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LURAGO, Carlo

 

1. LURAGO, Carlo
Loragho, Luraghi, Luragho

2. BERUFSBEZEICHNUNG

Baumeister und Stuckateur

3. BIOGRAPHIE

* um 1618, Laino (Val d’Intelvi)
† 12.10.1684, Passau

Unter den in Prag tätigen Mitgliedern der Familie Lurago ist Carlo in den Quellen als erster nachweisbar, und zwar 1638 im Dienste der Jesuiten. Über sein früheres Leben sowie seinen Werdegang ist uns nichts bekannt. Nach Prag kam er jedenfalls
in der Bautruppe irgendeines welschen Architekten und Bauunternehmers. Wo er seine Lehrjahre verbracht hat, ist nicht bekannt. Vielleicht ist er in sehr jungen Jahren von einem seiner nördlich der Alpen tätigen Landsleute als Bauhandwerker angeworben worden und hat seine Ausbildung gar nicht in Italien genossen, oder er hat sich innerhalb einer der ober-italienischen Bauschulen die entsprechenden Fertigkeiten erworben und ist dann, selbständig geworden, mit einem Stab
von Handwerkern über die Alpen gegangen.

Als Carlo am 5. Mai 1648 in der kleineren Stadt Prag Bürgerrecht und Gewerbefreiheit erwirbt, geschieht das unter Vorlegung eines Dekretes aus seiner Heimat und der Bürgschaft der Kleinseitner Bürger Peter Tomaso und Santino de Bossi. Das Attest ist am 30. September 1641 in Laini dietro Vally Intellvi ausgestellt und besagt, dass Carlo aus der freien Bürgerfamilie der Lurago stamme, und zwar aus der Ehe des Joh. Ant. Lurago und der Margaritha, auch geb. Lurago. Das Geburtsdatum ist
nicht angegeben, ist aber aus einer späteren Urkunde zu errechnen. Als Zeuge bei einem Baustreit verhört, gibt Carlo Lurago
am
3. August 1678 selbst an: “Bin ungefähr 60 Jahre alt, Dombaumeister zu Passau“. Carlo muss also 1618 geboren sein.
Von der Heirat Carlos ist in den Matrikeln nichts gefunden worden, möglicherweise hat er seinen Ehebund in Italien ge-schlossen. In der Taufmatrikel bei St. Heinrich ist am 18. Juli 1654 die Taufe eines Kindes Karl Anton des Carlo Lurago und seiner Frau Elisabeth vermerkt, am 24. Dezember 1656 die Taufe eines Kindes wieder auf den Namen Karl Anton; also ist
das erste Kind wohl bald nach der Geburt gestorben. Am 24. Januar 1658 wird ein 2-jähriges Kind des Carlo Lurago im Hybernerkloster begraben. 1666 wird Frau Elisabeth Lurago als bereits verstorben bezeichnet.

Als der wohl meist beschäftigte Architekt seiner Zeit in Prag verfügte Carlo immer über beträchtliche Geldsummen, war viel-facher Haus- und Grundbesitzer, verlieh häufig Gelder und war ein gesuchter Trauzeuge und Taufpate. Die welschen Künstler und Handwerker hielten zwar fest zusammen gegen Deutsche und Tschechen, aber untereinander gab es oft genug die beim südlichen Temperament unausbleiblichen Auseinandersetzungen, und auch Carlo ist in manchen Prozess verwickelt.

So ist der Schanzbaumeister Santino de Bossi sein Konkurrent und erklärter Feind, verklagt ihn in einem langwierigen Prozess und treibt das Verfahren bis zur Exekution. Bei einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem eigenen Steinmetzen Zacharias Campione erdolchte sogar Carlo diesen, und die Witwe wendet sich nun 1646 an den Magistrat um Schutz. Auch gegen Magistrat und Beamte benimmt er sich ungebührlich, trägt Waffen trotz des Waffenverbotes (1661), unterstützt auch seinen Vetter Francesco Lurago und andere Leute seiner Baugenossenschaft in der Widersetzlichkeit und wird dafür mit Arrest
bestraft. Carlo war der Anführer einer großen Baugenossenschaft, die teils unter seinen künstlerisch-architektonischen Anweisungen arbeitete, teils aber auch für andere Künstler die Bauausführung übernahm. Die Baugesellschaft Lurago ist in
den vierziger bis achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts bei den größten Bauunternehmungen in Prag und Böhmen tätig.

In Carlos Vertretung unterzeichnet öfters sein Vetter Francesco für ihn, der nach Carlos Berufung nach Passau in den
sechziger Jahren Mitbesitzer der Baukonsortschaft wurde und womöglich auch als Haupterbe Carlos anzusprechen sein
wird, da Carlo verwitwet und kinderlos am 12. Oktober 1684 in Passau gestorben ist.

 

4. FAMILIEN-, FREUNDES- UND AUFTRAGGEBERKREIS

Lurago heißt die Familie wahrscheinlich nach dem gleichnamigen Ort in Val d’Intelvi, östlich von Como. Für Kaiser Maximilian arbeiten Christoph de Lurago, Maurer- und Werkmeister und sein Bruder Hans. In Genua sind zwei Meister dieses Namens tätig, Rocco als Architekt und Giovanni als Dekorateur. In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts sind in Modena zwei Brüder des Namens Lurago tätig, Antonio als Architekt und Tomaso als Bildhauer. Am Ende des 16. Jahrhunderts soll in Rom ein Paolo Emilio Lurago als Hofarchitekt des Papstes Clemens VIII. tätig gewesen sein.

In der nachscamozzischen Zeit ist die Familie der Lurago die meistbeschäftigte in Prag und zum Teil auch in Böhmen,
vertreten in erster Linie durch Carlo Lurago, dem in zweitrangiger Bedeutung Martino, Francesco und Antonio zur Seite
stehen und nachfolgen. Gegen die Jahrhundertwende und nachher wird sie von den deutschen Baumeistern in den Hintergrund gedrängt, um nach dem Tode Kil.Ign. Dietzenhofer wiederum ein bedeutendes Mitglied der Familie, nämlich Anselmo, auf den Plan zu stellen. Kirche, Staat und Adel haben Carlos künstlerischem und technischem Können zahlreiche und große Aufgaben gestellt und seine starke Inanspruchnahme selbst in den schweren Nachkriegsjahren und auch noch während des Krieges zeugen für seine Beliebtheit und wohl auch für seine Qualität, denn wenn es auch im Lande vollständig an eigenen Künstlern und Bauhand-werkern mangelte, so hatte man doch jederzeit unter ausländischen Architekten reichste Auswahl. Bei den Jesuiten in Prag musste Carlo einen besonderen Gönner haben, denn dem kaum Zwanzigjährigen übergaben sie die Aus-schmückung ihrer Kirche und bald darauf deren Erweiterung und dann folgt in Carlos Schaffen ein Jesuitenbau dem anderen. Nach dem dreißigjährigen Krieg wird Carlo in kaiserlichen Diensten als Fortifikationsbaumeister berufen. Mitarbeiter Santino
de Bossi und Giovanni Pieroni. Durch die Beschäftigung im Festungsbau wurde Carlo mit vielen Herren aus dem Adel bekannt und das hat ihm sicher die Berufung zu manchen Profanbau eingetragen. Auftraggeber waren Fürst Lobkowitz, Graf Octavio Piccolomini. Für die Zeitgenossen Carlos und die nachfolgende Architektengeneration waren seine Werke die immer wieder vorbildlichen Schöpfungen, bis schließlich die Epoche um 1700 einheimische Individualitäten auf den Plan stellte. Zur Zeit, als Carlo Lurago von den Passauer Bauten ganz in Anspruch genommen war, fand in Prag L.B. Mathey als Architekt reichste Betätigung, bleibt aber eine Einzelerscheinung im Prager Bauleben.

1664 wurde Lurago zum Neubau des Passauer Domes berufen und dürfte von nun an den größten Teil seiner Zeit in Passau verbracht haben oder zumindest in der Nähe, denn in den gleichen Jahren fällt auch seine Tätigkeit in Salzburg, Maria Taferl
und vielleicht auch in Regensburg.

 

5. WERKE (NIEDERÖSTERREICH)

5.1 Wallfahrtskirche Maria Taferl
Errichtung der Kirche in der ungewöhnlich langen Bauzeit zwischen 1660 bis 1724 nach dem Modell eines unbekannten Baumeisters (Georg Silbernagl ?). 1660 schrieb der bischöfliche Notar nach Passau um einen Baumeister, der die Bauleitung übernehmen könnte. Diese Funktion übernahm Georg (Jörg) Gerstenbrand, wie aus einem Kontrakt vom 16. April 1662 hervor-geht; aber seine Obliegenheiten sind sicher ausschließlich die eines Bauführers. 1671 nach dem Tode Gerstenbrands wird
Carlo Lurago berufen und im Kontrakt heißt es, dass er den Bau nach dem von ihm ausgehändigten Abriss zu führen und so
oft er in Passau sei, auch nach Maria Taferl zu kommen habe. Als Lurago 1671 zum Bauleiter ernannt worden war, sollen Schatzkammer, Sakristei, Chor und Querschiff bereits gestanden haben. Da es im Vertrag mit ihn ausdrücklich heißt, dass
er nach seinem Abriss den Bau auszuführen habe, so wäre ihm das 2-jochige Langhaus und die Fassade mit den seitlich gestellten Türmen zuzuschreiben, andererseits heißt es wieder, dass der Bau nach einem einheitlichen Modell durchgeführt wurde. Der Eindruck des Baues ist ziemlich einheitlich. Die Gliederung des Äußeren durch toskanische Pilaster, die an den Türmen gekuppelt sind, im 2. Turmgeschoss jonische Doppelpilaster, das Portal mit den Segmentgiebelabschnitten und der dazwischen eingespannten Nische, hier zu einem Fenster ausgestaltet, die schlichte Rahmung der Fenster durch Lisenen
mit toskanischen Kapitellen, welche Halbkreisbogen mit Mittelschlussstein tragen, das alles spricht in der etwas nüchternen Glätte für Carlo Lurago. 1673 wird der Vertrag wieder mit ihm gelöst, weil sich die Unkosten zu hoch beliefen. Vermutlich ab 1707 wird Jakob Prandtauer mit der Fertigstellung der Kirche beauftragt. Trotz der ziemlich klaren Quellenlage ist die Lösung
der Urheberschaftsfrage in Maria Taferl nicht leicht.

6. BIBLIOGRAPHIE

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©Elsa Uibo, November 2005

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ÖKT Österreichische Kunsttopgraphie

 

 

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