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LONGO, Martino

 

1. LONGO, Martino
Longhi, Lunghi (Th.-B.; Olbrich; Herder; Venturi, 846);
er selbst nennt sich in den Briefen an Graf Jakob Hannibal „humilissima servitor [sic] Martino Longo“ (Bertsch, 184)

2. BERUFSBEZEICHNUNG

Architekt (Th.-B.; Olbrich; Herder); architetto, scalpellino (Venturi, 846)

3. BIOGRAPHIE

* Viggiù bei Mailand, um 1530
† Rom, 11 06.1591 (Th.-B.; Olbrich; Herder; Venturi, 847)

Neuere Angaben – insbesondere auch http://www.viggiu-in-rete.org/ilonghi.htm – nennen 1534 als Geburtsjahr. Martino
Longhi der Alte (1534–1591) war der erste herausragende Künstler des Ortes (http://www.provincia.va.it). Er lernte das
Handwerk eines Steinmetzen (Venturi, 846).

Nach Th.-B. vollendete er 1570 die Kirche Santa Maria presso San Celso in Mailand. Venturi bringt ihn am 13. Februar 1569 gemeinsam mit Vignola in Zusammenhang mit der Villa Mondragone in Frascati. Für das Jahr 1572 gibt es Notizen seiner Anwesenheit in Rom. Im Jahr 1573 wird Martino d.Ä. päpstlicher Architekt und erhält 25 Scudi pro Monat. 1575 wird er Mitglied der Accademia di San Luca und folgt Giovan Matteo von Castello als Baumeister der Chiesa di Santa Maria della Vallicella, genannt Chiesa Nova, ein Werk, das Gregor XIII. dem Hl. Philipp Neri schenkt. In Etappen (1577–79 und 1584–88) baut er den Palazzo Altemps in Rom. 1588 lässt Sixtus V. die Kirche San Girolamo degli Schiavoni nach Plänen von Martino Longo erneuern, wofür letzterer 1590 20.500 Scudi erhält. Zwischen 1580 und 1590 erhält er von Kardinal Petrus de Deza den Auftrag für den Palazzo Borghese und 1582 baut er den Turm auf den Senatorenpalast auf dem Kapitol.

1591 macht er sein Testament und stirbt am 11. Juni desselben Jahres (ders., 847).

 

4. FAMILIEN-, FREUNDES- UND AUFTRAGGEBERKREIS

Nach Martino il vecchio ist sein Sohn Onorio (Viggiù oder Mailand 1568/69 – Rom 3. 12. 1619) in der gleichen Profession tätig. Darüber hinaus wird er als Wasserbau-Ingenieur und Doktor der Rechtswissenschaften erwähnt. Er soll mit Caravaggio und Annibale Carracci befreundet gewesen sein. Ebenso ist der Enkel Martino il giovane (Rom 18.3.1602 – Rom 1657 oder Viggiù 1660) als Architekt in Rom tätig. Auch von ihm wird berichtet, dass er Rechtsgelehrter war und wie sein Vater und Großvater Mitglied der Accademia di San Luca (http://www.viggiu-in-rete.org/ilonghi.htm).

In Rom findet Martino Longo sehr rasch gute Auftraggeber aus dem Kreis kirchlicher Würdenträger. Papst Sixtus V., die Kardinäle Alessandro de Medici (der spätere Papst Leo XI.), Petrus de Deza und Marcus Sittich von Hohenems lassen ihn für ihre Zwecke bauen. Letzterer setzt ihn besonders oft ein: Villa Mondragone (in dieser Villa unterschrieb 1582 Papst Gregor XIII. das Dokument ‹Inter gravissimas pastoralis offici nostri curas›, welches den Julianischen Kalender reformierte), Palazzo Altemps, Umgestaltung der Sakramentskapelle zur Cappella Altemps in S. Maria in Trastevere – und Palast in Hohenems.
 

5. WERKE (VORARLBERG)

5.1 Palast in Hohenems
„Bemerkt sei noch, daß das Schloß ansehnliche Archivräumlichkeiten im Erdgeschoß besitzt, in dem [sic] noch ein ziemlich umfangreiches archivalisches Material verwahrt wird“ (Ulmer, 284). Eben dieses Archiv hat Ludwig Welti weitgehend bearbeitet und erstmals Martino Longo als Autor der Pläne genannt.
Der Fürstbischof von Konstanz und Kurienkardinal Marcus Sitticus (Sittich, Sittico) von Hohenems (Altemps), Sohn des Grafen Wolf Dietrich von Ems und der Oberitalienerin Chiara de Medici, beauftragte Martino Longo mit der Planung eines Renaissance-Palastes in Hohenems.
„Palast 1562–1567 im Rohbau im Auftrag des Kardinals Markus Sittich von Hohenems nach Plänen des Architekten Martino Longo erbaut, am Anfang des 17. Jahrhunderts von Graf Kaspar von Hohenems zur Residenz ausgebaut und mit ausgedehnten Parkanlagen
im Stile von Hellbrunn bei Salzburg versehen. Das von Martino Longo 1566 erbaute Lusthaus auf dem Haidenfeld wurde 1770 abge-brochen. Das um dieselbe Zeit im Auftrage des Kardinals erbaute Rathaus diente ursprünglich als Taverne und Gästehaus“ (ÖKT, 402).
„Die Dreiflügelanlage des Martino Longo ist nach der Landshuter Stadtresidenz das früheste Zeugnis reiner italienischer Renaissance
im Norden“ (Sayn-Wittgenstein, 185).
Christoph Bertsch stellt in einem Beitrag im Römischen Jahrbuch für Kunstgeschichte die vier noch vorhandenen Pläne Longos zum Palast sowie drei Pläne zum Lusthaus mit Bezug zu Welti 1954 und 1963 vor (Bertsch, 174 ff.). Neu werden bei Bertsch vier Briefe von Longo an Graf Jakob Hannibal aus dem Jahr 1566 in der Originalsprache publiziert. Darin zeigt sich auch, dass der italienische Architekt zumindest im Jahr 1566 die Arbeiten in Hohenems persönlich leitete (Bertsch, 183 f.).
Über den Charakter und die lange Bauzeit des Hohenemser Palastes erhalten wir ein Bild durch Samuel Jenny: „Fremdartig, aber glanzvoll ragt der Bau in italienischer Spät-Renaissance hervor, dessen Vorbild in einem lombardischen Palaste zu suchen sein wird. Würdig des mächtigen Geschlechtes, welches damals die höchste Stufe des Ansehens erstiegen, trug sein Plan ein großartiges vielversprechendes Gepräge; aber den Erbauer, Kardinal Marcus Sitticus, riß der Tod 1595 hinweg, bevor er ihn seiner Vollendung zuführen konnte, und sein Neffe Graf Kaspar, dem diese Aufgabe zufiel, verkümmerte durch seine Sparsamkeit eine würdige und entsprechende Ausführung. Vieles ist nur gemalt, was plastisch sein sollte, und die Ausschmückung mit Statuen, welche die Nischen der Hofwand, der Arkaden, Korridors und Treppenhäuser beleben, fiel nur besseren Steinmetzen anstatt Künstlern zu“ (S. JENNY, 451, zit. nach ULMER, 282).

5.2 Umbau- und Sanierungsarbeiten auf Schloss Ems
Zur selben Zeit, da der Palast in Hohenems erbaut wurde, war auch eine Instandsetzung der Burg (Schloss) Alt-Ems hoch über dem
Tal an Martino Longo in Auftrag gegeben worden. Sie muss in schlechtem Zustand gewesen sein, sollte aber für die Ankunft Graf Hannibals und seiner sechzehnjährigen Frau Hortensia im Herbst 1566 wieder so bewohnbar sein, dass die junge Frau den gewohnten Komfort nicht arg vermissen möge. Im Besonderen geht Longo im Brief vom 25. August 1566 auf die Fortschritte dieser Instandsetzungsarbeiten ein: im Saal die Verkleidung in Arbeit, Türen und Fensterrahmen poliert, Mauern weiß getüncht, Mauern erhöht und die Decken wieder angebracht, Glasfenster anfertigen lassen bzw. ausbessern lassen.
Am 7. Dezember 1566 schreibt er sodann an Graf Hannibal, dass er die Stuben und Zimmer des Schlosses aufs netteste habe putzen und aufs allerbequemste mit Betten, Tischen und Skabellen einrichten lassen. Auch den Brunnen habe er wieder hergerichtet und ringsum mit Steinornament versehen und an den Saalwänden die Gemälde anbringen lassen.
Am 28. Jänner 1567 trifft Hannibal mit Hortensia in Feldkirch ein und kündigt für den nächsten Tag den Einzug in Ems an (Welti, 102, passim). Die Maßnahmen waren erforderlich, da der Palast zum Zeitpunkt der Rückkehr Graf Hannibals noch lange nicht fertig war.
Im Übrigen ist über die Baumaßnahmen auf Alt-Ems nichts Genaueres bekannt. Die weiter gegen Emsreute zu gelegene Burg
Neu-Ems scheint in diesem Zusammenhang nicht auf.

5.3 Lusthaus in Hohenems
Neben den Plänen zum Lusthaus wissen wir aus den Briefen Martino Longos einiges über dessen Erbauung. Am 25. August 1566 schreibt Longo, dass die vier Fassaden des Gartenhauses ungefähr vier Fuß über den Erdboden gediehen seien und die Fundamente
für die Ecktürme ausgehoben werden (Bertsch, 183).

„Der Bau des Lusthauses im Zentrum der weiträumigen Gartenanlagen des Schlosses gelegen, wurde 1566 nach Plänen des Archi-tekten Martino Longhi begonnen, aber erst in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts beendet. Der Bau wurde 1770 abgebrochen.
Die lange Bauzeit brachte Planänderungen mit sich“ (VLM, 203).

6. ABBILDUNGEN (VORARLBERG)

Longo_Hohenems_Palast_EG_Schwaerzler Longo_Hohenems_Palast_1OG_Schwaerzler
6.1
Hohenems, Palast, EG, 1562
VLM, 200
6.2
Hohenems, Palast, 1.OG, 1567
VLM, 200
Longo_Hohenems_Palast_2OG_Schwaerzler Longo_Hohenems_Palast_Hoffassade_Schwaerzler

6.3
Hohenems, Palast, 2.OG, 1567
Bertsch, 176

6.4
Hohenems, Palast, Hoffassade, 1566
VLM, 201

 

Longo_Hohenems_Lusthaus_Schwaerzler Longo_Hohenems_Lusthaus_1OG_Schwaerzler Longo_Hohenems_Lusthaus_2OG_Schwaerzler
6.5
Lusthaus, Erdgeschoss, 1566
Bertsch, 180
6.6
Lusthaus, 1.OG, 1566
VLM, 202
6.7
Lusthaus, 2.OG, 1566
Bertsch, 181

 

6.8
Hohenems, Palastportal
Held, Abb. 21

Longo_Hohenems_Palastportal_Schwaerzler

 

Longo_Hohenems_SchlossundLusthaus_Schwaerzler Longo_Hohenems_SchlossundBurgAltembs_Schwaerzler
6.9
Ansicht von Hohenems mit Schloss und Lusthaus
A. 17.Jhdt., Salzburg Schloss Hellbrunn;
ÖKT, Abb. 396
6.10
Hohenems mit Schloss und Burg Altembs
Stich aus Daniel Meißners
Thesaurus Philo-Politicus (1623–31); ÖKT, Abb. 395

 

7. BIBLIOGRAPHIE

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Bertolotti, Antonio, Artisti lombardi a Roma, Milano 1881.
Bertsch, Christoph, Briefe und Pläne von Martino Longhi d. Ä. aus dem Palastarchiv zu Hohenems, in: Römisches Jahrbuch
für Kunstgeschichte, 1990, Bd. 26, S. 173–184.
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JENNY, Samuel, Architektur in Vorarlberg, einschließlich der Burgen und Schlösser, in: Oesterr.-ung. Monarchie, Tirol u. Vorarlberg o. J.
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Welti, Ludwig, Graf Caspar von Hohenems 1573–1640. Ein adeliges Leben im Zwiespalte zwischen friedlichem Kulturideal
und rauher Kriegswirklichkeit im Frühbarock, Innsbruck 1963.

 
©Franz & Gerlind M. Schwärzler, April 2005

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Th.-B.
Thieme, Ulrich, Becker, Felix, Künstler-Lexikon, Leipzig o.J.
VLM

Vorarlberger Landesmuseum (Hg.), Hohenemser und Raitenauer im Bodenseeraum, Bregenz 1987.

ÖKT
Frey, Dagobert (Hg.), Österreichische Kunsttopographie XXXII, Die Kundstenkmäler des politischen Bezirks Felkdirch, Wien 1958.

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