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MontagsfrühstückDas Montagsfrühstück im Mai wäre der Frage nach dem Verhältnis von Leben, Werk und Wirklichkeit nachgegangen: Inwieweit und in welcher Form ‚transformieren‘ Autorinnen und Autoren in ihren Texten persönliche und gesellschaftliche Realitäten zu literarischer Fiktion? Und wie begegnen wir als RezipientInnen diesem Phänomen? Soll klar zwischen AutorInnenbiographie, ‑meinung und Werk unterschieden werden? Und wer darf dann über wen schreiben? Dürfen sich AutorInnen die Erfahrungen anderer in ihrem Werk zu eigen machen? Wenn nein, was hat das für Folgen für die Fiktionalität? Werden literarische Texte wegen ihrer Fiktionalität gar suspekt?

All diese Fragen haben vor dem Hintergrund der vergangenen Monate an Besonderheit und Aktualität gewonnen, und es ist sehr schön, dass die Schriftstellerin Bettina Balàka und der Komparatist Martin Sexl unserer Einladung gefolgt sind, einen Text dazu zu verfassen und ihn uns und den Leserinnen und Lesern zur Verfügung zu stellen.

Lesen Sie also Bettina Balakas Essay „Der Indianer in uns“ und Martin Sexls Briefessay Warum wir nicht nur Virologie und Epidemiologie benötigen, um Politik zu machen, sondern auch Literatur und Kunst“ – und denken Sie bei Kaffee und einem Croissant an uns!

(Ebenfalls erschienen auf der Homepage des Literaturhaus am Inn, wo es auch sonst viel zu entdecken gibt!)


Der Indianer in uns - Schriftsteller und die Wirklichkeit
Bettina Balàka
LEBEN

Die interessanteste Verwechslung zwischen mir selbst und einer meiner Romanfiguren erlebte ich bei meinem Roman „Kassiopeia“. Judit Kalman, die Protagonistin, ist dank ihres in der Wirtschaftswunderzeit reich gewordenen Vaters materiell so gut versorgt, dass sie in erheblichem Luxus lebt und nicht zu arbeiten braucht. Prompt erhielt ich nach Erscheinen des Buches permanent die Frage – in Interviews, bei Lesungen usw. – ob mir denn ebenfalls dieses beneidenswerte Schicksal zuteil geworden sei. Man hatte sich, wie es schien, blitzschnell die Fantasie zurecht gelegt, dass ich eine Schriftstellerin sei, die aus bloßer Neigung schreibe und nicht mindestens ebenso aus der Notwendigkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Man stellte sich vor, ich würde wie Judit Kalman erster Klasse in der Welt herumjetten und mir finanziell schrankenlos alles gönnen, was mir gefiel. Leider nicht, konnte ich da nur sagen.

Doch das war noch nicht alles. Judit Kalman hat eine leicht verbrecherische Ader, indem sie nach allen Regeln der Kunst einen Schriftsteller stalkt. Ich recherchierte gründlich und sah mir genau die Techniken an, auf die reale Stalker bereits verfallen waren. Offenbar war das Ergebnis überzeugend. Denn nach der Frage nach meinem vermeintlichen Reichtum war häufig die nächste die, ob ich denn etwa auch schon mal einen Mann gestalkt hätte. Ich verwies auf meinen Roman „Eisflüstern“, in dem jemand auf fantasievolle Weise ein halbes Dutzend Morde begeht, und stellte die Gegenfrage, ob man denn auch vermute, ich hätte all diese bizarren Grausamkeiten begangen.

Unter dem Strich hatte ich mit Judit Kalman nur das Geschlecht gemeinsam und vielleicht grob die Altersgruppe, wenngleich ich um etliche Jahre älter war als sie. Dass sie reich ist, war auf zwei Gründe zurückzuführen. Zum einen wurde mir bei meinen Recherchen über Stalking klar, dass es sich um ein äußerst zeitaufwendiges Verbrechen handelt. Richtig intensive Stalker haben daher oft keinen Job. Nun wollte ich meine Protagonistin aber nicht von der Sozialhilfe leben lassen, was ihre Möglichkeiten ja einschränken würde, vielmehr sollte sie von finanziellen Überlegungen ungebremst ihrem Liebeswahn nachgehen können. Der zweite Grund ergab sich schnell, indem ich mir diese Möglichkeiten auszumalen begann: Es machte mir Spaß, denn es befreite mich aus meiner tatsächlich prekären Realität, die die einer alleinerziehenden Schriftstellerin war, die sich mehr schlecht als recht durchschlug. Es hätte mir keine Freude gemacht, über jemanden zu schreiben, der jeden Cent drei Mal umdrehen muss, denn dann hätte ich nur meinen Alltag gedoppelt, so aber konnte ich in meiner Fantasie daraus entfliehen.

Was das Stalking betrifft, so hatte ich es in meinem Leben mehrfach selbst erlebt, in der passiven Form. Die Rollenumkehr im Buch könnte man psychologisch vielleicht als eine Art Empowerment-Versuch ansehen, als Bewältigungsstrategie. Eigentlich aber ging es mir um Frauen wie Adèle Hugo, die romantischer Besessenheit verfielen.

Wie man sieht, kann manches ganz anders sein, als man denkt, und oft ist es auch das Gegenteil. Auch „Kassiopeia“ birgt am Ende noch eine ziemliche Überraschung, was das Verhältnis von Stalkerin und Gestalktem betrifft.

 

Es gibt in der Literaturgeschichte berühmte Beispiele für den Kontrast von Leben und Werk. Jane Austen etwa, die Meisterin des „courtship plots“, hatte selbst nicht das Glück, den Prozess des Findes der großen Liebe bis hin zur Hochzeit zu durchlaufen. Vielleicht erschien ihr die Ehe auch gar nicht so reizvoll, denn zumindest ein von ihr abgelehnter Antrag ist verbürgt. Ab ihrem dreißigsten Lebensjahr soll sie durch das Tragen entsprechender Kleidung signalisiert haben, dass sie am Heiratsmarkt nicht mehr zur Verfügung stand.

Im Fall eines Romanes ist es eigentlich einfach, von Fiktion auszugehen, denn er ist per definitionem Fiktion. Anders aber sieht es aus, wenn der Schriftsteller seine eigene Biografie verfälscht. So gab der in Wien-Breitensee geborene H. C. Artmann bisweilen seinen Geburtsort als „St. Achatz am Walde“ an, was unüberprüft in so manchen Klappentext geriet. Ein spezieller Fall ist Karl May, der sich so sehr in seine Geschichten verstieg, dass er behauptete, Old Shatterhand zu sein, und sich von einem Kötzschenbrodaer Büchsenmacher die legendären Gewehre seiner Romanhelden –„Bärentöter“, „Silberbüchse“ und „Henrystutzen“ – anfertigen ließ. Natürlich beförderte dieser Mythos auch den Verkauf, und so wurden Leseranfragen an den Verlag in diesem Sinne beantwortet.

WERK

Die im Herbst 2019 erschienene Amazon-Serie „Hunters“ mit Al Pacino, in der es um eine Gruppe von Nazi-Jägern in den Siebzigerjahren in den USA geht, gab Anlass zu einer auch für Schriftsteller interessanten Diskussion. Grund dafür war folgende Szene: KZ-Insassen stehen auf einer Wiese, die mit Hilfe von eingetrampelten hellen und dunklen Quadraten als überdimensioniertes Schachbrett gestaltet wurde, als Figuren. Ein Lagerkommandant spielt gegen einen jüdischen Häftling. Jedes Mal, wenn eine Figur geschlagen wird, muss der sie repräsentierende Häftling mit einem Messer abgemetzelt werden. Links und rechts des Schachbrettes häufen sich die Leichen.

Das Problem ist: Dergleichen ist nie passiert. Bei all den sadistischen Perfidien, die sich die Nazis einfallen haben lassen, war diese nicht dabei. Auch wenn die Szene per se nicht revisionistisch ist, die Verbrechen nicht leugnet, sondern ihnen nur ein weiteres, fiktives hinzufügt, könnte genau das im Endeffekt doch zu Revisionismus führen. Denn wenn man geglaubt hat, dass das wirklich passiert ist, und dann erfährt, dass es sich um bloße Erfindung handelt – warum sollte man dann noch irgendwas von dem glauben, was man über die Konzentrationslager hört? So meldete sich unter anderem die Auschwitzgedenkstätte zu Wort: Man müsse bei den Fakten präzise bleiben, um die Opfer und ihre Geschichten zu ehren, und um nicht Holocaust-Leugnern eine implizite Legitimation ihrer Theorien zu liefern. Geht es um historische Fakten, stößt die Fiktion hier an ihre Grenzen.


Bettina Balàka, geboren 1966 in Salzburg, lebt als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Wien. Sie verfasst erzählende Prosa, Lyrik, Theaterstücke und Hörspiele. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Die Tauben von Brünn“ (Zsolnay 2019).

 

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