Sozio-politische Theaterarbeit am Beispiel von partizipativen Gesetzwerdungsprozessen (Österreich) und Projekten mit First Nations (Kanada)
Armin Staffler

Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung "Meeting of Knowledges" und gesellschaftspolitische Relevanz von Forschung und Kulturarbeit

Wenn es um die Ausarbeitung von Gesetzen (oder Curricula, Regelwerken etc.) geht, die eine (mehr oder weniger) klar definierte Zielgruppe betrifft, wie etwa Menschen ohne Erwerbsarbeit, Menschen mit Behinderung oder Menschen ohne offiziellen Wohnsitz, dann werden dabei Experten oder Expertinnen zu Rate gezogen, die in den meisten Fällen über die jeweilige Situation der betroffenen Menschen Bescheid wissen, aber in den seltensten Fällen betroffene Menschen. In einigen Bereichen, wie z.B. durch die UN-Behindertenrechtskonvention, wird eine Einbindung – sprich Partizipation – der vom Gesetz betroffenen Menschen vorgeschrieben. Die Art und Weise, wie dies geschieht, ist allerdings wiederum so gut wie ausschließlich hegemonial geprägt und schließt auf Grund der Form und Methode der intendierten Partizipation die eigentlichen Expert*innen und ihre Expertise von echter Teilhabe aus.
Legislative Theaterprojekte, die auf den brasilianischen Theatermacher Augusto Boal (1931–2009) zurückgehen, zeigen hier einen Weg, der das Wissen und die Expertise der betroffenen Menschen zum Gewinn für alle Beteiligten (auch der Politiker*innen und Beamt*innen) werden ließ. In einem anderen Bereich ermöglichte die Theaterarbeit des kanadischen Theatermachers David Diamond, der sein Theatre for Living auf Augusto Boals Arbeit aufbaute, First Nations in British Columbia selbst wieder einen Zugang zu altem Wissen und Traditionen zu erlangen, diese zu erneuern und durch die Vorführung vor Publikum anderen und der heutigen Gesellschaft zugänglich zu machen. In einer Fortsetzung dieses Weges ergeben sich dadurch Möglichkeiten und Ansätze für Versöhnung, die auch auf anderen Grundsätzen als jenen westlicher Prägung basieren.

 

Mag. Armin Staffler (*1975), Studium der Politikwissenschaft und Geschichte an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Theaterpädagoge BuT®.Seit 20 Jahren theaterpädagogisch zu Themen wie Gesundheit, Respekt, Zivilcourage, Gender, Inklusion, Asyl und Flucht sowie Klimawandel, d.h. zu Fragen des Zusammenlebens, tätig. Seine Arbeit basiert auf dem Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal und demTheater zum Leben von David Diamond. Lehraufträge u.a. im MA Program in Peace Studies, an der School of Education (Universität Innsbruck) und in den MA-Lehrgängen für Theaterpädagogik der PPH Linz und der KPH Wien/Krems. Er ist Autor des Buches Augusto Boal. Einführung und Übersetzer des Buches Theatre for Living. The art and science of community-based dialogue von David Diamond. Ehrenamtlich ist er Obmann von „spectACT – Verein für politisches und soziales Theater“  und Fachbereichsleiter für politisches und soziales Theater im Theater Verband Tirol.

Weiterführende Literatur:

Diamond, David (2013): "Theater zum Leben. Über die Kunst und die Wissenschaft des Dialogs in Gemeinwesen. Übersetzt v. Armin Staffler. Stuttgart: ibidem-Verlag.

Staffler, Armin / Wrentschur, Michael (2016): "Von einem Theater, das den Dialog sucht. Auch mit der Politik". In: Kultur und Politik. Reflexion oder Aktion. Hrsg. v. Peter Filzmaier, Daniela Ingruber, Peter Plaikner u.a. Wien: Facultas.

Staffler, Armin (2009): Augusto Boal. Einführung. Essen: Oldib-Verlag.

 

zum Überblick: Transformation

 

Nach oben scrollen