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Gott in Frankreich? Festrede zum Frankreich-Tag der Universität Innsbruck

Autor:Bauer Christian
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2013-12-04

Inhalt

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Sehr geehrter Herr Botschafter,
sehr geehrter Herr Rektor,
liebe Frau Kollegin Lavric,
verehrte Festgäste, 

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„Jeder Mensch hat zwei Heimaten: seine eigene und Frankreich“ – Diese Aufschrift ist auf dem Ausleger eines französischen Restaurants in Nürnberg zu lesen. Die sympathische Frechheit dieser Behauptung, dass jeder Mensch – oder zumindest jeder, der das Leben liebt – auch ein potenzieller Franzose bzw. eine potenzielle Französin sei, zeigt, dass ‚Heimat’ heute längst ein plurales Phänomen geworden ist. Und dass man es dabei unweigerlich irgendwie auch mit Frankreich zu tun bekommt. Einen philosophischen Bestseller unserer Tage umformulierend, könnte man von auch fragen: Was ist Heimat – und wenn ja, wie viele? Diese Frage kennzeichnet auch den Festredner dieses Abends: Zum meiner eigenen fränkisch-süddeutschen Heimat ist schon früh eine französische Wahlheimat hinzugetreten und seit einem guten Jahr nun auch eine Tiroler – Willkommen in Europa! Als ein solcher aus Deutschland stammender, frankreichbegeisterter Wahltiroler darf Sie nun in den nächsten dreißig Minuten auf eine – wie ich meine – spannende Entdeckungsreise nach Frankreich entführen. Dass ich dies aus einer bestimmten Perspektive heraus tue, nämlich als katholischer Theologe, werden Sie gleich merken. Aber keine Angst, ich habe nicht vor, Sie zu missionieren! Vielmehr geht es mir darum, Sie auf eine theologische Entdeckungsreise in ein laizistisches, hochgradig säkularisiertes Land mitzunehmen, aus dem das kirchliche Leben in weiten Teilen seit vielen Generationen verschwunden ist: Es gibt längst mehr Taxifahrer in Paris als katholische Priester in ganz Frankreich.

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Dabei möchte ich den christlich Glaubenden unter Ihnen zeigen, dass es eine Zukunft auch in den Ruinen einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit geben kann, den Anders- und Nichtglaubenden, dass es für ihre humanen Anliegen vielleicht ganz unerwartete Bündnispartner zu entdecken gibt – und beiden gemeinsam, wie es mit einer der größten Religionsgemeinschaften dieses Landes weitergehen könnte. Die Gegenwart der französischen Kirche erlaubt nämlich auch einen Blick in die religiöse Zukunft von Tirol. Denn auch hier wird die katholische Kirche über kurz oder lang eine gesellschaftliche Minderheit sein. Meiner Überzeugung nach ist dies jedoch kein Unglück, sondern ein durchaus heilsamer Zwang zu kirchlicher Selbstrelativierung und zur Entdeckung neuer pastoraler Wege – neuer Wege der Evangelisierung, wie sie Papst Franziskus gerade in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium vorgeschlagen hat. Ich selbst bin auf französische Theologie und Spiritualität eher zufällig gestoßen. Im Sommer 1997 ist mir in einem Buchladen in La Rochelle ein Taschenbuch in die Hände gefallen: La rue est mon Église. Die Straße ist meine Kirche – ich war wie elektrisiert. Endlich einmal kein frömmlerischer Sakristeimief, sondern das pralle Leben! Mysterien, mitten im Alltag. Eigentlich nur ein Zufallsfund, aber er weckte in mir ein nachhaltiges Interesse an der verborgenen Präsenz Gottes in einer weithin säkularen Gesellschaft wie Frankreich. Daher nun:

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1. Leben wie Gott in Frankreich

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Mein Festvortrag trägt die Überschrift Gott in Frankreich. Denn Gott kommt in Frankreich immer noch vor, auch wenn inzwischen nur noch jeder dritte Franzose von sich sagt, er glaube an Gott. In Frankreich – wie auch in Österreich – gibt es längt zahllose Orte des Lebens, an denen zwar Gott, nicht aber die Kirche ist. Dieses bisweilen anonyme, namenlose Gottvorkommen verweist auf eine der wichtigsten Lehren des letzten, des Zweiten Vatikanischen Konzils der katholischen Kirche: Gottes universaler Heilswille umfasst alle Menschen, seine Gnade wirkt auch außerhalb der Kirchenmauern. Die dort zu entdeckenden Spuren Gottes – die vestigia Dei – erfordern eine im Wortsinn ‚investigative’ Theologie, die in Frankreich viel zu lernen hat. Von der französischen Kirche lernen heißt nämlich nicht siegen lernen, sondern verlieren: Macht und Einfluss, Privilegien und Sicherheiten, Posten und Pfründe. Die der österreichischen Kirche gerade abverlangte Wende zum Weniger erinnert an den Werbespruch eines großen deutschen Sportausrüsters: Du musst nicht viel mitnehmen – aber das Richtige. An dieses wenige, aber Richtige können die französischen Katholikinnen und Katholiken ihre österreichischen Glaubensgeschwister erinnern und entsprechende kirchliche Lockerungsübungen anleiten. Denn die französische Kirche hat das Jammertal längst verlassen und begreift das eigene Evangelium inzwischen vielfach als eine open source, die nicht nur kirchlichen Insidern zur Verfügung steht, sondern prinzipiell allen Menschen in der Gesellschaft. Auch den Nichtglaubenden. Sie ist schon lange nicht mehr nur Drinnen daheim, sondern – was auch das genannte Outdoor-Unternehmen zu sein beansprucht – Draußen zu Hause: Draußen in der Welt. Nichts anderes ist ihre Mission. Denn wer auch als Kirche leben will wie  „Gott in Frankreich“, der muss nach christlicher Überzeugung den Weg der Entäußerung gehen („Kenosis“) und genau darin die Fülle des Lebens entdecken – ganz so, wie es von Gott selbst in einem zeitgenössischen Kirchenlied heißt: 

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„Wer leben will wie Gott auf dieser Erde,
muß sterben wie ein Weizenkorn,
muß sterben, um zu leben.“

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Dieses Lied spielt auf einen bekannten Vers aus dem Johannesevangelium an, der auch gut zum Thema eines kürzlich erschienenen Buches mit dem Titel Dieu en France („Gott in Frankreich“) passt, das von  „Tod und Auferstehung“ des französischen Katholizismus handelt. Und sie passt auch gut zu folgender Aussage eines Bischofs aus Frankreich, der den Unterschied zwischen seiner dortigen und unserer hiesigen Pastoralkultur einmal folgendermaßen zum Ausdruck brachte: „Ihr hört an diesem Wort vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, immer nur das Moment des Vergehens. Wir hingegen haben diese Trauerarbeit längst hinter uns – wir hören darin bereits das Moment der Transformation, der Verwandlung zu neuem Leben.“

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2. Auferstehung in Ruinen

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Der ehemalige Würzburger Pastoraltheologe und Frankreichkenner Rolf Zerfaß schreibt mit Blick auf die französische Kirche: „Hier gibt es nichts mehr, was noch durch quälende Kompromisse zu rechtfertigen oder am Leben zu erhalten wäre.[…] Die Trauerarbeit ist längst getan. Das Leben konnte neu beginnen – auf den Trümmern.[…] Wer […] das […] als den eigenen Lebensraum begreift,[…]wird zunehmend freier und fähiger Andersdenkenden zu begegnen […].“ Und weiter: „Wir stehen im Übergang […] zu einer Kirche, die […] von einer Pastoral der Eroberung Abschied [nimmt] […] zugunsten einer Pastoral der Präsenz unter den anderen […]. Statt über die schlechten Zeiten zu klagen […], begreift sie die gegenwärtige Situation als eine Einladung […], eine neue Gestalt […] zu entwickeln […]. […] [Die] französische Kirche […] ist uns […] [in dieser Hinsicht] schon ein paar Generationen voraus. Viele Mauern sind dort längst eingestürzt, die man bei uns noch mit großem Energieaufwand aufrechtzuerhalten versucht.“

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Dieser Vorsprung der französischen Kirche ist kein Zufall. Er hat vielmehr geschichtliche Voraussetzungen und finanzielle Gründe. Und die reichen zurück bis in die Zeit der französischen Revolution. Zu den genannten historischen Voraussetzungen gehört das Erbe des Laizismus und zu den Finanzgründen das weitgehende Fehlen von hierzulande üblichen kirchlichen Einnahmequellen. Alfred Grosser hat den daraus resultierenden Unterschied auf den Punkt gebracht. In Deutschland (und Österreich) sei ein Bischof  „jemand, der von Armut spricht, in Frankreich einer, der selber arm ist“. Man muss gar nicht erst an den – hoffentlich bald ehemaligen – Bischof von Limburg erinnern, um die Tragweite dieser Aussage zu erfassen. Eine französische Katholikin hat den damit verbundenen Unterschied einmal folgendermaßen benannt: „Aus der deutschen [bzw. der österreichischen] Kirche kann man austreten, in die französische muss man eintreten.“ Dennoch versinkt die Mehrzahl der französischen Katholiken nicht in kulturpessimistischer Wehklage. Ganz im Gegenteil. Viele von ihnen begreifen die Krise des christlichen Glaubens in Frankreich als eine Chance zur Entdeckung von Spuren Gottes außerhalb der Kirche: „Die Atheisten, die sogenannten Ungläubigen, haben doch auch uns Christen etwas zu sagen“, so Georges Gilson, der ehemalige Erzbischof von Sens-Auxerre. Diese Aussage des Erzbischofs ist erstaunlich. Denn von den 97 Priestern seiner Diözese waren schon vor über zehn Jahren gerade einmal 9 jünger als 55 Jahre, 76 aber älter als 65 Jahre. Und doch glaubt er an die Zukunft seiner Kirche, wenn sie denn nur dem eigenen Evangelium vertraut und neue pastorale Orte von dessen Präsenz in einer weitgehend kirchenfernen, nicht aber gottlosen Welt findet.

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Generell gilt für die französische Kirche ein doppelter Befund: „Einerseits liegt sie im Sterben, [resümiert Grosser,] andererseits ist sie noch nie so lebendig gewesen, und beides ist zugleich wahr.“ Die Kirche in Frankreich erlebt gerade den Übergang von einer überkommenen, alten Kirchengestalt zu einer neuen und feiert längst – wie man mit der alten Hymne der DDR sagen kann – „Auferstehung in Ruinen“. Dabei werden Worte wichtig, die in unserer hiesigen Pastoralkultur noch weitgehend fremd sind – und selbst wenn wir die gleichen pastoralen Schlüsselworte hätten, so meinten ‚ésprit’ und ‚Geist’ zum Beispiel noch lange nicht dasselbe. Ein französischer Priester, der in Paris noch die deutsche Besatzung miterlebt hatte, sagte mir einmal, er habe sich aus dieser Zeit nur zwei deutsche Begriffe gemerkt – und die seien seiner Ansicht nach typisch für die deutsche bzw. deutschsprachige Mentalität auch in der Kirche: Arbeit und Struktur. In der französischen Pastoral geht es um ganz andere Worte: témoignage (= Zeugnis), présence (= Gegenwärtigsein), accueil (= Empfangsbereitschaft) oder mystère (Geheimnis). Das bereits genannte Buch Dieu en France skizziert vor diesem Hintergrund folgende Zukunftslinien: „Die Zukunft des [französischen] Katholizismus […] besteht in einer Rückkehr zu den Quellen des christlichen Glaubens. Diese geschieht […] an Orten wie [der ökumenischen Gemeinschaft von] Taizé, einer Ikone der jungen Suchenden […], in Pfarreien mit einem tiefgreifend erneuerten […] Angesicht oder in den […] neuen Gemeinschaften [communautés nouvelles], die für eine Evangelisierung jenseits des Sumpfes überkommener Ideologien stehen. […] Sie ereignet sich […] im Angebot und in der Hingabe eines lebendigen Zeugnisses.“

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3. Zeugnis der Präsenz

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Témoignage, Zeugnis des Lebens, ist ein Schlüsselwort französischer Pastoral. Sie werden in Frankreich keine theologische Buchhandlung finden, in der – neben Exegese, Dogmatik und Kirchengeschichte – nicht auch témoignages stehen: Bücher mit Lebensgeschichten von Christinnen und Christen. Sie zielen auf ein ebenso bescheidenes wie unvertretbares christliches Zeugnis, dessen grundlegende Maxime im Aufbruch der französischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. vor dem Zweiten Vatikanum geprägt wurde: Rede nur dann von deinem Glauben, wenn du gefragt wirst – aber lebe so, dass man dich fragt. Ihre Wurzeln hat diese Maxime in spirituellen Traditionen vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Deren Bogen spannt sich von dem schweigsamen Zeugnis Charles de Foucaulds unter den Tuareg bis hin zum ‚Kleinen Weg’ der Hl. Thérèse im Karmel von Lisieux. Und es ist wohl kein Zufall, dass genau diese beiden Leitgestalten auch Madeleine Delbrêl inspirierten, die 1933 mit einigen Gefährtinnen in das kommunistische Ivry ging, um dort als gelernte Sozialarbeiterin schlicht und einfach „das Evangelium zu leben“ – eine veritable ‚Mystikerin’ der Gegenwart, die längst vom Geheimtipp zu Pflichtlektüre avanciert ist und mit der mich seit meinen Studientagen eine spirituelle amour fou verbindet. Der Theologe Hans Urs von Balthasar nannte sie einmal das „Modell eines Christen der Zukunft“. Sie selbst verdankt ihre 1920 erfolgte „stürmische Konversion“ zum katholischen Glauben dem Lebenszeugnis christlicher Studentinnen und Studenten in Paris, die  „dasselbe Leben lebten wie ich, genauso leidenschaftlich diskutierten und genauso gerne tanzten“ – die Möglichkeit einer Existenz Gottes zu ihrem Erstaunen aber ganz und gar nicht für absurd hielten.

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Noch ein paar weitere Gesichter des Aufbruchs. Madeleine Delbrêl war nämlich Teil einer französischen Avantgarde der Kirche nach dem Krieg bzw. vor dem Konzil, zu der auch der Pariser Armenpriester Abbé Pierre gehörte, der bücherschreibende Einsiedler Marcel Légaut, der ehemalige Marineadmiral und Arche-Gründer Jean Vannier, der evangelisch-reformierte Pastor Frère Roger Schutz von Taizé oder die agnostische ‚Schwellenchristin’ Simone Weil. Im Zentrum dieses kirchlichen Aufbruchs in Frankreich standen die berühmten französischen Arbeiterpriester, die 1954 von Rom verboten und 1965 durch das Konzil rehabilitiert wurden. Sie waren vom normalen Pfarrdienst freigestellt, um als „Priester im Blaumann“ in den Fabriken, Hafenvierteln und Kohleminen Frankreichs zu arbeiten. Dort haben sie eine für die Kirche im 20. Jahrhundert höchst bedeutsame Entdeckung gemacht. Das Evangelium, das sie ihren Kameradinnen und Kameraden hatten bringen wollen, haben sie unter diesen nämlich überhaupt erst verstanden. Nicht sie haben die Arbeiter zur Kirche bekehrt, sondern diese sie zum Evangelium. Der französische Dominikanertheologe M.-Dominique Chenu, der selbst in intensivem Austausch mit diesen Pionieren einer Kirche des Konzils stand, bekannte in den 1980er Jahren denn auch erleichtert: „Ich bin froh, dass die Kirche – endlich – in die Welt geht, dort hat sie viel zu lernen.” Und weiter: „Mögen […] die Christen […] die Zeichen der Zeit wahrnehmen, die […] Gott in die profane Wirklichkeit einschreibt. Sie werden […] die glückliche Überraschung erleben […], dass man die Gnade in ihrem Wirken unter den Nichtchristen antreffen kann. Denn die Aktualität des Evangeliums erweist sich an den Problemen der Menschen.“

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Die französische Kirche hat in dieser Hinsicht schon einiges an Übung. Wo anders käme ein katholischer Priester wie René Pinsard, über den erst vor kurzem ein Buch mit dem Titel Christus auf Pigalle erschien, auf die Idee, seine Karriere als Hochschulprofessor aufzugeben und stattdessen mitten in einem Pariser Rotlichtviertel eine Kneipe aufzumachen? Und zwar nicht mit dem Ziel, Nichtglaubende zu bekehren, sondern um allen präsent zu sein, die  „vom Morgen kommen und in den Abend wandern und einen Krug Wasser haben möchten um des Evangeliums willen“. Das hat Folgen für die hier verhandelten Themen: „Über Kirche wird in der Pigalle-Kneipe nicht gesprochen, über Gott manchmal, immer aber über den Menschen.“ Für ein solches bescheidenes Zeugnis christlicher Präsenz stehen auch die Dominikanerinnen von der Pariser ‚Nachtkirche’ Saint-Leu: „An jedem Samstag [so der Journalist Christian Modehn] ist die Kirche […] bis nachts um eins geöffnet: Jugendliche sitzen im Halbdunkel zusammen und plaudern; Prostituierte ruhen sich ein wenig aus, eine Frau zündet vor der Marienstatue eine Kerze an. In einer Seitenkapelle diskutiert Schwester Dominique mit Nachtschwärmern  […]. […] Die Verantwortlichen für die kleine Gemeinde […] wollen ‚präsent‘ sein, wie sie sagen. […] Angst vor Schmutz und Lärm kennt die Gemeinde nicht; sie macht die Kirchentüren weit auf.“

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4. Die ausgestreckte Hand

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Gehen wir noch einmal zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit. Die in der Volksfront von 1936 mit ihrer Politik der ausgestreckten Hand wurzelnde gemeinsame résistance von Katholiken und Kommunisten, von Glaubenden und Nichtglaubenden gegen Hitlerdeutschland war eine einschlägige Schlüsselerfahrung der französischen Kirche. In diesem Zusammenhang ist ein französischer Meisterdenker des Widerstandes noch immer höchst aktuell, dessen 100. Geburtstag wir gerade gefeiert haben: Albert Camus und sein Gedanke eines glücklichen Sisyphos, der den Steinbrocken seiner eigenen Existenz beharrlich einen Berg unüberwindlicher Absurditäten hinaufrollt.1948 sprach Camus vor den Pariser Dominikanern und forderte sie auf, Christus im „blutbefleckten Gesicht der Geschichte unserer eigenen Zeit“ zu suchen. Man muss sich in jene Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zurückversetzen, um diese von Camus angebotene  „Komplizenschaft geteilter Hoffnung“ zu verstehen. Die Alte Welt lag in Trümmern. Häuser und Menschen waren gezeichnet. Existenzialismus lag in der Luft, aber auch hochfliegende Pläne einer besseren Welt und die Lieder der Piaf. Ein deutscher Besucher schrieb, es sei etwas „in der Pariser Luft, etwas merkwürdig Prickelndes, irgendein Fluidum […], das auch bei wolkenverhangenem Himmel noch da ist, und das belebend und erfrischend auf den Geist wirkt wie ein Glas Sekt“. Man las Autoren wie Camus – Autoren, die noch immer erstaunlich aktuell sind und heute nach einem neuen, gegenwartstauglichen Existenzialismus verlangen. Das meint auch der junge französische Essayist Camille de Toledo: „Der Zynismus ist tot […]. […] Wir […] öffnen die Welt wieder, nachdem sie lange geschlossen war. […] Wir sind Romantiker der offenen Augen. […] Romantik ist eine Sehnsucht […], welche die Menschen zerreißt, die für sie kämpfen […]. Anders geht es gar nicht! […] Wir sollten wieder mehr Camus lesen.“

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Mich persönlich faszinieren und inspirieren schon seit vielen Jahren neben Camus auch andere nichtchristliche französische Denker wie Jean-Francois Lyotard, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Emmanuel Levinas oder Jacques Derrida – all jene ‚verrückten’ Franzosen also, die man gemeinhin mit dem Label der Post- oder Spätmoderne versieht. Mir als Pastoraltheologen ermöglichen sie einen denkerischen Zugang zum Lebensgefühl unserer späten Moderne und damit auch zu ihren verborgenen Ressourcen eines nichtzynischen Realismus der Weltveränderung. Aber auch französische Gegenwartsphilosophen wie Michel Onfray mit seinem libertären Nietzscheanismus oder André Comte-Sponville mit seinem spirituellen Atheismus beschäftigen mich nachhaltig. Letzterer streckt die Hand aus für ein neues Bündnis von christlichem und nichtchristlichem Welteinsatz: „Meines Erachtens sollte man keine Grenze zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden ziehen. Es gibt hingegen eine Grenze zwischen den freien und offenen […] sowie den dogmatischen und fanatischen Geistern auf beiden Seiten. Gegen die Fanatiker […] sollte man gemeinsam vorgehen. […] Darum will ich allen anderen ein Bündnis vorschlagen: Wir wollen zusammen die gemeinsamen Werte der Menschheit verteidigen.“

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Wer diese ausgestreckte Hand ergreift und das Gespräch mit entsprechend engagierten Menschen in interessierter Halbdistanz zur Kirche sucht, sollte mit Blick auf Frankreich jedoch nicht einer sehnsuchtsschwangeren Pastoralromantik verfallen. Denn auch dort öffnen sich längst nicht alle Katholikinnen und Katholiken mit einer respektvollen und lernbereiten Gottesvermutung nach außen. Aber es gibt dort eben auch die anderen, die freien und offenen Geister, die auch unseren Möglichkeitssinn hierzulande beflügeln können. Und die eine lebendige Einladung darstellen zum Gespräch über das, wovon wir in unserer Gesellschaft leben und wofür. Über das Abenteuer der Freiheit und über die Frage, worum es sich zu kämpfen lohnt. Über das Leben und die Liebe und das kleine Glück in dieser Zeit. Für Glaubende wie für Nichtglaubende könnten dabei auch die zehn Lieblingsworte Camus eine wichtige Rolle spielen: „Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer und das Meer.“

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Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und Ihnen allen, wie die Franzosen so schön sagen, Bon courage!

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