach vier Jahrhunderten mit vielen Diskussionen und Kämpfen, mit Exkommunikationen und Gegenexkommunikationen raufte man sich endlich zusammen und kam zu der großartigen Formulierung, dass dieser Jesus eben wahrer Gott und wahrer Mensch gewesen sei, kein Halbgott und Halbmensch, wie das in der griechischen Mythologie der Fall gewesen wäre, sondern ganz Gott und ganz Mensch, oder wie es das Konzil von Chalcedon ausdrückte: vollkommen der Gottheit nach und vollkommen der Menschheit nach.

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Und mit dieser Formulierung hat dieses Konzil eine ganz tiefe Erkenntnis unseres Weihnachtsevangeliums ausgedrückt: Gott-sein und Mensch-sein schließen einander nicht aus, sondern harmonieren miteinander. Gott muss sich nicht aufgeben um einer von uns zu werden, und darum müssen wir uns nicht aufgeben, um Gott ganz nahe zu sein. Jede Interpretation des Christentums, die den Eindruck erweckt, wir müssten irgendwie übermenschlich, quasi engelgleich, werden, um Gott nahe zu sein, hat die Botschaft von Weihnachten, die Botschaft des Johannes, die Botschaft der großen Konzilien nicht verstanden. Je mehr wir echt menschlich sind, desto näher sind wir Gott, denn der göttliche Logos wurde uneingeschränkt Mensch und blieb gleichzeitig uneingeschränkt Gott.

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Und doch mutet uns Johannes noch eine Dosis Realismus zu, wenn er sagt: Dieser Logos, der ganz Gott ist und Mensch wurde, er wollte unter uns wohnen, er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf und die Welt erkannte ihn nicht. Wir meinen, um Gott zu finden müssen wir nach etwas anderem, nach etwas vermeintlich Wunderbarerem suchen, nicht nach einem normalen Menschen, schon gar nicht nach einem, der im Stall zur Welt kommt. Aber genau das ist das Wunderbarste von allem – ein vollkommener Mensch. Und wer ihn aufnimmt, hat die Macht ein Kind Gottes zu werden. Jesus hat es das Leben gekostet, dass seine Zeitgenossen ihn nicht aufnahmen, weil sie ihn nicht erkannten. Viele verlieren heute das Leben, weil Mächtige oder Reiche nicht erkennen, dass es nichts Wunderbareres und Schützenswerteres gibt als menschliches Leben; weil Menschen, die in Sicherheit leben, ihre Grenzen dicht machen für Flüchtlinge; weil man da auch konstatieren muss: sie nahmen sie nicht auf.

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Wir haben es in der Hand, wie wir mit dieser Botschaft umgehen. Gott kommt in Gestalt von Menschen in unsere Welt, er kommt in sein Eigentum. Nehmen wir ihn auf?

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