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Bettelverbote – erste Schritte der Intervention
Ein Kunst- und Kulturprojekt der Initiative Minderheiten Tirol
in Kooperation mit der Bettellobby Tirol

 

Zeit: Samstag, 5. April 2014, ab 13:00 Uhr
Ort: Die Bäckerei – Kulturbackstube, Dreiheiligenstraße 21a, Innsbruck


Die Debatte über Bettelverbote und die Kriminalisierung von Bettler_innen ist im Zuge einer  gesetzlichen Neuregelung in Tirol angekommen und beginnt auf Hochtouren zu laufen. Bevor die Denkmuster durch die ewige Wiederholung eingeprägt sind und Schlagwörter wie „Bettelmafia“ oder „organisierte Banden“ in ihrer inszenierten Bedrohlichkeit zum selbstverständlichen Argumentationsrepertoire gehören, bevor sich mittels diskursiver Macht der letzte Rest an kapitalismuskritischen Sichtweisen und an der Bereitschaft zu Solidarität verflüchtigt hat, fangen wir schon mal an zu intervenieren, bevor es zu spät ist. Ziel des Projektes ist es, Betteln als Thema auf die Agenda kritischer künstlerisch-kreativer und politischer Netzwerke zu setzen.
Als Auftakt des dreiteiligen Kunst- und Kulturprojektes findet ein Symposium mit Künstler_innen, Wissenschafter_innen und Aktivist_innen (insbesondere aus Wien, der Steiermark, Salzburg und Tirol) statt:

Aus organisatorischen Gründen ist eine Anmeldung bis Donnerstag, 3. April 2014 dringend erforderlich: im.tirol@minorities.at oder 0650-33 08 666.

Hier finden Sie das Programm zum Herunterladen   

 



Part I: Symposium
Bettelverbote im Widerspruch:
Debatten – Argumente – Interventionen

Programm

13:00 Uhr - Begrüßung, anschl. Diskurse & GegenArgumente

Referentin: Elisabeth Kapferer
Titel: Armut, Öffentlichkeit und öffentliches Armutswissen

Sei es im Wahlkampf, in den Medien, am Stammtisch: Armut in Österreich ist Thema. Die Armutsdebatte wird öffentlich und vielfältig geführt – oft erbittert, selten sachlich. Wenn mit Interventionen auf die Debatten reagiert werden will, verdient nicht nur das „Was“ der entsprechenden Äußerungen und herrschenden Bilder, sondern auch das „Woher“ und „Wohin“ Aufmerksamkeit. Um was für eine Art Wissen handelt es sich bei „öffentlichem Armutswissen“ und um wessen Wissen geht es dabei? Vor allem aber: Aus welcher Perspektive kommt es und was können Hintergründe sein? Und was sind schließlich die Konsequenzen solches Wissens und seiner Äußerungen und somit mögliche Andockpunkte für Intervention?

Referent: Stefan Benedik
Titel: Von der „Verletzung kultureller Gefühle“ bis zum „Schandfleck, der ausradiert gehört“. Konstruktionen von Bettler_innen als Bedrohung in österreichischen Medien

Seit 25 Jahren sind auch im öffentlichen Raum österreichischer Städte Menschen präsent, die als transnationale Arbeitsmigrant_innen bezeichnet werden können. Obwohl die sozialen Praktiken von Betteln, Straßenmusik, Straßenzeitungsverkauf etc. kaum Konfliktpotential gezeigt haben, gerieten sie in den Medien häufig zu äußerst kontroversiell diskutierten Themen. Der Vortrag wird exemplarisch einige jener Diskursfiguren und Bilder vorstellen, die in den öffentlichen Diskussionen am weitesten verbreitet sind und dabei auch die Vorstellungen von „Kultur“ und Geschlechterrollen herausarbeiten. Abschließend wird auch das Engagement von Organisationen, die für die Betroffenen intervenieren, im Verlauf und Charakter dieser Auseinandersetzungen analysiert.

15:00 Uhr

Referent: Ferdinand Koller
Titel: Gegenargumente zum dominanten Diskurs

Der Diskurs um Bettelverbote ist vom Bild einer Bettelmafia geprägt, welche die Bettler_innen ausbeuten würde. Politiker_innen argumentieren, dass einerseits die Bettler_innen geschützt werden müssen, andererseits die Bewohner_innen der Städte. Doch neben diesem Argument finden sich noch andere, mit denen Bettelverbote legitimiert werden: Bettler_innen stören das Stadtbild und schaden Tourismus und Wirtschaft; Bettler_innen sind ein Sicherheitsproblem und stellen eine unzumutbare Belästigung dar; Almosen sind keine „nachhaltige“ Hilfe. Diese Argumente werden analysiert, gemeinsam werden im Anschluss Gegenargumente entwickelt.

Titel: Kurzfilm mit Diskussion: „Graz – Hauptstadt des Bettelverbots“

AT / 2011, Regie: Heinz Trenczak (Vis-à-vis Film), 29 min. Mit David Kranzelbinder, Norbert Prettenthaler, Thomas Raggam, Peter Stachl, und sehr vielen anderen, u.a. Theater am Bahnhof.
Ab Februar 2011 wurde bei der großen Demonstration vor dem Landhaus und in der Herrengasse und bei der gleichzeitigen entscheidenden Sitzung im Steiermärkischen Landtag, bei der Plakataktion rund um das Bettelverbot sowie bei der Eröffnung der Ausstellung „Wir alle sind Bettler, das ist wahr“ im Grazer Stadtmuseum gedreht. Aus diesen Materialien entstand ein mehr oder minder polemisches Videodokument.

16:45 Uhr: Rechtliche Rahmenbedingungen & aktivistische Netzwerke

Referentin: Barbara Weichselbaum
Titel: Landesrechtliche Bettelverbote und die Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofes

Der Verfassungsgerichtshof (VfGH) hat sich im Jahr 2012 in mehreren Entscheidungen mit der Frage der Zulässigkeit des Bettelns beschäftigt. Kernaussagen sind, dass „stilles Betteln“ erlaubt ist und die Regelung von Bettelverboten in die Kompetenz der Länder ("örtliche Sicherheitspolizei") fällt. Bettelverbote sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt. Im Vortrag sollen auch Fragen aufgegriffen werden, die der VfGH in seinen Entscheidungen unbeantwortet gelassen hat, wie etwa die Auslegung des Begriffs „organisiertes Betteln“ oder ob das Erschweren der Benützung eines öffentlichen Ortes für andere Personen durch Bettler_innen tatsächlich die Form eines „Missstandes“ annehmen kann, der der Landeskompetenz „örtliche Sicherheitspolizei“ zuordenbar ist.

Titel: Podiumsgespräch mit Aktivist_innen aus Österreich
Es diskutieren: Nora Musenbichler (Graz), Hans-Peter Graß und Desirée Summerer (Salzburg), Marion Thuswald und Ferdinand Koller (Wien), Ricarda Kössl, Elisabeth Hussl und Philipp Sperner (Innsbruck)

In den letzten Jahren gibt es in Österreich vermehrt Widerstand gegen die Kriminalisierung von bettelnden Menschen. Solidarität und Protest nehmen dabei vielfältige Formen an und hinterlassen kontroverse Spuren. Im Mittelpunkt des Podiumsgesprächs mit Aktivist_innen aus Österreich stehen Fragen nach Möglichkeiten, Erfolgen und Grenzen von Interventionen durch Reflexion praktischer Erfahrungen. Handlungsperspektiven und Vernetzungen sollen dabei ebenso thematisiert werden wie Widersprüche und Rückschläge. Was sollen und können Interventionen bewirken, wo setzen sie an, worauf zielen sie ab? Und welche Strategien werden angewendet?

18:45 Uhr: Austausch & Handlungsperspektiven

In parallel angebotenen Gesprächsgruppen besteht die Möglichkeit, sich zu speziellen Themenbereichen und Fragen zu informieren, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Handlungsperspektiven zu entwickeln.

Gesprächsgruppe: Gemeinsame politische Arbeit mit bettelnden Menschen?!
Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit bettelnde Menschen ihren eigenen Stimmen Gehör verschaffen können? Wie können sie in der Selbstorganisierung unterstützt werden? Die gemeinsame Diskussion von Fremd- und Selbstrepräsentationen und der Erfahrungen aus anderen Bundesländern führen möglicherweise auch zu Ideen oder konkreten Projekten, die in Innsbruck/Tirol umgesetzt werden können.
Input und Moderation: Marion Thuswald, Philipp Sperner
 
Gesprächsgruppe: Macht der Medien – machtlose Interventionen?
Mythen wie die Redeweise von „organisierten Bettelbanden“ oder Stereotypisierungen von bettelnden Menschen in der Medienberichterstattung spielen eine zentrale Rolle in der Wahrnehmung von und im Umgang mit bettelnden Menschen – mit Hetze wird Stimmung erzeugt, mit Bedrohungsszenarien werden repressive Maßnahmen gerechtfertigt. Welche Möglichkeiten der Intervention gibt es, wie wirkungsvoll können sie sein?
Input und Moderation: Nora Musenbichler, Stefan Benedik

Gesprächsgruppe: Herausforderungen – Persönlicher Umgang mit bettelnden Menschen
Geben – Vorbeigehen – Hinschauen – Wegschauen: Die Begegnung mit bettelnden Menschen löst – individuell – unterschiedliche Emotionen aus. Die Gesprächsgruppe eröffnet einen Raum für Diskussion und Selbstreflexion und stellt die Frage nach einem verantwortbaren Umgang mit bettelnden Menschen.
Input und Moderation: Ferdinand Koller, Elisabeth Hussl

Gesprächsgruppe: Betteln & Bettelverbote als Thema der Bildungsarbeit
Je klarer die eigene Haltung und Einstellung gegenüber bettelnden Menschen und Armut ist, desto unaufgeregter verläuft auch die Begegnung. Genau hier kann (außer)schulische Jugendarbeit und Erwachsenenbildung ansetzen. Diese Gesprächsgruppe gibt Anregungen, sich mithilfe unterschiedlicher methodischer Zugänge dem Thema bewusst und reflektiert anzunähern, um den Prozess der Meinungsbildung abseits von Polemik und „Legende“ zu unterstützen.
Input und Moderation: Desirée Summerer, Hans Peter Graß

Gesprächsgruppe: Soziale Arbeit – Unterstützungsmöglichkeiten
Direkte Unterstützung von bettelnden Menschen insbesondere in der Sozialen Arbeit ist mit vielen Grenzen konfrontiert. Um unterschiedliche Unterstützungsmöglichkeiten auszuloten, wird sich die Gesprächsgruppe u.a. mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen, mit basaler Versorgung, Existenzsicherung und aufenthaltsrechtlichen Fragen beschäftigen.
Input und Moderation: Franz Vallentin, Ricarda Kössl, Michael Neuner

19:30 Uhr: Abendessen

20:00 Uhr: Zusammenfassung & Perspektiven

20:30 Uhr: Kunst & Intervention

Titel: Gespräch mit der Filmemacherin Ulli Gladik

Die Filmemacherin Ulli Gladik hat eine Reihe von Kurzfilmen gedreht, in denen die Stimmen der Betroffenen zum Nachdenken anregen: Interview Beata (2006), Iveta und Bandi (2006), „Die Polizei ist die Mafia“ (2005) oder „Frau Martinas Kampf gegen das Wiener Bettelverbot“ (2011). Das Gespräch mit der Regisseurin führt Daniel Pöhacker.

21:15 Uhr
Filmvorführung: „Natasha“

AT / 2008, Regie: Ulli Gladik, 84 min, Bulgarisch mit deutschen oder englischen Untertiteln.
Natasha lebt in einer kleinen Stadt in der Nähe von Sofia/Bulgarien. Um ihre Familie zu ernähren, fährt sie seit drei Jahren mehrmals jährlich nach Österreich um zu betteln. Ulli Gladik, Kamerafrau und Regisseurin in Personalunion, begleitete Natasha und ihre Familie im Zeitraum von fast zwei Jahren. Der Film zeigt Natashas Alltag als Bettlerin in Österreich und die Lebensumstände in ihrer Heimat. Arbeitsplätze gibt es dort kaum. Die ehemaligen staatlichen Fabriken und Kolchosen dienen nun den Altmetallsammler_innen, die mühsam Drahtreste und Metallabfälle zusammen suchen und um ein paar Cent verkaufen. Nach dem Ende des Realsozialismus ist Natashas Familie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Zu jung um in Pension zu gehen, ohne Aussicht auf einen Arbeitsplatz und praktisch ohne Perspektiven versucht die Familie, mit Natashas erbettelten Geld das Leben in ihrem Haus, das seit Jahrzehnten im Rohbau ist, erträglich zu gestalten (http://www.natasha-der-film.at/)



Ausstellung in der Bäckerei

Plakatserie: „Betteln – Armut hat ein Gesicht“.
Fotoporträts von in Graz Bettelnden in der Grazer Innenstadt.
Konzept: Arian Andiel
Fotografie: Arian Andiel und Paulus Jakob

Im täglichen Straßenbild werden Bettler_innen oft nur als Bildschatten ungefähr in Kniehöhe der Vorbeigehenden wahrgenommen so wie ihre Gesichter zum Teil in unterwürfiger Haltung verschwinden. Trotzdem sind sie ein Ärgernis für sozial deutlich besser ausgestattete Menschen. Wie so oft werden nicht die Ursachen reflektiert und (sozial-)politische Verbesserungen eingeleitet, sondern gedankenlos eine Projektion genützt, um Abneigungen, oft sogar Feindbilder zu konstruieren. Die Dokumentation und die Verdeutlichung von Haltungen sind seit jeher auch Methoden künstlerischer Arbeit.


Konzept und Organisation:
Initiative Minderheiten in Kooperation mit Bettellobby Tirol

Initiative Minderheiten Tirol
Lisa Gensluckner
Jahnstraße 17, 6020 Innsbruck
Tel. und Fax: 0512-586783; Mobil: 0650-3308666;
im.tirol@minorities.at; www.minorities.at

Bettellobby Tirol
Ricarda Kössl, Elisabeth Hussl, Philipp Sperner
c/o Initiative Minderheiten
Jahnstraße 17, 6020 Innsbruck
Tel.: 0680-2322355
bettellobby-tirol@gmx.at


Eine Veranstaltung von Initiative Minderheiten und Bettellobby Tirol in Kooperation mit:
Arbeitskreis Wissenschaft und Verantwortlichkeit (kurz: WuV)
Forschungsschwerpunkt Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte, Universität Innsbruck
Vizerektorat für Lehre und Forschung, Universität Innsbruck
Land Tirol, Kulturabteilung: Das Projekt wird gefördert vom Land Tirol im Rahmen von tki-open 2014.
 


Semesterschwerpunkt: Beziehungsprobleme? Der Staat und seine Bürger_innen