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„Hallo, ihr Lieben“ und „Bussi, baba“

Video-Rezensionen auf Youtube oder: die Selbstinszenierung der Hobby-RezensentInnen. Von Elisabeth Sporer


Cremes, Parfumes, DVDs, Games und Bücher

Schon seit mehreren Jahren finden sich immer mehr Video-Rezensionen zu verschiedensten Produkten im Internet. Es gibt richtige Profis, die sich Gratis-Proben oder Rezensionsexemplare bestellen und diese dann auf ihrem Youtube-Channel oder Blog/VBlog vorstellen. Von Kosmetika über Computerspiele bis hin zu Filmen und Musik-CDs ist alles zu finden. Manche dieser meist jungen Frauen (es gibt wesentlich weniger Männer, die sich mit so etwas die Zeit vertreiben) geben jeden einzelnen Einkauf, den sie tätigen, zu Protokoll bzw. zeigen die Anwendung jedes Produktes, das sie erstanden haben. Oft gibt es auch Ankündigungen, was in den nächsten Videos zu sehen sein wird, was auch zu Nachfragen von Seiten der „Fans“ führt, die sich regelmäßig diese „Shows“ ansehen. Viele dieser Blogs/Channels haben also ein Stammpublikum, das sich immer wieder darüber informiert, ob der Rezensent bzw. die Rezensentin eine neue Creme ausprobiert hat oder seinen/ihren Senf zu einem aktuellen oder auch weniger aktuellen Film abgegeben hat.

 Auch das Buch bleibt von solchen Hobby-Rezensenten und -Rezensentinnen nicht verschont. Wenn man ganz allgemein nach Rezensionen im Internet sucht, finden sich in immer größerer Menge die erwähnten Video-Rezensionen von begeisterten Lesern und Leserinnen. Vom kurzen Statement bis zur langen ausführlichen Inhaltsangabe ist alles dabei. Es stellt sich jedoch die Frage: Ist diese Art von Rezension die Zukunft? Wird es bald kein Feuilleton mehr geben? Wird sich alles ins Internet verlagern? Wohl eher nicht. Diese spezielle Art von Laienrezension ist nicht darauf ausgelegt, Meinungen und Wertungen von Profi-Rezensenten und -Rezensentinnen zu ersetzen. Meist wird nicht einmal versucht, den Jargon des Feuilletons nachzuahmen, wie das oft bei schriftlichen Rezensionen bei Amazon der Fall ist. Es handelt sich vielmehr um ganz persönliche Meinungsäußerungen und erinnert wohl dadurch auch sehr an Buchvorstellungen, an die sich jeder aus der Schulzeit noch erinnert. Es geht hier mehr um Emotionen und individuelle Gedanken und weniger um fundierte Kritik. Deshalb ist diese Art der Rezension, wenn man sie so nennen will, nicht mit einer herkömmlichen Rezension vergleichbar und sollte auch nicht mit ihr verglichen werden. Es handelt sich um ein neues Phänomen, das sich gerade erst entwickelt und ein Nischenpublikum anspricht. Daher sollte man es nicht nur negativ beäugen und sich über die oft recht unbeholfenen Rezensionen lustig machen. Es ist schließlich ein gutes Zeichen, dass es Menschen gibt, die gerne lesen und dies auch nach außen tragen wollen.

Doch wie sieht so eine Video-Rezension aus?

Meist findet man diese Youtube-Videos auf einem eigenen Youtube-Channel oder auf Blogs der Rezensenten bzw. Rezensentinnen. Youtube-Channels kann man sich als Internetseite vorstellen, die ein vom Besitzer bestimmtes Hintergrundbild erhalten haben und auf der sich chronologisch angeordnet die erstellten Videos befinden. Der Channel gibt auch die Möglichkeit, auf andere Internetseiten, Facebook-Seiten oder Twitter-Accounts, falls vorhanden, zu verlinken. Wenn es sich um einen Blog handelt, werden meist die Videos eingebettet, damit man sich das Video gleich im Blog selbst ansehen kann, und mit einem kurzen Anriss-Text angefeatured. Manchmal findet sich zusätzlich noch eine schriftliche Rezension.

Die Rezensionen selbst fallen in Inhalt, Informationsgehalt und Aufmachung recht unterschiedlich aus. Allen Video-Rezensenten und -Rezensentinnen ist offensichtlich gemeinsam, dass sie auf eine gewisse Weise sich selbst präsentieren bzw. sich selbst zu inszenieren versuchen. Im Internet können Informationen weltweit und in der Regel über einen längeren Zeitraum abgerufen werden und erreichen so ein unendlich großes potentielles Publikum. Durch die Etablierung des Web 2.0 wurde es immer leichter, sich selbst im Internet zu präsentieren und eigene Inhalte über Content-Management-Systeme, Blog-Software oder als Youtube-Video zu veröffentlichen. Dies brachte natürlich auch eine Menge an neuen Möglichkeiten mit sich, sich und seine Interessen im Internet zu präsentieren. Diese Tendenz ist die logische Folge unserer heutigen postmodernen Web-2.0-Gesellschaft. Bei der immer größer werdenden Menge an Informationen, die aus den eben genannten Gründen ins Internet gelangen, muss sich der Einzelne abheben, damit er auch wahrgenommen wird und so eine Fan-Gemeinde aufbauen kann. Es gibt wohl kaum jemanden, der ein Video auf Youtube stellt und nicht will, dass es möglichst viele Menschen ansehen.

Um sich also von anderen Bloggern abzuheben, haben sich einige dazu entschlossen, eigene Kurz-Sendungen zu gestalten, die im Ablauf sehr ähnlich sind. Mit wiederholenden Motiven ist es einfacher, eine Bindung der Fans zu erwirken, damit sie immer wieder auf den Blog oder den Youtube-Channel schauen. Oft beginnt die Rezension mit einem selbst gestalteten Intro: Hier werden beispielsweise Ausschnitte aus verschiedenen Rezensions-Videos zusammengeschnitten und mit Hintergrundmusik kombiniert oder es werden inhaltlich passende Fotos oder Coverbilder von Büchern dafür verwendet. Im Anschluss werden die Zuseher begrüßt. Diese Begrüßung ist meist sehr herzlich und erinnert an das Willkommenheißen von alten Bekannten. Sehr beliebt bei solchen Rezensionsvideos sind Floskeln wie: „Hallo, ihr Lieben!“ Oder „Ich bins wieder, eure/euer ...“. Bei der eigentlichen Besprechung werden zunächst der Verlag und der Preis des Buches genannt. Über den Preis wird oft länger gesprochen: Ist er angemessen? Ist das Buch billig oder teuer? Wäre es als Geschenk geeignet?

Der zweite Schritt ist meist ein persönlicher Einstieg, in dem erklärt wird, wieso man sich das Buch gekauft hat oder wo man es bekommen hat. Manchmal wird auch darauf verwiesen, dass man das Buch schon lange angekündigt hatte und warum man bisher noch nicht dazu gekommen ist, es vorzustellen. Letzteres dürfte wohl nur Hardcore-Fans interessieren. Der nächste Teil ist dann die Zusammenfassung des Inhalts (meist eingeleitet mit: „Worum geht’s?“), die allerdings nicht neutral vonstatten geht, sondern immer wieder mit persönlichen, teils emotionalen Kommentaren angereichert wird. Dieser Teil nimmt zeitlich den größten Raum der Rezensionen ein. Es wird auch darauf geachtet, dass nicht zu viel verraten wird, damit die Fans des Blogs nicht „gespoilt“ werden und das Buch am Ende gar nicht mehr lesen wollen.

Am Schluss wird dann meist eine Leseempfehlung, manchmal auch das Gegenteil, verkündet und dazu angehalten, das Buch unbedingt zu lesen oder eben unbedingt nicht zu lesen. Darauf folgt die obligatorische Verabschiedung mit „Bis zum nächsten Mal“ oder auch „Bussi, baba“.

Zwischendurch gibt es immer wieder zusammenfassende Sendungen, die die gelesenen Bücher eines ganzen Monats abdecken. Bei dieser Art von Sendung ist natürlich für das einzelne Buch meist weniger Screentime vorhanden, dafür können Rezensenten zeigen, wie viel sie in einem Monat gelesen haben.

Immer wieder merkt man aber doch, dass sich Rezensenten etwas mehr mit den Büchern beschäftigt haben. In diesem Fall bekommt man noch Zusatzinfos oder vielleicht sogar weiterführende Tipps, falls einen das Thema des Buches besonders interessieren sollte.

Die Sprache in den Rezensionen ist in der Regel eine Mischung aus flapsiger Jugendsprache und einer gekünstelten wirkenden Sprache, die oft auch sprachliche Fehler aufweist, die aber durch die mündliche, spontan wirkende Präsentation toleriert werden. Es wirkt alles sehr aus dem Bauch heraus formuliert, daher gibt es auch viele Pausen, in denen über Formulierungen nachgedacht wird, viele Ähs und Öhs, Halbsätze und holprige Formulierungen. Aber das gehört dazu. Wenn man sich mehrere Videos dieser Art angesehen hat, egal, ob es um Kosmetik oder Bücher geht, immer findet man einen ähnlichen Stil. Die Fans stören sich wohl nicht daran, finden die Art der Präsentation vielleicht sogar sympathisch oder originell.

Die Inszenierung des Hobby-Rezensenten / der Hobby-Rezensentin

Auch wenn die Videos spontan, locker und persönlich wirken, ist doch einiges an Inszenierung und zeitlichem Aufwand vorauszusetzen. Es muss eine Kamera aufgestellt und eingestellt, der Hintergrund eingerichtet, das Video gesichtet und geschnitten werden. Manchmal werden noch Aufnahmen des Covers oder Fotos der Autoren und Autorinnen hinzugefügt. Auch das Styling, vor allem der Rezensentinnen, ist meist durchdacht oder passt sogar zum Thema des Buches. So verkleidet sich die Youtube-Rezensentin mit dem Nickname „Leseratte“ für jede Rezension passend zum Buch; einmal spielt sie eine Französin mit entsprechendem Akzent, ein anderes Mal stellt sie das Buch in der Badewanne sitzend vor. Sie hat sogar ein Vorstellungsvideo auf ihren Youtube-Kanal gestellt, in dem ihre Video-Reihe vorgestellt wird; sozusagen ein Trailer zur Video-Reihe.

Es fällt auch auf, dass in den meisten dieser Videos das Setting bewusst gewählt ist. Oft sitzen oder stehen die Rezensenten vor einem Regal oder haben Bücher hinter sich oder vor sich drapiert; eigentlich sehr ähnlich, wie auch in Literatursendungen im Fernsehen, nur nicht ganz so professionell. Die Bücher, die zu sehen sind, sagen meist entweder allgemein etwas über den Lese-Geschmack der Person aus oder es sind die Bücher, die gerade besprochen werden.

Die Veröffentlichung auf Youtube hat mehrere Vorteile. Einerseits kann man die Videos über den Channel gut strukturieren und präsentieren. Andererseits gibt es die Möglichkeit, die Videos zu kommentieren. So bekommen die Rezensenten und Rezensentinnen Rückmeldungen von Sehern und Fans. Zwar dürften viele der Kommentare von Bekannten kommen und beinhalten keinerlei Kritik bzw. betätigen nur die Rezension/Besprechung. Manche Kommentare geben auch zusätzliche Informationen zu Buch oder Autor/Autorin.

Eine sehr rege Rezensentin, die sowohl eine Blog betreibt als auch einen Youtube-Channel, ist Erika Pernold. Die besondere Form der Selbstdarstellung, um sich von anderen Video-Bloggern und -Bloggerinnen abzuheben, sind Gespräche mit einem Alter ego. Während ihrer Rezensionen wird sie immer wieder unterbrochen oder stellt selbst Fragen an ihr zweites Ich. Dieses ist eine wohl eher jüngere Version ihrer Selbst, die meist freche Kommentare abgibt oder die eigentliche Rezension stört. Ihre Taktik scheint zu funktionieren, da sie schon 377 Abonnenten und Abonnentinnen hat und auch regelmäßig positive Kommentare zu ihren Videos bekommt.

Um die eigenen Videos möglichst bekannt zu machen, bewerben Rezensenten und Rezensentinnen ihre Videos auf mehreren Kanälen. Oft erstellen sie eine Facebook-Fanseite oder einen Twitter-Account, über die Interessierte immer von den neuesten Videos erfahren, oder sie verlinken die Videos, wie schon erwähnt, auf einem eigenen Blog. Alle diese Publikationsformen können auf einem Youtube-Channel angegeben werden.

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Inszenierung und Aufmerksamkeitserzeugung muss auch die aktuelle mediale und gesellschaftliche Situation bedacht werden. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren hat es große Umwälzungen im Bereich der Medien und der Kommunikation gegeben. Durch das Internet wurde es leichter, die eigenen Interessen und Gedanken auch anderen Leuten zugänglich zu machen. Zu Beginn war das Internet zwar nur etwas für „Insider“, die sich mit Programmierung auskannten, doch heute kann es jede und jeder nicht nur als Informationsquelle nutzen, sondern es ebenso dazu verwenden, selbst Informationen weiterzugeben. Natürlich hat diese Tatsache zur Folge, dass man als Rezipient bzw. Rezipientin regelrecht von Informationen überschwemmt wird und sich erst die relevanten herauspicken muss. Es kann schon mal ein paar Stunden dauern, bis man sich durch die Vielzahl von Internetseiten, Blogs und Youtube-Channels geklickt hat. Da fallen besonders interessant gestaltete Videos natürlich eher auf als andere. Doch muss man dem Internet zu Gute halten, dass jeder seine Hobbys öffentlich ausleben kann, in unserm Fall das Lesen. Auch, wenn die Video-Rezensionen nicht in gestochener Sprache und mit hochreflektierten Kommentaren versehen sind, zeigen sie doch, dass es viele Menschen gibt, die sich für Literatur interessieren und diese Freude am Lesen auch weitergeben wollen. Und das ist eine positive Tendenz in Zeiten, in denen ständig gejammert wird, dass niemand mehr liest.


Elisabeth Sporer, 14.12.2012

Elisabeth.Sporer@uibk.ac.at