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MontagsfrühstückDas Montagsfrühstück im Mai wäre der Frage nach dem Verhältnis von Leben, Werk und Wirklichkeit nachgegangen: Inwieweit und in welcher Form ‚transformieren‘ Autorinnen und Autoren in ihren Texten persönliche und gesellschaftliche Realitäten zu literarischer Fiktion? Und wie begegnen wir als RezipientInnen diesem Phänomen? Soll klar zwischen AutorInnenbiographie, ‑meinung und Werk unterschieden werden? Und wer darf dann über wen schreiben? Dürfen sich AutorInnen die Erfahrungen anderer in ihrem Werk zu eigen machen? Wenn nein, was hat das für Folgen für die Fiktionalität? Werden literarische Texte wegen ihrer Fiktionalität gar suspekt?

All diese Fragen haben vor dem Hintergrund der vergangenen Monate an Besonderheit und Aktualität gewonnen, und es ist sehr schön, dass die Schriftstellerin Bettina Balàka und der Komparatist Martin Sexl unserer Einladung gefolgt sind, einen Text dazu zu verfassen und ihn uns und den Leserinnen und Lesern zur Verfügung zu stellen.

Lesen Sie also Bettina Balakas Essay „Der Indianer in uns“ und Martin Sexls Briefessay Warum wir nicht nur Virologie und Epidemiologie benötigen, um Politik zu machen, sondern auch Literatur und Kunst“ – und denken Sie bei Kaffee und einem Croissant an uns!

(Ebenfalls erschienen auf der Homepage des Literaturhaus am Inn, wo es auch sonst viel zu entdecken gibt!)


Warum wir nicht nur Virologie und Epidemiologie benötigen, um Politik zu machen, sondern auch Literatur und Kunst
Martin Sexl

 

Liebe Anna,

 

Du hast mich vor geraumer Zeit gefragt, ob ich anstelle eines Statements für das Montagsfrühstück im Mai 2020, das nun nicht stattfinden kann, einen schriftlichen Text verfassen möchte. Das Schreiben mag ich ja an und für sich lieber als das Reden, aber beim Nachdenken über das Thema, über den nicht stattfindenden Vormittag (mit einem Publikum bei Kaffee) sowie über die nun verpasste Begegnung mit Bettina Balàka wurde mir bewusst, dass eine lebendige Diskussion mit Menschen, die sich mit ihrem Körper, einem Lächeln, einer gerunzelten Stirn oder dem Ausdruck von Unbehagen im gleichen Raum befinden, nicht mit ein paar Seiten Text ersetzt werden können. (Zumal sich zum Thema des Verhältnisses von Leben, Werk und Wirklichkeit ohnehin schon hunderte und tausende Texte finden lassen, die allermeisten davon von weit berufeneren Autor*innen als ich.)

In den letzten Wochen der Online-Lehre an der Universität habe ich erfahren müssen, dass eine Debatte über Literatur und/oder wichtigen Themen unserer Zeit – und Geisteswissenschaft besteht im Führen, Analysieren und Dokumentieren solcher Debatten – die physische Präsenz von Menschen braucht, selbst in Formaten, die, wie Vorlesungen, nicht interaktiv zu sein scheinen. Inzwischen weiß ich, dass sie es sind. Aber gut: Machen wir das Bestmögliche daraus. Dass alles, was Du jetzt lesen wirst, stark von meiner persönlichen Sicht geprägt ist, muss ich wohl nicht eigens voranstellen.

Damit die Distanz zwischen dem Dialog und dem Schreiben wenigstens um einen bemerkbaren Hauch minimiert wird, habe ich für mein Schreiben die Form eines Briefes gewählt. Ich habe mich ›einfach‹ hingesetzt und mit dem Schreiben begonnen, ohne Plan (ich verfertige meine Gedanken beim Schreiben), aber mit einer Absicht: mit Dir und Bettina Balàka (und dadurch vielleicht auch mit dem Publikum, das ich mir gerade im 10. Stock des Literaturhauses vorstelle) in einen Dialog zu treten.

Ich möchte einen Austausch zumindest simulieren, und der Begriff Simulation bezeichnet ja schon eine wichtige Leistung vieler literarischer Texte in ihrem Verhältnis zur so genannten Wirklichkeit. »Simulationen« benötigt man dann, wenn man »Systeme« verstehen will, »die für die theoretische oder formelmäßige Behandlung zu komplex sind« (so steht es zumindest im entsprechenden Wikipedia-Artikel). Ein bisschen pathetisch formuliert könnte man sagen, dass Literatur mit hochkomplexen Systemen, an denen Wissenschaft und Alltagsverstand scheitern, zurechtkommen.

Dass die Beziehungen zwischen der Simulation und dem Simulierten verwinkelt, manchmal dunkel, vielfältig, ambivalent und niemals einfach sind, muss ich Dir gegenüber, denke ich, nicht eigens erwähnen. Ich stelle es vor allem in der universitären Lehre fest: Wenn ich etwa mit Studierenden in einem Seminar über einen literarischen Text spreche, dann gehen diese am Ende des Seminars ja nicht einfach raus und sagen sich: »Oh, jetzt sehe ich die Welt so und so/anders/neu/verkehrt/besser/vollständiger/etc.«, sondern sie telefonieren mit einer Freundin oder einem Freund, rauchen ein Zigarette, denken über den Film vom Abend zuvor im Kino nach, blinzeln in die Sonne, freuen sich auf den Ausflug auf die Arzler Alm usw. Studierende – wie wir alle – lesen nicht nur, sondern bewegen sich in einem Netz von Bezügen, Kommunikationen und diskursiven wie nicht-diskursiven Handlungen, dessen Komplexität den Glauben, über den Bezug zwischen Texten und der Wirklichkeit etwas Haltbares aussagen zu können, wie Hybris erscheinen lässt. Zumal ja so vieles in diesem Netz nicht reflektiert, sondern unterschwellig und implizit wahrgenommen wird.

Wir dürfen den Einfluss von Literatur in diesem Bezugssystem nicht überschätzen, aber genauso wenig sollten wir ihn unterschätzen: Ich bin überzeugt davon, ohne einen stichhaltigen Beleg dafür anführen zu können, dass es um unsere Welt schlechter bestellt wäre, wenn wir nicht literarische Texte hätten (und andere Kunstformen etc.) – inklusive der handfesten sozialen (ökonomischen und politischen) Struktur, die uns diese Texte in welcher Form auch immer zur Verfügung stellt: Verlage, Buchhandlungen, Jurys, Subventionen, Preise, Schulen, Literaturhäuser, Festivals, Buchmessen, Kulturzentren, Universitäten etc. Dass alles, was wir als Literatur bezeichnen, aus Prozessen des Kodierens, Dekodierens und Rekodierens (um es ein bisschen technisch auszudrücken) besteht, ist, denke ich, einsichtig. (Mir fällt gerade Christoph Hinterhubers Kunstwerk de-decode de-recode re-decode re-recode ein, das Du sicher kennst und das sich auf der Brücke der alten Hungerburgbahn über den Inn befindet.) Wenn wir von Literatur sprechen, reden wir also nicht alleine von Büchern, die wir in der Hand halten, sondern von sehr komplexen Vorgängen des Verstehens und Erkennens, des Missverstehens und Verkennens, des Konstruierens und Dekonstruierens. Dass diese Vorgänge sehr viel Zeit brauchen, kann ein Nachteil sein, denn erstens ist Zeit in einem hyperkapitalistischen System eine Ware wie alles andere auch und daher einem harten Konkurrenzkampf ausgesetzt, und zweitens erfahren wir gerade eine Zeit, in der sehr schnell gehandelt werden muss. (Dass das Montagsfrühstück »Forum für strategische Langsamkeit« im Untertitel trägt, ist kein Zufall.)

Eine erste Einschränkung sei vorweg gleich formuliert: Wenn hier von Literatur die Rede ist, dann kann natürlich nicht alles gemeint sein, was unter diesem Begriff produziert, rezipiert, vermittelt, benannt, besprochen, beworben, verkauft, katalogisiert, analysiert, verdammt, be- und verurteilt oder gesammelt, also ganz einfach behandelt wird. Ein futuristisches Gedicht ›funktioniert‹ ja völlig anders als ein naturalistischer Roman, und zwischen dem, was uns irgendein Text und einer der großen russischen oder französischen Romane des 19. Jahrhunderts sagt, haben sehr viele Missverständnisse Platz. Reden kann man daher eigentlich nur über beispielhafte Einzelfälle – und das werde ich weiter unten auch tun –, womit wir genau genommen schon bei einer zweiten großen Leistung von vielen literarischen Texten angelangt sind: Sie ›schildern‹ in der Regel nicht die Wirklichkeit schlechthin, was auch immer das überhaupt sein könnte, sondern die Wirklichkeit von Emma Bovary, König Lear oder Ilja Iljitsch Oblomow. Das Wort »schildern« ist natürlich eine Krücke, aber nichts Anderes sind alle weiteren Begriffe, die eine Antwort auf die Frage geben wollen, was literarische Texte eigentlich tun und was sie mit uns anstellen: zeigen, darstellen, repräsentieren, vertreten, appellieren, erklären, konstruieren, sagen, rühren, irritieren, desorientieren, unterhalten, informieren, schockieren, aufrütteln, einlullen, vernebeln, herausfordern, in Frage stellen, kritisieren …

Vor einem Missverständnis sei gleich gewarnt: Diese Wirklichkeit, die uns in einem ganz konkreten literarischen Einzelfall begegnet, ist beileibe nicht individuell, sondern sie ist exemplarisch. Sie steht für etwas Allgemeineres. Daher sind literarische Texte letztlich politisch, aber in ihrer Konzentration auf das Konkrete und das Einzelne unideologisch. Du wirst mir entgegnen: »Und was ist mit all den umstrittenen Autor*innen, die mehr oder weniger schamlos und sehr oft dogmatisch Ideologien vertreten haben?« Ich habe von Texten gesprochen, aber Du hast natürlich recht: Man kann diese niemals ohne ihren Kontext betrachten. Und das heißt natürlich, dass man die Aussagen und das Handeln ihrer Urheber*innen nicht außer Acht lassen darf.

Aber der Kontext geht weit über Texte und ihre Autor*innen hinaus, denn man darf nicht vergessen, dass nicht nur die Texte und ihre Urheber*innen für das zur Verantwortung gezogen werden müssen, was man ganz generell die Bedeutung der Literatur nennen könnte. Auch die Leser*innen, die Medien, das Nobelpreiskommittee in Schweden, Jurys, Literaturhäuser, Studierende, Eltern von Kindern, die Politik, die Wirtschaft, Verlage, der Buchhandel etc. Es hilft nichts: Wenn wir die Frage nach dem Wirklichen (und damit auch dem Politischen) in der Literatur stellen, dann müssen wir sehr weit ausholen und eine tiefgreifende Diskussion nicht scheuen. In Abwandlung einer Passage aus Zadie Smiths Buch Freiheiten, das Du mir dankenswerterweise für die Vorbereitung auf das Montagsfrühstück empfohlen hast, müsste man sagen: Raus (aus dem Text) oder tiefer rein (in die Diskussion)! Dass wir, wenn wir tiefer ›reingehen‹, keine eindeutigen Antworten finden werden, und schon gar keine einfachen, ist klar – auch wenn wir so gerne Klarheit hätten. (»Hat er nun den Nobelpreis zurecht bekommen oder nicht?!?«) Das Nachdenken über den Kontext bedarf auch der Reflexion des eigenen Standpunkts in einem nahezu wörtlichen Sinne: Von wo aus spreche ich? Zu wem spreche ich? Mit wem spreche ich? Wer kann mich hören? Verstehen? Wer bezahlt die Kosten, die das Sprechen und Sprechen-Können verursacht? – ich könnte noch hunderte Fragen anführen.

»Tiefer rein in die Diskussion« bedeutet, Wissen zu generieren. Und dieses Wissen prägt den Eindruck, den man von einem Buch hat. ›Unschuldige‹ Lektüren gibt es nicht. Man kann es meines Erachtens auch noch deutlicher formulieren: Die Bedeutung eines Textes wird durch das Wissen, das man sich über Texte und ihre Autor*innen aneignet, geprägt. Es ist heute ohnehin nahezu unmöglich geworden, nichts über die Autor*innen von Büchern zu wissen, so sehr sind wir ihrer Medialisierung ausgesetzt. Bevor Du, liebe Anna, heute ein Buch kaufst, hast Du ja wahrscheinlich schon zehn Werbeeinschaltungen, zwei Berichte der Frankfurter Buchmesse und die Homepage der Autorin oder des Autors gesehen und gelesen, vor allem Du als Leiterin eines Literaturhauses. Für mich gilt ja Ähnliches. Wir beide zählen berufsbedingt zur Gruppe professioneller Leser*innen, wobei uns immer klar sein muss, dass wir Kanones bilden, ständig: Wenn Du eine Autorin oder einen Autor einlädst, dann hast Du zehn andere nicht eingeladen. Und wenn ich in einem Seminar zehn Bücher vorschlage, dann habe ich tausend andere eben nicht vorgeschlagen. Unsere Entscheidungen betreffen andere Menschen, etwa das Publikum im Literaturhaus oder Studierende in meinen Lehrveranstaltungen. Die Studierenden sind irgendwann Ex-Studierende und arbeiten in Verlagen, Buchhandlungen oder Kulturzentren, wo sie ihrerseits wieder bestimmte Entscheidungen treffen und treffen müssen, die vielleicht von dem bestimmt sind, was sie einst erfahren haben. Und wenn sie vielleicht irgendwann Kinder bekommen und ihnen Geschichten vorlesen, werden ihnen diese von Buchhändler*innen empfohlen usw.

Aber zurück zum Thema der Simulation: Die Wirklichkeit ist viel zu komplex (was wir im Moment ja eindrucksvoll erleben), um sie alleine mit naturwissenschaftlichen Mitteln oder mit denen des Alltagsverstandes durchdringen zu können. Wir müssen sie vielmehr als Modell nachbauen, eben simulieren. Und gute Schriftsteller*innen tun oft genau das, sie bauen hochkomplexe Modelle einer ganz bestimmten Wirklichkeit, manchmal sogar im Maßstab 1:1. Diese durchquerend und durchwandernd bekommen Leser*innen nicht nur einen Einblick in die Alltags- und Lebenswirklichkeiten der Protagonist*innen, sondern auch in die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen und Strukturen, durch die diese Wirklichkeiten determiniert werden.

Leser*innen bekommen dabei auch eine Sprache für ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse: Wer einen Roman liest, der bewegt sich in einer Welt von Analogien, Beispielen und Metaphern, die dem eigenen Leben eine Art Spiegel oder Reflexionsfolie bieten. Darum erleben wir ödipale Konflikte, fühlen uns in einer kafkaesken Situation (zurzeit wahrscheinlich ganz besonders), kommandieren zu Hause unsere Kinder herum wie King Lear oder fühlen uns eingesperrt in unausgelebten (und im Augenblick auch nicht auslebbaren) Tagträumen wie Madame Bovary.

Die Modelle der Schriftsteller*innen leisten sogar noch mehr: Es sind oft auch Modelle des Denkens und Fühlens, also eine Art Simulation kognitiver Prozesse, die auf der Oberfläche immer als Zeichen sichtbar werden, die wir entschlüsseln können und entschlüsseln müssen. Die Bedeutung dieser Zeichenwelten liegt, wie schon gesagt, nicht in der Hand ihrer Urheber*innen, aber auch nicht in jener der Leser*innen. Niemand hat die Bedeutung der Sprache gepachtet, aber jede Aussage, jedes Gedicht und jede Zeile einer Erzählung hält die Sprache nicht nur am Leben, sondern verändert sie unmerklich. Wir verfertigen unsere Wirklichkeit beim Sprechen und beim Handeln. Du wirst einwenden, dass Modelle immer Reduktionen darstellen. Zadie Smith würde darauf vielleicht antworten (auch wenn das nicht ganz so einfach ist, wie es klingt): »Literatur reduziert Menschen, schlechte Literatur allerdings mehr als gute, und wir können uns immer entscheiden, gute Literatur zu lesen« (Freiheiten, S. 82).

Wer nun aber meint, dass Simulationen Bestehendes (mehr oder weniger reduzierend) einfach nur modellieren, vergisst die dritte große Leistung vieler literarischer Texte: Es sind Erfindungen, fiktionale Produkte. Im Englischen würde man vielleicht sagen: Sie sind imagined, etwas Imaginiertes, Vorgestelltes, vor uns Hingestelltes, selbst dann, wenn man in einem Roman faktische Ereignisse oder historisch verbürgte Personen findet. Dir muss ich das nicht genauer darlegen, denn Du bist ja selbst auch Schriftstellerin und, vor allem, Leserin. Und als solche weißt Du natürlich ganz genau, dass die Modelle, die Du verfertigst, nicht die Wirklichkeit nachbilden, sondern dass wir Wirklichkeit Modellen folgend konstruieren. Dies Konstruktion beginnt in der frühesten Kindheit (wenn uns Geschichten vorgelesen werden) und hört letztlich nie auf. Ein Liebesroman bildet ja nicht das ab, was ich als Leser fühle, sondern entwickelt ein Modell, das meinem Fühlen eine Sprache und vielleicht auch Orientierung bietet. Was mir noch viel wichtiger erscheint: Ein literarischer Text kann mich desorientieren. Und nur, wer desorientiert und irritiert wird, kann aus Routinen ausbrechen und die Kontingenz unseres sozialen Handels – das uns viel zu oft als selbstverständlich oder gar als natürlich erscheint – erkennen. So habe ich Bertolt Brechts episches Theater und das Wirken ›seines‹ berühmten Verfremdungs-Effekts immer verstanden. Im aristotelischen, ›alten‹ Theater (und auch in vielen Romanen, würde ich hinzufügen) wird uns, so Brecht im Kleinen Organon für das Theater, eine Welt vorgeführt, die »nicht als beeinflußbar durch die Gesellschaft (im Zuschauerraum)« gezeigt wird, die also »den gesellschaftlich beeinflußbaren Vorgängen den Stempel des Vertrauten« aufdrückt. Wenn etwas vertraut erscheint, dann halten wir es für evident und einleuchtend: Das »lange nicht Geänderte nämlich scheint unänderbar«, meint Brecht. Der V-Effekt nun soll das Publikum dazu bringen, das Gesehene und Gelesene als geschichtlich entstanden und als veränderbar wahrzunehmen. Für mich ganz persönlich würde ich sagen, dass gute Literatur immer etwas Verfremdendes hat oder vielleicht sogar haben muss.

Literarische Texte geben unserem Denken eine Form, kontextualisieren es dadurch und können dabei zeigen, dass alles, was wir denken, und all unsere Formen zu leben etwas geschichtlich Entstandenes sind. Das mächtigste Instrument, das Schriftsteller*innen zur Verfügung steht, ist ihre Kompetenz und ihr Wille (und alles, was man dazu braucht: Talent, Übung, Zeit, Geld, Kraft etc.), Sprache zu formen. Und je nachdem, wie sie das tun, wird auch unsere Wirklichkeit aussehen. Der ›Inhalt‹ eines Textes – auch wenn die Unterscheidung zwischen Inhalt und Form immer nur eine analytische und vorläufige sein kann – ist selten entscheidend. (Anstelle des Begriffes Inhalt ist vielleicht jener des Materials geeigneter, aber ich denke, Du weißt, was ich meine.) Viel zentraler sind all die Mittel, die bei der Formung von Gedanken zum Einsatz kommen: von Allegorien, Alliterationen, Anaphern und Assonanzen über Metaphern, Metonymien, Montagen und Motiven bis hin zu Zeilensprüngen, Zeugmata und Zwischenreimen. Wie bewusst Autor*innen mit diesem Werkzeugkasten umgehen, weiß ich nicht. Es erscheint mir nicht entscheidend: Ein guter Pianist kann Dir ja auch nicht sagen, was er genau mit seinen Händen macht. Interessant ist jedoch – den Gedanken habe ich auch von Zadie Smith geklaut (aber er trifft ganz meine Erfahrung als manchmal naiver, manchmal professioneller Leser) –, dass sich Leser*innen meist auf Inhalte konzentrieren, während Schriftsteller*innen und professionelle Interpret*innen eine gewisse Formbesessenheit an den Tag legen. Für ›Alltags-Leser*innen‹ ist Das Erdbeben von Chili von Heinrich von Kleist eine Geschichte über eine Naturkatastrophe und ihre seltsamen und schrecklichen Folgen. Professionelle Interpret*innen können tagelang über die Rolle des Konjunktivs in dieser Novelle nachdenken.

Damit Literatur Wirkung entfalten kann, braucht es deren Autonomie, in meinen Augen eine der größten Errungenschaften des 18. Jahrhunderts, wobei Dir und mir klar ist, dass sie immer ein zweischneidiges Schwert war und ist: Ohne Autonomie gibt es zwar keine Freiheit der Literatur, aber gleichzeitig kann diese auch als Argument dienen, die Kraft literarischer Texte im Belletristik-Programm von Verlagen, in Literaturhäusern, Universitätsseminaren oder Theaterspielstätten zu neutralisieren. Noch einmal anders gefasst: Ohne klare Grenze zwischen Politik, Wirtschaft, Religion und Kultur auf der einen Seite und Kunst und Literatur auf der anderen drohen letztere immer vereinnahmt zu werden. Gleichzeitig gilt diese Grenze vielen aber auch als Argument dafür, Kritik auslagern und im Reservat der Kunst und der Literatur einsperren zu können. »Tobt euch dort aus, ihr Chaoten! Dort dürft ihr es, und wir bezahlen euch sogar noch dafür.« Auf jeden Fall hat erst die Autonomisierung der Literatur dazu geführt, dass literarische Texte für alles Mögliche verwendet werden können und werden, sei es für Identifikation, Idealisierung, Analyse, Kritik, Unterhaltung, Bestätigung, Belehrung, Affirmation, Vertretung und vieles andere mehr. Mit anderen Worten: Durch die Autonomie kommt Polyvalenz ins Spiel, und nur die erlaubt es uns, unterschiedliche Handlungsformen durchzudenken und durchzudiskutieren.

Literarische Texte erlauben es uns, anderen zuzuschauen und sie dabei zu beobachten, wie sie unter ganz bestimmten Bedingungen leben und handeln – und dies in einem gefahrlosen Raum, im Spiel. Spiele können etwas sehr Ernsthaftes sein, wie Du weißt, aber sie fallen zum Glück nicht (oder nur sehr selten) mit dem Ernstfall zusammen. Wenn ich im Theater oder im Kino sitze (und für das Lesen gilt im Grunde das Gleiche), dann kann ich zuschauen, und empfinde sogar noch Genuss dabei, wenn sich auf der Bühne oder der Filmleinwand Menschen gegenseitig quälen und umbringen. Und ich muss ihnen nicht zu Hilfe eilen und auch nicht die Polizei rufen – es agieren Schauspieler*innen, und die tun nur so als ob. Dass das extrem intensiv sein kann, hast Du wohl ebenso erfahren wie ich.

 

Du hast mich in einer Deiner letzten Mails gefragt, »inwieweit und in welcher Form Autor*innen in ihren Texten persönliche und gesellschaftliche Realitäten zu literarischer Fiktion ›transformieren‹«. Eine mögliche Antwort kann uns Das Erdbeben in Chili von Heinrich von Kleist geben, ein Text, den ich mit Studierenden sei Jahren immer wieder lese und der bis heute nichts an Aktualität verloren hat. In der Corona-Krise löst diese Novelle zwar kein gegenwärtiges Problem, weist aber mit großer Eindrücklichkeit in die Zukunft (wenn auch in eine, die lieber nicht eintreten sollte). Man kann es auch allgemeiner fassen: Literatur macht Vergangenheit verfügbar, damit wir Zukunft modellieren und simulieren können.

Bekanntlich geht es um die Beziehung zwischen Josephe und Jeronimo, die nicht standesgemäß ist. Josephe wird schwanger und daraufhin zum Tode verurteilt, Jeronimo landet im Gefängnis. Als er dort gerade aus Verzweiflung Selbstmord begehen will, während Josephe zum Hinrichtungsplatz geführt wird, zerstört ein gewaltiges Erdbeben Gebäude und Institutionen, und Josephe und Jeronimo kommen durch Zufall frei. Außerhalb der Stadt treffen sie sich wieder und leben dort mit vielen anderen Überlebenden in einer Art Paradies. Im Glauben, in der Stadt nach diesem verheerenden Unglück und unter neuen Bedingungen Gnade und Begnadigung finden zu können, kehren sie zurück, werden aber in einem Gottesdienst erkannt und vor der Kirche von einem Lynchmob erschlagen, Jeronimo von seinem eigenen Vater, Josephe vom Schuster Meister Pedrillo, der sie seit ihren Kindheitstagen kannte.

Kleist transformiert, wenn man so will, die Debatten über das Theodizee-Problem, über das verheerende Erdbeben von Lissabon von 1755, über die Französische Revolution und über die Napoelonischen Kriege in literarische Fiktion, in dem er erfundene Personen, die im 17. Jahrhundert in Santiago de Chile leben, jene Konflikte ausagieren lässt, die aus der Zerstörung gesellschaftlicher Ordnungen resultieren. Diese Ordnungen haben immer zwei Seiten: Sie sind Zwang und Ermöglichung gleichermaßen. Aber Kleist transformiert nicht nur seine eigene Welt in eine literarische Fiktion, sondern Möglichkeiten unserer Wirklichkeit, also unserer eigenen Zukunft, wenn Du so willst. Denk an die Beklemmungen und rigiden Einschränkungen, die wir zurzeit aufgrund des Coronavirus (auch eine Form Naturkatastrophe) erleiden: Auch diese sind Zwang und Ermöglichung: Sie schränken unsere Freiheit massiv ein und retten dabei Menschenleben. Und weil wir nicht sicher wissen können, welche Konsequenzen das haben wird, müssen wir im gegenwärtigen Tun ständig unsere eigene Zukunft modellieren. Die Lektüre und Diskussion von literarischen Texten, die, wie schon gesagt, Modelle darstellen, helfen uns bei dieser ›prognostischen Arbeit‹. Virolog*innen, Epidemiolog*innen und Ökonom*innen können uns sagen, was wahrscheinlich mit unserer Gesundheit und mit der Wirtschaft passieren wird, wenn wir dieses und jenes tun oder unterlassen – und Politik wie Gesellschaft müssen daraus Handlungsanleitungen entwickeln. Aber sie können uns ebenso wenig wie Politiker*innen sagen, welche wahrscheinlichen (oder auch unwahrscheinlichen) Konsequenzen dies auf den zukünftigen Zustand unserer Gesellschaften haben wird. Wir stehen heute in dieser Corona-Krise ganz am Anfang der Kleistschen Novelle und wissen noch nicht, wie wir einen Weg finden werden, der dauerhafte staatliche Repressionen auf der einen Seite und sozialdarwinistische Zustände auf anderen vermeidet – beides findet sich im Erdbeben – und eine Gesellschaft ermöglicht, in der die Freiheit des Einzelnen garantiert werden kann. Große Worte? Mag sein. Aber es steht auch einiges auf dem Spiel. Und weil viel auf dem Spiel steht, benötigen wir Texte, die uns nicht nur an den eigenen Dogmen und Ideologien zweifeln lassen – und damit ist ganz dezidiert nicht der Zweifel an Fakten gemeint –, sondern auch das in Frage stellen, was wir gemeinhin als natürlich oder zumindest als mehr oder weniger selbstverständlich wahrnehmen, nämlich Dinge wie Geschlecht, Eigentum und Besitz, Klassenverhältnisse, Ethnizität, Identität, Familienverhältnisse, Wirtschaftsformen, Biologie usw.

Dass Naturkatastrophen und ihre Konsequenzen nicht alle Menschen gleichermaßen betreffen, macht Kleist deutlich. Wunderbar deutlich wird es aber auch im Roman Die Tauben von Brünn von Bettina Balàka (die ich sehr gerne persönlich kennen gelernt hätte). Das Buch ist hockaktuell, auch wenn seine Handlung im 19. Jahrhundert angesiedelt ist. Es macht nämlich ein paar wichtige Dinge mit großer Eindrücklichkeit bewusst, wobei dieses Bewusstsein  in der Corona-Krise vielleicht nicht direkt hilft, uns aber sehr wohl dabei helfen kann, in Zukunft für eine gerechtere Ordnung einzutreten. Zwei dieser Dinge möchte ich nennen: (1) Ein Virus (im Buch ist es die Tuberkulose) trifft die Besitzlosen weit härter und direkter und sehr viel häufiger als die Besitzenden (wobei mit Besitz vieles gemeint ist: Geld, Macht, Bildung, Platz, Privatheit, medizinische Versorgung, Ressourcen aller Art etc.); (2) Aberglaube (heute würde man vielleicht noch anhängen: Halbwissen, fake news, Verschwörungstheorien etc.) ist nicht nur hochgefährlich, sondern kann auch ein Instrument der Besitzenden zur Knebelung und Vernebelung der Besitzlosen sein, das man zudem auch noch zu Geld machen kann.

Ich mache mir allerdings wenig Hoffnung, dass Literatur den Lauf der Welt entscheidend zum Positiven hin beeinflussen kann. Würde ich diese Hoffnung aber ganz und gar aufgeben, dann müsste ich meinen Beruf wohl an den Nagel hängen oder zum Zyniker werden. Darum schließe ich mit der Aussage eines Freundes (eines emeritierten Universitätsprofessors, der sich Zeit seines Lebens mit so ziemlich allen Schrecknissen, die Gesellschaften hervorgebracht haben und hervorbringen, auseinandergesetzt hat und es immer noch tut), der sinngemäß einmal sagte: Es gibt wenig Grund, optimistisch zu sein, was unsere Zukunft betrifft; aber es ist gerade deshalb eine moralische Verpflichtung, optimistisch zu sein. Ich glaube, ich schließe jetzt besser, bevor ich noch pathetisch werde, und gehe mal Candide und Der Mythos von Sisyphos in meinem Bücherregal suchen.

 

Auf Deine Antwort und die Fortführung unseres Gesprächs (in welcher Form auch immer) freut sich 

Dein Martin



Martin Sexl, geboren 1966 in Hall in Tirol, Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker, lebt in Innsbruck als Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck.

 

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