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Ausdauer und Gnade
(Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C; gehalten in der Jesuitenkirche am 20. Oktober 2013 um 11.00 und um 18.00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2013-10-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesung: Ex 17,8-13

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Evangelium: Lk 18,1-8

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Es war in der Zeit der fürchterlichen Dürre. Der ausgetrocknete Boden schrie förmlich nach Wasser. Mensch und Vieh verdursteten. Da kamen die Unglücklichen zu Choni und sagten: “Bete doch! Bete, dass Regen falle. Du hast doch bei Gott ein Stein im Brett.” Und Choni betete. Aber es kam kein Regen. Daraufhin zog Choni einen Kreis, stellte sich hinein und sprach: “Herr der Welt. Die Not ist groß. Deine Kinder leiden. Und sie haben ihre Augen auf mich gerichtet, so als ob ich bei Dir ein und ausgehen würde, so als ob ich dein Sohn wäre. Ich schwöre bei deinem großen Namen, ich schwöre, dass ich mich nicht von der Stelle rühre, ehe du dich deiner Kinder erbarmst und es regnen lässt. So!” Und es begann zu tröpfeln. Die Menschen fingen an zu jubeln und zu tanzen. Doch Choni sprach: “Nicht so habe ich verlangt, sondern anders. Regengüsse für Zisternen sollen kommen!” Da begann es zu stürmen. Und wiederum sprach Choni: “Nicht so habe ich verlangt. Ich wollte Regengüsse des Segens und des Wohlwollens!” Und es regnete normal. So erzählt es jedenfalls eine alte rabbinische Geschichte, die Geschichte vom Choni, dem Kreiszieher.

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Liebe Schwestern und Brüder, eine sympathische Story. Eine Story, die unser aller Bedürfnissen entgegenkommt. Eine Story, die unser Vertrauen stärkt: wir sollen nur lange genug und intensiv genug beten, dann wird es schon klappen. Eine Story allerdings, die sich von derselben Mentalität nährt, wie die Geschichte eines notorischen Lottospielers: “Ich spiele solange, bis ich gewinne!” Ausdauer und nichts anderes als Ausdauer sei der beste Garant für das Glück. Beharrlichkeit, das Nicht-Aufgeben, gar lästig sein sind Wege auf denen die Gnade zu mir kommt. Diese Logik prägt die Mentalität der Zeitgenossen. Wir sind überzeugt, dass wir und durchboxen können und mit unserem Fleiß alles, oder fast alles erreichen können. Diese Logik scheint auch Pate vieler biblischen Geschichten zu sein: etwa jener Geschichte vom alten Mose und seinen Haberern (Ex 17.8-13). Mose hält seine Hände hoch und dies solange er kann. Fast schon wie bei “Wetten dass”. Und als er nicht mehr kann, da wird er gestützt. Die Hände bleiben jedenfalls oben, weil dies der beste Garant zu sein scheint für den sicheren Sieg. Gar die jesuanische Witwe (Lk 18,1-8) hat nichts anderes im Sinn als beharrlich, als lästig zu sein. Tagtäglich steht sie beim Richter auf der Matte, wird immer wieder laut, bis der zynische Richter irgendwann mit der Angst zu tun bekommt. “Was werden wohl die anderen denken?”

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Die Situation ist all den modernen Szenarien nicht ganz unähnlich, bei denen etwa diverse Pressure-groups beharrlich ihr Ziel verfolgen. Diese Pressure-groups machen so lange die Öffentlichkeit auf ihr Anliegen aufmerksam - und dies auf provozierende Art und Weise - bis die Verantwortlichen nachgeben. Nachgeben, weil sie ein Skandal fürchten. Gerade im Zeitalter der medialen Hypes wird die Strategie der Witwe aufgehen: der Richter wird für ihr Recht sorgen; der moderne Richter gar dem medialen Druck nachgeben und dies ganz gleich, was das Recht in diesem Fall wäre.

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Liebe Schwestern und Brüder. So hilfreich die Geschichten zu sein scheinen um die Bedeutung der Beharrlichkeit im Gebet zu illustrieren, so missverständlich sind sie, weil sie das Verhältnis zwischen dem gnädigen Gott und dem bittenden Menschen zu einem Erpressungsszenario verwandeln. Gerade die Frommen lieben dieses Szenario, weil sie oft zwar religiös sind, aber noch öfters gottfern. Gott wird ja in solchen Szenarien in eine Ecke gedrängt, aus der er nicht herauskommen kann, außer er erfüllt die Bitten. Erfüllt er sie nicht, so wird er an den Pranger gestellt, oder aber verworfen. Gerade die Frommen, wenn sie zu pubertieren anfangen, sind vor solcher Gefahr nicht gewappnet. Und gerade sie wechseln dann die Fronten. Zahlreich sind ja die Möchtegern-Götter in unserer modernen Welt. Und diese schenken den Gebeten moderner Menschen ihr Ohr. Sie erfüllen auch die Bitten und belohnen die Beharrlichen mit Erfolg: in all den Fällen, bei denen Ausdauer, Training, Unnachgiebigkeit von Nöten sind, damit ich zum Erfolgt gelange.

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Ist das aber schon auch die Gnade? Verwechseln wir - verwechseln die Modernen - nicht den eigenen Fleiß mit der Gnade? Die Rechnung geht ihnen zwar auf, solange sie jung, gesund und tatkräftig sind. Da reicht meistens die eigene Kraft und Ausdauer, um das Leben zu meistern. Da scheint die konsequente Unnachgiebigkeit gar Wunder zu bewirken. Und doch... Irgendwann kommt jeder an die Grenze eigener Leistungsfähigkeit. Irgendwann werden auch bei der perfekten Primaballerina die Gelenke kaputt und irgendwann sterben auch beim genialen Denker die Hirnzellen ab.  Der Erfolg, der sich fast immer automatisch einstellte, bleibt aus; die Beharrlichkeit und Training, das konsequente sich selber Überwinden steigert dann die Lebensqualität nicht, sondern zerstört sie sogar. Weil gnadenlos, gnadenlos zu sich selber  und gnadenlos zu anderen wird der Mensch ungenießbar. Ungenießbar für sich selber und ungenießbar für andere. Wenn auch im Guten verhärtet.

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Ausdauer kann ja die Gnade nicht ersetzen. Schon gar nicht die Ausdauer im Gebet. Oft wird sie eher das Gegenteil erreichen, und die Gnade erst recht vertreiben. Und warum dies? Mit der Gnade, mit dem Glück und mit dem Segen verhält es sich ja wie mit dem Schmetterling. Jagst Du dem Schmetterling nach, so entwischt er dir. Gönnst Du dir eine Pause, setzt Du dich hin, so lässt er sich auf deine Schulter nieder. Was soll ich also tun, um das Glück zu erlangen? Um der Gnade teilhaftig zu sein? So wird der gestresste moderne Mensch fragen. Der Mensch, der gewohnt ist durch eigene Leistung, durch Beharrlichkeit das meiste, wenn gar nicht alles zu erreichen. Was kann ich also tun? Hör auf hinter der Gnade, hinter dem Glück zu sein. Hör auf, ständig zu fragen, was soll ich tun. Setz dich ruhig hin. Gib Gott eine Chance, dass er sich auf deine Schultern hinsetzt. Vertreibe ihn nicht mit deiner eigener ausdauernden Geschäftigkeit. Dann wird Dir die Kraft der Gnade zuteil. Und erst mit der Kraft der Gnade kannst dich in Ausdauer üben.

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