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Vom himmlischen Hochzeitsmahl - oder Babettes Fest
(Gedanken zum 28. Sonntag im Jahreskreis 2014 (LJ A))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2014-11-17

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Jes 25,6-10a; (Phil 4,12-14.19-20) Mt 22,1-14 (oder 22,1-10)*

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Liebe Gläubige,

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das heutige Evangelium hat mich an einen Film erinnert, der seinerseits auf einer Novelle beruht: Babettes Fest von Tania Blixen. Da nicht alle von Ihnen diese Geschichte kennen dürften, möchte ich sie kurz zusammenfassen:

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Sie spielt im Norden Europas. Zwei fromme alte Schwestern leiten eine streng gläubige Dorfgemeinde, die einst ihr längst verstorbener Vater gegründet hatte. Die Schwestern haben auf viel verzichtet, um das Lebenswerk ihres Vaters fortzuführen, sogar auf eine Ehe, obwohl beide gute Partien gehabt hätten. Sie und ihre ganze Gemeinde sind sehr frugal und streng lebende Menschen: Sie beten und arbeiten viel, essen und trinken genügsam und bemühen sich, ja nur nicht zu viel Genuss im Leben abzubekommen, weil sie überzeugt sind, dass sich das mit einem frommen christlichen Leben nicht verträgt. Ihr Leben ist karg und hart. Fast ohne es zu merken, sind dabei sie selbst auch hart geworden und menschliche Wärme ist genauso karg bei ihnen wie Genussmittel. Viele der Gemeindemitglieder streiten miteinander und machen einander Vorhaltungen, weil sie letztlich an ihren eigenen moralischen Idealen gescheitert sind.

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Eines Tages kommt eine Bittstellerin an die Tür der Schwestern: Babette, eine Frau aus Paris, die aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen musste. Ein früherer Verehrer einer der Schwestern, ein Pariser Opernsänger, hat Babette in das Haus der frommen Damen geschickt. Nach einigem Zögern nehmen sie sie auf. Babette übernimmt Haushaltstätigkeiten, bringt Kranken das Essen und entfaltet ein durchaus segensreiches Wirken. Über einen Bekannten spielt sie jedoch noch in der französischen Lotterie und gewinnt dort die unvorstellbare Summe von 10.000 Francs. Es sieht so aus, als würde sie nun doch in ihre Heimat zurückkehren. Vorher aber bittet sie die Schwestern um einen letzten Gefallen: Diese wollen zum 100. Geburtstag ihres verstorbenen Vaters eine Gedenkfeier veranstalten, und Babette bittet darum, das Essen zubereiten zu dürfen. Die Schwestern stimmen nach einigem Zögern zu, doch als sie sehen, welche Lebensmittel Babette für das Fest heranschaffen lässt, wird ihnen ganz anders. Per Schiff kommen Delikatessen aus Frankreich an, die schlimmste Völlerei befürchten lassen. Da die Schwestern aber nun einmal zugestimmt haben, bitten sie alle ihre Gemeindemitglieder nicht auf das Essen zu achten und einfach gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Doch das Essen verläuft anders, als sie sich das gedacht hatten. Der ungewohnte Wein lockert ihre Zungen, und das herrliche Essen versetzt sie in beste Stimmung. Sie kommen dazu sich gute Geschichten aus ihrer Jugend zu erzählen: Wie sie zum Glauben kamen und begeistert waren. Und wenn es Geschichten darüber sind, was sie falsch gemacht haben, so können sie das vergeben. Das vermeintlich dekadente Luxusgelage wird für sie zu einer ganz neuen Erfahrung von Wärme und Geborgenheit – ja zu einer Erfahrung der Gnade und des Segens.

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Liebe Gläubige,

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mir kommt vor, dass die Geschichte von Babettes Fest und die des heutigen Evangeliums ähnlich sind: Die geladenen Gäste wollen nicht auf das Fest gehen, weil sie glauben, dass dieses Fest ihr Leben, das so schön geordnet und fromm ist, durcheinanderbringen wird. Die Frommen bei Babette sind nur nicht ganz so extrem und unnachgiebig wie die Menschen im Evangelium. Sie kommen doch, auch wenn sie sich vornehmen, nichts zu genießen. Die anderen kommen trotz zweimaliger Einladung nicht. Sie gehen ihren Geschäften nach und die ganz 150-Prozentigen bringen sogar die Diener um, die sie einladen. Wo gibt es denn sowas? Boten, die einem eine Einladung überbringen, töten!? Ich denke, das gibt es dann, wenn man diese Einladung nicht als Einladung, sondern als massive Verführung empfindet. Da müht man sich ständig um ein anständiges, fleißiges und frommes Leben, und dann will einen da jemand zur Ausschweifung verführen! Das ist, als wollte uns vermeintlich anständige Kirchgänger und Kirchgängerinnen jemand zur Swinger-Party einladen. Da müssten wir uns doch wehren! Aber – es gibt noch ein tieferes Problem: Was, wenn die Einladung gar nicht unmoralisch wäre? Es geht ja eben nicht um eine Swinger-Party, sondern um eine Hochzeit! Was also, wenn man seinen Trott verlassen und dabei merken würde, dass man sich ganz umsonst kasteit hat, dass das Fest nicht nur erlaubt, sondern gut und notwendig ist. Das würde das ganze bisherige Leben wie einen schlechten Scherz, eine vergebliche Vergeudung aussehen lassen. Und wer einen dazu „verführen“ will, der läuft tatsächlich Gefahr, umgebracht zu werden – wenn schon nicht physisch, dann zumindest mit der Moralkeule. Denn nichts ist schmerzhafter als zuzugeben, dass man mit seinem Lebensentwurf auf dem Holzweg war!

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Im Evangelium reagiert der Hochzeitsvater ganz massiv: Er tötet die Mörder, lädt dann aber alle ein zur Hochzeit ohne Ansehen der Person: Gute und Böse, heißt es da. Offensichtlich hat die massive Ablehnung seiner Einladung den Vater dazu gebracht, nun nicht mehr nach gut und böse zu unterscheiden, fast als wolle er sagen: Wenn diese Unterscheidung von gut und böse, anständig und unanständig solche Folgen hat, dann lassen wir die Unterscheidung doch weg. Ich möchte einfach, dass die Menschen kommen und sich von mir beschenken und bewirten lassen – nicht, weil sie gut sind, sondern weil ich freigiebig und großzügig bin. Meine Liebe möchte ich ihnen zeigen und nicht ihre Gutheit belohnen.

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Wie gesagt, die Menschen bei Babette sind nicht ganz so stur wie jene im Gleichnis. Sie kommen zum Fest, wenn auch mit dem Vorsatz, sich nicht beeinflussen zu lassen durch den neuen, anrüchigen Genuss. Aber sie schaffen es nicht, sich dem Zauber des Fests zu entziehen. Sie verändern sich und blühen auf. Sie erleben ihre Gemeinschaft neu. Andererseits: Es ist nicht anzunehmen, dass diese frommen Menschen nun jeden Tag ein Gelage feiern werden. Das Fest ist nicht das Vorbild für den Alltag, sondern das Fest ist der Lichtblick im Alltag und der Hinausblick aus dem Alltag: So wird es einmal sein in der Vollendung. So ist das Fest, und ganz besonders das Hochzeitsfest, auch für uns ein Bild für den Himmel, für das letzte Glück bei Gott.

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Aber, liebe Gläubige: da ist ja noch ein Element, das im Evangelium vorkommt und bei Babette zu fehlen scheint. Der eine Gast, der ohne passendes Gewand da sitzt und hinausgeworfen wird. Gibt es dazu wirklich keine Entsprechung bei Babette? Ich denke doch, denn das Ende habe ich Ihnen noch nicht erzählt: Nachdem die Gäste glücklich und erfüllt mit Speisen und menschlicher Wärme nach Hause gegangen sind, gehen die beiden Schwestern in die Küche, in der eine völlig erschöpfte Babette sitzt. Sie fragen sie, wann sie denn nun zurück nach Hause gehen werde. Aber Babette verneint: Sie kann nicht nach Hause, sie ist bankrott. – Aber, das viele Geld, der Lottogewinn, wo ist er hin? – Den hat Babette für das Festessen ausgegeben, die ganzen 10.000 Franc. Eine bürgerliche Existenz in Frankreich ist ihr unmöglich geworden. Sie hat alles, was sie hatte, für das Fest geopfert. Sie selbst hatte nichts von dem Fest, denn sie hat ja in der Küche gearbeitet.

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Liebe Gläubige,

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davon ist natürlich im Evangelium überhaupt nicht die Rede, sondern von einem, der kein Hochzeitsgewand anhatte und deshalb vom König hinausgeworfen wurde. Aber – und da stutze ich seit einigen Jahren immer bei diesem Gleichnis – warum sollte ein zufällig von der Straße hereingeholter Gast nicht nur ein Festtagsgewand, sondern sogar ein Hochzeitsgewand anhaben? Wie käme er dazu? Ein Hochzeitsgewand haben doch nur Braut und Bräutigam an – und von diesen ist im ganzen Gleichnis nicht die Rede. Könnte es also sein – mal so als Gedankenexperiment –, dass hier tatsächlich der Bräutigam ohne Hochzeitsgewand dasitzt und hinausgeworfen wird? Wenn ja, dann stellt sich natürlich die Frage, ob er wirklich vom Vater hinausgeworfen wird, wie das Gleichnis wörtlich sagt, oder ob diese Aussage nicht vielmehr ein Bild dafür ist, wie es ermöglicht wurde, alle zum Festmahl einzuladen: Erst musste der Bräutigam sein Hochzeitsgewand ablegen und hinaus in die äußerste Finsternis von Kreuz und Golgatha, denn nur so konnte er den Menschen zeigen, dass es seinem himmlischen Vater auf das großzügige Vergeben gegenüber Bösen und Guten ankommt. So wie Babette durch die Hingabe ihres Vermögens die Versöhnung der Dorfbewohner ermöglichte, machte Christus durch die Hingabe seines Lebens die Versöhnung aller beim himmlischen Hochzeitsmahl möglich. Denn dadurch zeigte er uns, dass die Liebe Gottes grenzenlos ist und wir uns von dieser Liebe aus dem Alltagstrott reißen lassen sollen.

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Daran dürfen wir uns erinnern, wenn wir das Dankesmahl der Eucharistie feiern.

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* Die Inspiration zu dieser Predigt verdankt sich u.a. Marty Aiken: The Kingdom of Heaven Suffers Violence: Discerning the Suffering Servant in the Parable of the Wedding Banquet (http://www.uibk.ac.at/theol/cover/archives/innsbruck2003/abstracts/innsbruck2003_aiken_paper.doc) in Bezug auf den Bräutigam und Kraml, Martina / Steinmair-Pösel, Petra: Eucharistische Lebenskultur im Alltag. In: Guggenberger, Wilhelm / Wandinger, Nikolaus (Hg.): Sakramente – Tote Riten oder Quelle der Kraft? Vorträge der achten Innsbrucker Theologischen Sommertage 2007 (theologische trends 17). Innsbruck 2008, 122-147 in Bezug auf Babettes Fest. 

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