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PRATO, Benedetto

 

1. PRATO, Benedetto
da Prato; Wise Benedetto (PFISTER, 265); Wiese Benedikt (TH.-B., 540; DEHIO, 422)

2. BERUFSBEZEICHNUNG

Baumeister (TH.-B., 540), Architekt (DEHIO, 422)

3. BIOGRAPHIE

1599–1601/02 urk. erwähnt;
aus Roveredo/Graubünden (PFISTER, 265); Rofs im Gesaxertal/Graubünden? (ULMER, 1936, 148); Rofs im Geesaxerthall (SANDNER, 28)

Ein genaues Geburts- und Sterbedatum scheint in der einschlägigen Literatur nicht auf.

Erstmals schriftlich festgehalten ist Benedetto Prato in den Bauakten der Jahre 1599/1601 zum Bregenzer Martinsturm als „Pawmaister Benedict Wise, von Rofs ausm Geesaxerthall gebürtig“. Der Name war eingedeutscht worden. Bei der Rückübersetzung ergibt sich aus Benedict Wise (Wiese) der Name Benedetto Prato, während der angegebene Ort Rofs mit Roveredo, dem Hauptort des Misox, identisch ist (SANDNER, 28).
Eine weitere Erwähnung erfolgt am 17.4. des Jahres 1600. „Maister Peter der Steinmetzel von Lindaw“ gibt einige Ratschläge, wie der Martinsturm gemacht werden könne. Mit ihm genannt werden auch „Maiser Benedicten und Niclasen“. Niclas, dessen Familienname nicht genannt wird, war der Meistergeselle Benedetto Pratos. Nach Bregenz „alher beschickht“ hatte sie der
Vogt der Herrschaft. Die Stadt musste die beiden Meister mit rund 14 Gulden für „Zehrung, Versäumnis, Reise und Herberge“ auslösen. Am 31.8. 1600 erhält Meister Benedikt 50 Gulden als erstes Honorar.
Im September unternimmt Prato eine Reise mit unbekanntem Zweck nach Altdorf (Weingarten) und erhält dafür den ansehn-lichen Betrag von 70 Gulden. Insgesamt zahlt die Stadt „seinetwegen“ 362 Gulden. In dieser Summe sind auch die 12 Gulden inbegriffen, die er dem Wirt zum roten Ochsen „bey seinem Wegkhzihen an costgellt und Zehrung schuldig bliben ist“ (SANDNER, 29).
1601 scheint der Name Benedetto Prato neuerdings in den Baurechnungen auf. Nach vermutlichen Meinungsverschieden-
heiten wurde er von einem Boten wieder „hernachgehollet“.

Die Fertigstellung des Turmes dürfte bereits Ende des Jahres 1600 erfolgt sein, da am 24.11. dieses Jahres ein Werkmeister aus Lindau den Bau besichtigt und einen „zur guettem Thail genügsamen Bericht geben hat“ (SANDNER, 29).
 

4. FAMILIEN-, FREUNDES- UND AUFTRAGGEBERKREIS

Benedetto Prato gehört zu jenen Graubündner Baumeistern, die als eine der ersten die Schule der oberitalienischen „Muratori“ nach Deutschland brachten (ZENDRALLI, 1930, 27).
Seit der Mitte des 16. Jhdt. erfolgte eine starke Auswanderung aus dem südlich vom Bernardino gelegenen Tal Misox nach
den deutschen Landen, wo die Graubündner „Magistri“ als namhafte Baumeister und Stuckatoren zwischen Rhein und Donau, aber hauptsächlich in Süddeutschland, anzutreffen waren (ZENDRALLI, 1930, 12). Diese Graubündner Auswanderung zeugt
von großer Arbeitskraft und –lust, von Ausdauer und Zähigkeit, aber auch von ausgesprochenen künstlerischen Anlagen einer kleinen Bevölkerung (ZENDRALLI, 1930, 13, Fn. 2).
Durch die Anlehnung an die Meister des Tessins und der ital. Meister aus der Umgebung des Comersees waren die Misoxer
mit den neuen Stilformen vertraut, im Handwerk aufgewachsen, aber auch - wie bereits erwähnt - anspruchslos und strebsam.
Das deutsche Handwerk war durch strenge Zunftgesetze eingeengt, während die „Muratori“ frei vom
Zunftzwang blieben. Zwar wurden Beschwerden gegen das „Gotteslästern und Rumoren der wälschen Störer und Winkel-meister“ erhoben, jedoch wurde 1587 von den städtischen Behörden zugegeben, dass „mit den Wälschen viel schleunigst und mit wenigen Unkosten zu bauen ist wie mit den Hiesigen, indem sie vielmals bei Mondschein zwei und mehr Stunden vor tags sich zur Arbeit schicken und bis zur Nacht derselben abwarten, die andern aber nit allein über die bestimmte Zahl ausbleiben, sondern auf die Feierstund solches Augenmerk haben, dass sie beim ersten Glockenstreich Kelle und Hammer beiseite legen und nach Hause trachten“ (ZENDRALLI, 1930, 27).
Meister Benedict, wie Benedetto Prato in den Bauakten zumeist genannt wird, erhielt 1599 den Auftrag der Stadt Bregenz,
über der Martinskapelle einen Turm zu errichten. Am 15. September desselben Jahres beschloss die Stadt nach der Zustimmung der Regierungsstellen in Innsbruck, den „St. Martins Capelln Thurn mit Maur- und Zimberwerckh … zuerichten, erbauen“. Der Bau erfolgte „inn gemainen costen … nit allain dem Stättlin und Vorstadt, sondern auch gemainer Landtschafft
der Pfarr Bregenz“ zum Nutzen, so dass auch die Bevölkerung der Umgebung zu Frondiensten herangezogen wurde.
Der Baubeginn ist erst ins Jahr 1600 zu setzen (SANDNER, 28). Weitere Bauaufträge an Benedetto Prato sind bis heute nicht nachgewiesen.

Das Vertrauen in die Graubündner aber blieb in Bregenz bestehen und so ließen sich zwei weitere Baumeister mit dem
Namen Prato hier nieder. Leider ist das Verwandtschaftsverhältnis Benedettos zu Giovanni Domenico Prato, seit 1604/05 in Bregenz erwähnt, und Andrea Prato, zw. 1617 und 1637 nachweisbar, nicht bekannt (SANDNER, 30f.). Genannt wird in der Literatur noch Giulio Prato („Julius Bratus aus Italia“), 1623 als Meister in Biberach tätig (ZENDRALLI, 1930, 29).

 

5. WERKE (VORARLBERG)

Martinsturm

Der Martinsturm (Abb. 6.1), Wahrzeichen der Stadt Bregenz, ist ein dominantes Bauwerk in der alten Oberstadt und ist das erste, das eindeutig (früh)barock interpretierbar ist (SANDNER, 28). Er gilt als eines der ältesten Barockdenkmäler des gesamten Bodenseeraumes. Zugleich ist er das bisher erste Zeugnis der Bautätigkeit Graubündner Meister am Bodensee.
Als Getreide- und Weinspeicher der Grafen von Bregenz erbaut, stammt er im Hauptbau aus der ersten Hälfte des 4. Jhdt.
und wurde in die NO-Ecke der Ringmauer gebaut. Er war der wehrhafteste und stärkste unter den Ecktürmen des Festungs-vierecks der Oberstadt. In seinen unteren Hallen sammelten die Grafen von Bregenz und ihre Nachfolger die Abgaben ihrer Bauern. Später bestimmten die Herren zwei Stockwerke zur Doppelkapelle (Held, 78).
Im Jahre 1599 erfolgte ein Ansuchen der Stadt um die Erlaubnis, „den Turm umb ain Gmach, Zway oder drew Erhöchern oder über sich firren und zue ainer Hochwacht zuerichten“, was auch bewilligt wurde (SANDNER, 28).
Die Turmerhöhung wurde in der Zeit zwischen 1599/1602 durch Benedetto Prato (Benedikt Wiese) ausgeführt. Der Bregenzer Baumeister Hundertpfund erstellte südseitig die außen vom Vorplatz bis zur halben Turmhöhe führende, überdachte Aufgangstreppe (ULMER, 1936, 148). Nach DEHIO erbaute dagegen Hans Buschor die Treppe.
Der Speicher wurde zur Hochwacht. Von ihm meldete bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein ein Turmwächter etwaige Feuer aus dem Umkreis (held, 78).
1601 erfolgte die Fertigstellung als Turm mit quadratischem Grundriss (Abb. 6.2). In den Ecken durchlaufende Ortquaderung
aus Sandstein, horizontale Dreiteilung des Steinbaues durch zwei umlaufende Kaffgesimse, das untere zu einem Wulst umgebildet (DEHIO, 104).
Im Zuge der barocken Erweiterung wurden flachbogig abschließende Fenster ausgebrochen. In der obersten Zone sind auf
allen vier Seiten Arkadenöffnungen mit je drei Bogenstellungen, getrennt durch Rundsäulen und Blendbalustraden (Abb. 6.3).
Die heutige barocke Zwiebelhaube mit aufgesetzter Laterne hat vier Schleppgaupen, ist vierseitig geschindelt und wird häufig
mit den um das Jahr 1701 durchgeführten baulichen Veränderungen in Verbindung gebracht. Die neuere Literatur widerspricht dieser Auffassung, da Stadtansichten von 1643 und 1647 bestätigen, dass die Kuppel keine spätere Zutat ist (SANDNER, 30).

Im dritten Obergeschoss des Turmes sind heute ein Heimat- und Militärmuseum untergebracht.

6. ABBILDUNGEN (VORARLBERG)

Prato_Bregenz_MartinsturmSW_Schwaerzler
Prato_Bregenz_Martinsturm_Grundriss_Schwaerzler
Prato_Bregenz_Martinstrum_Osten_Schwaerzler
6.1
Ansicht von SüdWesten
www.aeiou.at
6.2
Grundriss mit nschließenden Häusern
DEHIO, 58

6.3
Ansicht von Osten
Heimatkundebuch Bregenz, o.S.

7. BIBLIOGRAPHIE

ALEMANIA, Zeitschrift für alle Gebiete des Wissens und der Kunst mit besonderer Berücksichtigung der Heimatkunde,
Jg. 3, Dornbirn 1929.
Caravale, Mario/Angiolini, Hélène, Dizionario biografico degli italiani, div. Bd.
DEHIO-Handbuch, Die Kunstdenkmäler Österreichs, Vorarlberg, Wien 1983.
FIDLER, Petr, Architektur des Seicento. Baumeister, Architekten und Bauten des Wiener Hofkreises, Innsbruck 1990.
HELD, Heinz, Vorarlberg und Liechtenstein. Landschaft, Geschichte und Kultur im ›Ländle‹ und im Fürstentum, Köln 1988.
KÜHLENTHAL, Michael, Graubündner Baumeister und Stukkateure: Beiträge zur Erforschung ihrer Tätigkeit im mitteleuropäischen Raum, Locarno 1997.
PFISTER, Max, Baumeister aus Graubünden – Wegbereiter des Barock: die auswärtige Tätigkeit der Bündner Baumeister und Stukkateure in Süddeutschland, Österreich und Polen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Chur 1993.
Thieme, Ulrich/Becker, Felix, Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler, Bd. 35, Leipzig 1941.
ULMER, Andreas, Die Bregenzer Oberstadt und ihre geschichtlichen Erinnerungen. Manuscript, (s.l.) 1933.
ULMER, Andreas, Die Gotteshäuser Vorarlbergs in Wort und Bild, Bregenz 1934.
ULMER, Andreas, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Heft 63,
Friedrichshafen a.B. 1936.
SANDNER, Oscar, Graubündner Baumeister als Barockbringer: der Bregenzer Martinsturm und der Barockbeginn am Bodensee, in: Vorarlberg eine Vierteljahreszeitschrift, Jg. 7, 1969, Heft 2.
Saur, Allgemeines Künstler-Lexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, div. Bd.
ZENDRALLI, Arnoldo M., I magistri Grigioni: architetti e costruttori, scultori, stuccatori e pittori – dal 16. al 18. secolo, Poschiavo 1958.

ZENDRALLI, Arnoldo M., Graubündner Baumeister und Stukkatoren in deutschen Landen zur Barock- und Rokokozeit,
Zürich 1930.

 
©Franz & Gerlind M. Schwärzler, April 2005

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

DEHIO DEHIO-Handbuch, Die Kunstdenkmäler Österreichs, Vorarlberg, Wien 1983.
Th.-B. Thieme, Ulrich/Becker, Felix, Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler, Bd. 35, Leipzig 1941.
ULMER, 1933 ULMER, Andreas, Die Bregenzer Oberstadt und ihre geschichtlichen Erinnerungen.
Manuscript, (s.l.) 1933.
ULMER, 1936 ULMER, Andreas, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Heft 63, Friedrichshafen a. B. 1936.
ZENDRALLI, 1930 ZENDRALLI, Arnoldo M., Graubündner Baumeister und Stukkatoren in deutschen Landen zur Barock- und Rokokozeit, Zürich 1930.
ZENDRALLI, 1958 ZENDRALLI, Arnoldo M., I magistri Grigioni: architetti e costruttori, scultori, stuccatori e pittori – dal 16. al 18. secolo, Poschiavo 1958.

 

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