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Anstieg religiöser Feindseligkeit kein "Kampf der Kulturen"

Autor:Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Kathpress 17. 1. 2014 http://www.kathweb.at/site/nachrichten/database/60010.html
Datum:2014-01-21

Inhalt

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Der von US-Forschern zuletzt diagnostizierte weltweit starke Anstieg sozialer Konflikte mit religiösem Hintergrund sowie staatlicher Einschränkungen für bestimmte Religionen kann nicht als "Kampf der Kulturen" oder gar als Kampf "Islam gegen Christentum" ausgelegt werden. Das betonte der Innsbrucker Theologe Prof. Wolfgang Palaver auf "Kathpress"-Anfrage. Als Ursachen für die Zunahme religiöser Feindseligkeiten sieht der international renommierte Forscher zu "Weltordnung - Religion - Gewalt" einerseits die unter "Vorherrschaft des neoliberalen Wirtschaftsdenken" stehende Globalisierung; diese bringe paradoxerweise mit der Einebnung von kulturellen Unterschieden gerade eine neue Betonung von Unterschieden und Abgrenzungstendenzen, wie sie vor allem im Rechtspopulismus verkörpert werden, mit sich, so Palaver. Andererseits würden auch bestimmte Demokratisierungsprozesse religiöse Diskriminierung befördern.

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Das US-Forschungsinstitut Pew Forum hatte in dem in dieser Woche veröffentlichten Bericht "Religiöse Feindseligkeiten auf Sechs-Jahres-Hoch" einen starken Anstieg von gesellschaftlichen Benachteiligungen mit religiösem Bezug registriert. Demnach lebten aktuell 74 Prozent der Weltbevölkerung in einem Land mit hohen Werten religiöser Übergriffe, Benachteiligungen oder Spannungen. "Sehr hohe" Werte werden in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, vielen Ländern Südostasiens sowie Teilen des Nahen Ostens und mehren Staaten Ostafrikas verzeichnet. "Hohe" Werte werden aber auch für europäische Länder wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien festgestellt.

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Neue Feindmuster

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"Allein schon die Tatsache, dass es in mehreren Ländern Feindseligkeiten zwischen verschiedenen islamischen Gruppen gibt", zeige, dass eine Zurückführung zunehmender religiöser Feindseligkeiten auf die These vom "Kampf der Kulturen" (Samuel Huntington) nicht zulässig sei, so Prof. Palaver. Auch Länder wie Russland und Mexiko verzeichnen steigende Werte und "selbst in Ländern wie Österreich haben in den letzten Jahren religiöse Feindseligkeiten und auch staatliche Restriktionen gegenüber Religionen zugenommen", verdeutlichte der Theologe.

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Die "vor allem auf neoliberalen Geleisen fortschreitende Globalisierung" führe zu einem Verschwinden traditioneller kultureller und nationaler Differenzen, und diese zunehmende weltweite Homogenisierung wiederum führe paradoxerweise zu neuen Feindmustern und Jagden auf Sündenböcken. "Die Formel 'Dschihad versus McWorld' (Benjamin R. Barber) wird unserer Welt mehr gerecht als die These vom 'Kampf der Kulturen'", so der Theologe. Palaver verwies dabei nicht nur auf Länder mit wachsenden fundamentalistischen Tendenzen, sondern auch auf Österreich, "wenn rechtspopulistische Parteien im Wahlkampf christliche Symbole gegen muslimische Symbole in Stellung bringen".

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Sündenbockjagden in globalisierter Welt

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Auftrieb gewinne der Rechtspopulismus vor allem durch die mit dem "neoliberalen Globalismus" einhergehende Entpolitisierung, also mit der Schwächung der Politik gegenüber ökonomischen Kräften, die eine vorherrschende Stellung bei der Entwicklung der Globalisierung einnähmen. Der Rechtspopulismus bediene sich, so Palaver, des Grundmusters des "parochialen Altruismus", das heißt sie versprechen Solidarität und Gemeinschaft mit einer als homogen imaginierten Wir-Gruppe, indem sie Feindbilder und Sündenböcke nach außen generieren würden. Religiöse Feindseligkeiten seien also oftmals auf jenes Konstrukt von Homogenität zurückzuführen, das sich gerade durch die scharfe Abgrenzung von allem Fremden bestimme.

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Eine solche gefährliche Homogenisierungstendenz liege aber auch in bestimmten Demokratisierungsprozessen selbst, und zwar dann, wenn "religiöse Minderheiten demokratisch legitimiert die sich unterscheidenden Minderheiten bedrängen", erläuterte der Theologe. Beispiele dafür fänden sich in Ägypten mit der Bedrängung der koptischen Minderheit, aber auch in Europa und keineswegs nur in islamischen Gesellschaften. "Die 2009 in der Schweiz durchgeführte Volksabstimmung gegen den Bau neuer Minarette zeigt deutlich, wie sehr Demokratien auch heute noch zur Diskriminierung kultureller und religiöser Minderheiten neigen", erinnerte Prof. Palaver.

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Wie kann nun gegen Minderheitenfeindlichkeit, Sündenbockjagd und einer auf Feindbilder nach außen hin aufbauenden Homogenisierung als Nährboden religiöser Feindseligkeiten vorgegangen werden? "Demokratien brauchen für ihre eigene Humanisierung eine entsprechende Kultur des gegenseitigen Respekts und der Toleranz. Alle Religionsgemeinschaften sind hier besonders stark herausgefordert, an einer solchen Kultur des Respekts mitzubauen", forderte Prof. Palaver.

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"Kultur der Geschwisterlichkeit" gefordert

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Dem Neoliberalismus und der globalisierten Vorherrschaft der Ökonomie müsse durch eine verstärkte Politisierung der westlichen Demokratien begegnet werden, so der Theologe. Und an die Stelle eines "parochialen Altruismus", der seinen Zusammenhalt immer durch Abgrenzung von äußeren Feindbildern schafft, müsse mit einer "Kultur der Geschwisterlichkeit" eine Öffnung hin zu einem universalen Menschenbild und eine weltweite Solidarität treten. "Die christlichen Kirchen sind besonders dazu prädestiniert, eine geschwisterliche Zivilgesellschaft lebendig werden zu lassen", sagte Palaver. Dies werde auch von Papst Franziskus immer wieder unterstrichen.

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Dieser Text stammt von der Webseite http://www.kathweb.at/site/nachrichten/database/60010.html des Internetauftritts der Katholischen Presseagentur Österreich.

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