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Wer sind hier die Armen?

Autor:Sandler Willibald, Tausch Andreas
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:J. Niewiadomski / G. Schärmer (Hg.), Solidaritätsstiftende kirche. Auf dem Weg zu einer zeitgemäßen Caritas. Linz 2011, 134-138.
Datum:2014-01-16

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Als der heilige Laurentius, römischer Diakon, vom Kaiser zur Herausgabe des Kirchenschatzes aufgefordert wurde, verteilte er das Kirchenvermögen an die Armen und versammelte diese vor dem Kaiser, – als wahren Kirchenschatz. Gemäß dieser alten Legende sind die Armen nicht Last, sondern Reichtum der Kirche, – Christi wertvollstes Geschenk, durch die er sich selber den Menschen hingibt. Eine Kirche, welche die Armen übersieht, verarmt.

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Damit ist ein mehrfacher Perspektivwechsel angezeigt: Die Armen und Außenseiter unserer Gesellschaft sind nicht Objekte der Fürsorge, sondern Subjekte, – auch in dem Sinn, dass wir „Reichen“ von ihnen empfangen können, wenn wir uns auf sie einlassen.

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Ein Schlüsselsatz für christliche Diakonie ist Mt 25,40: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder – und Schwestern – getan habt, das habt ihr mir getan“. Diese Aussage ist nicht zuerst moralischer Appell oder Drohung, sondern Verheißung. In jedem Armen will uns Jesus begegnen, der zu uns – wie zur Frau am Jakobsbrunnen – sagt: „Gib mir zu trinken“ (Joh 4,7). Wo sich Menschen darauf einlassen, kann das Geber-Empfänger-Verhältnis ins Gegenteil umschlagen: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“ (Joh 4,10). Der Geber, die Geberin erfährt sich unversehens als selbst beschenkt.

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Gewiss: Solche glückliche Umkehrung ist nicht der Normalfall, und es gibt keine Technik, um sie herzustellen. Bedürftigen die Treue zu halten – sei es beruflich oder privat – kann einen austrocknen und ausbrennen. Aber Möglichkeiten einer glücklichen Umwendung vom Helferstress zur Gnade des Empfangens kreuzen den Weg durch die Wüste wie Oasen. Eine gelebte christliche Spiritualität hilft, verborgene Quellen aufzuspüren, an denen man sonst vielleicht zielsicher vorbeiläuft. Die Etikettierung von Menschen als „Problemfälle“ und eine fragwürdige Professionalisierung im Umgang mit ihnen können auch zum Übersehen und zur Austrocknung jener Quellen führen, welche uns ausgerechnet jene Menschen – manchmal – erschließen, denen wir das Rollenmuster der Bedürftigkeit aufgestempelt haben.

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Derartige Erfahrungen von Beschenktsein wurden in der Austauschrunde unseres Arbeitskreises mehrfach bezeugt. Julia1(Namen geändert) erzählte von Werner, der als Hausmeister in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit geistiger Behinderung seine Krebskrankheit mit großer Gelassenheit trug. In den letzten Monaten seines Lebens verschenkte er seine geliebte Plattensammlung. Und über seinen herannahenden Tod sagte er: „Dann kann ich beim lieben Gott Hausmeister sein“. – „Wer sind hier die Armen?“, fragte Julia.

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Georg ist Theologe und Psychotherapeut. Er arbeitet u. a. als Ausbildner in der Hospizbewegung. Vertraut ist ihm die Spannung, Caritas als Beruf auszuüben. Auf Reisen in lateinamerikanische Länder begegnete ihm viel Armut. Gleichzeitig veränderte aber die Begegnung mit gastfreundlichen, beziehungsfähigen Menschen seine Vorstellung von Armut. Einmal fragte er einen in Europa lebenden Peruaner, welcher dort in einem kleinen Dorf aufgewachsen war: „Gibt es bei euch viel Armut?“ Er erhielt zur Antwort: „Wer ist arm? Arm ist bei uns der, der von zu Hause weggehen und in Lima leben muss, allein, fern von Familie und Heimat.“ – So entstand für Georg an ganz anderen Orten die gleiche Frage, die Schwester Julia stellte: „Wer sind hier die Armen?“

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Roland ist Priesterseminarist und zur Zeit Freisemestler in Innsbruck. Erfahrungen mit Armen machte er auf einem Propädeutikum in Freiburg im Breisgau. Drei Monate Sozialpraktikum in der Bahnhofsmission wurden für ihn zur Möglichkeit, eine ganz andere, für ihn vormals unsichtbare Seite unserer Gesellschaft kennen zu lernen. Dabei stieß er auf Lebensgeschichten, die ihn sprachlos machten und ihm zugleich großen Respekt abverlangten: Menschen, die nicht resignieren wollen, und die nach zahllosen Scheiternserfahrungen immer neu eine Chance sehen, in die Normalität zurückzukehren. Und immer wieder einmal ein Drogenkranker, der den Weg zurück geschafft hat. Roland erzählte auch von Eindrücken zur Armut in anderen Kontinenten: Sein ehemaliger Heimatpfarrer war Priester in Peru gewesen, als Gefängnisseelsorger in Limas größtem Männergefängnis, einem abgeriegelten Stadtteil mit Tausenden Insassen. Bei vielen ist die Unschuld schon seit Jahren erwiesen, aber man hat sie dort vergessen.

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Miguel ist ein indonesischer Priester, der in Innsbruck ein Doktoratsstudium absolviert. Wenn er in unserem Land das Wort Armut hört, muss er umdenken. Hier sind es einzelne Bettler und Obdachlose, in Indonesien weite Schichten der Bevölkerung. Als Priesterseminarist gehörte er dort zur Minderheit der relativ Wohlhabenden. Während des Theologiestudiums mussten sie Erfahrungen mit Armen sammeln, mit ihnen leben und wohnen. Drückend war dabei die gesellschaftspolitische Herausforderung: Arme als durch die Gesellschaft arm Gemachte.

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Maria kommt aus einem österreichisch-kurdischen Elternhaus und ist in Innsbruck aufgewachsen. Vor einigen Jahren ließ sie sich taufen und studiert nun Theologie. Bei Armut denkt sie an ihre alzheimerkranke Oma, die sie dreizehn Jahre zusammen mit ihrer Familie zu Hause gepflegt hatte, – und an einige Menschen mit psychischen Belastungen, mit denen sie in den vergangenen Jahren intensiven Kontakt hatte. Berührt hat sie ein Bettler beim Sillpark, den sie an der Hand nahm und der ihre Hand nicht mehr loslassen wollte; und immer wieder Erika, eine extrem verwahrloste Obdachlose, auf die sie sich weit eingelassen hatte. „Von Erika hab ich vieles gelernt; – unter anderem, dass der Mensch Gefäß Gottes werden kann, wenn er ganz empfänglich wird und loslässt.“

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Begegnungen mit Erika wurden zu einer wichtigen Erfahrung des Empfangens für drei aus unserer Gruppe. Andreas Tausch, Dorfpfarrer und Caritasseelsorger unserer Diözese, hält seit einigen Jahren monatliche Gottesdienste im Innsbrucker Obdachlosenheim Alexihaus. Die Menschen am gesellschaftlichen Rand sind ihm ein Herzensanliegen, und es ist bekannt, dass er nicht nur ein offenes Herz, sondern auch eine offene Tür für sie hat. So klopfen immer wieder Menschen bei ihm an, – mit Bitte um Unterkunft für sich oder für andere Bedürftige. Erika hatte er einige Monate in der Garage des Pfarrhauses beherbergt. Alkoholismus, Inkontinenz und ein unvorstellbarer Schmutz, mit dem sie sich umgab, wurden zur Herausforderung für viele im Dorf. Aber unter dieser dicken Schicht der Verwahrlosung, in der sie sich wie hinter einem Schutzpanzer verbirgt – niemand rührt sie an, jeder lässt sie in Ruhe, Private und Institutionen – offenbarte sich eine liebesbedürftige und liebenswerte, intelligente und dichterisch begabte Frau. Kinder, die Erika verspotteten, holte Pfarrer Andreas herein und eröffnete ihnen ihre Geschichte; bei einigen von ihnen hat das viel bewegt. Einmal nahm er Erika mit in eine Ministrantenstunde. Es wurde eine der gelungensten.

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Ich (Willibald Sandler) lernte Erika vor einem Jahr kennen. Mein Hund ließ sich von ihr füttern, so entstand ein erster Kontakt. Seitdem hab ich viel mit ihr gesprochen, mit ihr gebetet und sie in den Armen gehalten. Ich lernte ihre Not – psychisch, sozial, gesundheitlich – kennen und auch ihre Würde, ihren Stolz und eine Schönheit in ihrem Gesicht, die manchmal durchbricht, wie die Sonne durch eine Smogschicht. Und ich hab eigene Grenzen kennen gelernt: die Beschränktheit kluger Worte, und auch die eigene Überforderung, als sie einmal um Mitternacht bei mir zu Hause Sturm läutete und ich dann die Klingel abschaltete. Ich bin nicht Mutter Teresa – bei aller Wertschätzung für sie – und muss es auch nicht sein. Das tut gut und hilft mir, mich zu freuen, wenn ich Erika – unter Umständen erst nach Wochen – wieder einmal sehe.

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Was hab ich von den „Armen“ empfangen? Einmal war ich bei der Monatsmesse in einem Innsbrucker Obdachlosenheim. Dort ging ein Mann nach vorne, der einiges aus seinem Leben erzählte. Offenbar hatte er in seinem Leben so ziemlich alles vermasselt, was sich vermasseln lässt. Und trotzdem spürte ich beim Friedensgruß mit fragloser Gewissheit: Gott nimmt ihn genauso an wie jeden anderen. Da war kein Defizit. Es ist gut, dass es ihn gibt. – Nach dem Gottesdienst bemerkte ich, dass ein gewisser Druck von mir abgefallen war. Mich hatte die Erinnerung an eine Lehrveranstaltung „gewurmt“, von der mir vorkam, dass ich dort „unter Niveau“ gewesen war. Von dem Mann aus dem Alexihaus her erreichte mich die Botschaft, dass solche „Probleme“ völlig ohne Gewicht waren. Selbst wenn ich Wichtiges vermasselt hätte: Das würde nichts ändern an der Zusage Gottes und dem Friedensgruß der Gottesdienstteilnehmer an mich: Es ist gut, dass es dich gibt.

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Das erinnert mich an einen Gebetsabend.2 Erika war unangemeldet auf Besuch gekommen und hatte durch ihre ganze Erscheinung und ihre „Duftnote“ die anderen Anwesenden ziemlich herausgefordert. Aber sie war so gelöst und glücklich gewesen, dass nachher eine Teilnehmerin, die von ihren eigenen Problemen oft ziemlich gefangengenommen war, lange in Tränen ausbrach. Es war nicht die Not Erikas, die sie erschütterte, sondern die völlige Unverhältnismäßigkeit ihrer eigenen Sorgen im Vergleich zu den Problemen Erikas, die sich dennoch ganz einfach der Liebe Gottes überlassen konnte.

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Im Workshop dachten wir dann über die tieferen Zusammenhänge nach, warum Begegnungen mit Armen für uns so befreiend sein können. Roland hatte von Menschen gesprochen, die aus den Strukturen unserer Gesellschaft herausgefallen waren und die Hoffnung nicht aufgaben, wieder „in die Normalität zurückzukehren“. Wir „Reichen“ haben unseren Platz in der „Normalität“, – aber ist uns dieser Platz so sicher? Vieles an unserer Zugehörigkeit und Akzeptiertheit in Familie, Freundeskreisen, Beruf und Gesellschaft steht unter unausgesprochenen Vorbehalten. Instinktiv spüren wir: Es könnten auch Dinge passieren, mit denen wir diese Achtung verlieren. Diese verborgenen Tabus werden verkörpert von Arbeitslosen, Suchtkranken, geistig Verwirrten und aus dem Gefängnis Entlassenen. Das gibt diesen Menschen etwas Bedrohliches für „Normalbürger“. Sie sind wie Boten aus einer Welt, zu der wir keinesfalls gehören wollen. Sie konfrontieren uns mit abgründigen Möglichkeiten unseres Seins, die wir tabuisiert haben. Und so blockiert eine Barriere den Zugang zu diesen Menschen. Bestenfalls schämen wir uns, dass wir uns für sie schämen. Und auf einmal empfangen wir das unvermutete Geschenk einer echten Begegnung. Die zuvor bedrohliche Grenze löst sich auf wie ein Gespenst. Und was zugleich damit verschwindet: die eingebildeten Bedingtheiten meines Angenommenseins. Im Geschenk des Annehmenkönnens das Anderen geht mir auf: Selbst wenn ich ein „Sandler“ wäre, gäbe es für mich immer noch ein „Es ist gut, dass es dich gibt“. Ich muss die geordneten Welten meiner bürgerlichen Zugehörigkeiten nicht verlassen, aber nun kann ich mich freier in ihnen bewegen.

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Noch weitere Gründe wurden ins Gespräch eingebracht: Normalerweise spielen wir immer Rollen und sind in diesen Rollen gefangen. Begegnungen mit Menschen, die aus dem gesellschaftlichen Rahmen fallen, zerbrechen diese Rollen. Vor allem, wenn wir mit Sterbenden zusammen sind. — Und die Begegnung mit Menschen am Rand vermag uns zu bewegen. Wenn wir mit schwer Behinderten zu tun bekomme, kann es sein, dass wir das nicht aushalten. Das konfrontiert uns mit unserer eigenen verborgenen Bedürftigkeit. Solche grenzüberschreitenden Begegnungen weiten unsere Grenzen. Auf einmal stellen wir fest, dass wir eine scheinbar unüberwindbare Grenze ganz unbemerkt passiert haben, – und dass sie nun nicht mehr existiert.

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Anmerkungen

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1 Die Namen der nur mit Vornamen genannten Personen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.

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2 Erika (Name geändert) kam öfters in einen Gebetsraum, den wir täglich morgens und abends geöffnet hielten, damals in meiner Privatwohnung. Seit Herbst 2013 ist daraus das Innsbrucker Gebetshaus „Die Weide“ geworden (www.dieweide.org). Erika kam noch ein paar Mal auch ins Gebetshaus. Seit über einem Jahr ist sie verschollen. Niemand von uns weiß, wo sie lebt oder ob sie noch lebt.

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