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Verstrickt in Gewalt - Befreit von Gewalt
(Theologische Perspektiven)

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:# Vortrag auf der Jahrestagung der Religionslehrerinnen und Religionslehrer an Berufsbildenden Schulen im Bistum Trier, 24.-26. Oktober 2001.
Datum:2001-10-27

Inhalt

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Gewalt ist ein Rätsel, und zwar ein schreckliches Rätsel. Das haben die jüngsten Weltereignisse wieder beklemmend bewusst gemacht. Das schreckliche Rätsel der Gewalt ist ein dreifaches:

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1. Gewalt taucht aus dem Nichts auf. Aus heiterem Himmel stürzten die entführten Flugzeuge in die Hochhaustürme. Zwei Wochen später später schoss ein Schweizer Bürger das halbe Kantonparlament nieder, (1) - nichts hatte eine solche Bluttat vorausahnen lassen. Konflikte in menschlichen Gemeinschaften, zum Beispiel in Familien oder in Schulklassen, entzünden sich meist an einem Nichts. Ist der Streit erst eskaliert, weiß niemand mehr, wer angefangen hat und worum es am Anfang ging.

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Wenn wir feststellen müssen, dass Gewalt aus dem Nichts auftaucht, so zwingt uns das, ein deutlicheres Augenmerk auf dieses "Nichts" zu richten. Sehen wir da genau hin, so finden wir nicht Frieden, sondern oft schleichende Ungerechtigkeit, strukturell verfestigte Formen der Unfairness. Ja mehr noch: Gewalt erscheint innerlich verwandt mit gesellschaftlich legitimierten Verhaltensweisen: etwa dem Konkurrenzkampf und der Verherrlichung durch die Medien von jenen, die einen Platz an der Sonne erwischt und die anderen verdrängt haben. Unsere Weltgesellschaft lebt von einer fundamentalen Zweiteilung: von der Zweiteilung in Gewinner und Verlierer. Nimmt man all das wahr, so beginnt man sich zu wundern, warum es nicht mehr an Gewalt gibt. Unser alltäglicher bürgerlicher Friede erscheint wie die dünne Haut über einer brodelnden Masse von Gewalt und Aggression. Wenn diese Haut sichtbar einreißt, wie es am 11. September geschah, dann packt uns die entsetzliche Ahnung, dass wir der Wahrheit ins Gesicht blicken.

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2. Gewalt breitet sich aus wie eine Seuche: Die Terrorakte, die wahllos Menschen aus allen Nationen niedermachten, nur um das Symbol einer Nation zu stürzen, wurden ideologisch untermauert von einem radikalen Schwarz-Weiß-Denken. "Die Islamische Welt ist gut, und Amerika verkörpert das Böse." So skandieren die Radikalen um Osama bin Laden (nicht anders wie Jahre vorher die Mudschahedins gegen die Sowjetunion). In direktem Reflex auf die Terrorakte beginnt George Bush, im Namen des attackierten Volkes, mit genau derselben Schwarz-Weiß-Malerei: "Irrt euch nicht: Hier dreht es sich um das Gute gegen das Böse" (2), wobei er keinen Zweifel lässt, wer die Guten sind und wer die Bösen: die Terroristen sowie die politischen Kräfte, die sie stützen, - die Taliban, und allen voran - der unsägliche Osama bin Laden - sie verkörpern das Böse. Es ist dieselbe Rhetorik der eindeutigen Zuordnung von Gut und Böse, die den schärfsten Kontrahenten der Welt gemeinsam ist. Und aus dieser selben Rhetorik erwachsen Taten mit ähnlichem Charakter. Auch in Afghanistan werden Unschuldige die kalkulierten Opfer eines Kampfes, der um Symbole geführt wird. Hört man die selbstgerechte Rhetorik von amerikanischen Politikern und liest man die polarisierenden Schlagzeilen in den Medien,(3) so gewinnt man den Eindruck: die halbe Welt wurde angesteckt von eben jenem Geist des Hasses, der uns an den Radikalen und ihren Terroristen so schockiert.

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Gewalt ist also ansteckend wie eine Seuche. - Auch bei diesem zweiten Schreckensgesicht der Gewalt ist die aktuelle Weltkrise nur symptomatisch für ein allgemeines Gesetz: dass Gewalt grundsätzlich gefährlich ansteckend, epidemisch wirkt. (4) Zwar verfügt unsere Welt über zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen, die einer grenzenlosen Eskalation der Gewalt Einhalt gebieten. Bevor Blut im Klassenzimmer fließt, schreitet ein Lehrer ein. Bevor sich Nachbarn die Köpfe einschlagen, verklagen sie einander vor Gericht. Aber was, wenn diese Sicherungsmechanismen versagen? Da bricht das blanke Entsetzen durch, wie bei den Amokläufen in amerikanischen Schulen. Oder was, wenn in bestimmten Bereichen noch keine allgemein anerkannten Instanzen zur Begrenzung der Gewalt bestehen?

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Der französische Kulturwissenschaftler René Girard hat diese Frage bezüglich vorstaatlicher Gesellschaften gestellt, und er kam zum Schluss, dass viele dieser Gesellschaften an der grassierenden Gewalt zugrunde gegangen sind. (5) Aber bleiben wir in der Gegenwart: Gibt es denn funktionierende Sicherungsmechanismen bei Konflikten innerhalb der immer mehr zusammenrückenden globalisierten Weltgesellschaft? Wer kann richten, wenn die Toleranz fordernden Regeln eines westlichen Lebensstils auf die islamischen Vorstellungen eines grenzenlos geltenden Gottesgesetzes prallen? Das ist ein größeres Problem als bloß der Konflikt mit einer radikalen Minderheit von islamischen Fundamentalisten. (6)

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Bringen wir den ersten und den zweiten Punkt zusammen: Gewalt entspringt immer neu aus einem Konglomerat scheinbar harmloser und gesellschaftlich sogar geförderter Grundhaltungen des Vergleichens und Überholens. Und wo Gewalt ausgebrochen ist, neigt sie dazu, grenzenlos zu werden. Wenn unsere Konkurrenzgesellschaft es sich erlauben kann, Konflikte anzuheizen, dann hängt das zusammen mit verlässlich arbeitenden Mechanismen der Konfliktbegrenzung. Mit der Gewalt ist es wie mit der Kernkraft. Wir haben gelernt, sie zu zähmen und als Konkurrenzprinzip zugunsten von Wirtschaftswachstum und allgemeinem Wohlstand zu nutzen. Aber die Kettenreaktionen können außer Kontrolle geraten. Dann bricht der Schrecken der epidemischen Gewalt aus.

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3. Gewalt macht blind: Die epidemische Ausbreitung von Gewalt ist nur möglich, weil die Wirksamkeit von Einsicht und Augenmaß in den entscheidenden Momenten ihren Dienst versagen. Jeder von uns weiß, dass es wenig bringt, wenn man mit gleicher Münze heimzahlt. Wir wissen, es liegt schon an der Perspektive, dass uns erlittenes Unrecht schlimmer vorkommt als das Unrecht, das wir anderen zufügen; und dass auf diese Weise das Prinzip "Aug um Aug, Zahn um Zahn" de facto zwangsläufig zu einem Prinzip der Eskalation wird: "Wird Kain siebenfach gerächt, so Lamech siebenundsiebzigfach". (7) All das wissen wir, - und zwar meist genau so lange, bis wir selber in einen Konflikt verwickelt sind. Die epidemische Gewalt entwickelt einen Sog, der auch unsere Erkenntnis in engere Bahnen zwingt. Nicht nur George Bush ist blind für Selbstkritik... Wenn wir hier die ideologische Blindheit des Schwarz-Weiß-Denkens zu analysieren vermögen, dann vielleicht nur deshalb, weil niemand von uns Verwandte oder Bekannte hatte, die sich an jenem Dienstag im World Trade Center aufhielten.

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Diese strukturelle Blindheit, die die Gewalt mit sich bringt, macht sie so gefährlich. Sie entmächtigt vernünftige Argumente zu kraftlosen Appellen. Diese Blindheit verwandelt Menschen in Werkzeuge der Gewalt, gerade in dem Augenblick, in dem sie meinen, dem Frieden zu dienen. Es erscheint wie eine Ironie, dass diese Irrationalität der Gewalt ein unterscheidendes Spezifikum der Gattung Mensch ist, - eben jener Gattung, die man seit Aristoteles gerne als animal rationale definiert.

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Bleiben wir einen Augenblick beim Vergleich zwischen Mensch und Tier. Aggression ist bereits in der Tierwelt verankert, sie hat dort eine Funktion zur Selbsterhaltung und evolutiven Optimierung. Aber erst im Menschen wird diese Aggression zur Gewalt, zur maßlosen Gewalt. Im folgenden werden wir versuchen, diese Eigenart des animal irrationale aus theologischer Perspektive besser zu verstehen.

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2. Das Dilemma der Anthropologien angesichts der Gewalt

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Von unserem Blick auf den dreifachen Schrecken der Gewalt wird begreifbar, was - angesichts unseres schon lange währenden Lebens in relativem Frieden - gar nicht so selbstverständlich ist: dass immer wieder ein tiefes Misstrauen aufbricht an der ursprünglichen und wesenhaften Gutheit des Menschen. Dass im Menschen das Böse, der Keim des Destruktiven schlummert, und dass es zum Wesen des Menschen gehört, wenn das aufbricht, dieser Pessimismus ist in verschiedenen Weltbildern heimisch. Es wäre hier zu sprechen von den Vorstellungen manichäischer Religion, für die der Mensch - in seiner Leiblichkeit - den Mächten des Bösen ausgeliefert ist, - uralte Ideen, die aber in immer neuen Erscheinungsformen ihre Aktualität wiedergewinnen. Man könnte - zumindest in bestimmten Aspekten - das Menschenbild der Psychoanalyse Sigmund Freuds nennen, mit seiner Annahme eines Todestriebs, der die Menschen in die Selbstzerstörung und zur Destruktion anderer treibt. Oder man müsste - mit höchster Aktualität - Samuel Huntingtons Theorie vom Clash of Civilizations nennen, nach der die Menschheit in konkurrierende Sphären zerspalten ist, die zwangsläufig in Konflikt miteinander gegeneinander geraten: etwa das westliche Christentum gegen den Islam. Die Bestimmung der Fronten mag unexakt sein, aber gerade die ständige Betonung, dass es sich jetzt nicht um einen Krieg des Westens gegen den Islam handelt, zeigt, wie schwierig die Absetzung von einer solchen Behauptung ist.

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Anthropologien, die dem Menschen eine naturhafte Gewalttätigkeit zuschreiben sind in mancher Hinsicht problematisch. Ich möchte für unser Thema nur auf einen Problemkreis hinweisen. Eine solche Grundhaltung lähmt jeden echten Widerstand gegen reale Erscheinungen der Gewalt. Eine Naturgegebenheit kann man nicht überwinden, man kann sie nur in Schach halten. Die Annahme einer naturhaften Gewalt rechtfertigt die Anwendung von Gewalt, um Gewalt in Grenzen zu halten.

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Die optimistische Gegenposition schreibt dem Menschen eine ursprüngliche Gutheit zu. Gewalt, Destruktivität, das Böse wird zwar nicht als inexistent abgetan, aber unglücklichen Verhältnissen zugeschrieben, die grundsätzlich reformierbar sind. Einer der Väter diese Vorstellung war Jean Jacques Rousseau. Er hatte einen ungeheuren Einfluss auf das Denken der Aufklärung. Die Überwindung des Bösen wird hier zu einem großen Bildungsprojekt. Im Gefolge der "großen Erzählung" von Aufklärung und Emanzipation wuchs in Deutschland der Stolz auf die zivilisierte Welt, die die "barbarische" Gewalt weit hinter sich gelassen habe. Das Grauen zweier Weltkriege und insbesondere der Schoah führte zu einem jähen Erwachen. Auch und gerade dem zivilisierten Bildungsbürger stehen die Abgründe des Bösen näher als er glaubt. Ideale wie Traditionstreue, Patriotismus und Gehorsam offenbarten ihre Zerrformen. Das Licht der Aufklärung wird begleitet von einem langen Schatten. So zerbricht die optimistische Sicht vom wesenhaft guten Menschen an den harten Manifestationen der Gewalt. Auch bei diesen Formen optimistischer Anthropologie möchte ich nur auf das Problem der Auswirkung auf unser Verhalten angesichts realer Gewalt eingehen. Der humanistische Optimismus muss daran scheitern. Entweder er spielt die Phänomene realer Gewalt herunter, oder er kippt selber um in unkontrollierbare Formen der Gewalt. Etwa durch folgende Schlussfolgerung: "Der Mensch ist in seinem ursprünglichen Wesen gut. Wenn jemand trotzdem zu derart Bösem imstande ist, dann beweist er damit, dass er gar kein Mensch ist." - Selten werden solche Schlussfolgerungen ausdrücklich gezogen, aber oft wirkt diese Logik implizit: da wird ein Kinderschänder an den Pranger gestellt, und angesichts dieses "Monstrums" verkriechen sich die Ideale von guter Menschennatur und humanem Strafvollzug in den hintersten Winkel. (8)

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Es zeigt sich: Angesichts der Gewalt gibt es ein Dilemma zwischen optimistischen und pessimistischen Anthropologien, und zwar hinsichtlich ihrer ideologischen Auswirkung auf den Kampf gegen Gewalt. Optimistische Anthropologien verführen zur Unterschätzung oder Resignation; pessimistische Anthropologien verleiten zur Aggression, zum zynischen Arrangement mit der Gewalt, in der bewusst zugelassenen Bekämpfung von Gewalt mit den Mitteln von Gewalt, - wie es aktuelle Tendenzen zu polizeistaatlichen Vorkehrungen und weiterer Fremdenausgrenzung belegen.

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3. Der dritte Weg der christlichen Erbsündenlehre

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Wo steht hier die christliche Anthropologie? Ich erinnere mich an den Internetbericht von einem Gottesdienst am 13. September, in dem ein Erzbischof zum Gebet nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Täter aufrief. (9) Die Stellungnahmen, die man im anschließenden Diskussionsforum lesen konnte, waren voll von Wut und Häme. Die spirituell gewiss fundierte Botschaft wurde als kraftlos und weltfremd empfunden. Eine ARD-Moderatorin brachte das anders gelagerte Grundgefühl auf den Punkt: Zwei Tage nach dem Anschlag empfahl sie, das Neue Testament einmal beiseite zu stellen, und erinnerte an die Maxime "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (Ex 20,14):

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"Die Attentate von gestern haben die Welt verändert. Der übermächtige Wunsch nach Rache, nach Vergeltung, ist nur zu verständlich. Viel wichtiger ist allerdings das Motiv, die Welt und damit uns alle vor weiteren Anschlägen dieser Art unter allen umständen zu bewahren. Falls sich die Hinweise auf den saudischen Moslemextremisten Osama bin Laden als Drahtzieher weiter verdichten, dann geht es darum, ihn und seine Leute gezielt auszuschalten. Sollte Amerika, unterstützt von seinen NATO-Partnern zuschlagen, gäbe es dafür viele gute Gründe und noch mehr verständliche Gefühle. Bush darf in dieser verzweifelten Situation das Neue Testament einmal beiseite legen und im Alten Testament, im 3. Buch Mose, Vers 23 Rat finden: 'Wenn jemand seinem Nächsten einen Schaden zufügt: Wie er getan hat, so soll ihm getan werden. Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn.' Dabei werden, so ist zu befürchten, auch Unschuldige ihr Leben verlieren. Und erst dann wird sich zeigen, wie weit unsere uneingeschränkte Solidarität mit Amerika reicht, die der Bundeskanzler heute beschwört."(10)

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Verfällt das Christentum mit seiner Botschaft der Liebe und Vergebung den Aporien der optimistischen Anthropologien? Tatsächlich stellt die christliche Schöpfungstheologie mit ihrer Lehre von der wesenhaften Gutheit aller Schöpfung ein massives Fundament für optimistische Anthropologien. Allerdings gibt es entscheidende gegenläufige Anteile im Christentum, die das humanistische Denken gerade nicht übernommen hat. Dazu gehört vor allem die Erbsündentheologie.

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Die Lehre von der Erbsünde versucht den Spagat zwischen Schöpfungsoptimismus und der realistischen Wahrnehmung einer in das Böse verstrickten Menschheit. Demgemäß ist der Mensch wesenhaft gut, im Angesicht Gottes geschaffen und erst durch die Sünde in einen Zustand der Entfremdung von Gott verfallen. Dabei handelt es sich aber nicht bloß um die Konsequenzen individueller Verfehlungen, sondern um einen kollektiven Zustand der Verstrickung in Sünde. Durch Gottes Heilsinitiative ist diese Verstrickung im Wesentlichen überwunden, sie ist nicht mehr unausweichlich (Überwindung der Erbsünde durch die Taufe). Dennoch haben wir mit den Fesseln noch weiter zu kämpfen (bleibende Konkupiszenz). Den meisten theologischen Aktualisierungen der Erbsündentheologie ist gemeinsam, dass sie die gemeinschaftliche und gesellschaftliche Verflochtenheit in anonymisierte und undurchschaubare Schuldzusammenhänge betonen. Das Böse reicht außerordentlich tief, ohne aber den guten Kern menschlicher Natur zu vernichten. Auch für den destruktivsten Menschen bleibt grundsätzlich anzunehmen: Er ist ansprechbar von Gottes Güte. (11)

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Damit ist eine - recht verstandene! - christliche Erbsündenlehre in ihren praktischen Auswirkungen humaner als ihre Leugner im Namen eines anthropologischen Optimismus: Diese müssen nämlich von einem destruktiven Menschen annehmen, dass er die gute Natur aus eigenem Versagen - in Dummheit oder Bosheit - unterboten hat. Folglich wird er beschuldigt und zur Verantwortung gezogen. Dagegen vermag der christliche Realismus mit einer verblendenden Sündenverflochtenheit zu rechnen. In welchem Maße ein Mensch für die von ihm verursachten Untaten verantwortlich ist, kann demnach nur Gott beurteilen. Eine solche Sichtweise erlaubt, auf den Aggressor in einer liebevollen und versöhnungsbereiten Weise zuzugehen, ohne die Augen vor den Abgründen des Bösen zu verschließen.(12)

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Die christliche Erbsündenlehre ist entstanden aus einer langen Erfahrungsgeschichte mit Gottes Gnadenangeboten und dem sündigen Versagen der Menschen. Einen der bleibenden Höhepunkte in der Verarbeitung solcher Erfahrungen stellt die biblische Sündenfallgeschichte dar. Im folgenden will ich die Mächte der Gewaltverstrickung von dieser Erzählung her erschließen.

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4. Die bleibende Aktualität der biblischen Sündenfallgeschichte

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Nach der biblischen Schöpfungsgeschichte ist der Mensch geschaffen als Gottes Ebenbild: von Gott her und auf Gott hin. Der Mensch beginnt sein Dasein im Paradies. Dieses besteht wesentlich im ungehinderten Umgang mit Gott. Damit findet die dynamische Ausrichtung seiner Gottebenbildlichkeit Erfüllung. Alle anderen Zeichen des Paradieses, der ungehinderte Zugang zu den Gegenständen der Freude und des Genusses sind in diesem Zusammenhang zu sehen: Der Mensch wird der Souveränität des Schöpfers teilhaftig. Er darf den Dingen Namen geben, soll sie beherrschen, verwalten und darf sie gebrauchen. Diese Gottgleichheit findet allerdings eine Grenze. Etwas gibt es, das dem Menschen verwehrt ist:

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"Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben." (Gen 2,16f)

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So wie alles im Paradies hat auch der Baum der Erkenntnis mit der Gottebenbildlichkeit zu tun. Die Schlange verspricht: "Sobald ihr davon esst, werdet ihr wie Gott." - Das ist merkwürdig. Ist den Menschen das "Wie-Gott-Sein" nicht schon gegeben, - als ursprüngliches Schöpfungsgeschenk, als ursprünglichste Verheißung? (13) Dennoch ist da ein Unterschied: Während alles paradiesische Wie-Gott-Sein ein verdanktes ist, in Teilhabe am frei sich gewährenden Gott, ist das Wie-Gott-Sein, das die Schlange verheißt, eines aus eigener Vollmacht. Der Mensch ergreift es selber, anstatt es als Geschenk anzunehmen. Damit wird begreifbar, warum Gott den Menschen diese Frucht vorenthalten hat. Es ist das einzige, was Gott dem Menschen nicht geben kann. Wenn Gott dem Menschen auch an allem in der Schöpfung teilhaben lässt, so findet dieses Wie-Gott-Sein doch eine Grenze. Etwas bleibt, das Gott hat und der Mensch nicht: Gott hat alles aus sich selbst heraus, während der Mensch es nicht ausschließlich aus sich hat, sondern als Geschenk von Gott annehmen muss. Auf diese Differenz legt die listige Schlange das Augenmerk, - mit Erfolg:

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Mit diesem Schritt ergibt sich alles andere zwangsläufig. Der Mensch hat auf die Gnädigkeit geschenkter Teilhabe an Gottes Herrlichkeit verzichtet und will sich selber Gesetz sein. Damit geht zwangsläufig jeder selbstverständliche Zugang zu den Gütern der Schöpfung verloren. "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen..." (Gen 3,19). Die Vertreibung aus dem Paradies ist eine Selbstvertreibung.

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Vom Sündenfall an verkehrt sich die natürliche Sehnsucht, wie Gott zu sein, zum Ansprucheiner gottgleiche Souveränität und Autonomie. Dieser Anspruch wird zu einer Vision, die dem Menschen überfordernd vor Augen steht. Er schämt sich, nicht wie Gott zu sein. Er fühlt sich nackt und sucht seine Blöße zu verbergen (vgl. Gen 3,7).

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Das Wesentliche an der Selbstvertreibung aus dem Paradies ist der Verlust eines unbefangenen Verhältnisses zu Gott. Seitdem brennt der Wunsch, auf eigenmächtige Weise wie Gott zu sein, wie ein giftiger Stachel in menschlichen Fleisch. Es ist dieser eigenmächtige Rückweg ins Paradies (der Griff nach dem Baum des Lebens), der dem Menschen versperrt ist (in mythischer Redeweise: durch einen Engel mit einem Flammenschwert).

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Lesen wir in diesem Zusammenhang die Geschichte von Kain und Abel. Es heißt: "Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht" (Gen 4,4f). Kain spürt seine Gottferne und vergleicht sich mit seinem Bruder, von dem er den Eindruck hat, dass Gott seine Opfer annimmt.(14) Und im Vergleich fühlt er sich als benachteiligt, als zu kurz gekommen. Seine "Nacktheit" (des Nicht-Gottgleichseins) wird völlig unerträglich für ihn. Er muss die Provokation auslöschen. Er erschlägt seinen Bruder.

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In der Folge agieren die Menschen immer wieder im Zeichen der vergifteten Form des Wie-Gott-Sein-Wollens, etwa beim Turmbau zu Babel: im Versuch eigenmächtig den Himmel zu erobern. Das anfangs gemeinsame Unternehmen endet in der Zerstörung der Gemeinschaft.

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So geht es weiter, bis zuletzt, - nach nur fünf Kapiteln des Buchs Genesis - Gott seine ursprüngliche Behauptung einer sehr guten Schöpfung durch ein gegenteiliges Resümee ersetzt: "Die Erde aber war in Gottes Augen verdorben, sie war voller Gewalttat" (Gen 6,11). Doch ist es diese, nach der Sintflut immer noch verdorbene Menschheit, der Gott Rettung und Segen anbietet:

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"Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe." (Gen 8,21)

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Von hier an beginnt eine lange Folge göttlicher Heilsinitiativen und Bundesangebote. Gott will die Menschheit nicht mehr vernichten, sondern den guten Kern der Schöpfung wiederbeleben: nicht mehr Ausrottung der Bösen ist Gottes Ziel, sondern die heilsame Transformation der bösen Menschen durch Freilegung und Stärkung ihres guten Kerns. Erlösung wird nun das Stichwort.

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Unsere Interpretation der Sündenfallgeschichte ergibt ein zugleich optimistisches und realistisches Menschenbild: Von Natur aus ist der Mensch offen auf Gott hin. Er ist ein Wesen des grenzenlosen Begehrens. Kein innerweltliches Gut kann seine Sehnsucht dauerhaft stillen. Der Mensch würde erst seinen Frieden finden, wenn er "wie Gott ist". Oder wie Augustinus in einem berühmten Gebet spricht: "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir." Doch diese Gottsehnsucht ist vergiftet durch den Stachel der Eigenmächtigkeit: Dadurch wird die ursprünglich gute Sehnsucht pervertiert zu einer gefährlichen Begierde. Und diese Begierde ist die tiefste Wurzel der Gewalt:

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5. Das menschliche Urbegehren als Wurzel von Konflikt und Gewalt

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Wie führt die entstellte Gottessehnsucht zur Gewalt? Mithilfe der mimetischen Theorie von René Girard kann das verdeutlicht werden.

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In der Situation erbsündiger Gottferne sind die Menschen gezeichnet von einem richtungslos gewordenen Begehren. Sie erfahren sich als unvollkommen und wissen nicht einmal, wo sie nach dem suchen sollen, das ihnen mangelt. Zugleich schämen sie sich dieser Nacktheit und verbergen sie. Tief in den Menschen steckt die Neigung zu bluffen. Sie wissen nicht, was sie wollen sollen, wo sie Erfüllung finden, und dennoch tun sie so als wüssten sie, worauf es ankommt und als verfügten sie darüber. Damit aber gehen die Menschen einander ständig auf den Leim. Was tut man, wenn man selber orientierungslos ist und zugleich andere sieht, die offenbar ganz genau wissen, wofür es sich lohnt, sich einzusetzen. Man kopiert sie und greift spontan nach jenen Dingen, nach denen auch diese greifen: Ein schnelles Auto, ein Haus im Grünen, ein attraktiver Posten, eine tolle Frau. Solche Ziele sind aber nicht einfach teilbar. Wo ein Ziel in der Weise eigenmächtiger Aneignung verfolgt wird, kann nur einer es besitzen. Das Begehren wird zum Konkurrenzkampf: mit Gewinnern und Verlierern.

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In einer solchen erbsündigen Welt haben die Ziele des Begehrens ihre Attraktivität nicht aus sich selbst heraus. Nicht deshalb sind sie begehrenswert, weil sie in sich wertvoll sind oder weil jemand sie wirklich braucht, sondern weil es andere gibt, die sie begehren und damit als begehrenswertes Ziel markieren. Das eigentliche Begehrensziel ist die Gottgleichheit. Was das genau ist, wissen wir nicht. Wir wissen nur: Das wäre der Zustand, in dem all unser Begehren erfüllt ist. Wir kennen nur die indirekten Hinweise dafür: Menschen gebärden sich so, als wären sie genau am Ziel dieser Wünsche. Sie demonstrieren ihre Macht, ihre Überlegenheit, ihren Besitz und signalisieren: Damit bin ich am Ziel, - ich bin zufrieden. In dieser Selbstgenügsmakeit erscheinen sie uns wie ein Gott. Und wie ein Gott, das möchten wir selber sein.

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Mit solchen Mechanismen arbeitet die Werbung. Wenn sie ein Produkt bewirbt, geht es nur vordergründig um dessen Nutzen. Was versprochen wird, sind ganz andere Dinge: Genuss, Anerkennung, sexuelle Attraktivität. Doch auch diese Verheißungen stehen nur stellvertretend für etwas anderes. Kein Mann würde glauben, dass ihm bei Gebrauch eines bestimmten Deos tatsächlich die Frauen nachlaufen. Aber darum geht es nicht (es geht nicht um die Grundbedürfnisse und die Grundtriebe, auch nicht um einen so fundamentalen Trieb wie jenen der Sexualität). Die heutigen Werbespots wollen hier auch nicht ganz ernst genommen werden. Sie ironisieren sich selber. Aber hinter allem Augenzwinkern steckt ein ernstgemeintes Versprechen. Wenn du unser Produkt kaufst, dann bist du jenem geheimnisvollen X ein bisschen näher, nach dem alle suchen. Es ist jenes X, das in einer säkularen Welt namenlos ist, und das theologisch als Gottesnähe oder Gottgleichheit bezeichnet werden kann. Werbung ist ein Spiel der Verheißung, und was sie verheißt, ist letztlich nur eines: die Rückkehr ins Paradies, - mit allem "Schlaraffischen", das dazugehört, aber im Zentrum mit der Verheißung, dass man sein wird wie ein Gott.

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6. Symbol und Diabol: Die Zwielichtigkeit von allem Seienden in einer erbsündigen Welt

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Die Werbung macht damit nur explizit, was in allem steckt: nicht nur in jedem Produkt, sondern in überhaupt allem, was ist. "Ens et bonum convertuntur" sagt ein altes thomistisches Prinzip. Das heißt: alles was ist, ist bereits dadurch, dass es ist, in einem bestimmten Ausmaß begehrenswert. Diese sozusagen metaphysische Attraktivität von Seiendem, die durch konkrete Attraktivität oder Abstoßung nur überlagert wird, wird durch einen impliziten Gottesbezug verschärft. Im Paradies verweist alles, was ist auf Gott. Durch seine Transparenz auf Gott gewinnt es seinen Reiz. Das gilt in höchster Weise vom Menschen. Der Apostel Paulus hat das wunderschön formuliert:

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"Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn." (2 Kor 3,18)

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Die Mitmenschen, ebenso wie die Gegenstände der Welt haben als Gottes Schöpfung eine Symbolkraft, die auf Gottes Herrlichkeit verweist. Die Erschließung solcher Verweisungsdimensionen ist ein zentrales Prinzip eines symboldidaktisch ausgerichteten Religionsunterrichts. Was dabei eher zu kurz kommt, ist die Zwielichtigkeit solcher Symbolik, die in der erbsündigen Verzerrung des Begehrens nach Gott gründet.

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Wir sahen, wie in einer erbsündig beeinträchtigten Welt, in der der Zugang zu Gott verstellt ist, die Menschen ihr Begehren spontan am Begehren anderer ausrichten. Das wonach die einen greifen, wird auch für die anderen attraktiver. So gewinnen die Gegenstände des Begehrens - gleich ob es sich um materielle Dinge handelt oder um Menschen - einen Glanz, der auf trügerische Weise ein Sein-wie-Gott verheißt: Wenn du dir diesen Gegenstand aneignest, dann besitzt du jene Gottgleichheit, auf die dein Rivale aus ist. Die Verweiskraft auf den wahren Gott weicht hier also dem trügerischen Versprechen eines eigenmächtigen Wie-Gott-Seins. Aus einem durchscheinenden "Sym-bol", das die Strahlen bündelt und hinleitet zum göttlichen Begehrensziel, wird ein "Dia-bol" - im Sinne von "diaballein": durcheinanderwerfen, zerstreuen - das die Strahlen "diabolisch" vom wahren göttlichen Begehrensziel wegleitet und irrlichthaft zerstreut auf eine Reihe von Scheinzielen hin. Das Symbol hat seinen Glanz, seine Verweiskraft verloren. Es ist nicht mehr transparent, sondern undurchscheinend, opak und verstellt so den Zugang zum wahren Gott.(15)

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In einer erbsündig beeinträchtigten Welt wird die Symbolkraft der Menschen und der Dinge zu einem gefährlichen Schillern. In sich sind die Menschen, die Dinge niemals schlecht, im Grunde behalten sie ihre Strahlkraft, aber diese wird umgeleitet, "per-vertiert", und das macht sie gefährlich.

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Mit dieser Zwielichtigkeit der Dinge spielt die Werbung. Die Schönheit und Attraktivität von Mensch, Natur, Kulturgütern wird in Kontexte der Aneignung, des Kaufens gebracht. Das heißt nicht notwendig, dass alle gute Symbolik zur begierdestimulierenden Diabolik pervertiert wird. Aber gewiss wird die für eine reine Symbolik wichtige Zweckfreiheit des Schönen und Guten beeinträchtigt. Das gilt nicht nur für die Werbung, die hier repräsentativ für wirtschaftliche Zusammenhänge steht. Auch die Prinzipien medialer Präsentation arbeiten weithin mit dieser Zwielichtigkeit. Und Politik unterwirft sich zunehmend den Gesetzen medialer Selbstdarstellung. Medien schaffen Inszenierungen von Wirklichkeit, Images, und öffnen sie so für eine grenzenlose Vermarktung. Der eigentliche Gegenstand dieser Tauschprozesse ist das geheime X einer gottgleichen Identität.

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Damit ist in einigen groben Zügen jene erbsündige Welt skizziert, in der die Gewalt jederzeit aus dem Nichts hochflammen kann. So ergibt sich eine theologische Grundlegung des ersten Aspekts des dreifachen Schreckens der Gewalt.

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7. Wie Hass und Vernichtung zum Ziel des menschlichen Urbegehrens werden können

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Als zweiten Aspekt des dreifachen Schreckens der Gewalt nannte ich Ihre Ansteckungskraft. Um sie theologisch zu erschließen, müssen wir die Girardsche Analyse noch einen Schritt weiterverfolgen. In einer erbsündigen Welt begehren Menschen spontan das, was andere Menschen begehren. Diese Nachahmung des Begehrens, oder - wie Girard sagt - diese Mimesis führt dann zum Konflikt, wenn das Begehren auf die Aneignung begrenzter Güter zielt. So geraten Menschen sich zwangsläufig in die Wolle. Nun der nächste Schritt: Wenn Menschen mit ihren wechselnden Begierdezielen immer wieder auf andere (vielleicht sogar immer wieder auf denselben) stoßen, die ihnen bei der Erreichung ihrer Ziele im Weg stehen, so führt das zu einer fortgesetzten Frustration. Angesichts der Tatsache, dass das wahre - göttliche - Ziel der Sehnsucht ungekannt bleibt, und die Erfüllung von Wünschen immer wieder das Ziel als trügerisch entlarvt, erwächst eine neue Ahnung: "Ich weiß zwar nicht, wo ich mein Ziel finde, noch niemals habe ich es gefunden, aber stets bin ich auf andere gestoßen, die mich bei der Verfolgung meines Ziels behindern." So weiß ich wenigstens, dass ich meine Gegner ausschalten muss, um mein Ziel überhaupt erreichen zu können. Mit dieser Wendung - Girard spricht von einer Verwandlung der Aneignungsmimesis in die Gegenspielermimesis - wird verständlich, wie die Vernichtung eines anderen zur Verkörperung des letzten Begehrensziels werden kann. Auf diese Weise können sich zwei Menschen in einem fortgesetzten mimetischen Wechselprozess zu Todfeinden entwickeln. Oft aber bleibt das Gefühl der ständigen Frustration unbestimmt. Da sind viele und immer wechselnde Menschen, die die Verwirklichung der eigenen Visionen behindern. Man hat das immer deutlichere Gefühl der Sabotage, dass da einige sind, die die glückliche Entwicklung der Prozesse in bewusster Bosheit behindern, ohne dass man sagen könnte, wer. Nun kann ein auffälliger Akt der Provokation den Verdacht vieler Menschen zugleich auf einen Übeltäter richten. Der wird nun zum Kristallisationskern vieler schweifender Verdachtsmomente. Auf ihn projizieren sich nun vielfältigste und unterschiedlichste Unterstellungen. In der allgemeinen Ungewissheit und Komplexität allgemeiner Schuldverstrickung ist es wie eine Erlösung, dass sich nun ein Sündenbock zeigt, der für möglichst alles verantwortlich gemacht werden kann. Solche Effekte spielen eine große Rolle bei der nahezu weltweiten Verteufelung von Osama bin Laden. Endlich hat das Böse, das ungreifbare und damit unheimliche Böse ein Gesicht bekommen. Mit Erleichterung fokussiert sich der allgemeine Zorn auf diesen Gegner. Man ahnt zwar, dass mit dessen Opferung die Probleme nicht behoben sind, dennoch spielt man das zynische Spiel gerne mit.

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Zwischenbemerkung: damit ist noch nichts über Schuld oder Unschuld eines bin Laden gesagt. - Ein Mensch kann Opfer und Täter zugleich sein. Auch ein Sündenbock kann schuldig sein! Gesagt ist nur, dass die irrationalen Prozesse des Sündenbockmechanismus hier eine objektive Klärung der Schuldfrage zwangsläufig überlagern.

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Solche gemeinsame Schuldzuschreibung wirkt nun in einer Sphäre allgemeinen Zerstrittenheit, die durch immer wieder aufflammende Konflikte verursacht wird, erleichternd polarisierend. In der gemeinsamen Gegnerschaft sind plötzlich Allianzen möglich, die ohne einen gemeinsamen, einigenden Gegner undenkbar wären. Genau diesen Effekt konnten wir während der letzten Wochen beobachten. Im "Kampf gegen den Terror" sind sich auf einmal USA, Sowjetunion, China und - zumindest pro forma - ein großer Teil der arabischen Welt einig. Dass diese Allianz eine brüchige ist, weiß jeder. Selbst wenn die USA "alles richtig machen", wenn sie effektiv operieren ohne ihr Mandat zu überschreiten, ist die Allianz dem Untergang geweiht, - spätestens wenn das große Ziel erreicht und die symbolische Teufelsgestalt bin Laden gerichtet ist. Denn seine Person bildete den Kristallisationspunkt für die Vereinigung gegensätzlicher Interessengruppen.

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Damit sind nun auch der zweite und der dritte Aspekt des dreifachen Schreckens der Gewalt in einen theologischen Kontext gerückt. Durch die Verschiebung von der Aneignungs- zur Gegenspielermimesis kann die Vernichtung eines Feindes die Wegstation zur Erreichung von jenem unbekannten Ziel X werden, das wir theologisch als Gottesnähe und Gottgleichheit beschrieben. Die Feindschaft gegen Menschen kann so von der tiefsten aller menschlichen Kräfte angetrieben werden, - von der richtungslos gewordenen Grundsehnsucht, die usprünglich auf Gott gerichtet ist. Hier sind es die tiefsten transzendenten Sehnsüchte, die die Gewalt schüren, - und das nicht nur dort, wo Gewalt ausdrücklich religiös legitimiert wird, wie im islamischen Extremismus, - sondern auch im Christentum. Auch Präsident Busch bediente sich in seinen Gewaltansagen zunehmend eines religiösen Vokabulars. Wer aber aus diesem Befund die immanente Gewalttendenz jeder Religion zu erkennen vermeint und damit die irrationale Gewalt den Religionen insgesamt in die Schuhe schieben möchte, der irrt. Denn auch dort, wo von expliziter Religion jede Spur zu fehlen scheint, arbeiten die religiösen Mechanismen der allgegenwärtigen Begierde unerkannt. Auch wo die Worte Gott und Teufel verloren gegangen sind, kommt es zu Vergötzungen und Verteufelungen. Markt, Medien und Politik sind voll von ambivalenter Religiosität.

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8. Zusammenfassung: Die religiöse Dimension der Gewalt

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Damit sind wir am Ende unserer theologischen Analyse des Menschen als gewaltbereites "animal irrationale": Fassen wir zusammen: Die Gewalt steckt uns und unserer Gesellschaft tief in den Knochen. Dennoch müssen wir uns nicht mit der Annahme eines naturhaften Gewalttriebes abfinden. Der Wesenskern des Menschen, der ihn vom Tier unterscheidet, ist nicht gewaltbereite Irrationalität, sondern Transzendenz: ein transzendentes Begehren, das seinen Frieden nur in Gott finden kann, - und (was kein Widerspruch ist) in den Menschen und Dingen der Welt, sofern sie durchscheinen auf den wahren Gott. In einer erbsündig beeinträchtigten Welt ist der Zugang zum frei sich erschließenden Gottesgeheimnis strukturell verstellt: Die Urverheißung, dass wir "sind wie Gott" wurde pervertiert in die Begierde, aus eigener Macht und Herrlichkeit "wie Gott zu sein". Unter dem Einfluss dieser Begierde verwandeln sich Menschen und Dinge: anstatt sym-bolisch auf den wahren Gott zu verweisen, schillern sie dia-bolisch und verleiten den Menschen wie Irrlichter auf Ziele, die ihn niemals erfüllen können. Die Menschen greifen nach Nahrung, die sie nur noch hungriger macht (vgl. Jes 29,8), nach Wasser, das sie durstig zurücklässt (vgl. Joh 4,13f), nach Bekleidungen und Maskierungen, die ihr Bewusstsein, nackt zu sein, nur noch steigert (vgl. Gen 3,7). In einer solchen erbsündigen Welt wird das menschliche Grundbegehren ständig durch Ersatzbefriedigungen abgelenkt, es wird per-vertiert. Die Mechanismen der Werbung lenken das Grundbegehren um über die Mühlräder von Konsum und Konkurrenz, um so Wirtschaft und Wohlstand anzukurbeln. Und Sündenbockmechanismen leiten die transzendente Grundkraft des Menschen ab auf die Felder des Hasses, um dort einer Saat von Gewalt reiche Nahrung zu geben. So muss man realistisch - und pessimistisch - zugeben: Die Verstrickungen der Gewalt gründen nicht bloß in Selbsterhaltungstrieb und kollektivem Gruppeninteresse, sie wurzeln in tieferen und gefährlicheren Schichten. Erst die theologische Analyse mit der Wahrnehmung religiöser Dimensionen des Menschen kann die Abgründe der Gewalt in ihrer vollen Tiefe ausleuchten. Und wenn es überhaupt einen Weg gibt, an diese Wurzeln der Gewalt heranzukommen, diese Abgründe zu überbrücken und den guten Wesenskern menschlicher Transzendenz von ihren Pervertierungen zu befreien, so ist das ein Weg der Religion.

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Anmerkungen:  

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 1. "Der 57-jährige Friedrich Leibacher hatte am Donnerstagmorgen [27. September 2001] im Kantonsratssaal 14 Menschen erschossen und 15 weitere verletzt, bevor er sich selber umbrachte. Bei den Toten handelt es sich um drei der sieben Mitglieder der Kantonsregierung sowie um elf Abgeordnete des 80-köpfigen Parlaments. Die Untersuchungsbehörden gehen davon aus, dass der Amokschütze aus Rache und Wut gegen die Behörden gehandelt hat. Er wurde als notorischer Querulant geschildert."

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(zitiert nach: http://www.20min.c h/service/suchen/20min.ch/story/5749216).

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2. Vgl. h ttp://derstandard.at/dyn/archiv/archarchiv.asp?artfn=\Archiv\20010927\21.HTM, sowie http://derstandard.at/dyn/archiv/archarchiv.asp?artfn=\Archiv\20010919\96.HT M&redirect=true. (Beide Texte sind zugänglich nach kostenloser Registrierung).

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3. Vgl. den durchgängigen Aufmacher in allen einschlägigen CNN-Berichten: "War against America". Das ging vier Wochen so, bis das Amerikanische Militär begann, afghanische Ziele zu bombardieren. Von da weg hieß es: "America strikes back". - Aber trafen die amerikanischen und englischen Bomben die Urheber der Terrorschläge vom 11. September??

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4. Die unheimliche epidemische Dimension der Gewalt färbt ab auf reale Epidemien und verleiht ihnen einen geradezu mythischen Schrecken. Bei den jüngsten Fällen einer durch Terrorismus ausgelösten Anthrax-Infektion überlagern sich die beiden Ebenen von epidemischer Gewalt und epidemischer Krankheit und verursachen so einen irrationalen Schrecken. Die Bevölkerung kann nicht beruhigt werden durch Versicherungen, dass Anthrax-Infektionen sich kaum als Seuche ausbreiten können.

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5. Vgl. René Girard, Das Heilige und die Gewalt. Aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh. Einsiedeln-Zürich-Köln: Benziger 1987.

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6. Vgl. Raymund Schwager, in: Falsche Fronten: Multikulturalität oder 'Kampf gegen den Islam', in: http://info.uibk.ac.at/c/c2/theol/leserau m/kommentar/101.html.

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7. Beide Prinzipien stehen im Pentateuch: das erstere in Lev 24,20, das letztere in Gen 4,24.

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8. Es gibt geradezu ein Ritual der Opfervorbereitung, mittels derer einem Menschen Ungeheuerlichkeiten unterstellt werden, solange, bis jeder nur mehr in die Opferung einstimmen kann. Man braucht dazu nicht in mythische Vergangenheit zu tauchen, nicht König Ödipus nachzuerzählen und nicht einmal die Kampagnen gegen in Ungnade gefallene Politiker in totalitären Staaten mitzuverfolgen. Wir können diese unheilvolle Opferdynamik auch an uns selber erleben. Wir brauchen nur darauf zu achten, wie mit unseren Emotionen gespielt wird, wenn wir einen durchschnittlichen Thriller anschauen. Das Opfer häuft Übertretung auf Übertretung, Ungeheuerlichkeit auf Ungeheuerlichkeit, bis jeder Zuschauer sein emotionales Einverständnis gibt, dass dieser Mensch erledigt werden muss. Es kommt zu einer Einstimmung in die kollektive Opferung, die dann vom Filmhelden stellvertretend ausgeführt wird: mit einer kathartischen Wirkung auf die Zuschauergemeinschaft.

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9. Vgl. http://religion.orf.at/tv /news/ne010911_schoenborn2_fr.htm. Die Leser-Kommentare sind nicht mehr zugänglich.

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10. Dagmar Reim in der ARD-Tagesschau vom 12. 9. 2001, 22 Uhr 30. Als Video zugänglich im Internet: http://www.tagesschau.de/archiv/2001/09/12/sendung/tt-2230/video/sendung.ram, Position: 33:20 bis 34:40). Vgl. auch dazu die Forum-Kommentare: http://www.tagesschau.de/ - Suchfeld mit Sucheingabe: Zahn um Zahn.

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11. In diesem Punkt trifft sich die protestantische mit der katholischen Erbsündentheologie. Beiden eignet die hier skizzierte Brückenfunktion zwischen optimistischen und pessimistischen Anthropologien.

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12. Vgl. Jesu Wort am Kreuz: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34).

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13. Zum folgenden vgl. Willi Sandler, Wie kommt das Böse in die Welt, Zur Logik der Sündenfallerzählung.

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14. Gen 4,4f gibt hier m.E. die Perspektive Kains wieder.

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15. Vgl. Hermann Stenger, Symbole und Diabole. Einige Überlegungen zur Glaubensästhetik, in: ders., Verwirklichung unter den Augen Gottes. Psyche und Gnade, Salzburg: Otto Müller Verlag 1985, 105-129.

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