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Von der freien Entscheidung, Magd Gottes zu sein
(Gedanken zum 4. Adventsonntag 2014 (LJ B))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2015-01-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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(2 Sam 7,1–5.8b–12.14a.16); Röm 16,25–27; Lk 1,26–38

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Liebe Gläubige,

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gerade erst vor 13 Tagen, am 8. Dezember, haben wir das Evangelium von der Verkündigung gehört – und heute zum 4. Advent schon wieder. Da ist die Versuchung schon groß, sich für die Predigt ein anderes Thema zu suchen. Aber ich denke, man kann auch eine ganz neue Perspektive auf das heutige Evangelium einnehmen und dadurch noch eine Dimension dieser Erzählung deutlich machen,

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Die Künstler haben es oft dargestellt: der Engel und die junge Frau und wie sie sich zueinander verhalten. Ganz verschieden haben sie es interpretiert: Für die einen ist Maria die schüchterne Frau, die ganz erstarrt vor dem Glanz des Erzengels, und dieser Engel ist ganz Selbstbewusstsein und Herrlichkeit – er weiß ja schließlich, woher er kommt. Andere zeigen den Engel als zurückhaltend und demütig, in dem Bewusstsein, dass er einer ganz besonderen Person gegenübersteht. Und Maria strahlt in all ihrer Bescheidenheit und Frömmigkeit ein ruhiges, besonnenes Selbstbewusstsein aus. Bei diesen Künstlern trifft nicht der strahlende Engel auf die kleine Magd, sondern zwei Große, die sich ihrer Würde bewusst sind und doch nicht viel Aufhebens davon machen, stehen sich gegenüber. Ich denke, dass Letztere den tieferen Sinn der Verkündigungsszene besser verstanden haben, und ich möchte Ihnen gern erläutern, warum.

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Dafür möchte ich Ihre Aufmerksamkeit zuerst ganz woanders hin lenken. Es gibt ja im Laufe der religiösen Entwicklung der Menschheit auch andere Geschichten, die davon erzählen, dass ein Bote Gottes oder gar Gott selbst sich einer menschlichen Frau nähert und diese dann ein göttliches Kind erwartet. Nur nehmen wir diese Geschichten nicht mehr ernst – so wie ja vielleicht viele die Geschichte von der Verkündigung an Maria nicht ganz ernst nehmen. Aber zwischen diesen Erzählungen tun sich doch gewaltige Unterschiede auf, und daher kann es sinnvoll sein, die einen wirklich nicht mehr ernst zu nehmen, die andere dagegen schon. Die Erzählungen, die ich meine, stammen aus der alten griechischen Mythologie. Einer der vielen griechischen Götter, oftmals Zeus selbst, nähert sich dabei einer Frau und zeugt mit ihr ein Kind – und dieses Kind ist dann ein Halbgott oder eine Halbgöttin.

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Natürlich ist das ein Unterschied – werden wir sagen: Wir glauben, es gibt nur einen Gott, und nicht viele – und dieser Gott zeugt nicht auf biologischem Weg mit Maria ein Kind, die wundersame Empfängnis Jesu wird nicht näher beschrieben, um eben dieses Missverständnis auszuschließen. Und schließlich ist Jesus auch kein Halbgott, sondern nach vielen Jahrhunderten Diskussion, Streit und Versöhnung darüber, wie man am besten ausdrücken soll, wer Jesus ist, hat sich die Kirche geeinigt, dass dieser Jesus vollkommen seiner Gottheit nach und vollkommen seiner Menschheit nach ist – also ganz und gar keine halbe Sache, sondern immer ganz. Aber das wäre ein Thema für eine Weihnachtspredigt.

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Heute möchte ich noch einen Unterschied erwähnen, der mir der wichtigste zu sein scheint: Wenn Zeus mit einer Erdenfrau ein Kind zeugt, dann geschieht das, indem er diese Frau entführt oder vergewaltigt oder sich in die Gestalt eines anderen verwandelt und sie täuscht, was ja auch eine Form von Gewalt ist, die nur etwas versteckter und raffinierter daherkommt. Zeus zeugt durch Gewalt. Und die Erdenfrau, die Mutter seines Kindes wird, dient ihm zuerst als Lustobjekt und dann als Gebärmaschine – als Person spielt sie für ihn keine Rolle.

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Und nun hören wir auf diesem Hintergrund noch einmal die Begegnung der Maria mit dem Engel:

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Der Engel redet sie an voller Respekt: „Sei gegrüßt, du Begnadete“. Sie ist jemand, die beschenkt ist mit der Gnade Gottes, d.h. mit der persönlichen Zuwendung Gottes. Zunächst will Gott nichts von ihr, sondern er schenkt ihr seine Zuwendung und Zuneigung. Naja – möchte man vorsichtig einwenden – Zuneigungen können ja auch sehr zudringlich sein. Woher wissen wir, dass es hier nicht so ist? Wir wissen es aus dem Fortgang der Begegnung. Zunächst geschieht genau das, was man erwarten würde: Eine einfache junge Frau erschrickt wegen dieser Anrede; sie weiß nicht, was das soll. Doch der Engel ist darauf vorbereitet und beruhigt sie: Fürchte dich nicht. Immer wieder fordert Gott oder seine Boten die Menschen in der Bibel auf, sich nicht zu fürchten: nicht vor den Menschen und der Welt und, allem, was uns hier passieren kann; und schon gar nicht vor Gott und seiner Zuwendung. Der biblische Gott ist geradezu der „Fürchte-dich-nicht-Gott“, der sich immer wieder bemüht, den Menschen die Angst zu nehmen.

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Noch einmal spricht der Engel von der Gnade, die Maria geschenkt wurde und dann trägt er sein Anliegen vor. Er tut es schon sehr bestimmt: Du wirst ein Kind empfangen, du wirst einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der Engel macht deutlich, dass Gottes Plan schon feststeht. Doch der Engel scheint sehr erfolgreich gewesen zu sein darin, Maria die Angst zu nehmen, denn nun fragt sie nach: „Wie soll das geschehen?“ Es passt nicht in ihre Lebensplanung, in ihren Alltag, in den Entwurf ihrer Zukunft, es passt auch nicht in ihren gesellschaftlichen Status, sie ist ja noch unverheiratet. Eine untertänige Magd würde nicht so nachfragen. Sie würde sich fraglos ergeben. Eine verängstigte Frau würde sich nicht der Gefahr eines Tadels aussetzen. Aber diese Maria hat nun erkannt, dass ihr gegenüber der Bote eines Gottes steht, der nicht über die Köpfe und Herzen seiner Geschöpfe hinweg handelt, sondern die Menschen als Partnerinnen und Partner seines Heilshandelns gewinnen möchte und sich auf ihre Mitarbeit angewiesen macht. Dieser Gott kann nicht Mensch werden, wenn sich nicht eine Frau bereit erklärt, seine Mutter zu sein. Und diese Frau ist dann auch nicht Lustobjekt und Gebärmaschine, sie ist erste Adressatin des Heils, das dieser Gott schenkt, ja eben als wir vor 13 Tagen schon dieses Evangelium gehört haben, ging es darum, dass Maria bereits ganz am Anfang ihrer Existenz, bei ihrer Empfängnis von Gott voll begnadet wurde, und gerade das hat sie fähig gemacht, in großer Freiheit tiefgehende Entscheidungen zu fällen.

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Wir tun uns ja immer schwer, wirklich zu unseren Entscheidungen zu stehen. Wir sagen ja, und tun es dann doch nicht oder nur halbherzig; wir sagen nein, und besinnen uns manchmal doch eines anderen. Aber wir sind selten ganz konsequent. Ein voll begnadeter Mensch wie Maria ist da anders: Wenn sie Ja sagt, dann eben mit ganzem Herzen und ganzem Verstand, dann trägt sie diese Entscheidung auch durch. Aber sie möchte zuerst wissen, worauf sie sich da einlässt. Und der Engel gibt ihr Auskunft, obwohl es ja nicht so viel ist, das er ihr sagt: Zum einen, dass der Heilige Geist und die Kraft des Höchsten bei ihr sein werden. Sie muss das, was auf sie zukommt, nicht alleine bewerkstelligen, sondern hat immer Gott bei sich. Und dann verweist der Engel auf Elisabeth: Sie wurde schwanger, obwohl sie schon sehr alt ist – warum soll Maria nicht schwanger werden, obwohl sie noch keinen Mann hat? Und der Engel verweist auf die Allmacht Gottes.

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Ich finde es interessant, wie hier hohe theologische Aussagen über den Heiligen Geist und die Kraft Gottes mit persönlichen Erfahrungen kombiniert werden: Schau doch, deine Verwandte ist auch schwanger, obwohl keiner es mehr für möglich hielt. Du musst nicht blind glauben, sondern mach die Augen auf und du wirst Gottes Wirken in der Welt wahrnehmen – und darum kannst du vertrauen, scheint der Engel zu sagen.

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Und nun entscheidet Maria: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Das heißt nicht: Ich bin eh eine Magd und habe keine Wahl und drum tu einfach, was sein muss. Das heißt: Ich entscheide mich, diesem Gott und dem Wort seines Engels zu vertrauen, und darum bin ich bereit seine Magd zu sein und ihn an mir handelt zu lassen, wie er es vorhat. Denn ich bin mir sicher, er wird mich nicht zu einem Zweck missbrauchen, der mir schadet und mit mir nichts zu tun hat. Er wird mich in Dienst nehmen für andere und für sein Heil, aber in diesem Dienst werde ich selbst mein Heil, ja mein letztes Glück finden. Der Gott Jesu Christi macht sich selbst abhängig von der Zustimmung der jungen Frau aus Nazaret, die er für einen Dienst berufen möchte. Er entführt sie nicht, er vergewaltigt sie nicht, er täuscht sie nicht. Er sagt ihr, worum es geht, und lässt ihr die freie Entscheidung. Und erst, wenn sie zugestimmt hat, geschieht das, was Gott angekündigt hat.

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Das galt für Maria – das gilt aber auch für uns. Lassen wir uns nicht von anderen zu Mägden und Knechten machen, sondern entscheiden wir in der Freiheit der Kinder Gottes, ob wir Gott so vertrauen, dass wir seine Magd oder sein Knecht werden können. Sind wir bereit, dass Gott auch in uns Mensch wird? Gott wird unsere Entscheidung respektieren.

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