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Passion 2013. In Erl, in Tirol und in unseren Seelen

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Gekürzte Fassung erschienen in: Tiroler Tageszeitung, am 1. Juni 2013.
Datum:2013-06-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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„War ich ein so böses Kind, dass sich Jesus für mich töten lassen muss?”. Die Frage stellt sich der älter werdende Felix Mitterer. Schon als Kind empfand er das Kruzifix als unheimlich. Und auch die Glaubenssätze: „aufgeopfert hat sich Jesus für uns schändliche Menschen, erlöst hat er uns”. Heranwachsend fand er - wie viele andere auch - zu einem sozialrevolutionären Jesus. Glaubte so einen Ausweg gefunden zu haben. Wandte sich - wie viele seiner Altersgenossen - von der Kirche ab. Nicht aber von der Religion! Hineingeboren in die katholische Bauernwelt, „bleibt man immer Katholik, ob man es will oder nicht”. Wohl deswegen schrieb er Stücke, die sich kritisch mit der Kirche auseinander setzen. Und er schrieb auch fast nahezu nur „Passionen”: Stücke über Menschen, denen das Leben „ein Kreuz” auflädt. Menschen, die aufgerieben werden. Immer und immer wieder erhob er den Zeigefinger gegen deren Peiniger und rüttelte Zeitgenossen auf.

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Nun schrieb er für die Erler Jubiläumspassionsspiele einen neuen Text. Wohl im Bewusstsein dessen, dass dieses Spiel den Erlern „heilig” ist. Und auch den meisten Besuchern. Dass also diese Passion zwar sehr viel zu tun hat mit anderen Leidensgeschichten. Dass sie aber trotzdem einzigartig ist. Einzigartig, weil vom religiösen Glauben getragen. Dem Glauben daran, dass sich dieser Jesus eben „aufgeopfert” hat. Und zwar: „Für uns!” Es ist ja der Glaube an den Wert der Stellvertretung, die dem Leiden einen neuen Sinn gibt. Jenem Leiden, das man sich nicht aussuchen kann. Dessen Destruktivität nur durch die Haltung der Hingabe gewandelt werden kann. Die überlieferte Form dieses Glaubens war dem Kind Mitterer unheimlich. Und unverständlich. Genauso wie vielen anderen Zeitgenossen heute! Hat der Stardramatiker durch den Auftrag aus Erl den Wert dieses Glaubens für sich neu entdeckt? Den Erlern und Besuchern also dazu verholfen, dass auch Ihnen das Passionsspiel weiterhin „heilig” bleibt. Und unterschieden von anderen Passionen?

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In bewährter Form erhebt der Autor in der Erler Passion den moralischen Zeigefinger. Zeigt den sozialrevolutionären Jesus seiner Jugend bloß noch im sozialromantischen Gewande. Sein Jesus predigt gegen die „Mächtigen” und auch gegen die Kirche. Wird sich schon deswegen der Zustimmung vieler Kulturschaffenden erfreuen. Er ergreift Partei für die Frauen in der Kirche. Kann deswegen auch fest mit dem Beifall der Kirchenkritiker rechnen. Der Autor spricht halt vielen aus der Seele. Das zentrale Glaubensproblem wird aber dadurch nur verschleiert, die Passion auf dieselbe Ebene gebracht, wie alle anderen „Passionsstücke” Mitterers.

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Bei jenem entscheidenden Punkt, der eine Passion zur „Passion Christi” macht, bleibt er sich selber und auch uns allen eine Antwort schuldig. Die Antwort auf jene Frage, die sein Judas stellt: „Was soll das für einen Sinn haben? Dass er sich ans Kreuz nageln lässt?” Da reiht er nur biblische Zitate aneinander. Macht damit die Kluft zwischen seinem Konzept und der Welt des Glaubens nur noch größer. Brillante Regie und Lichteffekte helfen zwar über die Schwäche des Textes hinweg. Fazit: Diese Passion macht das religiöse Dilemma der Tiroler bloß sichtbar.

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