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(Nicht-)Orte in Krisenzeiten(Nicht-)Orte in Krisenzeiten
Max Mayr

 

Nach Marc Augé zeichnet sich ein Ort dadurch aus, dass er Identität, Relationen und Geschichte hat. Er ist damit in einen Kontext von Bedeutungen eingebettet. Nicht-Orte dagegen haben all das nicht, keine Identität, keine Relation, keine Geschichte. [...] Wie verändern sich Orte und vor allem Nicht-Orte im Ausnahmezustand von Quarantäneverordnungen zu Corona-Zeiten?

 

Max Mayr ist Projektmitarbeiter am Institut für Germanistik und Radiomacher beim Freien Radio Innsbruck – FREIRAD. Im Rahmen von Projekt Clusterfuck sendet er einmal im Monat Radio-Essays zu verschiedensten Themen. Diese können als PCF-Podcast jederzeit auf cba.fro.at oder Spotify nachgehört werden.

 

Erstausstrahlung: 26.03.2020, 17:00 Uhr, Projekt Clusterfuck Ausgabe 21, Freirad – Freies Radio Innsbruck

[Transkript anzeigen]  

(Nicht-)Orte in Krisenzeiten – Projekt Clusterfuck Ausgabe 21

 

Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Ausgabe von Projekt Clusterfuck, der Essay-Sendung Ihres Vertrauens. Es sind beunruhigende Zeiten, nicht wahr? Mit der Corona-Krise und allem. Verunsicherung, Angst, Home Office. Ich habe gelesen, dass Routine gut für Krisenbewältigung ist und bei Quarantäne-Stress hilft. Deshalb habe ich auch überlegt, ob ich überhaupt was zu Corona sagen soll, weil Projekt Clusterfuck in der Regel ja wenig Bezug auf tagesaktuelle Themen nimmt, sondern eher solche behandelt, nach denen niemand gefragt hat. Aber warum nicht beides? Wir werden uns in dieser Ausgabe also mit Auswirkungen der Corona-Krise befassen, die Sie in ihrem täglichen Leben genau gar nicht betreffen. Auch werden Sie voraussichtlich keinerlei neue Informationen bezüglich Covid-19 bekommen. Sie können sich also weiterhin in der Sicherheit der Routine wiegen. Gern geschehen.

Worum geht’s jetzt aber konkret? Naja, im Grunde um eine Aktualisierung von Marc Augés Theorie der Nicht-Orte vor dem Hintergrund der Quarantäne-Verordnungen, mit denen Länder wie Italien oder Österreich auf die Covid-19-Pandemie reagieren. Aber fangen wir von vorne an. Sie erinnern sich vielleicht, dass Augés Theorie bei Projekt Clusterfuck schon mal behandelt worden ist, und zwar in der Ausgabe über Autobahnraststätten als Nicht- und Sehnsuchtsorte. Wenn nicht, naja, macht nichts, wir werden sie jetzt eh kurz wiederholen: Nach Augé zeichnet sich ein Ort dadurch aus, dass er Identität, Relationen und Geschichte hat. Er ist damit in einen Kontext von Bedeutungen eingebettet. Nicht-Orte dagegen haben all das nicht, keine Identität, keine Relation, keine Geschichte. Sie sind charakteristisch für die Zeit, die Augé Übermoderne nennt. Ohne jetzt allzu genau darauf einzugehen: Die Übermoderne ist im Wesentlichen die Zeit in der wir leben. Und soweit es Augé betrifft, ist vor allem eines charakteristisch für sie: das Übermaß. Er bleibt mit dieser Beschreibung einigermaßen abstrakt und bezieht das Übermaß mitunter auf Raum und Zeit, dabei kann man es aber auf im Grunde alles ausweiten, wenn man die offensichtliche Verbindung zum Konsum miteinbezieht, die in Zeiten des Turbokapitalismus eigentlich nie und nirgends fehlt. So gehen auch Konsum und Nicht-Orte, wie wir noch sehen werden, Hand in Hand. Aber lassen Sie uns fürs Erste nicht zu weit vorgreifen. Erstmal lieber ein paar Beispiele für Nicht-Orte, damit die ganze Theorie etwas anschaulicher wird: Autos, Autobahnen, Autobahnraststätten, Flughäfen und Fluglinien, Züge und Bahnlinien, Freizeitparks, Supermärkte und Kommunikationsnetze wie beispielsweise das Internet – all das ist mit Augé als Nicht-Ort zu begreifen und demnach Identitäts-, Relations- und Geschichtslos, womit ein weiteres Merkmal zusammenhängt – nämlich dass Nicht-Orte zweckgebunden bzw. zu einem bestimmten Zweck (bspw. Verkehr, Transit, Freizeit oder Handel/Konsum) konstruiert worden sind. Entsprechend hält man sich an Nicht-Orten in der Regel aus bestimmten Gründen auf. Auf der Autobahn oder auch an Autobahnraststätten beispielsweise, wenn man wo hin will, oder in Supermärkten, wenn man was kaufen muss. Oder im Telefonnetz oder Internet, wenn man vielleicht die Stimme eines lieben Menschen hören möchte, weil man die gesamte letzte Woche auf Vorgabe der Bundesregierung hin allein zuhause abgehangen und Netflix zu Ende gesehen hat.

Und dann gibt’s noch eine Sache, die ich im Zusammenhang mit Nicht-Orten hervorheben möchte: Nämlich die ambivalente Dynamik zwischen ihnen und den Identitäten der Individuen, die sich an ihnen aufhalten. Im Grunde verhält sich das Ganze so: Wenn Sie einen Supermarkt betreten, dann lassen Sie Ihre Identität am Eingang zurück. Innen drin bewegen Sie sich in relativer Anonymität durch die Regalreihen. So wie alle anderen Einkäuferinnen und Einkäufer auch. In diesem Sinne hat der Nicht-Ort auch eine nivellierende Qualität. Er hebt Unterschiede auf und macht damit gleich. Eine Ärztin kauft ein Glas Marmelade nicht anders als ein Hausmeister. Und dass Sie JuristIn sind, interessiert an der Käsetheke niemanden. Im Supermarkt sind Sie EinkäuferIn und sonst nichts.

Mit Ihrer Identität lassen Sie auch Ihren Alltag vor der Tür. Angst vor einer anstehenden Prüfung, Stress im Büro, der Streit heute Morgen am Frühstückstisch, all das muss mit den Hunden draußen bleiben, wenn Sie mal eben einen Liter Milch holen gehen. Auch Augé hält fest, dass die temporäre Entledigung vom Alltag zugunsten von egalitärer Anonymität etwas sehr Befreiendes haben kann. Ist ja auch ziemlich schlüssig, oder? Aber Sie fragen sich jetzt bestimmt, warum ich dann von einer ambivalenten Dynamik zwischen Nicht-Ort und Individuum gesprochen habe. Nun, die kurze Zeit, in der Sie ohne Identität, Bezüge oder Verpflichtungen Regale nach Waren absuchen, ist zugleich eine Zeit, in der sie zu einer relativ ungetrübten Form von sich selbst vordringen. Denn es gibt nichts, dem Sie entsprechen, keine Anforderungen, die Sie erfüllen müssen, keine Bindungen. Im Abwerfen Ihrer gesellschaftlichen Identität finden Sie zu sich. Im Supermarkt sind Sie die eigentliche Version Ihrer Selbst. Der Alltag zieht Ihnen höchstens dann von hinten eins über, wenn Sie merken, dass Klopapier, Germ und alle Konserven ausverkauft sind. Aber das würde ich jetzt mal als umstandsbedingten Sonderfall einstufen.

Wenn Sie sich für Selbstfindung im meditativen Setting von Nicht-Orten interessieren, kann ich Ihnen die erste Ausgabe von Projekt Clusterfuck über Autobahnraststätten ans Herz legen. Für dieses Mal reicht es aber, wenn wir zusammenfassend festhalten: Nicht-Orte haben weder Geschichte, noch Identität, noch Relation. Sie sind zweckbezogen. Sie anonymisieren und nivellieren die Individuen, die sich in ihnen aufhalten.

Bevor wir jetzt zur eigentlichen Frage kommen, nämlich der, wie sich Quarantäneverordnungen auf Orte und Nicht-Orte auswirken, machen wir eine kurze Verschnaufpause. Und zwar mit Bad Feeling von Cobra Man.

[Bad Feeling – Cobra Man]

Das war Bad Feeling von Cobra Man, hier bei Projekt Clusterfuck. Und wir gehen jetzt direkt über zur eigentlichen Frage dieser Augabe: Wie verändern sich Orte und vor allem Nicht-Orte im Ausnahmezustand von Quarantäneverordnungen zu Corona-Zeiten. Und nur um das aus dem Weg zu räumen: Standortbedingt beziehe ich mich implizit auf die in Tirol geltende Quarantäneverordnung, obwohl man praktisch alles, was ich in der Folge so von mir geben werde, auch auf bspw. Italien beziehen kann oder auf jedes andere Land, in dem angesichts der Corona-Krise zur Einschränkung sozialer Kontakte und generellem Zuhausebleiben aufgerufen wurde.

Was besagt jetzt die Quarantäneverordnung: Nun, im Grunde einfach, dass man in den eigenen vier Wänden bleiben muss und diese nicht verlassen darf, außer es ist notwendig. Und unter notwendig fallen Sachen wie die Arbeit oder Lebensmitteleinkäufe, nicht aber das Feierabendbier, das sich eh nicht ausgeht, weil Lokale geschlossen haben. Dazu kommt in Tirol die Regelung, dass man auch das Gemeindegebiet nicht verlassen darf, aber das tut in unserem Fall nichts zur Sache. Ebenso wenig die Gründe für diese Maßnahmen, auch wenn ich mich an dieser Stelle doch genötigt sehe festzuhalten, dass sie wichtig und richtig sind und Sie sich so gut es geht daran halten sollten. Es geht nicht um Sie, sondern um das Wohl der Allgemeinheit. Bleiben Sie zuhause.

Was hier und jetzt aber etwas zur Sache tut sind die Orte und Nicht-Orte, an denen nun niemand mehr ist, oder wenn, dann unter anderen Voraussetzungen als zuvor. Also, was bedeutet das? Auch und vor allem vor dem Hintergrund von Augés Nicht-Ort-Theorie.

Erstmal: Wenn Sie sich an die Anweisungen der Regierung halten, dann verbringen Sie den Großteil Ihrer Zeit zuhause. Und zuhause ist DER Ort schlechthin – zumindest was Relationen, Geschichte und Identität auf Ihrer persönlichen Ebene betrifft. Ihre Wohnung oder Ihr Haus ist ein Spiegel von Ihnen selbst, ein Ort, den Sie geprägt und an dem Sie Spuren von sich hinterlassen haben, ein Ort, der von Ihnen zeugt, der Ort, mit der meisten Identität – nämlich Ihrer. Und das war er auch vor der Quarantäne schon. Der Effekt den diese hat ist also lediglich, dass sie ihn als solchen nochmal unterstreicht.

Anderes gilt für die Orte, an denen sich vor der Quarantäne noch Leben abgespielt hat: Bars, Museen, kulturelle Einrichtungen, öffentliche Plätze. Bei vielen davon ist nicht ganz klar, ob sie als Ort oder Nicht-Ort zu kategorisieren sind. Das hängt vom einzelnen Ort ab und von der Perspektive, aus der man darauf schaut. Auch stellt Augé selbst fest, dass es weder Orte, noch Nicht-Orte in Reinform gibt, sondern die Grenzen zwischen beiden immer fließend sind. Und abgesehen von allem ist es eigentlich wurscht, ob Ort oder Nicht-Ort, denn seit der Quarantäne sind sie kein Ort mehr. Konstitutiv für sie ist nämlich, dass sich Leute dort aufhalten. Im Umkehrschluss gilt also: Eine Bar, in die niemand geht, ist keine Bar und ein Museum ohne Besucher eher ein Archiv. Natürlich, rein physisch bleiben diese Orte da und wenn sie die Corona-Krise wirtschaftlich überstehen, dann werden sie irgendwann auch wieder insgesamt da sein, aber für Quarantäne-Zeiten gilt: Es gibt sie nicht. Solche Orte und Nicht-Orte werden zumindest temporär zu nicht existenten Orten.

Anderes gilt für das Internet, Telefonnetze und ähnliche Nicht-Orte der Kommunikation. Denn Quarantäne bedeutet zwar physische Isolation, was aber wiederum nicht heißt, dass zwischenmenschliche Kontakte abbrechen müssen, wenn Freunde nicht mehr in Bars getroffen und Morgenbesprechungen nicht mehr in Büros abgehalten werden können. Das Ganze findet stattdessen einfach über Videochats und Konferenzschaltungen statt, mit dem Vorteil, dass Sie ab sofort keine Hose mehr dafür anziehen müssen. Menschen stehen über Online-Spiele, Gruppen-Chats, Messenger-Dienste usw. usf. in ständigem Kontakt zu anderen. Und, ich meine, wann hatten Sie mehr Gelegenheit, sich extensiv in Online-Foren zu bewegen und dort mit anderen die Lage der Nation zu diskutieren oder nach einer Original-Schaltgruppe für Ihr Mountainbike aus den 90ern zu suchen. Ihre Community ist da, nur eben nicht physisch. So wie alle anderen Internet-Communitys auch. Und als solche haben sie über ihre Mitglieder mittlerweile eigene Geschichten, Relationen und Identitäten hergestellt – sprich, sie sind Orte geworden.

Hier ist also eine erste Aktualisierung von Augés Nicht-Ort-Theorie fällig – und das nicht erst seit Quarantänebeginn, sondern eigentlich schon seit gut 15 Jahren. Er selbst schreibt: „Sobald Individuen zusammenkommen, bringen sie Soziales hervor und erzeugen Orte.“ (Augé, 110) Und eben das passiert im Internet und im Grunde auch schon beim Telefonieren. Menschen begegnen sich dort – und das als Individuen, sprich, nicht mit derselben Identitätslosigkeit, die ihnen von eigentlichen Nicht-Orten auferlegt wird. Beispielsweise geben sie etwas von sich Preis, wenn sie erzählen oder Meinungen kundtun. Im Guten wie im Schlechten und unabhängig davon, ob das unter Klarnamen passiert oder nicht. Weil diese Art des Zusammentreffens jetzt keine physische ist, sind die Orte, die dabei entstehen ebenfalls nicht physisch, aber es sind Orte. Nicht-Ort ist bestenfalls die Infrastruktur, das unsichtbare Netz, das Worte und Sätze zu Kommunikation verstrickt. Unterm Strich können wir aber festhalten: Das Internet ist ein Ort. Und in Quarantäne umso mehr als sonst, denn vorerst ist es einer der wenigen Orte, die noch da sind.

Tatsächlich gibt es abgesehen vom Internet und ihrem Zuhause wohl nicht sonderlich viele Orte, an denen Sie sich zurzeit aufhalten – außer an Supermärkten. Und darauf, wie die Quarantäne diese Nicht-Orte umformt, gehen wir ein, sobald wir uns Body on the Bones von Cancer angehört haben.

[Body on the Bones – Cancer]

Das war Body on the Bones von Cancer. Sie hören immer noch Projekt Clusterfuck und es geht immer noch um Nicht-Orte in Zeiten der Quarantäne bzw. jetzt spezifisch um Supermärkte, die einer der wenigen physischen Orte sind, die Sie zu Zeiten von Covid-19 und den Maßnahmen dagegen noch aufsuchen können – abgesehen mal von Ihrem Zuhause und dem Internet. Die konkrete Frage ist jetzt: Wie ändert sich unter den gegebenen Umständen der Supermarkt als Nicht-Ort. Dabei gibt es einige Aspekte zu berücksichtigen und damit nicht alles drunter und drüber daherkommt, wollen wir chronologisch vorgehen und beginnen bei der Ausgangssituation. Sie sitzen zuhause, haben seit mehreren Tagen die Wohnung nicht verlassen und ihre Augen nur selten vom Laptop oder Handy abgewandt. So gesehen ist eigentlich alles wie immer, schließlich sind Sie als HörerIn dieser Sendung wahrscheinlich Millenial. Aber Spaß beiseite: Sie waren mehrere Tage am Stück zuhause, haben sich schlecht ernährt und wenig bewegt und draußen scheint schon seit einer Woche die Sonne. Sie wollen raus. Aber Sie dürfen nicht. Es sei denn... Sie gehen einkaufen. Lebenserhaltende Maßnahme – das muss sein. Außerdem wollen Sie einen Schokoriegel. Also gehen Sie raus und in den Supermarkt um die Ecke. Das Highlight des Tages. Dabei hat sich der Supermarkt zunächst mal nicht geändert. Er ist immer noch so, wie ihn Augé im Sinn hatte, als er ihn als Nicht-Ort beschrieben hat. Ein Ort, der auf einen Zweck hin errichtet wurde. Er ist unmissverständlich da, damit Menschen wie Sie dort Sachen kaufen können. Überall sind Waren aus- und aufgestellt, die Sie kennen. Augé hebt die Bedeutung dieses Umstandes in Bezug auf Auslandreisen hervor. In einer globalisierten Welt können Sie sonstwo sein, in einem Land, in dem Sie weder Sprache noch grundlegende Kulturtechniken beherrschen, aber wenn Sie dort in einen Supermarkt gehen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie diese eine Waschmittelmarke von Zuhause finden. Oder die Limonade, die Ihre Eltern Sie früher nie haben trinken lassen. Wie auch Augé feststellt, wirkt sowas in der Fremde beruhigend. Es ist erleichternd, Dinge zu kennen. Das erzeugt ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit – halt paradoxerweise an einem Ort, der Identitätslos ist und zugleich Sie identitätslos macht, aber so ist das halt. Und ich würde sagen, dass das mit der Sicherheit und Vertrautheit auch in Zeiten der Pandemie gilt. Die Corona-Sache und alle Begleiterscheinungen, von den banalen bis hin zu den doch sehr gravierenden, verunsichern einen, aber Lebensmittel einkaufen ist erst mal noch wie immer. Das denken Sie sich auch, während Sie gerade im Supermarkt stehen. Sie sind in der Rolle des Einkäufers oder der Einkäuferin dort und in keiner anderen. Sie sind zugleich niemand und Sie selbst, während Sie die Gemüse-Regale links liegen lassen und in die Süßwarenabteilung latschen. Anonym mit allen anderen, die da sind. Aber dann auch wieder nicht. Denn Sie wissen, dass alle hier im selben Boot sitzen. Die Kassiererin und der Angestellte, der gerade die 1000ste Palette Klopapier ankarrt, genauso, wie die Frau, die gerade beim Brot steht, und eben Sie. So stehen Sie dann vor einem Regal Süßigkeiten und denken sich, dass so eine Pandemie mit dazugehöriger Quarantäneverordnung eine ziemlich seltsame Art von Gemeinschaftsgefühl erzeugt. Nichts, was ausgesprochen wäre, aber doch etwas, das da ist. Während der Supermarkt als Nicht-Ort alle seine BesucherInnen gleich und dabei gleich identitätslos macht, schafft die Pandemie gemeinsame Umstände, die wiederum Identitätsstiftend sind. Sie wissen, dass es allen hier gleich geht, und alle hier wissen das auch. Relativ gleich zumindest. Sie finden sich in einer Gemeinschaft der Einkaufenden wieder, während sie zu einem Schokoriegel greifen und dann im Umdrehen sehen, dass ein paar Meter entfernt ein befreundetes Nachbarpärchen steht. Ich erspare es Ihnen, jetzt zu erzählen, wie komisch Sie sich gebärden, weil sie nicht wissen, wie nahe Sie jetzt zu ihnen hin können, ob zur Begrüßung ein Nicken, Winken oder ein kurzes Berühren der Ellenbogen gefragt ist usw. Ist ja auch egal, schließlich geht es denen genauso. Also was soll‘s. Sie tauschen sich kurz mit ihnen aus. Wie es denn so geht? Wie man mit der Quarantäne klarkommt? Wie es mit der Indoor-Freizeitgestaltung ausschaut? Irgendwelche Empfehlungen? Es ist kein besonders tiefgründiges Gespräch, aber es ist das erste Gespräch seit Tagen, das Sie von Angesicht zu Angesicht führen – wenn auch mit zwei Metern Abstand – und es fühlt sich sehr gut an, auch wenn Sie das vor Ihren edgy Memelord-Freunden nie zugeben würden. An dieser Stelle möchte ich aus dem Off kurz an Augés Feststellung erinnern, dass Orte überall dort entstehen, wo Individuen zusammenkommen. Und was ist gerade anderes passiert, als das? Unabhängig davon, ob es zu kurzen Gesprächen von Bekannten kommt oder ein unausgesprochenes Gemeinschaftsgefühl angesichts einer geteilten misslichen Lage spürbar wird – Supermärkte werden in Zeiten von Corona und Quarantäneverordnungen in ihrem Nicht-Ort-Dasein unterwandert und zunehmend zu Orten. Solche eben, die möglicherweise Relation und Identität haben oder diese zumindest für die Individuen stiften, die sich an ihnen aufhalten. Und davon abgesehen, kann man dort auch noch einkaufen. Stabile Sache also. Sie jedenfalls haben Ihren Schokoriegel soeben bezahlt und Verlassen den Supermarkt wieder in Richtung eigene vier Wände – nicht ohne Vorfreude drauf, das in ein paar Tagen wieder zu machen und dann möglicherweise auch ein paar echte Lebensmittel zu kaufen.

Tja, soviel zu Nicht-Orten in Zeiten der Corona-Krise. Weil mir ein anständiges Schlusswort fehlt, hier ein paar Notizen am Rande: In den letzten zwei Wochen ist es wahrscheinlich vielen zum ersten Mal in ihrem Leben passiert, dass sie in den Supermarkt gegangen sind und bestimmte Lebensmittel einfach nicht da waren. Zwar nur für kurze Zeit, aber es zeigt doch, wie selbstverständlich es in unserer Gesellschaft ist, immer Zugang zu allem zu haben. Eine theoretisch banale Beobachtung, ich weiß, aber praktisch auch wieder nicht.

Und so ganz allgemein: Unabhängig davon, wie sehr Supermärkte in dieser Ausgabe romantisiert worden sind, sind es immer noch Nicht-Orte oder Orte des Konsums und wenn es um Konsum geht, reißen Sie sich besser etwas am Riemen und versuchen öfter mal, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Ein klein wenig tun das Corona und Quarantäne-Verordnung eh schon für Sie. Ich für meinen Teil werde das jedenfalls tun, gleich nachdem ich mir eine Federboa und ein Schneidegerät ausschließlich für Bananen gekauft habe.

So das war’s jetzt aber für dieses Mal. Wenn Sie noch die Playlist zur Pandemie hören möchten, dann bleiben Sie einfach dran. Und übrigens: Alle Ausgaben von Projekt Clusterfuck können Sie Nachhören, und zwar auf www.cba.fro.at. Oder als PCF-Podcast auf Spotify – da allerdings nur ohne Musik. Alle wesentlichen Infos zur Sendereihe finden Sie auf www.freirad.at oder auf Instagram unter @projektclusterfuck. Und die nächste Ausgabe von Projekt Clusterfuck können Sie am 30. April hören – zur selben Zeit, am selben Ort, also um 17:00 Uhr auf Freirad. Bis dahin achten Sie auf Ihre Mitmenschen, bleiben Sie zuhause, bleiben Sie gesund, bleiben Sie solide. Von meiner Seite wie immer ein herzliches Wiedaschaun.

 

 

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