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Gute Fragen bereiten auf eine Welt der Suchenden vor. Sponsionen und Promotionen am 12. Juli 2014

Autor:Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2014-07-19

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Magnifizenz, sehr geehrter Herr Vizerektor Roland Psenner, lieber Promotor der Fakultät Prof. Józef Niewiadomski, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende, Verwandte, Freunde und Bekannte unserer AbsolventInnen und natürlich ganz besonders Sie, die Sie heute hier den Abschluss Ihres Studiums feiern dürfen.

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Als Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät möchte ich mit einer kleinen religionssoziologischen Skizze beginnen. 1998 hat der amerikanische Religionssoziologe Robert Wuthnow in seinem Buch After Heaven: Spirituality in America since the 1950s eine interessante Unterscheidung zwischen zwei Typen von Spiritualität bzw. Religiosität vorgenommen, die sich als zunehmend hilfreich erweist, um die religiöse Entwicklung in unserer westlichen Welt besser zu verstehen. Er unterscheidet zwischen der Spiritualität des dwelling und der Spiritualität des seeking. Mit dwelling ist die selbstverständliche religiöse Beheimatung gemeint. Wir können hier von einer Spiritualität der heimisch Gewordenen oder der Eingesessenen sprechen. Das seeking verweist hingegen auf die suchenden, fragenden Menschen, die sich entweder in den vorgegebenen Behausungen nicht mehr wohl fühlen oder nie eine solche gehabt haben und daher auf der Suche nach Orientierung und Heimat sind. Diese zweite Form ist also eine Spiritualität der Suchenden. Natürlich handelt es sich hier um Idealtypen, die wir konkret nur vermischt auffinden können. Wir Menschen brauchen natürlich beides: sowohl Beheimatung als auch den Mut, uns auf die Suche zu machen und scheinbar Selbstverständliches immer wieder in Frage zu stellen. Wichtig ist es aber für die heutige Welt, zu erkennen, dass die moderne Welt durch die wachsende Mobilität, die Globalisierung und den beschleunigten Wissenszuwachs eine deutliche Neigung vom dwelling hin zum seeking, also von den Eingesessenen hin zu den Suchenden erkennen lässt. Die Zahl der Suchenden nimmt zu, sowohl innerhalb der verschiedenen Religionsgemeinschaften als auch bei Menschen ohne Religionsbekenntnis. Tomáš Halík, ein tschechischer Soziologe, der in der kommunistischen Zeit im Geheimen zum katholischen Priester geweiht wurde, erhielt heuer nach dem Dalai Lama (2012) und Desmond Tutu (2013) den berühmten Templeton Prize. Auch er hält die Unterscheidung zwischen dwellers und seekers für wichtig und betont, dass die Säkularisierung so zu verstehen sei, dass nicht die Zahl der Gläubigen abnehme, sondern die Zahl der dwellers, der heimisch Gewordenen. Für die Kirche geht es nach Halik daher vor allem darum, verstärkt auch „Suchende mit den Suchenden“ zu sein.

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Diese Überlegungen haben auch für das Studium von Theologie und Philosophie eine wichtige Bedeutung. PhilosophInnen und TheologInnen müssen sich auf eine Welt der Suchenden vorbereiten, die nicht so sehr und zuerst fertige Antworten brauchen, sondern in ihren Fragen ernst genommen werden wollen. Wer sich aber mit Suchenden auf den Weg machen will, muss selbst Fragen haben, diese ernst nehmen und sich auf sie einlassen. Ein Blick auf die schriftlichen Forschungsarbeiten der heutigen AbsolventInnen lässt eine so geartete gute Haltung zu Fragen erkennen. Unsere AbsolventInnen scheinen gut auf die Welt der Suchenden vorbereitet zu sein. In allen vorliegenden Arbeiten lassen sich interessante Fragestellungen erkennen und hervorheben.

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Frau MMag.a Hildegard Anegg hat sich in ihrer von Prof. Hans Kraml betreuten philosophischen Dissertation „Gelebte Metaphysik“ – Metaphysik für das Leben: Ein Beitrag zum Verständnis transzendental metaphysischen Denkens und Argumentierens mit sehr grundlegenden Fragen auseinandergesetzt. Welche Fragen stehen dabei im Vordergrund? Die Autorin fasst diese in ihrer Einleitung gut zusammen: „Was ist der Mensch, was ist die Wirklichkeit, was hat das eine mit dem anderen zu tun?“ Sie folgt in dieser Fragestellung unter anderem den Überlegungen Innsbrucker Professoren wie Karl Rahner, Emerich Coreth und Otto Muck und betont gleichzeitig aber auch, dass es hier um Fragen geht, die zur Orientierung unseres Denkens und Handelns in der Welt wesentlich sind.

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Die von Prof. Roman Siebenrock im Rahmen des internationalen Forschungsprojektes Analytic Theology betreute theologische Dissertation von Johannes Grössl, Die Freiheit des Menschen als Risiko Gottes. Der Offene Theismus als Konzeption der Vereinbarkeit von menschlicher Freiheit und göttlicher Allwissenheit verführt mich zu einer populistisch zugespitzten Frage: Kennt Gott schon heute das Ergebnis des morgigen Finales der Fußballweltmeisterschaft? Wenn ich die These von Johannes Grössl richtig verstanden habe, so würde die Antwort nein lauten, obwohl er durchaus Gott die Allwissenheit als Eigenschaft zuschreibt. Natürlich geht es hier nicht um diese banale Frage der WM, sondern um eine sehr grundlegende Auseinandersetzung mit dem Offenen Theismus und vor allem um verschiedene Theorien der Vereinbarkeit von menschlicher Freiheit und göttlicher Allwissenheit. Ein Gott, der die Menschen liebt und ihnen die Freiheit schenkt, setzt damit auch seiner Allwissenheit bestimmte Grenzen.

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Die von Prof. Józef Niewiadomski betreute theologische Dissertation von Adam Jozef Sroka mit dem Titel Wer oder was ist der Teufel? Die Gestalt des Teufels aus dem Blickwinkel der dramatischen Theologie ist bereits direkt als Frage formuliert und greift eine zwar gesellschaftlich umstrittene, aber dennoch im Blick auf das Böse sehr ernst zu nehmende Frage auf. Man braucht nur an den religiös unmusikalischen Soziologen Max Weber zu denken, der genau wusste, dass gerade im Bereich der Politik „diabolische Mächten“ wirksam sind, die nicht übersehen werden dürfen. Unter Rückgriff auf die mimetische Theorie René Girards und die dramatische Theologie Raymund Schwagers kann Adam Sroka den Teufel in seiner sorgfältigen Analyse als eine Projektion kollektiver Verfolgungsmechanismen dekonstruieren. Interessant ist der fiktive Brief an einen Exorzisten in Polen, mit dem diese Dissertation schließt. Dieser Brief kritisiert vor dem Hintergrund der vorliegenden Arbeit die derzeit um sich greifende Überbetonung des Dämonischen in der katholischen Kirche Polens.

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Auch in den Diplomarbeiten und Masterarbeiten unserer heutigen AbsolventInnen entdecken wir spannende Fragestellungen. Am Beginn steht hier die von Prof. Wilhelm Guggenberger betreute Diplomarbeit von Carina Maria Haas mit dem Titel Was kann der Papst, was die Queen nicht kann? Vergleichende Studie zu den Mediationsversuchen der Britischen Krone, der USA, des IGH und des Apostolischen Stuhls im Beagle-Konflikt zwischen Chile und Argentinien. Im Zentrum steht das friedensstiftende Potential der Katholischen Kirche als diplomatischer Akteur. Diese interessante friedensethische Arbeit profitierte sicher auch vom BA in Politikwissenschaft, das Frau Haas gleichzeitig abschloss.

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Julia Kotter hat in ihrer von Prof. Andreas Vonach betreuten Diplomarbeit „Jona einmal anders …“ eine theologisch-literaturwissenschaftliche Analyse des ersten und zweiten Kapitels des biblischen Jonabuchs vorgenommen. Sie zielt unter anderem auch auf die Frage, was die biblischen Bücher für uns heute bedeuten, wenn sie ihre Arbeit mittels eines Bibliodramas mit einer Schulklasse praktisch abrundet.

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Elisabeth Preishuber verbindet in ihrer von Prof. Matthias Scharer betreuten Masterarbeit Maria Theresia und die religiöse Erziehung ihrer Kinder eine historische mit einer religionspädagogischen Fragestellung, indem sie vor allem ausgewählte Briefe Maria Theresias an ihre Kinder und deren Erzieher/innen auswertet.

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Franz Ferdinand Staudinger ist heute als Gast bei uns unter den Philosophen und Theologen. Er schließt seinen Bachelor in Geschichte mit gleich drei Arbeiten ab: 1. Die Römer in den Alpen. Römische Bau- und Kulturtechnik in Aguntum; 2. Mein Schloss, meine Rüstkammer, meine Wunderkammer! Die Sammlung Erzherzog Ferdinands II von Tirol auf Schloss Ambras als Beispiel herrschaftlicher Repräsentation in der frühen Neuzeit; 3. Grubenglück im Bayerischen Oberland? Lokalhistorische Betrachtung zu Eisenerzabbau und Verarbeitung, sowie deren soziale Auswirkungen am Beispiel der ehemaligen Reichsgrafschaft Hohenwaldeck im 18. Jahrhundert.

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Gloria Vetter hat wiederum eine aktuelle religionspolitische Fragestellung in ihrer ebenfalls von Matthias Scharer betreuten Diplomarbeit Religiöse Symbole im Klassenzimmer: Eine empirische Studie über das Schulkreuz im Wandel der Gesellschaft ins Zentrum gestellt. Besonders interessant ist dabei ihre Auseinandersetzung mit der Frage der Säkularisierung einerseits und der gegenwärtigen Herausforderung durch den zunehmenden religiösen Pluralismus andererseits.

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Zum Abschluss möchte ich Ihnen allen herzlich zu Ihrem Studienabschluss gratulieren und Ihnen wünschen, dass Sie sich weiterhin für die großen und wichtigen Fragen interessieren und auch zukünftig an den notwendigen Lösungen mitarbeiten. Für Ihren weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen alles Gute und für heute noch ein schönes Feiern!

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