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Reiß die Himmel auf – Die energische Sehnsucht des Advent

Autor:Guggenberger Wilhelm
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2014-12-05

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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1. Adventsonntag 2014: Jes 63,16b-17.19b; Jes 64,3-7

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O Heiland, reiß die Himmel auf,
Herab, herab, vom Himmel lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
Reiß ab, wo Schloss und Riegel für!

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Von frühester Kindheit an vertraut, war mir dieses Adventlied immer sehr lieb. So kraftvoll und dynamisch ist dieser Text, drängend, irgendwie auch urtümlich. Die verwendeten Bilder sind schlicht und handgreiflich. Man meint fast Holz und Eisen von Riegel und Schloss, die aufgebrochen werden sollen, unter den Fingern zu spüren.

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Die kraftvolle Dynamik bleibt auch in den weiteren Strophen dieses Liedes, das vermutlich Friedrich Spee um 1622 gedichtet hat, erhalten. Die Wolken sollen brechen, um den König auszuregnen, die Erde ausschlagen und der Erlöser als Blümlein aus der Erde springen. Im Unterschied zu manch anderer Barockdichtung fehlt diesem Text alles Liebliche und Süße. Wenn man es mit einem architektonischen Vergleich sagen möchte: Hier wurde auf die vergoldeten Stuckaturen und rosigen Engelköpfe verzichtet, so dass der nackte, raue Stein sichtbar bleibt, der raue Stein eines sehnsuchtsvollen Lebens; bodenständig und unprätentiös.

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Vielleicht fand dieses Lied gerade deshalb in einer Welt von Bauern und Handwerkern solchen Anklang. Und vielleicht erscheint dieses Lied gerade deshalb heute so archaisch und möglicherweise sogar etwas deplatziert. Deplatziert in einer Welt der glatten Oberflächen, einer Welt der politisch korrekt verharmlosenden Sprache, einer Welt der Knopfdruck-Konsumkanäle, die alle Barrieren zwischen Wunsch und Wunscherfüllung unsichtbar zu machen trachten.

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Wovon dieses Lied spricht ist die ungeduldige, unbequeme und energische Sehnsucht des Propheten Jesaja, von der wir gerade in der Lesung gehört haben. Sie steht am Anfang des Advent, diese ungeduldige, unbequeme und energische Sehnsucht, als jene Haltung der Wachsamkeit die Jesus einfordert. Und ich frage mich am Anfang dieses Advent, ob wir, die wir hier in der Jesuitenkirche zusammen gekommen sind, diese Form der Sehnsucht noch kennen? Ob wir zu ihr überhaupt fähig sind, oder ob wir sie schon abgelegt, archiviert haben in alten Texten und Liedern, um von ihr nicht allzu sehr belästigt zu werden?

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Eine ungeduldige Sehnsucht ist es, habe ich gesagt: Nun die Ungeduld kennen wir ja. Nichts darf Zeit in Anspruch nehmen und vermutlich beanspruche ich hier auch schon zu viel davon.

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Das Briefeschreiben haben wir uns abgewöhnt. Angesichts von SMS, E-mail und Online-Foren wird die Schneckenpost des Briefes aus Papier zur Zumutung. Jede Äußerung muss augenblicklich zugestellt und ebenso augenblicklich beantwortet sein. Genau so rasch erwarten wir die Lieferung jeder Ware, die uns virtuelle Schaufenster anpreisen - möglichst zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wir reisen gern weit, aber Distanzen müssen rasch überwunden werden. Wir erledigen drei Dinge zugleich und daher nichts davon wirklich. Wir leben mehr nach dem Stakkato der Uhr als mit den Rhythmen der Natur und unseres Körpers. Wir kennen also die Ungeduld.

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Aber die Sehnsucht des Jesaja meint etwas anderes. Sie meint gar kein Nicht-warten-können. Vielmehr meint sie ein Nicht-ertragen-können. Was sie endlich aufgerissen und aufgebrochen sehen will, ist die Härte des eigenen Herzens. Unsere zeitlose Hetzerei führt nämlich seltsamerweise nur dazu, dass alles beim Alten bleibt und wir uns - weitereilend - kaum darüber wundern, ja diese Versteinerung kaum wahrnehmen.

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Die Schlagzeilen wechseln im Minutentakt, aber sie sprechen immer von der gleichen Not der Menschen, die Kriegen zum Opfer fallen, oder vor den Südküsten Europas kentern; sie sprechen von den gleichen Eitelkeiten, Rivalitäten und Missgünstigkeiten, durch die wir einander das Leben schwer machen. Die Börsenkurse wechseln im Sekundentakt aber sie verbergen dabei in immer gleicher Weise das Schicksal derer, die für unsere Billigpreise ausgebeutet werden und auch das Schicksal der kontinuierlich ausblutenden Natur.

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Das weiß ich ja auch alles. Aber macht es mich ungeduldig, dass mein Herz diesem Wissen nur wenig Raum gewährt? Macht es mich ungeduldig, so wie der verspätete Zug oder das stockende Internet, dass meine Empörung angesichts dieses Wissens ausbleibt und meine Einsatzfreude stockt?

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Damit bin ich auch schon bei der unbequemen Seite dieser Sehnsucht, die einen Jesaja und einen Friedrich Spee nach einem Aufreißen des Himmels schreien lässt.

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Ein Prophet war Jesaja, ein Prophet in seiner Zeit auch Spee, indem er etwa gegen Hexenwahn und Hexenprozesse anging, gegen die bequeme Lösung von Konflikten durch die Benennung von Sündenböcken also.

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Propheten machen es einem nie leicht, weil sie an Gewohnheiten rütteln, weil sie das erschüttern, worin wir uns so gut und funktional eingerichtet haben. Aber bin ich, sind wir überhaupt noch zu erschüttern? Bequemer ist es, sich auf der Couch zurück zu lehnen und bei einem Glas Wein die Mängel der Welt mit zynischem Spott zu kommentieren.

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Die unbequeme Sehnsucht des Advent sägt an den Füßen meiner Couch, an den Fundamenten des Eingesessenen. Sie sägt an etwas, das man früher einmal als eine Wurzelsünde bezeichnet hat; als die Wurzelsünde namens acedia. Das wird meist mit Faulheit übersetzt, was aber wohl deutlich zu kurz greift. Denn acedia meint die Trägheit, die sich damit abgefunden hat, dass nichts zu ändern ist: nichts zu ändern an den Zuständen der Welt und nichts zu ändern an mir selbst.

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Die Sehnsucht des Advent ist da ganz anders, denn sie ist auch energisch, habe ich behauptet. Sie glaubt daran, dass sich etwas bewegen kann und zwar nicht nur im Kreis.

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Aber wer soll bewegen? Die Politik erleben wir vielfach als machtlos. Die Wirtschaft strotz zwar vor Dynamik, ist letztlich aber mehr Getriebene als Gestalterin. Die Wissenschaft kann immer mehr und stellt uns damit vor ethische Entscheidungen, die uns hoffnungslos überfordern.

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Wem traue ich angesichts dessen denn überhaupt noch etwas zu? Die großen Ideen und Ideologien haben ihren Kredit längst verspielt.

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Traue ich mir selbst noch etwas zu? Nicht innerhalb des Effizienzspiels der Strukturen, sondern dort, wo es um deren Veränderung geht? Bei selbstkritisch ehrlichem Blick auf mein hart gewordenes Herz – wohl nicht viel. Zu komplex und undurchschaubar ist alles geworden. Da trifft das Bild des Propheten ganz gut: Ich fühle mich wie verwelktes Laub.

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Und Gott? Traue ich ihm etwas zu? Die Situation, in der der Prophet vor über zweieinhalb-tausend Jahren war, mag sich letztlich gar nicht so sehr von der unseren unterschieden haben. Mit dem Unterschied, dass er mit Gott gerechnet hat. Er stellt sich hin und fordert Gottes Aktivität ein. Er klagt, er mault, er schlägt auf den Tisch – energisch eben – weil er sich von Gott etwas erwartet und ihm zutraut einen Unterschied zu machen. Ja, ich weiß schon, die Vorstellung, Gott würde auf Anfrage jederzeit Feuer vom Himmel fallen lassen, oder auch Brot, diese Vorstellung ist naiv und auch gefährlich. Aber das Problem ist wohl, dass ich ihm nicht einmal mehr zutraue, mich zu verändern. Deshalb sind meine Gebete auch selten so energisch, wie die des Jesaja oder wie das Adventlied des Friedrich Spee.

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Die Sehnsucht des Advent ist nicht nur stilles Warten darauf, dass schon etwas kommen, schon etwas passieren wird. Ungeduldig hämmert sie an das verhärtete Herz und die versteinerten Sachzwänge, auch wenn das unbequem ist. Vor allem aber ist sie energisch, indem sie es wagt, sich hinzustellen vor Gott und zu fordern, dass er etwas aufbricht, ins fließen kommen lässt, zu fordern: Reiß doch den Himmel auf, zuallererst den bleiernen Himmel in mir.

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