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Bischof vom „anderen Ende der Welt“. Anmerkungen zur ersten Ansprache von Papst Franziskus

Autor:Bauer Christian
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2013-03-14

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Manchmal lohnt es sich, ein wenig genauer hinzuhören und hinzuschauen. Zumindest genauer als die ersten Fernsehberichte, Tweets im Internet und Zeitungskommentare. Zoomen wir also noch einmal etwas näher an die erste Ansprache des neuen Papstes auf der Loggia des Petersdomes heran. Es war eine handfeste Überraschung, als der Name des Argentiniers Jorge Maria Bergoglio zum ersten Mal fiel. Fasziniert und in zunehmendem Maße bewegt saß ich mit meiner Familie vor dem Fernseher. Da tritt ein Papst hervor, der scherzhaft sagt, er komme vom „anderen Ende der Welt“. Ein Papst, der in seiner warmherzigen Bescheidenheit fast ein so wenig daherkommt wie einst Johannes XXIII. Ein Papst ohne Klimbim und Brimborium. Einer, der die alten Gewänder wie die bereitgelegte rote Mozetta mit Hermelinbesatz wieder in der Mottenkiste verschwinden lässt. Ein Papst, dessen erste Worte an diesem Abend ein profanes, ebenso einfaches wie freundliches „Guten Abend“ und dessen letzte Worte „Gute Nacht, schlaft gut“ sind.  Und ein Papst der erst einmal beten geht, bevor er sich der Menge auf dem Petersplatz und den Menschen an den Fernsehgeräten zeigt. Faszinierend. Und wirklich überraschend.

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Aber mehr als das. Schaut man sich einige Details seiner wohlüberlegten Rede etwas genauer an, dann ist dieser erste Auftritt des neuen Papstes durchaus verheißungsvoll – wenn man die kontextuellen Codes der Schlüsselworte und Themen versteht, die hier gesetzt werden. Da spricht einer zunächst einmal, ekklesiologisch aufschlussreich, sehr konsequent vom Papst als Bischof von Rom und vom Liebesprimat der römischen Ortskirche. Und da redet einer davon, dass nun ein gemeinsamer Weg beginne: vom Bischof zum Volk und vom Volk zum Bischof. Das ist pastoraltheologisch nun wirklich höchst interessant. Denn auch die zugehörigen Geste seiner Hände unterstreicht es: hier wird innerkirchliche Kommunikation nicht mehr nur als Einbahnstraße, sondern als ein wechselseitiger Prozess gedacht. Das lässt nicht nur für eine neue Balance von Kirchenzentrale und Ortskirchen hoffen, sondern auch für eine konzilsgemäße Ekklesiologie des Volkes Gottes, in der Laien und Kleriker zu einem neuen Miteinander finden. Die wohl eindruckvollste Geste des Abends unterstreicht das. Der neue Papst bittet die Menschen auf dem Petersplatz und in der ganzen Welt um ihren Segen, bevor er ihnen den seinen gibt. Und er sagt dies nicht nur, sondern er tut es auch. Tief beugt er sich, macht sich klein und bittet um das Gebet der Leute. Halt die Klappe und bete mit für ihn, zischt meine Frau mich in diesem Moment an. Und dann beim Segen, den der neue Papst nicht nur für alle Männer und Frauen erbittet, sondern auch für alle Kinder, mein Sohn: Der meint ja uns! Ein weiteres Detail: Der Papst spricht in diesem Zusammenhang auch von allen Menschen guten Willens – eine sprachliche Wendung aus der Zeit des letzten Konzils, die gefühltermaßen in Rom schon eine Ewigkeit nicht mehr zu hören war.

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Aufschlussreich ist auch die Art und Weise, wie der neue Papst – immerhin der Gegenkandidat zu Benedikt XVI. vom letzten Konklave – mit der ungewöhnlichen Situation umgeht, dass es einen lebenden Vorgänger gibt. Sie ist glaubensfroh und ganz erfreulich unprätentiös: Beten wir für den Vorgänger. Ein Vater unser, ein Ave Maria. Und nun beginnt etwas Neues. Ein selbstbewusster Auftritt. Immer wieder spricht Papst Franziskus von dem gemeinsamen camino, der nun beginne. Ein Leitmotiv. Ein neuer Weg, der nun beginnt – Hermeneutik der reinen Kontinuität klingt jedenfalls anders. Papst Benedikt sprach in seinen ersten Worten davon, er selbst sei nur ein „einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“ – und wirkte dabei doch so ganz anders. Wie ein Sieger, der die Arme hochreißt. Anders Papst Franziskus. Seine ersten Gesten sind sparsam, fast schüchtern. Erst als er dann spricht, werden die Gesten südländisch lebendig.

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Und dann der Name. Yves Congar sagte einmal, in der Spiritualität der Orden sei der historische Kontext ihres Ursprungs abgespeichert. Benediktiner seien Menschen der Spätantike, Dominikaner und Franziskaner Menschen des Hochmittelalters und Jesuiten Menschen der Neuzeit. Zuletzt hatten wir einen Papst mit dem Namen Benedikt, der an den Hl. Benedikt von Nursia erinnerte, den Vater des christlichen Abendlandes. Der Name steht für das Ende der Antike in den Wirren der Völkerwanderung. Als Benedikt seine Abtei auf dem Monte Cassino gründet, schließt die Akademie Platons in Athen. Immerhin: Benedikt XVI. ist gegangen im Zeichen des Papstes Coelestin, eines Protagonisten im evangelischen Aufbruch des Mittelalters. Nun kommt sein Nachfolger im Zeichen des Hl. Franziskus, des poverello von Assisi. Es ist die Zeit der Bettelorden, ohne welche die Kirche wohl kaum aus dem feudalen Format ihrer Vergangenheit zurück auf die Spur des Evangeliums gefunden hätte. Nachfolge Christi auf den Spuren der vita evangelica, und zwar mitten im Herzen der entstehenden Stadtgesellschaften. Benedikt und Franziskus – zwei Namen, zwei geistliche Grundhaltungen: hier die stabilitas loci auf den hohen Bergen, dort die missio ad mundum in eine neue Welt. Im Internet ist ein Zitat des neuen Papstes zu lesen, das auf ein Gaudium-et-spes-Pontifikat in diesem Geist hinweisen könnte: „Wenn wir rausgehen auf die Strasse, dann können Unfälle passieren. Aber wenn sich die Kirche nicht öffnet, nicht rausgeht, und sich nur um sich selbst schert, wird sie alt. Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Kirche, die sich beim Rausgehen auf die Straße Verletzungen zuzieht und einer Kirche, die erkrankt, weil sie sich nur mit sich selbst beschäftigt, dann habe ich keine Zweifel: Ich würde die erste Option wählen."

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Noch ist es zu früh, aus solchen Äußerungen oder der ordensspirituellen Differenz der Papstnamen weitreichendere Schlüsse zu ziehen. Man sollte auch nicht allzu viel in eine erste Ansprache hineinlesen oder aus ihr heraushören. Und doch ist es ein durchaus vielversprechender Anfang. Der erste Lateinamerikaner. Der erste Jesuit. Der erste Papst mit dem Namen Franziskus. Soviel Anfang war schon lange nicht mehr. Wer weiß, was hier gerade beginnt – mit diesem Mann, der lieber mit der Straßenbahn fährt als mit einer Limousine. Mit einem Mann, von dem Andreas Englisch im ORF sagt, er gelte unter seinen Mitbrüdern im Kardinalskollegium fast schon als ein Heiliger, dessen persönlicher Lebensstil überzeugt und beeindruckt. Man sollte aber keine überzogenen Erwartungen hegen. Denn dieser freundliche ‚Heilige’ hat während der argentinischen Militärdiktatur eine zumindest ambivalente Rolle gespielt und ist innerkirchlichen Streitfragen sicherlich kein Revoluzzer. Aber man ist in der gegenwärtigen Lage der Kirche ja schon froh, wenn es keinen Nachfolger mit dem Namen Pius XIII. gibt. Für einen gesunden Vertrauensvorschuss dürften die ersten Signale aus Rom allemal reichen. Franziskus jedenfalls scheint eine klare Agenda zu haben. Man hört, dass sein Auftritt während der Generalkongregationen im Vorkonklave unter den Kardinälen mächtig Eindruck hinterlassen habe. Und wie ein altersschwacher Greis wirkt der 76jährige nicht gerade. Die geschäftigen Monsignori jedenfalls, die ihm auf das kleine Podest auf der Loggia helfen wollen, ignoriert er souverän. Man darf gespannt sein, welche Überraschungen es mit diesem Papst noch geben wird. Ob man bald vielleicht sogar wieder richtig stolz darauf sein kann, katholisch zu sein?

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