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Das gar nicht eindeutige Verhältnis von Monotheismus und Gewalt
(Buchbesprechung von: Schieder, Rolf (Hg.): Die Gewalt des einen Gottes)

Autor:Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Diese Buchbesprechung ist in gekürzter Fassung unter einem sachlich leider falschen Titel in der FAZ erschienen: Palaver, Wolfgang: Für den heiligen Josef war schließlich auch Platz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 228 (01.10.2014) 10.
Datum:2014-10-09

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Buchbesprechung von:

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Schieder, Rolf (Hg.): Die Gewalt des einen Gottes. Die Monotheismusdebatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen. Berlin University Press 2014.

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Religiös motivierte Gewaltakte wie das Todesurteil gegen Salman Rushdie, die Anschläge von 9/11 oder aktuelle Gewaltexzesse dschihadistischer Terroristen haben das Verhältnis von Religion und Gewalt ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt. Dieser Hintergrund prägt auch die Debatte um den Monotheismus, die der Ägyptologe Jan Assmann durch sein 1997 zuerst auf Englisch erschienenes Buch Moses der Ägypter auslöste. Ausgangspunkt ist die „Mosaische Unterscheidung“, die erstmals in der religiösen Geschichte der Menschheit eine Unterscheidung zwischen wahr und unwahr einführte und dadurch die treuen Anhänger Gottes den „Heiden“ gegenüberstellte. „Gegenreligion“ ist der Begriff, den Assmann dafür verwendet. Ausgrenzung und Gewalt verdrängen so die für den Polytheismus typische Fähigkeit zur interkulturellen Übersetzbarkeit. In späteren Publikationen rückt die Geschichte vom Goldenen Kalb (Ex 32) ins Zentrum, nach der Moses 3000 Mann niedermetzeln ließ. Zwei wichtige Einschränkungen nahm Assmann allerdings gleich von Beginn an vor. Er behauptete keine historische These über Moses, sondern verstand sein Werk als eine Arbeit an der Erinnerungsgeschichte, die den Bezug auf Moses in der frühen Neuzeit zum Ausgangspunkt nahm.

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Diesen Punkt betont auch der katholische Theologe Klaus Müller in seiner differenzierten Parteinahme für Assmann. Zweitens schloss Assmann bewusst an Freuds Buch über Moses an und hoffte damit auch zu einer historischen Analyse des Antisemitismus beitragen zu können. Wie Assmann selbst inzwischen einräumt, drückte er sich missverständlich aus, denn die Rezeption seines Werkes führte rasch zum Vorwurf, dass der Monotheismus inhärent gewalttätig sei, und beflügelte auch eine antijüdische Lesart, wie die 2006 veröffentliche Spiegel-Geschichte „Das Testament des Pharao“ deutlich machte.

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Das vorliegende Buch verdankt sich zum einen dem harschen Einspruch von Rolf Schieder, der in Berlin Praktische Theologie lehrt und in seinem Buch Sind Religionen gefährlich? (2008) religionspolitische Fragen diskutiert. In einem Kapitel warf er Assmann und dem Philosophen Peter Sloterdijk, der dessen Monotheismuskritik verschärfte, vor, sie würden den jüdischen Gottesglauben missverstehen und projizierten bloß moderne Kategorien in ihre Auseinandersetzung mit dem biblischen Stoff. Assmann reagierte auf diese Kritik, in dem er zu einer interdisziplinären Debatte einlud, die im Internetportal www.perlentaucher.de durchgeführt wurde und nun auch durch ausgewählte Beiträge in Buchform vorliegt.

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Bemerkenswert ist, dass Assmanns sich offen auf die Diskussion einließ, dort kritischen Einwänden zustimmte, wo er sie für berechtigt hielt und auch deutlich von eigenen „fahrlässigen“ Formulierungen spricht, die zu Missverständnissen beitrugen. Im Blick auf Schieders Einspruch betont er, dass er keineswegs den Monotheismus für inhärent gewalttätig halte, und auch nicht dafür eintrete, dass dieser durch einen neuen Kosmotheismus abgelöst werden müsse.

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Unterschiedlichste Einwände bündelt der lesenswerte Band. Von Vertretern des Alten Testaments werden alternative Erzählstränge hervorgehoben, die zeigen, dass die von Assmann rekonstruierte mosaische Unterscheidung keineswegs mit dem Alten Testament identisch ist. Bernhard Lang verweist auf die Josefsgeschichte, die für eine offene Gesellschaft steht und sich von der geschlossenen Gesellschaft des Moses deutlich abhebt. Markus Witte zeigt, wie sich gerade die alttestamentlichen Weisheitsschriften durch ihre Dialogizität auszeichnen.

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Aus jüdischer Perspektive bringen Micha Brumlik und Marcia Pally kritische Anfragen ein. Brumlik zeigt auf, dass extreme Grausamkeit und Gewalt auch in Kulturen zu finden sind, die von der mosaischen Unterscheidung unberührt blieben und verweist auf die transformierende Einbettung und Bearbeitung, die die Gewalt-Narrative durch rabbinische Kommentare erfahren haben. Noch deutlicher rückt die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Pally dieses Argument in den Vordergrund, indem sie zeigt, wie sehr der rabbinische Kommentar problematische Schrifttexte bearbeitete und besonders die Sorge um die Armen, Fremden und Feinde hervorhob.

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Assmann greift viele dieser Einwände positiv auf und präzisiert seine These. So hält er gegenüber Pally fest, dass Stellen von göttlicher Intoleranz im Verhältnis 1000:3 von Gottes erbarmungsvoller Liebe überwogen werden. Nicht isolierte Schriftstellen als solche stellen letztlich das Problem dar, sondern der fundamentalistische Umgang mit ihnen. Als positive Ausnahme sieht er hier die humanisierende Lesart durch das rabbinische Judentum, während er im Christentum und Islam eine Neigung zur religiösen Gewalt – Gewalt im Namen Gottes – zu erkennen glaubt. Im Blick auf das mittelalterliche Christentum kann er hier auf Gerd Althoffs Buch „Selig sind, die Verfolgung ausüben“ (2013) verweisen, in dem eine neue Gewalttheorie im Hochmittelalter genau auf jene problematischen Texte Bezug nahm, die Assmann im Blick hat. Aber auch hier sind noch weitere Differenzierungen nötig. Die Religionshistorikerin Dorothea Weltecke zeigt im Blick auf das Mittelalter mittels verschiedener Vorläufer der Ringparabel auf, wie sich in Judentum, Christentum und Islam auch Interpretationsschulen herausbildeten, die für religiöse Vielfalt offen waren. Es gibt keine grundsätzliche Intoleranz monotheistischer Religionen im Mittelalter.

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Wichtige Überlegungen bringt auch der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze in die Diskussion ein. Er erkennt die von Assmann diskutierte „religiöse Gewalt“ als ein Phänomen der Neuzeit und der Moderne. So sind dschihadistische Interpretationen von Koranversen, die ein göttlich angeordnetes Töten von Ungläubigen behaupten, beispielsweise erst ab den 1970er Jahren belegt. Sloterdijks verschärfte Monotheismuskritik, die die am Sinai sich abspielende „Urszene altjüdischer Antivermischungspolitik“ als Ursprung totaler Mitgliedschaft behauptet, die sich bis hin zu den Ersatzreligionen Nationalismus und Kommunismus nachverfolgen lasse, wird im Sammelband hingegen klar zurückgewiesen. Auch Assmann distanziert sich. Nur der Schriftsteller und Essayist Daniele Dell'Agli stellt sich in einem Rundumschlag gegen Religion, Theologie und vor allem Islam hinter die nur rhetorisch beeindruckenden Thesen des Philosophen.

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