Ausgewählte Vorträge des
25. Österreichischen Bibliothekartages
St. Pölten 1998

Menschen in Bibliotheken : 25. Österreichischer Bibliothekartag, St. Pölten, 15. - 19. September
1998 ; wer und was in St. Pölten / [Hrsg.: Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare. Red.: Maria Seißl] .
- Wien : Vereinigung Österr. Bibliothekarinnen & Bibliothekare , 1998 . - 238 S. . -
(Informationsbroschüre zum ... Österreichischen Bibliothekartag ; 25 )
Nebent.: Wer und was in St. Pölten. - Adresse d. Verl.: c/o Wiener Stadt- u. Landesbibliothek,
A-1082 Wien, Rathaus . - Literaturangaben. -


Heinrich Badura
Österreichische Bibliotheken im Netzwerk europäischer Zusammenarbeit

1. Einführung

Bevor ich Ihnen einen Überblick über den aktuellen Standort österreichischer Kooperationen im EU-Bereich gebe, möchte ich mir die Freiheit nehmen dürfen, zum Schwerpunkt des diesjährigen österreichischen Bibliothekartages ein paar Worte zu sagen.

Bei der letzten IFLA-Konferenz in Amsterdam habe ich gehört, dass das Thema dieser Veranstaltung "Menschen in Bibliotheken" für einige Vertreter der Berufsbranche BibliothekarIn zu wenig konkret, zu unspezifisch, zu wenig klassisch-bibliothekarisch, ja vielleicht nicht ganz anlaßgerecht sei. Allen derartigen Einwendungen möchte ich, und zwar nicht allein aus systemischen, sondern vor allem aus einer - in der Natur interpersonaler Erfahrungen liegenden - Kommunikationsnotwendigkeit, die als solche eine wesentliche Voraussetzung für jede Art von Zusammenarbeit ist, widersprechen. Damit habe ich auch das trockene An-und-für-Sich einer fundamentalen Bedingung für das Entstehen, Einreichen, Durchführen, Umsetzen und Verwerten einer Projektidee umschrieben. Dass eine unterschiedliche Qualität der Kommunikation als Erscheinungsform unterschiedlicher Subjektqualität unterschiedliche Teamqualität, das heißt, auch recht differente Qualitäten von Kooperationen hervorbringt, ist genauso verständlich wie die Erkenntnis, dass im Falle negativer Inhaltsbesetzung diese sachlich kontraproduktiv, menschlich entfremdungsträchtig und psychosomatisch zerstörend ist.

Es gibt weder Erfolg noch Mißerfolg außerhalb des Sphäre des Menschlichen, und die Geschichte europäischer Projekte ist in erster Linie als Geschichte von Personen zu sehen und zu verstehen, die mit ihrem zunächst individuell vorhandenen Know-how, mit ihrem geistigen Reichtum, mit ihrer einschlägigen Sach- und Fachkompetenz jeder Art von beruflichem Autismus eine eindeutige Absage erteilt haben, sich mit anderen Individuen vernetzten bzw. sich vernetzen lassen wollten, um auf diese Art Ideengemeinschaften zu bilden, die bereit sind, zu neuen Ufern aufzubrechen, die vorhandenen Ideen einem internationalen Wettbewerb zu unterwerfen und auf diese Weise den Bedarf und die Notwendigkeit der jeweiligen Ideeninhalte für Mensch und Gesellschaft, für Staat und Wirtschaft und die ihnen inhärenten Erfordernisse der Wissenschaft, Forschung und Entwicklung evaluieren zu lassen. Außerdem, geht es nach dem Willen der Europäischen Kommission, so soll in den nächsten Jahren ein europäischer Bibliotheksraum entstehen, in dessen Mittelpunkt (nach kommissionseigenen Angaben) der Mensch steht! Sein Zugang zu Information und Wissen soll mit den Merkmalen Netz- und Verbundtauglichkeit, Dauerhaftigkeit, Orts- und Raumunabhängigkeit, Multilingualität, Multimedialität (Schrift, Bild, Ton), elektronische Lieferbarkeit, elektronische Publizierbarkeit, elektronischer Buchhandel, Einbindung in den Bereich Fernunterricht, virtuelle Universität, finanzielle Zumutbarkeit, Marktorientiertheit u.a.m. ausgestattet sein.

Mit Freude darf ich hier festhalten, dass es auch in unserem Land immer wieder Menschen mit Mut zum transparenten und pionierhaften Experimentieren und Forschen gibt, die sich von den Eigenheiten mancher Ansprechpartner auf der Ebene der Europäischen Kommission und von den zu erwartenden organisatorischen und finanzierungstechnischen Turbulenzen nicht entmutigen oder sogar abschrecken lassen und das "Abenteuer" einer europäischen Projektarbeit - wenn auch, was durchaus natürlich ist, mit unterschiedlichem Erfolg - auf sich nehmen.

2. Aktuelle Bilanz

Im abgelaufenen 4. Rahmenprogramm für Forschung und Entwicklung (1994-1998) hat es zwei Aufrufe zur Einreichung von bibliotheksrelevanten Projektvorschlägen gegeben: 1995 und 1996. Im Jahre 1995 waren österreichische Partner an 9 Einreichungen beteiligt, wovon 2 genehmigt wurden. Die gewünschte Förderungssumme betrug 267 KECU (9,11%), die bewilligte Förderungssumme machte 272,22 KECU (2,41%) aus; 1 x Konsortialführer (Liberation).

1996 gab es 12 Einreichungen, davon 5 genehmigte Projekte (1 x non eligible); die gewünschte Förderungssumme betrug 2,72 MECU (4,85%) und die bewilligte Förderungssumme machte 1,96 MECU (9,88%) aus; 1 x Konsortialführer (Laurin).

Insgesamt 21 Einreichungen, 7 bewilligte Projekte + Teilnahme an der Konzertierten Aktion "Harmonica". Die Namen der im Rahmen der Ausschreibung 1996 erfolgreichen Projekte sind:

Nachdem für alle genannten Projekte im Rahmen dieser Veranstaltung eine eigene Präsentation vorgesehen ist, wird hier darauf verzichtet, auf Näheres einzugehen. Tatsache ist, dass 18 österreichische Partner an einer europäischen Zusammenarbeit ihr Interesse bekundet haben, nämlich:

Interessenvertretungen:

Wenn man bedenkt, dass im Kontext der letzten Ausschreibung - bei europaweit 81 eingereichten und 26 bewilligten Projekten und einem europäischen Erfolgsdurchschnitt von 32,10% - die österreichische Erfolgsquote 41,67% ausmacht (4. Stelle innerhalb der 12 Sektoren des 4. TAP) und dass die gewährte Fördersumme der Europäischen Kommission mit knapp 2 MECU den Bereich Bibliotheken auf den ersten Platz setzt, gefolgt vom Sektor Alte und Behinderte (1,1 MECU) und Verwaltung (0,6 MECU), so darf wohl von einem respektablen Leistungserfolg gesprochen werden.

Weniger erfreulich ist der Umstand, dass die Europäische Kommission - trotz wiederholter Schreiben an die zuständige Referentin Frau A. Iljon bzw. an den zuständigen Direktor Herrn Frans de Bruïne und trotz Interventionen des Leiters der Auslandssektion in unserem Ministerium, Herrn Sektionschef Dr. R. Kneucker - die von Frau Prof. G. Kappel, Institut für Informatik der Universität Linz, fertiggestellte PROLIB-AUSTRIA-Studie bis dato nicht finanziert, ja auf die genannten Schreiben bis heute nicht reagiert hat. Auf eine nähere Interpretation dieser sonderbaren Haltung von Frau A. Iljon möchte ich hier, allerdings ausschließlich aus Gründen internationaler Courtoisie, nicht näher eingehen müssen. Faktum ist, dass eine gewisse Belastung der Beziehung zwischen dem oben genannten Verwaltungsbereich der Europäischen Kommission und dem Österreichischen NFP aus mehreren Gründen gegeben ist und dass die Geschäftsstelle des ANFP sich vorbehält, weitere Maßnahmen zu reflektieren und gegebenenfalls zu ergreifen, um Mißstände dieser Art auch grenzüberschreitend bekanntzumachen und auf diese Art einen Beitrag zu deren Beseitigung zu leisten.

Nun aber zurück zu den letzten Ausschreibungen: In beiden Fällen hat die Geschäftsstelle des ANFP einen Informationstag veranstaltet. Es verdient wohl hervorgehoben zu werden, dass am ersten Nationalen Informationstag zum Thema Telematikanwendungen für Bibliotheken (19.10.1995, Universität Wien) 293 Personen und am zweiten Informationstag (24.1.1997, Regierungsgebäude) 85 Bibliothekarinnen und Bibliothekare teilgenommen haben. Als Mitveranstalter trat der österreichische National Focal Point beim zweiten Nationalen Informationstag mit dem Tutorial "How to make a good proposal" (25.-26.11.1996) in Stuttgart auf.

Im Rahmen der Zusammenarbeit auf der Ebene der Arbeitsgruppe 5 des Telematics Applications Programme Committee (TPC) und der Arbeitsgemeinschaft aller NFPs Europas haben wir uns wiederholt in die inhaltlichen und budgetären Vorbereitungen des 5. Rahmenprogramms eingebracht. Dies gilt auch für die Erstellung des österreichischen Strategiepapiers für die Verhandlungen über das 5. EU-RP für F&E (11.12.1996), des Aktionsplanes des 2. Forums Informationsgesellschaft der MOE-Länder /Prag, 12.-13.9.1996/ (1.10.1996), des Schlußberichtes des Bundesministers für Wissenschaft und Verkehr "Information- und Kommunikation" im Rahmen der Initiative der Bundesregierung "Österreichs Weg in die Informationsgesellschaft" (August 1996) und des Berichtes der Arbeitsgruppe der Österreichischen Bundesregierung "Informationsgesellschaft" aus dem Jahre 1997.

3. Das "neue Erscheinungsbild" des National Focal Point

Der in meinem Vortrag beim letzten Österreichischen Bibliothekartag vorgestellte NFP hat - sowohl vor dem Hintergrund der erweiterten Aufgabenstellung als auch auf der Grundlage gewonnener organisatorischer und operationeller Erfahrungen - eine Strukturveränderung erfahren. Grundsätzlich setzt er sich nun zusammen aus einem Vorsitzenden, einem Geschäftsleiter, einem Exekutivausschuß und einem Plenum. Die Mitglieder der einzelnen Bereiche sind:

Vorsitzender: OR Dr. Peter Seitz
Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr, Leiter der Abt. I/A/8

Geschäftsleitung: Prof. Mag. DDr. Heinrich Badura
Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr,
Referat I/A/8c: Internationale Bibliotheksangelegenheiten

Exekutivausschuß: Prof. Mag. DDr. Heinrich Badura
(s. oben)

Mag. Dr. Elisabeth Hilscher
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Kommission für Musikforschung

Mag. Christian Frey
BIT - Büro für Internationale Forschungs- und Technologiekooperation

Karl Wizany
Bundesministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten
Abteilung IX/B/12

Prof. Dr. Walter Koch
Technische Universität Graz

Mag. Wolfgang Hamedinger
Arbeitsgruppe Bibliotheksautomation

Plenum: Exekutivausschuß und Vertreter folgender Einrichtungen:

OR Mag. Heidemarie Ternyak
Bundeskanzleramt

MR Dr. Norbert Neumann
Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten - Amtsbibliothek

MR Dr. Christine Vonwiller
Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten
Studienbibliothek der Diplomatischen Akademie

Hofrat Dr. Joseph Desput
Steiermärkische Landesbibliothek
Vertreter der Landesbibliotheken

Hofrätin Dr. Ilse Dosoudil
Universität Wien
Vertreterin der Bibliotheksdirektorenkonferenz

Dir. Mag. Herwig Würtz
Präsident der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare

Dr. Hans Marte
Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek

Mag. Gerald Leitner
Büchereiverband Österreichs

ORin Dr. Silvia Adamek
Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten
Öffentliches Büchereiwesen

MinRätin Mag. Johanna Hladej
Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten
Schulbibliotheken

Dr. Herwig Jobst
Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien
Sozialwissenschaftliche Dokumentation
Dokumentationsstellen

Hofrat Dr. Dietrich Schüller
Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft audiovisueller Archive Österreichs (AGAVA)
Hon. Prof. Hofrat Dr. Lorenz Mikoletzky
Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchives

Präs. Hofrat Mag. Dr. Wilfried Seipel
Österreichischer Museumsbund
Kunsthistorisches Museum

Präsident Dr. Max Dasch
Verband österreichischer Zeitungsherausgeber und Zeitungsverleger

Präsident Dr. Anton C. Hilscher
Hauptverband des österreichischen Buchhandels
Österreichisches Buchgewerbehaus
Archiv und Bibliothek
Dr. Ilona Slawinski
Österreichisches Ost- und Südosteuropainstitut
Bibliotheksleiterin

Dr. Klaus Reinhardt
Deutsches Bibliotheksinstitut

Leiter des Bereiches: Europäische Bibliotheksangelegenheiten und Sekretär des deutschen NFP Ständiger Gast

Ein erstes Treffen des "neuen" NFP soll in den nächsten Wochen stattfinden.

Nähere Informationen, betreffend Aktivitäten des österreichischen NFP, stehen Ihnen unter der WWW-Adresse des Österreichischen Bibliothekenverbundes http://www.bibvb.ac.at/ oder direkt unter http://www.bibvb.ac.at/nfp.htm zur Verfügung. Als Instrument der Verbreitung und Verteilung dynamischer Meinungsvielfalt auf lokaler und überregionaler Ebene ist die Homepage des österreichischen National Focal Points für das gesamte Bibliothekswesen offen. Entsprechende Seiten sind dafür vorgesehen worden.

Nicht unerwähnt möchte ich hier auch die neue Homepage des Österreichischen Büchereiverbandes http://www.bvoe.at und die des Östereichischen Bibliothekswerkes http://www.biblio.at/ lassen.

Was uns eindeutig fehlt, ist eine Konsolidierung österreichischer Bibliotheksinteressen sowohl an sich als auch in Gemeinschaft mit den Interessen österreichischer Museen, Archive und Kunstsammlungen (die Vorbereitung eines gemeinsamen Workshops steht auf der Tagesordnung der nächsten NFP-Sitzung). Was uns zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass die politischen Schlüsselpersönlichkeiten unseres Landes das Thema Bibliotheken für sich noch immer nicht entdeckt, seine Wichtigkeit für Österreich und Europa noch immer nicht internalisiert und handlungspolitisch in Angriff genommen haben; was unsere Arbeit erschwert, ist das spürbar und erfahrbar defizitäre Gemeinwohldenken und ein dementsprechendes konzertiertes Handeln; was unsere Arbeit der des Sisyphos ähnlich erscheinen läßt, ist die Erkenntnis, dass das Ansehen der Bibliotheken in Österreich eindeutig zu wünschen übrig läßt.

4. Bibliotheken und Öffentlichkeit

Lassen Sie mich hier wenigstens kurz auf eine vor wenigen Monaten vorgestellte und demnächst in Buchform erscheinende Studie (M. Böck, Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, 1998) mit dem Thema: "Leseförderung als Kommunikationspolitik" zurückgreifen. (Eine eingehende Auseinandersetzung mit dieser Publikation, in der "die Bibliotheksnutzung für Österreich erstmals differenzierter analysiert wurde", ist jedem zu empfehlen.) Auch wenn eine ausführliche Schilderung der Schlußerkenntnisse dieser Untersuchung hier nicht möglich ist, möchte ich einige wenige Stellen zitatsmäßig festhalten.

Gemäß den repräsentativen Untersuchungen dieser Studie "verliert das Buch ständig an Reichweite" (Projektpräsentation, 28.04.98, S. 4). "Was die Buchlesehäufigkeit betrifft, so ist sie seit den 80er Jahren als relativ stabil" (ebd., S. 8) zu sehen.

Weniger erfreulich ist der Bekanntheitsgrad der Bibliotheken. "62% der Personen, die Bücher lesen, können eine Bibliothek bequem erreichen, aber immerhin knapp jeder bzw. jede fünfte der Befragten, die Bücher lesen, weiß nicht, wo in der Nähe eine Bibliothek ist.

Von den Personen, die Bücher lesen und eine Bibliothek einfach erreichen können, hat nur jeder bzw. jede zweite in den letzten 12 Monaten auch eine Bibliothek genutzt. Insgesamt haben damit 30% der BuchleserInnen im letzten Jahr Bibliotheken genutzt, bei 36% liegt der letzte Bibliotheksbesuch schon länger zurück, und immerhin ein Drittel hat noch nie eine Bibliothek besucht.

Dass die Bibliotheksbekanntheit und -nutzung mit der Buchleseintensität zusammenhängt, war zu erwarten. Damit übereinstimmend nutzen die höher Gebildeten und die Jugendlichen Bibliotheken auch häufiger.

Die österreichischen Bibliotheken stehen mit ihren Leistungen eher weniger im Licht der Öffentlichkeit, und sie werden dementsprechend wenig von der Bevölkerung wahrgenommen:

So geben z.B. 2/3 aller Befragten an, dass die Schließung von Bibliotheken für sie kein großer Verlust wäre; bei den NichtleserInnen sagen das 83%, bei den BuchleserInnen sind das immerhin noch 60%.

In den Erwartungen der Bibliotheksnutzer und -nutzerinnen an das bibliothekarische Angebot zeichnen sich die Ansprüche an die Bibliothek in der Informationsgesellschaft ab, nämlich Zugang zu Information und Wissen zu gewährleisten. Von den Bibliotheken werden außerdem kulturell-kommunikative Angebote sowie ein breites multimediales Angebot erwartet. Dass gerade für die Jüngeren die Bibliothek ein Ort des Zugangs zu Information, aber auch zu einer breiten multimedialen Angebotspalette ist, sollte in einer auf die Zukunft ausgerichteten Bibliotheksarbeit berücksichtigt werden. Die forcierte Einrichtung von Schulbibliotheken in den letzten Jahren ist vor diesem Hintergrund auch als eine Förderung der künftigen Bibliothekskultur einzustufen." (Ebd., S. 8) Erkenntnisse dieser Art stehen gänzlich im Einklang mit den Anforderungen des 5. Rahmenprogrammes für Forschung und technologische Entwicklung (1998-2002) der EU an die Bibliotheken Europas.

5. Fünftes Rahmenprogramm und Bibliotheken

Das 5. RP enthält an sich keinen Affront gegen die Bibliotheken Europas, obwohl es kein eigenes Bibliotheksprogramm anbietet. Im thematischen Fachprogramm "Entwicklung einer nutzerfreundlichen Informationsgesellschaft" gibt es vor allem eine Leitaktion, nämlich die dritte, mit dem Thema "Multimedia-Inhalte und Werkzeuge", in der dem aktuellen Stellenwert der Bibliotheken, Museen und Archive als unangefochtenen Kulturträgern Rechnung getragen wird.

Die Hauptaufmerksamkeit dieser Leitaktion gilt vor allem den Informationsprodukten und ?dienstleistungen. Es handelt sich hier darum, "die sprachliche und kulturelle Vielfalt zu ermöglichen und einen Beitrag zur Erschließung des kulturellen Erbes Europas zu leisten, um Kreativität anzuregen und um neue Bildungs- und Ausbildungssysteme, insbesondere für das lebenslange Lernen, zu fördern. Die Arbeiten werden sich auf neue Modelle, Methoden, Technologien und Systeme für die Schaffung, Bearbeitung, Verwaltung, Vernetzung, die Zugänglichkeit und die Nutzung digitaler Inhalte, einschließlich audiovisueller Inhalte, beziehen. Ein wichtiger Aspekt der Forschungsarbeiten sind neue sozioökonomische und technologische Modelle für die Darstellung von Informationen, Wissen und Know-how. Gegenstand ist sowohl die anwendungsorientierte Forschung in den Bereichen Publikationsverfahren, audiovisuelle Medien, Kultur und Bildung/Ausbildung als auch generische Forschung zu Technologien in den Bereichen Sprache und Inhalte für alle Anwendungsgebiete; die Leitaktion wird auch Maßnahmen hinsichtlich der Validierung, Übernahmeunterstützung der neuen Technologien, Konzertierung und Normung umfassen. Interaktives elektronisches Publizieren, digitales Erbe und kulturelle Inhalte stehen eindeutig im Mittelpunkt dieser Leitaktion. "Der Zugang zum Kulturgut soll verbessert, dessen Erschließung erleichtert und die kulturelle Entwicklung gefördert werden, indem die von Bibliotheken, Museen und Archiven erbrachten Schlüsselbeiträge auch auf die entstehende ,Kulturwirtschaft' ausgedehnt werden und die wirtschaftliche, wissenschaftliche und technische Entwicklung einbezogen wird."

Die F&E-PRIORITÄTEN lauten:

- "Erstellung kreativer Inhalte mit Hilfe fortgeschrittener, in Echtzeit arbeitender Autoren- und Gestaltungssysteme" - "Verwaltung digitaler Inhalte durch die Unterstützung dezentraler und vernetzter Inhalte" - "Personalisierung der Inhaltsbereitstellung durch kostengünstige Bündelung von Inhalten, Werbung" u.a.m. - "Integrierter Zugang zu heterogenen dezentralen Sammlungen und Archiven in digitalisierter und herkömmlicher Form (z.B. Bibliotheksbestände, Museumsausstellungen, öffentliches Archivmaterial, Archive mit multimedialer Kunst, Tonarchive, digitale Filmsammlungen und digitale Verteilnetze für Kinofilme)" - "Verbesserung der Funktionalität" umfangreicher Kulturbestände durch den Einsatz neuer Verwaltungstechniken und "Einhaltung des Urheberrechts" - Erhaltung wertvoller gefährdeter multimedialer Inhalte - Unterstützung bei der Implementierung neuer Technologien; Validierung und Demonstration. (Es handelt sich hier um großteils wörtlich übernommene Aussagen des aktuellen Vorschlages für das 5. RP laut: http://www.cordis.lu/fifth/src/305b-d-6.htm Vgl. dazu den in Kürze erscheinenden Beitrag v. Hans-Georg Stork, Offene Grenzen für die Bibliotheken Europas. 10 Jahre Bibliotheksförderung durch die Europäische Kommission. In: B.I.T.-Online: http://www.bit.online.de/)

Weitere wichtige Teilthemen dieser Leitaktion sind Aus- und Weiterbildung und Sprachtechnologien. Inhaltlich, in der Perspektive der Zielsetzungen des gesamten Programmes gesehen, sind sie als zusammengehörig zu betrachten. Eine ähnliche inhaltliche "Vernetzung" dieser drei Teilschwerpunkte hat es bereits im 4. RP gegeben.

Die erste Leitaktion dieses thematischen Programmes "Systeme und Dienstleistungen für den Bürger" enthält ebenfalls, wenn auch (noch) in verhältnismäßig verschlüsselter Form, Möglichkeiten zur Einbringung von Bibliotheksinteressen, allerdings eher auf der Ebene der Öffentlichen Bibliotheken.

6. Handlungsbedarf

Der aus oben Gesagtem resultierende Handlungsbedarf ist eindeutig. (Vgl. zusätzlich einschlägiges Quellenmaterial anderer EU-Mitgliedsstaaten, bes. das der Bundesrepublik Deutschland, und Postulate des Autors in seinem Vortrag beim 24. Bibliothekartag in Innsbruck 1996).

Die strategisch-operative Position der Bibliotheken an sich gegenüber anderen Informationsanbietern ist ebenfalls einem Wandel unterworfen, der neue Spielregeln erfordert:

horizontal gesehen: die traditionellen Grenzen zwischen verschiedenen Bibliothekstypen sind als archaisch einzustufende Erscheinungen/Paradigmen zu sehen, daher auch stufenweise abzubauen, und eine enge Zusammenarbeit sowohl diverser Bibliotheken untereinander als auch der Bibliotheken mit Archiven, Museen und Kunstsammlungen ist unbedingt erforderlich, daher auch als unumgänglich zu definieren ; vertikal gesehen haben sie sich unmittelbar, auf der Basis einer zu schaffenden lernförderlichen Infrastruktur (computergestützte Lehr- und Lernumgebungen, virtuelle Wissensvermittlungsmodelle; Schlüsselbegriff: virtuelle Universität) in den Dienst der Bildung (aller Stufen und Grade) zu stellen und als Lern-, Lehr- und Forschungsplatz, aber auch als community maker zu verstehen.

Die normativen Schlußfolgerungen für das österreichische Bibliothekswesen - in seiner Relation zu den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung - sind, unter Beachtung des Schlußberichtes des Bundesministers für Wissenschaft und Verkehr "Österreichs Weg in die Informationsgesellschaft" vom August 1996 und des Berichtes der Arbeitsgruppe der Österreichischen Bundesregierung "Informationsgesellschaft" aus dem Jahre 1997, die ein grundsätzliches Bekenntnis der Österreichischen Bundesregierung zur Informationsgesellschaft und deren Implikationen enthalten, folgendermaßen definierbar:

1. die Arbeit an der Bildung eines Netzwerkes österreichischer digitaler Bibliotheken sollte - unter Berücksichtigung der technologischen und organisatorischen Basis des neuen Verbundsystems ALEPH - höchste Priorität erhalten.

Es empfiehlt sich, das Digitalisierungsproblem dreidimensional zu sehen, d.i. 1.1) als retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen, wobei eine eigene dafür eingesetzte Expertengruppe mit der Auswahl von Beständen (Prioritätenfrage) - gemäß dem Kriterium der dringlichen Notwendigkeit für die österreichische Forschung, Entwicklung und Lehre - betraut werden müßte, um auf diese Art auch die reale Wichtigkeit, d.h. die reale Digitalisierungswürdigkeit einzelner Informationsträger in Erfahrung zu bringen.

1.2) Schaffung von Möglichkeiten eines vernetzten elektronischen Zugangs zu bereits und ohnehin vorhandenen digitalen Informationsbeständen (Verlage, deren Veröffentlichungen für die österreichische Forschung und Lehre von primärer Bedeutung sind; Auswahl bestimmter Fachdisziplinen, Datenbanken etc.) und Informationsproduzenten (electronic publishing) mittels günstiger Pauschalverträge und unter Berücksichtigung der Copyrightfrage. Hiebei hat man zu bedenken, dass eine solche Maßnahme - gemäß internationalen Erfahrungen - ein enormes finanzielles Einsparungspotential in sich birgt (Reduzierung der Erwerbungsausgaben, Erhaltungskosten, verminderter Raum- und Personalbedarf etc.) und eine hohe Flexibilisierung des Zugangs zu relevanten Informationsbeständen realisieren läßt.

1.3) Katalogisierung elektronisch zugänglicher Informationsbestände (Klärung erforderlicher Qualitätskriterien, Bereitstellung von Informationszugängen für bestimmte Fachbereiche).

2. Internationalisierung als Bildung kooperativer Partnerschaften zwecks Schaffung von Synergien bei der Bewältigung offener komplexer lokaler wie überregionaler Verbundfragen als Funktion und Komponente des im Entstehen begriffenen Netzes virtueller Unterrichtsräume, Universitäten und Forschungsstätten.

3. "Ad-hoc"-Realisierungsmaßnahmen

3.1) Genaue - anwendungsorientierte und realisierungsfähige - Definierung einer nationalen, politisch akzeptierten und mitgetragenen Schwerpunktinitiative (eines nationalen Gesamtkonzeptes) zum o. G. und eines daraus resultierenden Handlungsbedarfes und Aktionsplanes

3.2) Konstituierung einer für die Gesamtumsetzung zuständigen nationalen Zentralstelle/Arbeitsgruppe, bestehend aus zwei Untergruppen:

3.2.1) eine zuständig für Inhalts- und Evaluierungsfragen und

3.2.2) eine andere zuständig für technische Aspekte

3.3) Klärung finanzieller Möglichkeiten und Organisation der Bereitstellung entsprechender Mittel

3.4) Möglichst rascher Umsetzungsbeginn mittels gesamtkonzeptgerechter Pilotprojekte

3.5) Fortsetzung (eine Reihe von Informationstagen fand bereits, vom ANFP organisiert, statt) entsprechender bewußtseinsbildender Maßnahmen in enger Kooperation mit einschlägigen Entscheidungsträgern (Bildung, Wissenschaft/Universitäten, Forschung, Kultur, Fördereinrichtungen, Politik)

3.6) Direkte ressourcenmäßige Verstärkung des Referates für Internationale Bibliotheksangelegenheiten, damit es den ihm übertragenen und stets expandierenden Aufgaben gerecht werden kann.

Auch wenn es sich meiner Kenntnis nicht entzieht, dass es auf dem Sektor Digitale Bibliothek lokale, partielle Initiativen und Aktivitäten gibt, so muß doch, ausgehend von bewährten Erfahrungen in anderen Ländern Europas, gesagt werden, dass die gesellschaftlich determinierende Umsetzung und Wirkung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien - aus Gründen der Effizienz, Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit, Kompatibilität und Standardisierbarkeit - einer zentralen nationalen Organisationsform und Koordinierung bedarf. Das oben definierte Ziel kann nur durch eine reale Zusammenarbeit aller einschlägigen Einrichtungen und deren Rechtsträger und auf der Basis einheitlicher Grundlagen erreicht werden. Nur so können Insellösungen vermieden und unnötige finanzielle Belastungen dem österreichischen Staat und Steuerzahler erspart werden. Letztlich geht es hier nicht darum, dem historisch und arbeitsästhetisch vorbelasteten Image der Bibliotheken anhaftend, ihre allgemeine Rolle und Funktion im Staat im sekundären oder gar tertiären Wichtigkeitsbereich zu sehen und einen solchen Werterosionsprozeß weiterhin zu fördern, sondern die kardiale Wesentlichkeit dieser Einrichtung für eine lebenswerte, menschen- und sozialgerechte, bürger- und wissensfreundliche Informationsgesellschaft für die Zukunft der Demokratie in Europa zu erkennen und diese Erkenntnis auch umzusetzen.

Was hier auf dem Spiel steht, ist als wesentlicher Teil nationalen und europäischen Interesses zu sehen.


Rolf Griebel
Outsourcing und Bibliotheksmanagement
Erfahrungen an der Bayerischen Staatsbibliothek

1. Einleitung

Plakative Worthülse für längst praktizierte Dienstleistungen, progressive Attitüde, vordergründige Anpassung an modische Trends, Destruktion des Berufsbildes, fatale Förderung des Stellenabbaus. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Die Attribute, mit denen Outsourcing aus der Sicht derer belegt wird, die diesem Ansatz aus unterschiedlichen Gründen kritisch gegenüberstehen, lassen sich unter dem Begriff "neue Zauberformel" als ironisches Verdikt subsumieren. Demgegenüber erhebt sich die Frage, ob es nicht an Problembewußtsein und insbesondere an konkreten Erkenntnissen fehlt, welche Kosten die derzeit erbrachten bibliothekarischen Leistungen und Produkte verursachen und ob nicht manch liebgewonnene bibliothekarische Tugend auf den Prüfstand muß. Die Diskrepanz zwischen sinkenden Personalkapazitäten und der notwendigen Ausweitung des Leistungsspektrums erfordert aktives Qualitäts- und Kostenmanagement und "Optimierungsstrategien für Geschäftsprozesse". In diesem Kontext ist auch Outsourcing als ein möglicher Ansatz ins Kalkül zu ziehen - in amerikanischen Bibliotheken bekanntermaßen auf breiter Ebene und umfassend vollzogen. Beschränkt auf den Funktionsbereich Erwerbung stellt sich die Frage, inwieweit Outsourcing den Weg zu effektivem Beschaffungsmanagement eröffnet. Im folgenden werden zunächst drei Outsourcing-Projekte, die an der Bayerischen Staatsbibliothek durchgeführt wurden, vorgestellt. Die Darstellung rückt den methodischen Ansatz in den Vordergrund. Ausgehend von den konkreten Erfahrungen wird das Thema Outsourcing in der Erwerbung anschließend grundsätzlich diskutiert.

2. Outsourcing in der Erwerbungsabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek

2.1 Ausgangssituation und Zielsetzung

Die Erwerbungsabteilung der BSB mußte in den letzten Jahren einen fortschreitenden Verlust an Personalkapazität infolge von Wiederbesetzungssperren und Stelleneinzügen hinnehmen. Zugleich sah sie sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihr Leistungsspektrum quantitativ und qualitativ auszuweiten. Als Beispiele seien genannt: Steigerung des Erwerbungsvolumens in bestimmten Segmenten des Erwerbungsprofils, Erfolgskontrolle beim Bestandsaufbau, Erfolgssicherung bei der Literaturbeschaffung und damit implizit Lieferantenevaluierung, Maßnahmen zur gezielten systematischen Bestands- und Lückenergänzung, Einbeziehung der elektronischen Medien, insbesondere der Netzpublikationen, verstärkte Anstrengungen im Bereich der Informationsdienste (vor allem bei den Sondersammelgebieten). Sollte der Spagat leidlich glücken, mußte versucht werden, den Einsatz der noch vorhandenen personellen Ressourcen zu optimieren. Im Hinblick auf dieses Ziel wurden folgende aufeinander abgestimmte Wege beschritten. Die Anstrengungen zielten primär darauf, das in den tradierten organisatorischen Strukturen und Arbeitsabläufen liegende Rationalisierungspotential durch eine entsprechende Umgestaltung - u.a. durch die Etablierung integrierter Geschäftsgänge - zu erschließen. Wenngleich die Voraussetzungen für die Einführung eines automatisierten Erwerbungssystems bis Anfang 1998 nicht gegeben waren, wurde der Einsatz von IT-Lösungen in Teilbereichen im Hinblick auf eine größtmögliche Steigerung der Effizienz forciert. Ein entscheidender Ansatz war ferner, die Bibliothekare durch den gezielten Einsatz von Hilfskräften zumindest partiell von Arbeiten zu entlasten, die im Sinne einer Abschichtung delegierbar sind. Im Bereich der Beschaffungs- und Lieferantenpolitik wurde versucht, die buchhändlerische Dienstleistung zu optimieren und dadurch Entlastungseffekte zu erzielen. Schließlich wurde innerhalb des Gesamtkonzepts auch der Weg des Outsourcing beschritten.

Outsourcing in der Erwerbung, in den Aufbaujahren universitärer Neugründungen in vielfältigen Varianten praktiziert, wird dabei als Auslagerung genuin erwerbungsbibliothekarischer Aufgabenfelder auf buchhändlerische Dienstleister wie das Sortiment, spezialisierte Bibliothekslieferanten (Library Suppliers) oder Zeitschriftenagenturen definiert, soweit dies über den Rahmen herkömmlicher Dienstleistung hinausgeht, wie ihn die "Dritte überarbeitete Empfehlung für den Geschäftsverkehr zwischen wissenschaftlichen Bibliotheken und Buchhandel" (1994) umschreibt. Konstitutives Element ist dabei die routinemäßige Einbindung der externen Dienstleistung in den Geschäftsgang, die über einen nur temporären Einsatz - etwa bei Sondermittelzuweisungen - hinausgeht. Das Ziel des in der BSB gewählten Ansatzes zum Outsourcing besteht darin, bibliothekarische Fachkräfte für bislang nicht wahrgenommene oder neu entstandene Aufgaben freizusetzen, die von den qualitativen Anforderungen in der Regel mindestens so hoch einzuschätzen sind wie die bisherigen. Der Entscheidung, bestimmte Aufgaben auszulagern, gingen drei Outsourcing-Projekte voraus. Sowohl im Vorfeld als auch bei der Evaluierung kam der Prozeßkostenrechnung eine zentrale Rolle zu.

2.2 Outsourcing-Projekte

2.2.1 Outsourcing in der Titelauswahl - Approval Plan Italien Erwartungen

Dem Approval Plan - in den USA bekanntermaßen weit verbreitet - steht man in deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken seit jeher mit größter Zurückhaltung gegenüber. Es stellt sich deshalb die Frage, welche Erwartungen die BSB mit der Etablierung eines Approval Plan für die italienische Literaturproduktion, der nicht zuletzt aufgrund der Sondersammelgebietsverpflichtungen für das Erwerbungsprofil ein sehr hoher Stellenwert zukommt, verbunden hat. Es waren im wesentlichen drei Ziele: Optimierung der Titelauswahl unter den Bedingungen eines Regionalreferates, Rationalisierung auf der Ebene des Bestandsaufbaus und der Beschaffung sowie Beschleunigung bei der Lieferung.

Prozeßkostenrechnung und Reorganisation

Outsourcing setzt grundsätzlich die Durchführung einer Prozeßkostenrechnung voraus, zum einen im Hinblick auf die kritische Analyse der Organisation der Arbeitsabläufe und des Personaleinsatzes, zum anderen um den durch Outsourcing erzielten Nutzen tatsächlich messen und bewerten zu können. Die Prozeßkostenrechnung sollte sich nach betriebswirtschaftlicher Lehrmeinung auf Kostenstellen konzentrieren, die folgende Merkmale aufweisen: häufig auftretende und repetitive Tätigkeiten, die gleichzeitig einen geringen Entscheidungsspielraum aufweisen; Bereiche, die Kostenschwerpunkte bilden, in denen ein überdurchschnittliches Rationalisierungspotential vermutet wird und bei denen zur Verrechnung der Tätigkeiten relativ leicht Bezugsgrößen und Prozeßmengen gefunden werden können. Abb. 1 stellt die Prozeßkosten bei der Kauferwerbung von Monographien einschließlich Fortsetzungen aus Italien auf der Grundlage des konventionellen Geschäftsgangs dar. Der Hauptprozeß umfaßt in der Kostenstelle Bestandsaufbau die beiden Teilprozesse "Titelauswahl" und "Maßnahmen zur Erfolgssicherung" und in der Kostenstelle Literaturbeschaffung die Teilprozesse "Vorakzession", "Bestellung", "Akzession" und "Bestellverwaltung, Maßnahmen zur Qualitätskontrolle". Die Bereitstellung der Bestellunterlagen durch die Geschäftsstelle wie die Rechnungsabwicklung, Erstellung der Auszahlungsanordnungen und Statistik durch die Rechnungsstelle bleiben dabei außer Betracht.

Die Teilprozesse sind danach zu unterscheiden, ob sie sich in Abhängigkeit von dem zu erbringenden Leistungsvolumen mengenvariabel, d.h. leistungsmengenindiziert verhalten - wie etwa die Titelauswahl oder die Vorakzession - oder mengenunabhängig, d.h. leistungsmengenneutral - wie etwa die Erfolgssicherung, also z.B. die Auswertung von Rezensionsorganen und Fachzeitschriften. Für alle leistungsmengenindizierten Teilprozesse wird eine geeignete Maßgröße, ein Cost Driver, definiert, der die Abhängigkeit vom Leistungsvolumen der Kostenstelle beschreibt, also etwa die Zahl der Titelinformationen bei der Titelauswahl (14.000) oder die Zahl der erworbenen Einheiten bei der Akzession (4.200). Für die Ermittlung der Prozeßkosten werden der Zeitaufwand und die Personalkosten zugrundegelegt. Da die an der BSB initiierten Outsourcing-Maßnahmen nicht auf den Abbau von Personal, sondern auf Umschichtung abzielen, stützt sich die Prozeßkostenrechnung auf die laufbahnspezifischen Personaldurchschnittskosten, nicht auf die Personalvollkosten, die darüber hinaus u.a. Arbeitsplatz- sowie Gemeinkosten umfassen. Die Prozeßkosten für die Kauferwerbung von Monographien aus Italien belaufen sich demnach unter Zugrundelegung der Personaldurchschnittskosten des höheren Dienstes in der Kostenstelle Bestandsaufbau und des gehobenen Dienstes in der Kostenstelle Literaturbeschaffung auf insgesamt ca. DM 91.500, wovon ca. DM 20.600 auf die leistungsmengenneutralen Teilprozesse entfallen. Der Prozeßkostensatz beträgt bezogen auf die leistungsmengenindizierten Kosten in der Kostenstelle Bestandsaufbau DM 1,75 und in der Kostenstelle Literaturbeschaffung DM 11,95. Vor der Einleitung der Outsourcing-Maßnahme galt es, das vermutete, durch die Prozeßkostenrechnung aufgedeckte Rationalisierungspotential durch die Verschlankung der Arbeitsabläufe und eine Abschichtung beim Personaleinsatz zu erschließen. Reorganisationsmaßnahmen in der Kostenstelle Beschaffung führten zu einer Reduktion der Prozeßkosten um 34% oder ca. DM 19.000. So konnte z.B. der Prozeßkostensatz für die Akzession von DM 7,73 auf DM 4,11 reduziert werden.

Vorbereitung des Outsourcing-Projekts

Während die Wahl des Partners beim Outsourcing gemeinhin intensive Abklärungen erfordert, stand in dem vorliegenden Fall die Entscheidung bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt fest, da die Firma Casalini aufgrund ihres hohen Leistungsstandards und ihrer langjährigen Erfahrungen auf dem amerikanischen Bibliotheksmarkt optimale Voraussetzungen für das Outsourcing-Projekt bot und zudem Konsens bestand, daß die Kosten für die Übernahme der Titelauswahl angesichts des Umsatzvolumens nicht an die BSB weitergegeben werden.

Das Outsourcing-Projekt Titelauswahl Italien erforderte umfassende vorbereitende Maßnahmen. Von entscheidender Bedeutung für die erfolgreiche Umsetzung war die Vermittlung des Erwerbungsprofils, das die erwerbungspolitische Zielsetzung in der erforderlichen Präzisierung dokumentiert. Im vorliegenden Fall stellte sich für Casalini nicht allein die Aufgabe, das Erwerbungsprofil nachzuvollziehen, zusätzliche Schwierigkeiten resultierten aus der Abgrenzung zwischen Titeln, die aus BSB-Mitteln, und Titeln, die im Bereich der Sondersammelgebiete aus DFG-Mitteln zu finanzieren sind. Die Komplexität des Profils, insbesondere aufgrund der Sondersammelgebiete, machte eine intellektuelle Bearbeitung des Approval Plan erforderlich; eine automatisierte Bearbeitung hätte zu einer nicht vertretbar hohen Fehlerquote geführt. Eine weitere Voraussetzung, die im Vorfeld der Outsourcing-Maßnahme geschaffen werden mußte, war die Konzentration der Lieferantenpolitik in Italien.

Handlungsbedarf zeigte sich dabei im Bereich der monographischen Fortsetzungen, denen in der Beschaffungspolitik der BSB seit jeher ein hoher Stellenwert zukommt. Um Dubletten aus standing-order-Bestellungen bei anderen Lieferanten und dem Approval Plan bei Casalini zu vermeiden, waren umfängliche Umbestellungsaktionen von Serien und Fortsetzungen durchzuführen.

Evaluierung des Outsourcing-Projekts

Nach Ablauf eines Jahres konnte festgestellt werden, daß sich das in der Vorbereitungsphase entwickelte Konzept als tragfähig erwiesen und einen weitgehend reibungslosen Übergang auf den Approval Plan ermöglicht hat. Über die organisatorische Abwicklung hinaus war aber entscheidend, daß es Casalini gelungen ist, das überaus komplexe Erwerbungsprofil umzusetzen. Die Quote der Rücksendungen lag 1997 bei nur 4,4%, wobei jeder Rücksendung eine kurze Erklärung zur weiteren Präzisierung des Profils beigefügt war. Der Anteil der AP-Lieferungen blieb 1997 zwar noch unter dem angestrebten Ziel von 90% - in Zweifelsfällen und oberhalb einer Preisgrenze war eine konventionelle Bestellung anhand der Titelanzeigen vereinbart - , beide Partner gehen aber davon aus, daß die Marge von 90% sogar übertroffen werden kann.

Die Bilanzierung hat den Blick auf die Erwartungen zu richten, die mit dem Approval Plan verbunden waren. Ziel war zunächst Rationalisierung. Die Prozeßkostenrechnung zeigt unter der Prämisse eines 90%igen Anteils der Approval Plan-Lieferungen, daß in der Kostenstelle Bestandsaufbau die leistungsmengenindizierten Prozeßkosten um 53% oder ca. DM 13.000 gesenkt werden können. Der neue Teilprozeß "Sichtung der AP-Lieferung" ist zwar durch einen deutlich höheren Prozeßkostensatz (DM 3,26) als die Titelauswahl auf der Basis von Titelanzeigen (DM 1,75) gekennzeichnet, er bezieht sich jedoch auf nur 2.800 Monographien gegenüber 14.000 bibliographischen Informationen, aus denen bei konventioneller Bearbeitung Titel ausgewählt werden mußten. Der Approval Plan führt insofern zu einer Verdichtung und Konzentration der Referententätigkeit beim Bestandsaufbau. Darüber hinaus können in der Kostenstelle Literaturbeschaffung die leistungsmengenindizierten Prozeßkosten um 12,5% reduziert werden. So entfallen der Teilprozeß "Bestellung" und einzelne Arbeitsschritte bei der Akzession. An die Stelle der Vorakzession - der eigentliche Dublettencheck wird durch Casalini geleistet - tritt der Interimsnachweis, der jedoch künftig bei integrierter Bearbeitung entfällt. Die Zeitersparnis für die laufenden Maßnahmen zur Erfolgssicherung bei der Beschaffung im Rahmen der Bestellverwaltung - und damit der Rückgang der leistungsmengenneutralen Prozeßkosten in Höhe von 15% - ist in erster Linie auf die Konzentration in der Lieferantenpolitik und damit nur indirekt auf die Outsourcing-Maßnahme zurückzuführen. Betrachtet man die gesamten Prozeßkosten (Abb. 2), so können diese im Outsourcing-Modell gegenüber der ursprünglichen Organisationsform um 42%, gegenüber der revidierten Organisation um 27% gesenkt werden. Dies entspricht etwa DM 38.500 bzw. DM 19.000, d.h. einer halben bzw. einer Viertelstelle A 9.

Der Approval Plan bietet, wie die Erfahrungen des Jahres 1997 zeigen, zugleich die Voraussetzung für die Optimierung der Titelauswahl unter den Bedingungen des Regionalreferats, indem diese nicht mehr auf der Basis von Titelkärtchen, sondern in einem zweistufigen Verfahren - Selektion durch den Library Supplier und Sichtung durch das Regionalreferat - prinzipiell aufgrund von Autopsie erfolgt. Schließlich haben sich auch die Erwartungen an die Beschleunigung der Lieferungen im Rahmen des Outsourcing-Projekts erfüllt. Der Zeitgewinn von zwei bis drei Monaten, der seinerseits wieder zu einem neuerlichen Rationalisierungseffekt bei der Bearbeitung von Fernleihscheinen und Nutzerwünschen führt, erhält besondere Relevanz im Hinblick auf den überregionalen Literaturversorgungsauftrag. Aufgrund der durchweg positiven Erfahrungen wird eine Ausweitung des Approval Plan-Verfahrens auf andere Bereiche in Erwägung gezogen.

2.2.2 Outsourcing in der Monographienakzession

Zielsetzung

Ausgangspunkt der Überlegungen war der hohe Aufwand, den die einzelnen Akzessionsvorgänge verursachen. Dabei stellte sich die Frage, ob die genaue Überprüfung jeder einzelnen Lieferung tatsächlich lückenlos erforderlich ist oder ob nicht - einen leistungsfähigen Partner vorausgesetzt - eine Beschränkung auf Stichproben möglich ist. Dies führte zu dem Ansatz, den Akzessionsvorgang als solchen - bislang eine genuin bibliothekarische Tätigkeit - auszulagern.

Prozeßkostenrechnung

Als erster Schritt wurde der Teilprozeß "Akzession von Monographien" auf der Grundlage des reorganisierten, aber noch nicht automatisierten Geschäftsgangs einer Prozeßkostenrechnung unterzogen, und zwar für angloamerikanische Literatur sowie für Titel der DNB, Reihe B. Der Teilprozeß "Akzession" (Abb. 3) umfaßt 15 einzelne Arbeitsvorgänge, die sich vom Ablauf und unter dem Aspekt der Wertigkeit in drei Gruppen zusammenfassen lassen: Auspacken/Vollständigkeitskontrolle (1-4), Vor- und Nachbereitung der Akzession (5, 15) und Akzession im engeren Sinn (6-14). Für die Akzession von 100 Monographien (Abb. 4) liegt der Zeitaufwand hierfür bei 56, 124 und 300 Minuten. Ein Akzessionsvorgang erfordert somit insgesamt 4,8 Minuten. Werden alle Arbeitsschritte von einer Diplomkraft ausgeführt, liegt der Prozeßkostensatz bei DM 4,46. Bei der Delegation der Arbeitsschritte Auspacken/Vollständigkeitskontrolle sowie Vor- und Nachbereitung auf Hilfskräfte kann er auf DM 3,24 gesenkt werden.

Vorbereitung der Outsourcing-Maßnahme

Als Partner für das Outsourcing-Projekt Monographienakzession entschied sich die BSB für die Versandbuchhandlung Dreier (Duisburg), die sich seit Jahren als leistungsstarker und dienstleistungsorientierter Geschäftspartner erwiesen hat. So hatte die Entscheidung, die Literaturbeschaffung der Reihe B, eines für den Sammelauftrag der BSB sehr wichtigen Bereichs der Literaturproduktion, und damit implizit auch die Ermittlung der Bezugsadressen der Firma Dreier zu übertragen, sehr rasch zu einer signifikanten Verbesserung der erwerbungspolitischen Bilanz geführt. Unter Zugrundelegung der "Dritten Empfehlung für den Geschäftsverkehr zwischen wissenschaftlichen Bibliotheken und Buchhandel", die bei den von der Bibliothek zu liefernden "Mindestbestelldaten" auch die "Bezugsadresse bei grauer Literatur" aufführt, stellt bereits die Adressermittlung durch den Library Supplier eine Auslagerung erwerbungsbibliothekarischer Tätigkeit dar. Im Hinblick auf die Kosten für das Outsourcing wurde die Vereinbarung getroffen, daß diese durch eine Ausweitung des Auftragsvolumens kompensiert werden. Der Ansatz, den Kernbereich der Akzession auszulagern, erforderte eine sorgfältige Vorbereitung. In enger Zusammenarbeit mit Dreier wurde ein auf die spezifischen Anforderungen der BSB zugeschnittenes organisatorisches Konzept entwickelt. Die von Dreier im Rahmen des Outsourcing-Projektes übernommenen Aufgaben umfassen den eigentlichen Kernbereich der Akzession: u.a. Prüfung der sachlichen Richtigkeit, ggf. Korrektur der Ansetzung bzw. bibliographischen Beschreibung, Vergabe der Zugangsnummern (aus den zugewiesenen Kontingenten) im Buch, auf der Rechnung wie dem Bestellkärtchen sowie Vergabe von Kenn- und Statistikziffern. Demgegenüber verbleiben der Erwerbungsabteilung die Arbeitsvorgänge Auspacken/Vollständigkeitskontrolle sowie Vor- und Nachbereitung, die grundsätzlich auf Hilfskräfte delegierbar sind. Die Organisationsplanung ist darauf ausgerichtet, daß die einlaufenden Lieferungen im Prinzip in die Katalogisierung gehen, ohne daß vorher noch eine bibliothekarische Fachkraft in der Erwerbung tätig wird - ein Ziel, das freilich erst nach mehreren Zwischenstufen erreicht werden kann. An die Stelle der routinemäßigen Kontrolle jeder einzelnen erworbenen Monographie tritt die stichprobenartige Überprüfung. Voraussetzung hierfür ist Vertrauen in die Fachkompetenz, Leistungsfähigkeit und - namentlich im Hinblick auf die Überwachung korrekter Preise und die Einhaltung der vereinbarten Lieferkonditionen - Zuverlässigkeit des buchhändlerischen Dienstleisters.

Bewertung

Die an das Outsourcing-Projekt geknüpften Erwartungen haben sich - so die Erfahrungen nach einem Jahr - in vollem Umfang erfüllt. Die Prozeßkostenrechnung zeigt folgendes Ergebnis (Abb. 5): Der Zeitaufwand für die restlichen Funktionen, die noch von der Erwerbungsabteilung wahrgenommen werden, liegt pro Akzessionsvorgang bei 1,8 Minuten. Dies entspricht gegenüber der konventionellen Bearbeitung einer Zeitersparnis von 62,5%. Werden die verbleibenden Arbeitsschritte von einer bibliothekarischen Fachkraft ausgeführt, beträgt der Prozeßkostensatz DM 1,67. Delegiert man sie auf Hilfskräfte, so kann dieser auf DM 0,45 gesenkt werden. Er beträgt damit nur noch 10% bzw. 14% des ursprünglichen Prozeßkostensatzes in Höhe von DM 4,46 bzw. DM 3,24. Bezogen auf eine Akzessionsleistung von z.B. 5.000 Monographien, können gegenüber der konventionellen Bearbeitung (ohne Personalabschichtung) die Prozeßkosten um ca. DM 20.000 reduziert werden; dies entspricht einer Viertelstelle des gehobenen Dienstes.

Die Entscheidung, mit der Akzession einen Kernbereich erwerbungsbibliothekarischer Tätigkeit auszulagern, setzt unabdingbar einen gleichbleibend sehr hohen Leistungsstandard und eine kontinuierliche Qualitätskontrolle durch den Dienstleister voraus. Akzession im eigentlichen Sinn ist nicht auf Hilfskräfte delegierbar, sondern erfordert qualifiziertes Personal, das sowohl über buchhändlerische wie bibliothekarische Kompetenz verfügt. Die Erfahrungen haben gezeigt, daß Outsourcing in der Monographienakzession ohne Qualitätseinbuße möglich ist und zu einem beachtlichen Rationalisierungsgewinn führt. Beide Partner sind übereingekommen, die Maßnahme unter den bestehenden Bedingungen und in der definierten Organisationsform fortzusetzen. Die BSB hat das Outsourcing in der Monographienakzession mittlerweile ausgeweitet.

2.2.3 Outsourcing bei der Zeitschriftenbeschaffung

Zielsetzung

Ziele des Projektes waren einerseits die Rationalisierung, andererseits die Verbesserung der Lieferzuverlässigkeit im Hinblick auf die Rolle der BSB als Document Supplier in einer von wachsender Konkurrenz geprägten Angebotssituation. Da die Zeitschriftenerwerbung in der BSB, die mit 42.000 Periodica, davon 21.000 Zeitschriften, nach der British Library in Europa an zweiter Stelle steht, noch nicht automatisiert ist, stellt sich das Problem der Erfolgssicherung bei der Hefteingangskontrolle mit besonderer Brisanz. Die bis dato leistbaren Reklamationsaktivitäten blieben hinter den Anforderungen zurück. Erhöhte Anforderungen an das Reklamationswesen resultieren zudem daraus, daß das Zeitschriftenpaket durch einen hohen Anteil von schwer beschaffbaren SSG-Zeitschriften geprägt ist.

Kosten-Nutzen-Analyse

Im Unterschied zu den beiden skizzierten Projekten stand im Falle des Outsourcing bei der Zeitschriftenverwaltung von vornherein fest, daß für die zusätzlichen Dienstleistungen Kosten anfallen würden. Deshalb mußte im Vorfeld zunächst eine Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt werden. Im ersten Schritt war die mögliche Einsparung an Personalkosten durch Outsourcing zu ermitteln. Hierfür wurden zunächst die Prozesse "Auslage eines Zeitschriftenheftes" und "Reklamation eines Zeitschriftenheftes" in der konventionellen Bearbeitung im Rahmen einer Prozeßkostenrechnung untersucht.

Der Hauptprozeß "Auslage eines Zeitschriftenheftes" (Abb. 6) umfaßt, abgesehen von Transporten, sieben Teilprozesse: Öffnen der Sendungen - Verteilung - alphabetische Sortierung - Kardexeintrag (einschließlich Signaturauftrag und Umlaufzettel) - Stempeln - Sortierung nach Standortnummern - Auslage. Der Zeitaufwand für den Gesamtprozeß beträgt für ein Heft 2,6 Minuten. Legt man für die Personaldurchschnittskosten einen Mittelwert aus einfachem und mittlerem Dienst zugrunde, so liegt der Prozeßkostensatz für die Auslage eines Zeitschriftenheftes bei DM 1,83; hiervon entfällt mit DM 0,87 der größte Anteil auf den Kardexeintrag. Die Prozeßkosten für die Auslage von 180.000 Heften sind demnach jährlich auf DM 330.000 zu beziffern. Im Outsourcing-Modell, bei dem die mit Signaturetiketten und Umlaufzetteln versehenen Zeitschriftenhefte nach Lieferungseingang unmittelbar in die Auslage gelangen und der Kardexeintrag anhand eines Lieferscheins erfolgt, lassen sich der Zeitaufwand und damit die Prozeßkosten deutlich reduzieren. So entfallen die Teilprozesse "Öffnen der Sendungen", "Verteilung" und "alphabetische Sortierung". Beim Teilprozeß "Kardexeintrag" wurde die Zeitersparnis auf bis zu 50% geschätzt, aber bei der Kosten-Nutzen-Analyse nicht berücksichtigt. Unter der Prämisse, daß das ins Auge gefaßte Zeitschriftenpaket von 4.200 Titeln in das Outsourcing-Modell einbezogen wird, kann der Zeitaufwand um ca. 440 Stunden verringert werden. Dies entspricht einer Absenkung der Prozeßkosten um ca. DM 18.400. Der Prozeß "Reklamation eines Zeitschriftenheftes" umfaßt drei Teilprozesse: die "systematische Überprüfung des Kardex auf Lücken", den "primären Reklamationsvorgang" sowie die "Folgeschritte einer vollzogenen Reklamation", wobei der Zeitaufwand für diese im Unterschied zur primären Reklamation erheblich variiert. Die Prozeßkostenrechnung ergab, daß sich die Prozeßkosten für die bisher konventionell geleisteten 3.000 Reklamationen, die 800 Stunden erfordern, auf ca. DM 35.000 belaufen. Dies entspricht einem Prozeßkostensatz von DM 11,73. Die Auslagerung des Reklamationswesens führt bei 4.200 Titeln zu einer weiteren Kostenreduktion von ca. DM 7.000. Die Prozeßkosten können somit durch den konsolidierten Zeitschriftenservice unter Einbeziehung des Rationalisierungseffektes bei der Abwicklung der Einfuhrumsatzsteuer - aber ohne Berücksichtigung der erwarteten deutlichen Zeitersparnis beim Kardexeintrag - um ca. DM 26.500 gesenkt werden. In einem zweiten Schritt waren die zusätzlichen Kosten für den Konsolidierungsservice zu berücksichtigen. Den für das Outsourcing in Rechnung gestellten Gebühren (einschließlich Fracht) steht eine Kostenersparnis gegenüber, die daraus resultiert, daß die US-Zeitschriftentitel im Rahmen des Outsourcing-Modells zum erheblich niedrigeren US-Inlandspreis bezogen werden können. Dies führte im Saldo zu einer weiteren Kostenreduktion von ca. DM 20.000. Nicht in die Kalkulation einbezogen wurde der durch die verbesserte Lieferzuverlässigkeit erzielbare, jedoch nicht zu quantifizierende Mehrwert für die Dokumentlieferung. Auf der Basis der Kosten-Nutzen-Analyse wurde die Entscheidung getroffen, die Outsourcing-Maßnahme bei der Zeitschriftenbeschaffung mit dem Bezugsjahr 1997 einzuleiten.

Vorbereitung des Outsourcing-Projektes

Die Wahl fiel auf den Konsolidierungsservice FAST von Swets; hier waren ca. 4.200 Abonnements placiert, darunter ein großer Teil der STM-Titel, denen für die Dokumentlieferung ein besonders hoher Stellenwert beizumessen ist. In der Vorbereitung waren erheblich höhere zeitliche Investitionen zu erbringen als bei den beiden bereits skizzierten Projekten. Auf der Basis differenzierter Ablaufuntersuchungen wurde in enger Zusammenarbeit mit Swets versucht, das Organisationsmodell im Sinne einer präzisen Ausrichtung auf das spezifische Anforderungsprofil der BSB - vor allem auch in der Gestaltung des Lieferscheins - zu optimieren. Es würde den Rahmen sprengen, die im Vorfeld gemeinsam mit Swets geleisteten Schritte und konkreten Vorarbeiten im einzelnen nachzuvollziehen. So mußten u.a. alle Abonnements von Swets bei den Verlagen ab- und wieder neubestellt werden, da im Rahmen des Outsourcing-Projektes die Hefte über die Agentur, nicht mehr direkt einlaufen. Außerdem waren für alle Titel Standortnummern für die Aufnahme in den Barcodelabel an Swets zu melden - eine von Swets finanzierte Maßnahme - und dort zu erfassen. Unverzichtbare Voraussetzung für die Outsourcing-Maßnahme war schließlich der Zugang zu DATA-Swets, dem elektronischen Kardex in der Swets-Datenbank.

Bilanz

Nach einem Jahr Outsourcing konnte festgestellt werden, daß die Umstellung, die sich allerdings über einen längeren Zeitraum erstreckte als angenommen, gelungen ist. Das gemeinsam entwickelte organisatorische Konzept hat sich in der Praxis bewährt. Die Ziele - Rationalisierung und Verbesserung der Lieferzuverlässigkeit - konnten realisiert werden. Unter dem Aspekt der Rationalisierung erfüllten sich die Erwartungen auch insoweit, als der Teilprozeß "Kardexeintrag" im Outsourcing-Modell tatsächlich nur noch die Hälfte der Zeit erfordert. Die Prozeßkosten in der Zeitschriftenverwaltung können somit gegenüber der konventionellen Organisationsform um insgesamt ca. DM 42.000 gesenkt werden; dies entspricht einer halben Stelle des gehobenen Dienstes. In der Kosten-Nutzen-Analyse erhöht sich damit im Saldo die Kostenreduktion auf ca. DM 62.000.

Ein weiteres positives Ergebnis zeigte die Bilanz auch unter dem Aspekt der Lieferschnelligkeit. Die Dublettenlieferungen während der ersten Hälfte des Jahres 1997 boten die Chance, den Einlauf der Zeitschriften bei Direktlieferung und über FAST zu vergleichen. Die Erfahrungen bestätigten die Ergebnisse einer Untersuchung des British Library Document Supply Centre, wonach amerikanische STM-Titel über einen Konsolidierungsservice überwiegend schneller zur Verfügung stehen als bei Direktlieferung vom Verlag. Aufgrund des überaus positiven Fazits wird die BSB das Outsourcing in der Zeitschriftenbeschaffung fortsetzen und ausbauen.

3. Outsourcing - Risiko oder Chance?

In den abschließenden Thesen soll die Thematik grundsätzlich diskutiert werden. Ausgehend von den konkreten Erfahrungen lassen sich die wichtigsten Grundsätze für das methodische Vorgehen wie folgt zusammenfassen. - Die Einführung von Outsourcing setzt eine Prozeßkostenrechnung und gegebenenfalls die Erschließung des vorhandenen Rationalisierungspotentials voraus.
- Werden der Bibliothek die zusätzlichen Dienstleistungen in Rechnung gestellt, ist eine Kosten-Nutzen-Analyse unverzichtbar.
- Bei der Auswahl des Dienstleisters sind höchste Anforderungen an den Leistungsstandard und die Flexibilität zu stellen. Die Entscheidung erfordert eine intensive Abklärung.
- Voraussetzung für erfolgreiches Outsourcing ist, daß in enger Abstimmung mit dem Partner und unter aktiver Einbeziehung der betroffenen Mitarbeiter ein Organisationskonzept entwickelt wird, das auf die jeweiligen spezifischen Erfordernisse der Bibliothek ausgerichtet ist.
- Besondere Bedeutung ist der konsequenten Qualitätskontrolle beizumessen, die seitens des Dienstleisters offenzulegen ist.
- Outsourcing, das in der Vorbereitungsphase nicht unerhebliche zeitliche Investitionen erfordert, muß in einen kontinuierlichen Evaluierungsprozeß einbezogen werden. Bei der Bewertung gewinnt die mittelfristige Perspektive besonderes Gewicht.

Entscheidend ist, daß sich in den Bibliotheken in wesentlich stärkerem Maße Kostenbewußtsein entwickelt. Die Analyse der Prozeßkosten muß allerdings nicht zwangsläufig zum Outsourcing führen. Outsourcing ist kein Patentrezept. Ob und inwieweit dieser Weg beschritten werden kann, wird von den spezifischen Rahmenbedingungen bestimmt. In der BSB waren die Voraussetzungen sowohl unter dem Aspekt tradierter Organisationsstruktur wie eines geringen Automatisierungsgrads als auch aufgrund der Auftragsvolumina und der Prozeßmengen überaus günstig. Dennoch sollte Outsourcing grundsätzlich als ein möglicher Lösungsansatz in die Überlegungen einbezogen werden.

Als Folge einer verschärften Wettbewerbssituation entwickelt sich gegenwärtig im Buchhandel ein erweitertes Dienstleistungsangebot - ein Trend, der sich im Falle der Aufhebung der Preisbindung wesentlich verstärken wird. Ob und inwieweit den Bibliotheken für die zusätzlichen Dienstleistungen Kosten in Rechnung gestellt werden, wird der Wettbewerb entscheiden. Grundsätzlich liegt dem Outsourcing-Modell die Prämisse zugrunde, daß die Kosten für den Dienstleister niedriger sind als die entsprechenden Prozeßkosten in den Bibliotheken. Im Falle der Monographienakzession zeigte sich allerdings, daß der Zeitaufwand des Dienstleisters identisch ist mit dem in der Bibliothek.

In wissenschaftlichen Bibliotheken, soweit sie in öffentlicher Trägerschaft stehen, begegnet man Outsourcing mit - teils massiven - Vorbehalten.

- So hegt man die Befürchtung, Outsourcing führe zu einem essentiellen Kompetenzverlust und einer Beschneidung des bibliothekarischen Berufsbildes. Outsourcing ermöglicht aber gerade die Entlastung von repetitiven Routinetätigkeiten und damit die Wahrnehmung vielfältiger, auch höherwertiger Aufgaben. - Die skeptische Zurückhaltung wird auch damit begründet, daß Outsourcing den Stellenabbau provoziere und forciere. Hier ist man zunächst versucht, Naivität zu unterstellen. Entgegenzuhalten ist, daß der faktische Stellenabbau es erforderlich macht, Strategien zu entwickeln, wie die Bibliotheken trotz sinkender Personalressourcen steigenden Anforderungen gerecht werden können.

- Es wird argumentiert, Outsourcing beschleunige den Konzentrationsprozeß im Buchhandel. Dies ist jedoch nicht zwangsläufig die Konsequenz. Vielmehr liegt hierin durchaus eine Chance für den traditionellen wissenschaftlichen Sortimentsbuchhandel, sich gegen die spezialisierten Library Supplier zu behaupten. - Schließlich wird auf das Risiko hingewiesen, das in der Abhängigkeit vom Dienstleister gesehen wird. Dieses kann aber dadurch minimiert werden, daß die Geschäftsbeziehungen eine neue Qualität im Sinne intensiver vertrauensvoller Zusammenarbeit - nicht zuletzt bei der Erfolgskontrolle - gewinnen.

Outsourcing ist keine Zauberformel, eröffnet aber eine Chance für ein effektives Beschaffungsmanagement.


Hermann Köstler
Studenten aus der Sicht eines alten Bibliothekars
Der Student ? das bekannte Wesen?

Nicht typisch österreichische Studenten und Universitätsbibliotheken werden im folgenden abgehandelt, ebensowenig charakteristisch schweizerische. Der Bericht bietet lediglich Eindrücke und Erfahrungen aus einigen Jahrzehnten in diesem eigenartigen Beruf Bibliothekar, gewonnen in verschiedenen wissenschaftlichen Bibliotheken in verschiedenen Ländern Mitteleuropas. Er nimmt nicht?repräsentative Subjektivität für sich in Anspruch, angereichert durch eher repräsentative Erfahrungen von Bibliothekaren der Zentralbibliothek Zürich. Eventuelle Übereinstimmungen mit der hiesigen Wirklichkeit sind zufällig, wie es immer heißt. Absicht ist natürlich trotzdem im Spiel.

"Die meisten Studenten sind liebenswürdig, freundlich und willens, sich in die Geheimnisse einer Bibliothek einführen zu lassen." Diesen Satz stellte eine erfahrene Kollegin aus dem harten Alltagsgeschäft der Benutzungsabteilung in der Zentralbibliothek Zürich zur Verfügung. "Einige wenige...", fuhr sie fort, doch wir bleiben zunächst bei der genannten Mehrheit.

Denn wie sehr sich die Unterscheidungen von Benutzergruppen im Total der Kundschaft wissenschaftlicher Bibliotheken auch verschieden ergeben, Studenten stellen fast immer wenn schon nicht die absolute Mehrheit, so doch die stärkste wohldefinierte Benutzergruppe. Zwar sind sie deshalb nicht einziger oder einzig gültiger Maßstab für den Betrieb einer Universitätsbibliothek oder gar einer Stadt? oder Landesbibliothek, doch müssen wir unser Tun und Handeln zu einem wichtigen Teil auch an ihnen und an ihren Bedürfnissen ausrichten.

"Studenten wollen alles, wollen alles sofort, wollen alles sofort gratis", ist von den Praktikern der Benutzungsabteilung zu erfahren. Ist das nur bei uns so? Und was ist dieses Alles, das Studenten wollen? Man nennt das Bedürfnisse. Sie stellen sich recht verschieden dar, je nachdem, in welchem Studienabschnitt sich ein so Bedürftiger befindet.

Ob sie es als Bedürfnis spüren oder nicht, Studienanfänger brauchen Einführung in die Benutzung ihrer Universitätsbibliothek und gründliche Schulung in Arbeitstechnik.

Diese könnten wir bieten, sollten es vielleicht sogar, damit es überhaupt geschieht, sehen Einführung in Arbeitstechnik und Übung darin aber nicht eigentlich als unsere Aufgabe, sondern als eine des Gymnasiums oder der Universität. Nötig ist das auf jeden Fall, wie die in der Benutzungsabteilung altgediente Bibliothekarin notiert: "Bei vielen, die gerne alles subito geliefert haben möchten, die keine Zeit für eine gründliche Recherche mehr aufbringen, scheint Arbeitstechnik ein Fremdwort zu sein." Und weiter berichtet sie: "Auch die Benutzung einer Schreibmaschine wirkt antiquiert, mußte ich doch schon einigen jungen Studenten dabei erste Hilfe leisten."

Anleitungen zum Gebrauch von Bibliotheken hingegen können, sollen, müssen wirklich wir bieten, haben es sogar zu unseren wichtigsten Aufgaben zu zählen: Nicht Geschichte oder Theorie des wissenschaftlichen Bibliothekswesens sind dabei zu vermitteln, sondern die nötigen Kenntnisse bis hin zu nützlichen Einzelheiten über die Bibliothek oder die Bibliotheken am Studienort für deren erfolgreiche Nutzung. Zu den Einzelheiten liefert die schon genannte Zürcher Bibliothekarin ein Beispiel: "Seit der Einführung der elektronischen Kataloge bekunden einige Mühe, und dies in zunehmender Zahl, sich mit den Regeln eines älteren alphabetischen Katalogs anzufreunden. Das sogenannte erste Substantiv im Nominativ scheint Probleme zu verursachen." Ein Vierteljahrhundert ist es her, als bei der Erläuterung eines Zettelkataloges mit dem ersten Substantiv im Nominativ zunächst eine atemlose Schrecksekunde und dann ironisches Gelächter von Studenten im ersten Semester geerntet wurde.

Die beste Bibliothek ist die eigene, die zweitbeste jene öffentliche, die alles hat, was ich brauche, und es mir einfach und bequem zur Verfügung stellt. Am Anfang standen in sinnvoller Ordnung gereihte Bücher, der Bibliothekar wußte, wo sich was befand, und konnte es dem Interessenten vorlegen. Irgendwann bald überforderte die Menge der Informationsträger (Tontafeln, Rollen, Bände) das Gedächtnis des Bibliothekars, der sich Notizen über die Bestände und ihre Standorte anzufertigen begann: Der Katalog war geboren, wir kennen Kataloge seit einigen Jahrtausenden. Der Katalog war Arbeitsmittel für den Bibliothekar, den Benutzer gut zu bedienen.

Benutzerflut und Personalmangel, keineswegs Erfindungen unseres Jahrhunderts, führten zum Sündenfall der Bibliothekare: Verzeichnisse, welche sie nach einer von ihnen entwickelten und nur von ihnen durchschauten Regel erstellt hatten, legten sie unvermittelt ihrer Kundschaft zu einer Art Selbstbedienung hin. Sie muteten dies Generationen von Benutzern als Selbstverständlichkeit zu, ja als Entgegenkommen unter der Fahne Benutzerfreundlichkeit, und schafften es, damit in die Hirne normaler Menschen Minderwertigkeitsüberzeugungen gegenüber Bibliothekskatalogen und Bibliothekaren zu pflanzen.

Generationen von Benutzern, Jahrhunderte der Bibliotheksbenutzung vermochten aber nicht, die Hirnwindungen von Bibliothekaren bei Anlage von Katalogen zu dominantem Erbgut der Menschheit zu machen, hoffentlich erspart uns derlei auch die Gentechnik. Diese Hoffnung hat ihren redensartlichen Schimmer: Künftige Studenten beherrschen nämlich modernste Computer schon lange vor Lesen und Schreiben, wie ein Abstecher in die Spielwarenabteilung jedes Kaufhauses zeigt. Nach der Computerspielerei auch zum Gebrauch des Lesens und Schreibens gelangt, kommen sie von den Schulen an die Universitäten und somit auch in die Universitätsbibliotheken. Dort sitzen sie vor den längst wohlbekannten Bildschirmen und suchen nicht gleich Menschen wie du und ich, sondern finden erstaunlich schnell, was sie wünschen. Ob das dann bibliographische Information ist, sei freilich dahingestellt. Zum ersten Mal in der Bibliotheksgeschichte bringen neue Benutzer die technischen Fähigkeiten für Literaturrecherchen bereits in die Bibliothek mit: Sie brauchen mindestens für Bedienung und Nutzung von Computern keinen Unterricht.

Für den Studienanfang und für das Grundstudium erwarten unsere Kunden vor allem Lernmaterial, das für Bibliotheken meist einfach zu beschaffen, aber weniger einfach zu verwalten ist. Denn solche Materialien (das Wort Bücher ist bewußt vermieden) passen kaum in die überlieferten Kategorien vom Sammelgut wissenschaftlicher Bibliotheken. Mit Verbrauchsmaterial und nicht mit Sammlungsgegenständen zu tun haben zu müssen, ist dem Bibliothekar alter Schule im Herzen zutiefst zuwider. Immerhin haben Lehrbuchsammlungen seit Jahrzehnten ihren festen Platz in vielen Universitätsbibliotheken, und immerhin gibt es auch Universitätsbibliotheken, welche es geschafft haben, solche Aufgaben den Institutsbibliotheken zuzuweisen, die Lehrbücher und Semesterapparate näher am Puls der Bedürfnisse zusammenstellen können.

Was bieten Bibliotheken ihren undergraduates, um das Wort einmal zu verwenden, sonst noch? Ein Gang zwischen den Tischreihen der Lesesäle läßt schnell erkennen, wie wenig die meisten Studenten mit dem großen Literatur? und Dienstleistungsangebot der wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek im Sinn haben, in der sie sitzen. Besonders geschätzt werden vielmehr Arbeitsplätze: mehr oder weniger komfortable, zur Konzentration einladende oder zwingende, gut beleuchtete, ergonomisch optimierte, im Sommer kühl klimatisierte, im Winter geheizte Arbeitsplätze.

Hier darf die eingangs unterbrochene Bibliothekarin fortfahren: "Einige wenige", teilte sie mit, "lassen in Belang auf Kinderstube zu wünschen übrig, verwechseln den Lesesaal mit einer Cafeteria, legen die Füße ungeniert auf Stühle und Tische, haben keine Geduld, die Erklärungen der Benutzungsbestimmungen anzuhören, fühlen sich im Recht, auch wenn sie es nicht sind." Längere Erfahrungen bestätigen diesen Satz außer den zwei einleitenden Wörtern: Nach vieljährigen Beobachtungen handelt es sich leider nicht um einige wenige, sondern um skandalös viele. Aber selbstverständlich gelten solche Sätze immer nur für die eigene Bibliothek und für die eigenen Studenten, niemals für die anderen ? oder sollte dergleichen tatsächlich auch anderswo stattfinden?

Nach ihrem Grundstudium kommen unsere Kunden als Postgraduierte zu uns, wofür es keine deutsche Bezeichnung zu geben scheint. Ihnen haben wir wesentlich mehr zu bieten als Lehrbücher und Arbeitsplätze: große Editionen und Sekundärliteratur, Fachzeitschriften und Datenbanken, Besorgung entlegener Literatur durch die Fernleihe, Fachreferenten zu Gespräch und Beratung. "Sie arbeiten alle wissenschaftlich, d.h. sie brauchen alles sofort", meldet die Benutzungsabteilung, und: "Sie planen oft zu kurzfristig und können dann nicht auf Literatur warten."

Ernster zu nehmen ist die Erfahrung, daß auch fortgeschrittene Studenten immer mehr Mühe bekunden, aus der Angebotsflut das Relevante herauszufinden, dies als Folge ihres bedingungslosen Glaubens an Computer und Internet. Und sehr bedenklich, ja bedrückend dünkt den Bibliothekar, daß der Wissenschaftsnachwuchs möglichst alles deutsch lesen möchte, höchstens noch englisch, nicht aber französisch oder in anderen Tochtersprachen des Lateins.

Hier tauchen unsere fortgeschrittenen Studenten in die Dienstleistungen wissenschaftlicher Bibliotheken ein, wie sie allgemein für das Publikum zu erbringen sind, nicht mehr spezifisch für Studenten. Und deren Beziehungen zur wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek, nicht mehr nur zur Universitätsbibliothek als solcher, entwickeln sich ebenfalls zum Allgemeinen, "Normalen". Charakteristisches für fortgeschrittene Studenten ist daher wenig zu nennen. Wie sonstige Benutzer auch haben sie manchmal mit mehr als neunhunderttausend Bänden frei zugänglicher Bestände immer noch nicht genug, sondern wollen Zutritt auch zu den restlichen drei Millionen, gleich dem allgemeinen Publikum begreifen sie schwer, daß nicht alles nach Hause ausgeliehen werden kann, gleich anderen verlangen sie Namen und Adressen anderer Benutzer zu erfahren, die von ihnen Gewünschtes ausgeliehen haben, wollen sie den Bücherversand an ihre Privatadresse zum Nulltarif, entfachen sie endlose Debatten über Mahngebühren, fordern sie Öffnungszeiten rund um die Uhr (welche sie dann keineswegs nutzen würden) und glauben sie an ein Naturrecht auf Kopien aller Art von allen Materialien der Bibliothek. Unser Teil denken wir uns zu Reklamationen wegen der Wartezeiten auf bestellte Bücher aus dem geschlossenen Magazin: Motzt und rotzt einerseits vor allem Schweizer Publikum über inakzeptable, unverschämte Faulheit der Bibliothekare bei der nicht subito ausgeführten Lieferung von Büchern aus dem Magazin, so wundern sich anderseits Benutzer vor allem aus den angrenzenden deutschsprachigen Staaten über die Promptheit der Bedienung: Alles ist relativ.

Spezifisch studentisch bleibt höchstens noch das immer wieder vorgebrachte Argument für solche Wünsche: "Ich bin doch Student!" ? ein eigenartiges Argument, dessen zugrundeliegender Selbstverständlichkeitsmentalität nachzugehen spannende Aufgabe für Psychologen und Soziologen sein sollte. Angesichts von Zweiundvierzigstundenwoche und vier Wochen Ferien im Jahr haben Diplombibliothekare mit derlei Bekundungen manchmal verständliche Mühe.

Ebenfalls nicht eigentlich Studenten als solche, wohl aber die derzeitige Generation im Studentenalter kennzeichnet ein dauerndes und offensichtlich zwingendes oder gar zwanghaftes Bedürfnis nach oraler Befriedigung: Vor rund zwei Jahrzehnten wohl nicht ganz entwöhnt, können auffällig viele nicht ohne ihr Trinkfläschchen leben. Speisen und Getränke sind in den Lesesälen der Bibliothek nicht gestattet, also werden sie an der Aufsicht vorbeigeschmuggelt und ungeniert auf die Arbeitstische zwischen Bücher, Skripten, Farbstifte und Laptops gestellt. Ob dann mehr gelesen oder mehr am Fläschchen gesogen wird, vermag der mäßig interessierte Beobachter nicht zu erkennen. Ähnliches Unverständnis für einen normalen Bibliotheksbetrieb müssen wir beim allgemeinen Publikum wie auch bei vielen Studenten ihre ganze Studienzeit lang feststellen, wenn es um Regenschirme, Mäntel, Taschen, Rucksäcke und ähnliche Kulturgüter geht, die in der Garderobe zu lassen sind. Für die geradezu süchtig eingesetzten Laptops, Notebooks oder wie auch immer das Zeug heiße, haben wir aufgrund dringendster und heftigst vorgetragener Bedürfnisbekundungen Dutzende zusätzlicher Stromanschlüsse installiert. Denn wir wollen ja schließlich nicht wissenschaftliches Arbeiten oder gar Lehre und Forschung sabotieren, wie forsche Nachwuchsdenker uns Ewiggestrigen vorzuwerfen beliebten. Zwar wußten wir, daß die genannten Geräte mit Akkumulatoren funktionieren und keines Stromanschlusses bedürfen. Aber die Alltagspraxis zeigte uns schnell, daß der so ungeheuer dringende Bedarf in Tat und Wahrheit darin bestand, diese Akkus stundenlang auf Kosten der Bibliothek aufzuladen ? und das auch noch in Abwesenheit des Studenten, der damit einen Arbeitsplatz zu reservieren meint. Wir sind nicht kleinlich, unsere Stromrechnung verträgt das noch. Aber was uns stört, ist die Mentalität hinter solchem Verhalten, aus einem weitestgehend kostenlosen Dienstleistungsbetrieb so viel wie überhaupt nur möglich auch noch zusätzlich für sich herauszumelken.

Zu dieser vielleicht unbewußten Anspruchshaltung ("wenn schon gratis, dann aber mit allem Komfort") gehört auch, daß Studenten über das Mobiliar in der Bibliothek verfügen, als wäre es das eigene: Tische und Stühle werden verschoben und dorthin gerückt, wo sich noch ein Netzanschluß für den Laptop befindet ? selbstverständlich ohne zu fragen. Zurückstellen dürfen dann die Bibliothekare. Je nach Perspektive könnte man entweder Freude darüber empfinden, daß sich die Herrschaften in ihrer Bibliothek wie zu Hause fühlen und sich entsprechend benehmen ? oder eben gerade das schaudernd bedauern.

Daß die Leistungen des Bibliothekspersonals zum Teil mit Dankbarkeit für jede Hilfe aufgenommen werden, zum Teil als selbstverständlich zu erbringender Dienst, über den man sich nur äußert, wenn Fehler auftreten, gehört ins Kapitel Allzumenschliches und muß nicht weiter diskutiert werden. Werden z.B. wegen zu späten Beginns der Literatursuche Fristen in Zusammenhang mit der Fernleihe knapp oder zu knapp, müssen sich Bibliothekare von Studenten oft anhören: "Sie verhindern wissenschaftliche Arbeit!" Gemäß in Jahrzehnten Bibliotheksdienst gesammelter Erfahrung werden später einmal dieselben Personen als Professoren in derselben Lage tönen: "Sie behindern Lehre und Forschung."

Gerade Studenten in höheren Semestern scheinen den Satz "Ich arbeite wissenschaftlich" als eine Art Blankoscheck auf weitestgehende Gratisdienstleistungen und zwar jeweils auch noch subito zu betrachten. Wir Bibliothekare tun ja, was wir können, und wir sind stolz, manchmal das Unglaubliche möglich gemacht zu haben, aber auch wir sind nur Menschen. Und die Bereitschaft zu Dienstleistungen, auch über das Pflichtmaß hinaus, steigt beträchtlich, wenn Fragen, Anliegen, Wünsche, Begehren, Verlangen, durchaus auch Kritik, in Tönen geäußert werden, wie sie sich für den Umgang gesitteter Menschen miteinander gehören. Ein Auftreten im Stil "Hoppla, da bin ich, jetzt machen Sie schon endlich, und zwar gefälligst dalli", kennzeichnet den kleinen Geist. Bedeutende Wissenschaftler, Nobelpreisträger, große Literaten pflegen erfahrungsgemäß notorisch höflich und bescheiden aufzutreten, nicht nur, aber auch in Bibliotheken.

Noch aber sind unsere Studenten nicht so weit. Der Student ? das bekannte, das unbekannte Wesen?

Er lebt in einem Durcheinander von Schule, Universität, Freundin, Eltern, Vorlesungen, Prüfungen, Seminarien, Ferienjobs und Ferienreisen, Geldmangel, 2 CV oder Käfer oder Uralt?Jaguar, Fahrrad oder Moped, Emotionen und Depressionen ? und bei alledem muß er auch noch Bibliotheken besuchen und sich mit Bibliothekaren herumschlagen: Diese haben Mühe mit jenem, jener hat Mühe mit diesen. Im Lebensabschnitt Studium kann ein Brillant geschliffen werden, ein Professor, ein Nobelpreisträger, ein Wirtschaftskapitän, ja sogar ein Bibliothekar: Geschliffen wird der in mannigfacher Beziehung rohe(!) Diamant namens Student, einen Teil des Schleifmittels Diamantsand liefern die Bibliotheken in Form von Bibliothekaren. Keiner kennt sich da wirklich aus, was vorgeht, und wer sich auskennt, der kann's wenigstens nicht erklären. Bedauern wir also unseren Studenten im Schleifprozeß nicht, er hat es sich mit seiner Entscheidung für ein Studium so gewünscht.

Wünschen wir unseren Studenten vielmehr das Beste für ihr Studium und lassen wir die einige Male zitierten Zürcher Bibliothekarin ein wahrlich bibliothekarisches Schlußwort sprechen: "Alles in allem mag ich meine Studenten, begegne ihnen gern auch außerhalb der Bibliothek und freue mich, wenn ich sehe, wie manch einer nach Abschluß z.B. zum Konservator eines Museums gewählt wird."

Spätestens dann, als Ex?Student, ist er ein bekanntes Wesen.


Hans Marte
Informationspolitik und Bibliotheken

Das Motto des 25. Österreichischen Bibliothekartages: "Menschen in Bibliotheken" war gut gewählt. Wohl kaum ein Berufsstand war und ist nach wie vor durch die Informationsrevolution so betroffen wie die Bibliothekare, denn die Informationstechnologie erneuert sich alle 18 Monate. Informationswirtschaft ist die Wachstumsbranche schlechthin, denn knowledge is the most important raw material, also Produktionsfaktor Nr.1 geworden, steht in einem EU-Grünpapier über die Rolle der Bibliotheken in der modernen Welt, das dem EU-Parlament im Oktober zur Beschlußfassung vorliegen wird. Dementsprechend investieren die Staaten - auch legistisch - im Informationsbereich. Einen Anschauungsunterricht erhielt ich kürzlich wieder bei der IFLA in Amsterdam. Staaten wie Frankreich, Großbritannien, die USA sowieso, aber auch mit Österreich vergleichbare Länder wie Norwegen, Dänemark, bauen neue Bibliotheken, vor allem Nationalbibliotheken, und investieren in gewaltige Digitalisierungsprogramme. Deutschland will in diesem Bereich in den nächsten sechs Jahren 60 Mio. DM ausgeben. Und man investiert auch in Literaturerwerb. Z.B. erhält die Bayrische Staatsbibliothek seit Jahren zusätzlich zu ihrem Erwerbsbudget von über 13 Mio. DM weitere 8 Mio. von der Deutschen Forschungsgesellschaft. Das ist das Zehnfache ihres österreichischen Schwesterinstituts. Das Budget der BNF ist so groß wie jenes unserer Bundestheater.

Und was ist der Stellenwert von Information, Wissen und Wissenschaft in Österreich? Mir scheint, wir haben in diesem Bereich ein historisches Problem: Und das ist unser Erfolg im Bereich der Aufführungs- und Event-Kultur. Mit Musik, Theater, Festspielen, mit der österreichischen Landschaft - diese steht sogar an erster Stelle - auch mit Sozialpartnerschaft und bis vor kurzem mit Neutralität identifizieren sich die Österreicher eher als mit wissenschaftlichen Leistungen und Information, die in diesem Land sträflich unterschätzt wird. Österreich hat, pflegt der Präsident der ÖAW zu sagen, eine Kulturkultur, aber keine Wissenschaftskultur und auch keine besondere Buchkultur, sonst wäre nicht die Kaiserliche Hofbibliothek jahrhundertelang von anderen Europäern geführt worden.

Hier gibt es politischen Handlungsbedarf. Hier muß gegengesteuert, die Gewichtung verändert werden. Die Entwicklung des Landes steht auf dem Spiel.

Die Bundesregierung hat dies offenbar erkannt. Sie gab vor zwei Jahren den Bericht "Informationsgesellschaft" heraus mit vielen guten Absichtserklärungen. Auch die Bibliotheken kommen darin vor, wenn auch nur auf einer halben Seite von 100 und auch nur mit Absichtserklärungen.

Das wirft die Frage der Bedeutung und Funktion von Bibliotheken für die heutige und zukünftige Informationsgesellschaft auf.

Es ist noch gar nicht so lange her, als das nahe Ende des Buches und damit auch der Bibliotheken vorausgesagt wurde. Die Bibliotheken werden in Museen umgewandelt, the monumentality of libraries will be reduced to the minimality of a screen. Dieses kleine Fenster wird die virtual library werden, prophezeite ein Medienguru auf der IFLA 1995 in Istanbul. Und viele, vor allem auch Vertreter der Entwicklungsländer, waren darüber euphorisch. Denn sie glaubten im Ernst, sie könnten sich die zeit- und kostenintensive Errichtung von Bibliotheken dadurch ersparen, daß ihnen in Bälde ohnehin das gesamte Wissen der Menschheit auf Knopfdruck zur Verfügung stünde. Aus diesem Cyberspacetraum sind in der Zwischenzeit nicht nur die Entwicklungsländer erwacht, wie mir letzte Woche ein Vertreter der nigerianischen Nationalbibliothek eingestand, sondern auch jene Politiker, die sich von den neuen Informationstechnologien vor allem Einsparungen erwarten. Legendär ist in diesem Zusammenhang bereits die Frage eines Abgeordneten des britischen Parlaments: "Wozu brauchen Sie einen neuen Bücherspeicher, da CD-ROMs einen Bruchteil des Raums benötigen und viel billiger sind als Bücher?" Die Antwort meines Kollegen von der British Library war: "Sie meinen: Digitalisieren wir die Magna Charta und werfen sie dann weg?"

Der Cyberspace-Enthusiasmus früherer Jahre wurde in mehrfacher Hinsicht auf den Boden der Realität zurück gebracht. Die Realität ist:

1. Erwerbung, Organisation, Aufbewahrung und Zugang zu Informationsmaterial in welcher Form auch immer. Diese langfristige und systematische Arbeit wird nach wie vor nur von den Bibliotheken geleistet. Die Bibliothekare gehörten denn auch zu den ersten in unserem Land, die die Herausforderung der Informationsrevolution aufnahmen und Ende der 80er Jahre zusammen mit dem damaligen BMWF den ersten automationsunterstützten nationalen Bibliothekenverbund schufen und sich nun - buchstäblich in letzter Minute - vor dem Zusammenbruch des alten Systems ein neues erkämpften. Natürlich bieten zumindest die großen Bibliotheken Information auf allen neuen Medien an, und die Österreichische Nationalbibliothek hat mit kräftiger Unterstützung des zuständigen Ressorts die erste Etappe der digitalen Konversion, zumindest ihrer Hauptkataloge, geschafft. Das alles ist aber viel zu wenig, wenn wir mit der Entwicklung vergleichbarer Länder mithalten wollen.

Die internationale Entwicklung ist über elektronische Kataloge längst hinaus. Heute geht es um die multimediale Aufbereitung von Bibliotheksbeständen, beispielsweise der 60.000 weltberühmten Altkarten und der Millionen Bilddokumente der ÖNB. Die Bildermultis stehen vor den Türen, denn hier geht es um viel Geld. Auch der Traum vom freien Zugang aller zum Gesamtwissen der Menschheit - Stichwort Internet - hat sich nicht erfüllt. Er wird immer mehr von der Kommerzialisierung der Information eingeholt.

2. Realität ist ferner, daß es das Buch nicht nur noch gibt, sondern daß die Buchproduktion jährlich noch zunimmt. Angesichts der Soft- und Hardware-Probleme und der Flüchtigkeit der elektronischen Medien wird das Buch nach wie vor in Erhaltung und Zugang bis auf weiteres der sicherste und billigste Informationsträger sein. Eine im Auftrag der amerikanischen Regierung erstellte Studie stellt fest, daß eine durchschnittliche CD-ROM nach fünf Jahren unreliable, d.h. unverläßlich ist. Nach dem Verlust riesiger Informationsmengen weigert sich jetzt der State Archivist der USA, weiterhin Dokumente in digitaler Form entgegenzunehmen. Es geht aber nicht darum, die konventionellen Informationsträger wie das Buch durch die elektronischen Medien zu ersetzen, sondern diese in die vorhandene Bibliotheksstruktur zu integrieren.

Denn die elektronischen Medien sind vor allem im Bereich des Zugangs zur Information aus dem täglichen Bibliotheksalltag nicht mehr wegzudenken.

Was folgt daraus für die Bibliotheken? Sie müssen zweigleisig fahren. Einerseits müssen sie ihre Aufgaben nach wie vor auf konventionelle Weise erfüllen. Sie haben schließlich ja auch Altbestände, andererseits haben sie sich - zwar vorsichtiger als bisher, rät der amerikanische Bericht - der neuen Medien und Technologien zu bedienen. Keine Bibliothek kann es sich heute noch leisten, nur jene Informationsquellen anzubieten, die sie in ihren vier Wänden besitzt. Die Bibliotheken werden aber nicht in der Lage sein, diese zusätzlichen Leistungen bei gleichzeitiger Kürzung ihrer Etats zu erbringen. Damit die Bibliotheken diese vielseitige, für die Informationsgesellschaft wichtige Rolle wahrnehmen können, müssen sie besser dotiert werden, fordert daher auch das zitierte Grünbuch und sagt: Investing in libraries means investing in democracy and equality! Wo liegen die Defizite des österreichischen Informationswesens?

Hier einige konkrete Beispiele:

1. Eine ehestmögliche Ausweitung des Mediengesetzes 1981 vor allem auf elektronische Publikationen.

Denn der derzeitige Gesetzestext bezieht sich nur auf Druckschriften, das heißt, wir haben das letzte Pornoblatt zu archivieren, während uns die elektronischen Medien, und darunter sind bereits sehr viele wertvolle Off- und Online-Produktionen, fehlen, für die es in vielen anderen Ländern - natürlich auch in Deutschland im Offline-Bereich - eine gesetzliche Ablieferungspflicht gibt. Weil die ÖNB nach FOG verpflichtet ist, auch andere als gedruckte Informationsträger, die in Österreich erschienen sind, zu erwerben, bleibt ihr mangels einer gesetzlichen Handhabe nichts anderes übrig, als sich an die ca. 500 Produzenten von elektronischen Publikationen mit der Bitte zu wenden, ihre Produkte unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Dieses Vorgehen ist sehr mühsam, große Lücken sind unvermeidlich. Wir können nur hoffen, daß unsere wiederholten Demarchen bei den zuständigen Stellen Erfolg haben und das für den Herbst angesagte Medienpaket die erwartete Regelung bringt. In diesem Zusammenhang eine Bitte an das Hohe Haus, bei informations- und bibliotheksrelevanten Themen Fachleute heranzuziehen.

2. Erhaltung des geistigen Kulturerbes.
Wir haben ein bewährtes Bundesdenkmalamt. Dementsprechend schauen die historischen Stadtkerne, Klöster, Burgen und viele Industriedenkmäler von außen nicht schlecht aus. Natürlich wäre das BDA auch für Bibliotheken und Archive zuständig, sieht sich aber hier total überfordert. Dementsprechend schauen die Bestände aus. Wir kennen Fälle von Institutionen - nicht die ÖNB -, deren wertvollste Inkunabelbestände vor sich hin verrotten. Dieser Teil des memory of the world, aus dem Jahrhunderte ihr Wissen bezogen und das auch kommende Generationen nutzen wollen, ist wahrhaftig nicht weniger wert erhalten zu werden als gefärbelte Fassaden. Hier ist dringender Handlungsbedarf bei Bund und Ländern gegeben, wenn nicht die Säure - Zeitungen seit 1860 sind besonders gefährdet -, schlechte Lagerbedingungen und andere Einflüsse unwiederbringlichen Schaden an diesem Kulturgut anrichten sollen. Eine nationale Anstrengung wäre nötig, wie sie seit Jahren beispielsweise in den Niederlanden, in der Schweiz, aber auch in Ungarn im Bereich der Zeitungsverfilmung unternommen wird. Natürlich stehen die Archive vor demselben Problem.

3. EU-Copyright Directive.
Seit Dezember 1997 liegt ein Entwurf der DGXV zu einer EU-Richtlinie über die Harmonisierung des Urheberrechts vor. Die Genehmigung durch das Europäische Parlament und den EU-Rat steht noch aus. Die Umsetzung in die nationale Gesetzgebung ist bis 30.6.2000 vorgesehen. In einem Hearing im EU-Parlament am 30.6.1998 hat EBLIDA (European Association of Library, Information and Documentation Associations), eine Organisation, die 95.000 europäische Bibliotheken vertritt, auf die bildungs- und kulturpolitschen Konsequenzen hingewiesen, die von ECUP (European Copyright User Platform) und der EU-Kommission DG XIII/E/4 aufgelistet wurden. Es wäre in Zukunft ohne einen gebührenpflichtigen Lizenzvertrag u.a. nicht mehr möglich, elektronische Publikationen für private und pädagogische Zwecke auch nur anzuschauen oder eine Kopie für Archivzwecke anzufertigen. Damit würde der bisher von Bibliotheken gewährleistete freie Zugang zur Information (eine zentrale Aufgabe der Bibliotheken seit 1848) erheblich eingeschränkt werden. Es käme zu einer massiven Kommerzialisierung des Zugangs zur Information mit entsprechenden bildungspolitischen, kulturpolitischen, aber auch budgetären Auswirkungen. A nightmare for libraries and users! Gefordert wird daher derselbe Zugang zu elektronischen Informationsträgern wie zu Büchern. Damit zusammen hängt ein weiteres Thema:

1. Die Universitätsbibliotheksverordnung (UBV) aus dem Jahre 1993.
Diese Verordnung sieht in ihrem § 7 vor, daß in den Benützungsordnungen der Universitäten das Recht zur Benützung der Universitätsbibliothek in den Räumen derselben Personen über 18 Jahren und Fachhochschulen am Universitätsort einzuräumen ist. Das Recht zur Benützung der UBs durch Dritte gründet u.a. darauf, daß diese Bibliotheken oft historische Bestände des jeweiligen Landes verwalten und das Pflichtexemplarrecht für diese ausüben § 1(5) Das verpflichtet sie außerdem zur Erhaltung und Zugänglichmachung der alten Bestände. Wie kann garantiert werden, daß die Unis im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen und knapper werdenden Literaturbudgets, die sie zu einer Konzentration auf ihre primäre Aufgabe zwingen, diese Aufgabe nicht vergessen?

2. Die öffentlichen Bibliotheken:

Mit einer Million Leser und 16 Millionen Entlehnungen jährlich sind diese Bibliotheken Informationsquellen erster Ordnung, von der Leseförderung ganz zu schweigen. Sie garantieren freien Zugang zur Information (1848 für alle erstritten) und helfen die wachsende Kluft zwischen information rich und information poor zu überbrücken. Diese Bibliotheken müssen daher z.B. den kostenfreien Zugang zum Internet für alle anbieten, fordert eine Entschließung des Europäischen Parlaments vom 19.6. d.J. Das gilt natürlich auch für Schulen. Dazu braucht es endlich eine bessere Ausbildung für die Bibliothekare öffentlicher Bibliotheken und eine entsprechende Dotierung derselben.

3. Informationspolitik:

Haben wir in Österreich eine Informationspolitik?

Wir haben in Wirklichkeit keine nationale Informationspolitik, stellte der UNESCO-Fachausschuß für Fachinformation und Wissenstransfer im Juni d.J. fest. Denn der Wert von Information wird von uns chronisch unterschätzt.

Auch die Wirtschaft investiert viel zu wenig in Information. In Finnland existiert z.B. eine eigene Wissensmanagementstrategie. Zu diesem Thema gehören auch Terminologiefragen.

Man entdeckt offenbar erst jetzt, wie wichtig es z.B. für die Wirtschaft ist, daß auch die österreichische Terminologie in Brüssel bekannt ist.

Das sind nur einige Punkte, die insgesamt eine andere Gewichtung, eine viel stärkere Betonung von Information und Wissen in allen einschlägigen Bereichen nahelegen. Es muß sich einiges ändern, wenn Österreich so wie bisher im Konzert der entwickelten Nationen bleiben und mitreden will.


Steffen Rückl
Bibliothekarisches Berufsfeld und bibliothekarische Ausbildung im Wandel Anforderungen der Informationsgesellschaft an den Beruf des Bibliothekars und Konsequenzen für die bibliotheks- und informationswissenschaftliche Ausbildung

1. Vorbemerkung

Ich will meine Ausführungen zur Zukunft unseres Berufes mit der Frage beginnen, ob Sie jungen Leuten heute empfehlen würden, den Beruf des Bibliothekars zu ergreifen.

Die Schwierigkeit, diese Frage zu beantworten, wurde mir im Frühjahr dieses Jahres wieder einmal deutlich, als eine Berliner Tageszeitung ihren Bericht über den Tag der offenen Tür der zentralen öffentlichen Bibliothek Berlins, der Berliner Stadtbibliothek, mit folgender Überschrift versah: "Mit dem Bibliothekar geht es zu Ende. Tag der offenen Tür in der Stadtbibliothek: Das Computernetz setzt sich durch".

Wie könnten die Antworten aussehen?

Positive Antworten könnten Sie begründen mit dem Entstehen und sich Ausbreiten der modernen Informationsgesellschaft, mit den faszinierenden technischen Möglichkeiten, auf Informationen, auf Wissen zuzugreifen. Denken wir dabei nur an das Internet mit den Herausforderungen und Chancen, die es den Bibliotheken und den Bibliothekaren bietet.

Negative Antworten könnten Sie aber gleichermaßen mit den neuen Technologien begründen. Denn: wenn zukünftig jedermann an jedem Ort auf Wissen zugreifen kann, d.h. wenn Computer und Internet-Zugang zum Ausstattungsstandard von Arbeitsplätzen und Wohnungen gehören, wie ein Schreibtisch im Büro und ein Fernsehgerät im Haushalt, braucht man dann noch Fachleute wie Bibliothekare, die als Mittler zwischen den Informationsressourcen und den Nutzern, den Lesern etc. fungieren?

Oder: Leben wir bald in der "Informations-Selbstbedienungsgesellschaft" in der die Bibliothekare und anderen Informationsfachleute bestenfalls die (weniger qualifizierte) Aufgabe haben, das Wissen in die "Regale" - sprich die Datenbanken - zu legen? Oder: Werden Bibliothekare nicht einmal mehr dazu benötigt, weil sich der "Kunde Endnutzer" gleich aus dem "Karton" - sprich dem virtuellen "Informations-Warenangebot" - selbst bedient?

2. Das Dilemma der Bibliotheken und Bibliothekare

Um über die Zukunft der bibliothekarischen Profession zu reden, muß man sich den beruflichen Alltag des Bibliothekars, seine Tätigkeiten gestern und heute ansehen.

Der berufliche Alltag des Bibliothekars war und ist geprägt vom Erbringen von Dienstleistungen für verschiedene Gruppen der Gesellschaft. Die Bibliotheken waren und sind dabei immer abhängig von den Erzeugern, von den Produzenten der Information: der Wissenschaft, der Technik, der Kunst, den Massenmedien, der Legislative, der Wirtschaft, aber auch dem Verlagswesen, dem Buchhandel etc.

Bibliothekare versuchten (und versuchen stets) - meistens mit Erfolg - die Informationsflut, über die schon G. W. Leibniz im Jahre 1668 klagte, zu beherrschen: Informationsquellen zu identifizieren, zu beschaffen, formal zu beschreiben, inhaltlich zu klassifizieren, zu speichern, zu sichern, für eine Weiterverbreitung bereitzustellen etc.

Leibniz schrieb im Jahre 1668 in einem Brief an Kaiser Leopold in Wien: "Dadurch aber endlich alle Wissenschaften und Fakultäten dergestaltet überhäuft werden, daß man schon allbereit nicht mehr weiß, was man in solcher Menge brauchen und wo man ein solches suchen solle". Das war die Herausforderung an den Bibliothekar nach dem "Paradigmawechsel" von der Abschreibtechnik zum Buchdruck mit beweglichen Lettern.

Vor dem heutigen Paradigmawechsel, dem von der analogen Papier- zur digitalen Informationsgesellschaft, konnte der Bibliothekar für diese Arbeit weitgehend sein eigenes "Werkzeug", sein spezifisches bibliothekarisches Instrumentarium benutzen. Heute ist er auf Werkzeuge und Instrumentarien angewiesen, die von anderen erdacht und gestaltet wurden. Und dieses Instrumentarium - die Hard- und Software der Informationsverarbeitung - verändert sich beinahe noch schneller, als die Informationsflut wächst. Die Folge ist: Der Bibliothekar ist dem permanenten Druck ausgesetzt, stets über die neuesten Entwicklungen der Technologien informiert zu sein und diese auf Anwendbarkeit in der Bibliothek prüfen zu müssen.

Mit den neuen Werkzeugen bearbeitet er seine traditionellen bibliothekarischen Sammelgegenstände. Zu diesen hinzu kommen aber medientechnisch neue Publikationsformen, die digitalen elektronischen Informationsquellen, die gegenüber den traditionellen Druckerzeugnissen zunehmend Anteile bei der Verbreitung von Wissen und Informationen gewinnen. Das kreiert weitere Probleme. Nicht nur, daß neue Technologien auf konventionelle Informationsquellen anzuwenden sind, sondern daß die neuen Informationsquellen nur noch teilweise als physische Objekte existieren. Der bibliothekarische Sammelgegenstand löst sich vom physischen Träger und ist nur noch virtuell verfügbar, kein im Magazin speicherbares Objekt mehr. Das führt zur weitgehenden Ablösung der traditionellen bibliothekarischen Verfahren.

Doch nicht nur die Multimedialität ist eine Herausforderung. Neue Darstellungs-, Verbreitungs- und Nutzungsformen wie Hypertext, Virtualität, Modularität und Variabilität der Wissensdarstellung bedrängen den Bibliothekar.

Bislang waren die Informationsquellen - die Gegenstände - des Bibliothekars physisch vorhanden, und alle traditionellen bibliothekarischen Technologien waren auf das physische Vorhandensein der Sammelgegenstände abgestellt (das Autopsie-Prinzip sei hier als Modell für die traditionelle Arbeitsweise genannt). Jetzt gibt es virtuelle, digitale, elektronische Dokumente, die sich permanent nach den Intentionen ihrer Verfasser verändern können. Frage: Sind diese "dynamischen" Informationsquellen überhaupt noch Arbeitsgegenstände des Bibliothekars? Doch diese Entwicklung ist noch das "kleinere Übel". Hinter den beschriebenen Entwicklungen lauern zwei viel größere Probleme, die existentielle Gefahren für den Berufsstand schlechthin darstellen:

1. Computer übernehmen in zunehmendem Maße die Arbeitsaufgaben des Bibliothekars. Rechenzentren übernehmen die Aufgaben der Bibliotheken bezüglich der Speicherung und Weiterverbreitung des virtuell verfügbaren Wissens über Netze. Werden Bibliotheken dann Bestandteile von Rechenzentren oder wandeln sie sich zu solchen?

2. Die Leser, die Nutzer, unsere Kunden und Klienten verzichten in zunehmendem Maße auf bibliothekarische Dienstleistungen. Sie suchen und beschaffen sich ihre Informationen selbständig vom Arbeitsplatz aus, über Netze und Rechenzentren, unter Nutzung moderner "Suchmaschinen", die manchmal bereits an Komfort die bibliothekarischen Systeme wie Kataloge, Klassifikationen und andere übertreffen. Dieses Endnutzerverhalten bringt aber nicht nur den Bibliotheken Veränderungen. Auch Verlage und Buchhandel sind betroffen, produzieren und verbreiten doch die Wissenschaftler und andere Autoren ihre Informationsquellen unabhängig und ohne Unterstützung durch diese traditionellen Institutionen, insbesondere mit Hilfe des Internet. Das führt zwar zu noch schneller zunehmendem Informationsausstoß und Informationsaufkommen, verbessert aber die gesellschaftliche Stellung der Bibliotheken nicht.

3. Der Ausweg aus dem Dilemma

Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?

Wenn man die bibliothekswissenschaftliche Diskussion verfolgt, zeichnen sich zwei Hauptrichtungen ab:

1. Rückzug auf das gedruckte Buch, die kulturellen Werte und volksbildnerischen Belange sowie die Flucht ins Refugium der Buch-, Bibliotheks- und Schriftgeschichte.

2. Reagieren auf die Herausforderungen mit Erweiterung der fachlichen Grenzen. (Das geht manchmal dann so weit, daß man als Teilnehmer eines Bibliothekartages nicht mehr ganz sicher ist, ob man sich auf einem Kongreß von Informatikern oder doch Bibliothekaren befindet.)

Technologisches dominiert unsere Literatur, ja weitgehend die gesamte fachliche Kommunikation. Traditionelle bibliothekarische Themen werden überlagert von solchen wie elektronisches Publizieren, Computernetz-Design, CD-ROM-Technologie, Hard- und Softwareentwicklung etc. Diese Themen und viele weitere gehören ohne Zweifel zum praktischen Arbeitsalltag des Bibliothekars. Aber sie sind in erster Linie Fachgegenstand anderer Fachdisziplinen, werden dort kompetenter erforscht, gelehrt und gehandhabt.

Was also tun?

Werden die Grenzen unseres Faches mit dem Wandel der Technologien erweitert?

Das war der bislang beschrittene Weg. Bibliothekare sammelten über Jahrtausende die physisch vorhandenen Aufzeichnungsformen der wissenschaftlichen Ergebnisse in den jeweils neu entstehenden Technologien: Tontafel, Papyrusrolle, Pergament, Inkunabel, Druckerzeugnis, Mikrofilm, CD-ROM. Aber die virtuell in Netzen vorhandene Information wird von den Bibliotheken nicht mehr gesammelt, kann es auch nicht, kann bestenfalls durch Bibliotheken organisiert werden (auch wenn beispielsweise die Deutsche Bibliothek in Frankfurt demnächst versuchsweise beginnen will, netzgestützte Publikationen zu sammeln).

Werden Bibliothekare vielleicht Informationsmanager im Sinne von Wissensorganisatoren? Oder bleiben sie auf die traditionellen Sammelgegenstände beschränkt?

Wir erleben aber, daß gerade die traditionellen Gegenstände wie Buch, Zeitschrift, Zeitung, Report und viele andere papiergestützte Dokumente und Informationsquellen durch die neuen multimedialen Dokumente und Informationsquellen substituiert werden, zumindest aber erheblich an Boden verlieren bezüglich der Wissenskommunikation.

Bibliothekare kennen sich inzwischen mit den verschiedenen elektronischen Informations- und Datenträgern gut aus, aber an ihrer Weiterentwicklung, an der Schaffung von Standards etc. sind sie nicht beteiligt - hier sind nur die Spezialisten der Informatik und Elektronik gefragt.

Wenn man aber den Berufsstand nicht mehr durch das Sammeln von Quellen definieren will, kann man das vielleicht durch das Erfassen der Inhalte der Informationsquellen tun? Muß der Bibliothekar der Zukunft ein Spezialist für Inhaltstransformation, ein Wissensingenieur sein?

Es stellt sich deshalb die Frage nach der Inhalt-Form-Dialektik, nach dem Primat des Einen oder des Anderen in der bibliothekarischen Tätigkeit.

Nur über Semantiken kann entschieden werden, welche Informationen in das bibliothekarisch geordnete Wissensgebäude eingefügt (Akquisition), welche herausgenommen und gegebenenfalls gelöscht (Deakquisition) werden.

Entscheidet der Bibliothekar künftig mit seiner Erwerbungspolitik über Bewahrenswertes und Unwichtiges, über Richtiges und Falsches, Relevantes und Irrelevantes? Und was geschieht mit dem großen Rest? Wird von ihm nicht erfaßtes Wissen künftig verloren gehen? Ist der Bibliothekar überhaupt berechtigt, derartige Entscheidungen zu treffen, bzw. ist er überhaupt kompetent genug, Ordnung in das Informationsaufkommen zu bringen?

Solches Vorgehen widerspricht der bisherigen bibliothekarischen Tradition, dem Berufsethos, dem Grundsatz der fachlichen Neutralität und Nichteinmischung, der Beobachter- und Bewahrerposition. Der Bibliothekar würde mit der Übernahme solcher Verantwortung die bisherigen Grenzen seines eigenen Faches verlassen und sich in die Rolle eines Fachautors, eines Redakteurs begeben. Aber vielleicht ist diese Orientierungsfunktion in der Flut, in dem Chaos des Informationsaufkommens seine künftige Mission. (Wenn dem so sein sollte, muß die Ausbildung diesem neuen Selbstverständnis Rechnung tragen!)

Der Bibliothekar würde somit zum Informationsmanager, einem Professional, der Informationsprozesse gestaltet, reguliert etc.

4. Der Bibliothekar - ein Informationsmanager?

Ist nun also Managen von Informationen der neue Kern der bibliothekarischen Profession, und bilden wir dann Informationsmanager - oder wie immer man das nennen will - aus?

Ich glaube, Managen an sich, was auch immer der Gegenstand ist, ist nicht hinreichend, eine Profession zu bestimmen. Manager zeichnen sich gerade dadurch aus, daß sie die Fähigkeit besitzen, sehr unterschiedliche Gegenstände und Prozesse flexibel handhaben können. Daher grenzt man die bibliothekarische Profession nicht dadurch klarer ab, daß man den Bibliothekar zum Manager von Daten, Informationen, Informationsquellen, Informationsressourcen oder Wissen macht.

Das Managen von bibliothekarischen Informationsressourcen wird erst durch die Verbindung mit den fachtypischen traditionellen Leistungen der Bibliotheken für die Gesellschaft zu einem - vielleicht zu dem - neuen Merkmal des Berufsstandes.

Das flexible Verwalten von Informationsressourcen wird erst dann zum neuen Kern der Profession, wenn nicht nur durch den EDV-Einsatz traditionelle Tätigkeiten rationeller realisiert werden, sondern wenn dazu abgeleitete Konzepte zu einem qualitativ veränderten Verständnis bibliothekarischer Informationsprozesse auf allen Ebenen der Gesellschaft, im öffentlich-rechtlichen Bereich, in der Wirtschaft, in der Kultur etc. führen.

Dieses neue Verständnis des "Informationsbibliothekars" setzt sich mit unterschiedlichem Tempo durch. Im Bereich der Wirtschaft, der Forschung und Entwicklung schneller, in den öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken langsamer.

Der Bibliothekar entwickelt (oder wandelt) sich zunehmend vom Verwalter von Informationsressourcen zum Vermittler, zum Berater (Konsulent), der dank seiner Ausbildung (und Berufspraxis) besser als jeder andere Informationsfachmann dem Kunden, dem Leser, dem Nutzer hilft, die gesuchte Information, das benötigte Wissen aufzufinden.

Er konkurriert bei einem zunehmenden Wettbewerb mit Informationsspezialisten anderer benachbarter Gebiete:

- mit den EDV-Fachleuten, die die Hard- und Software beherrschen
- mit den Wissenschaftlern/den Autoren, die das jeweilige Fachgebiet beherrschen
- mit den Betriebswirten bezüglich der Vermarktung der Informationsprodukte etc.

Was den modernen Bibliothekar in dieser Konkurrenzsituation auszeichnet, ist folgendes:

Erst die Komplexität dieser Fähigkeiten läßt den Bibliothekar zum Informationsspezialisten werden, der besser als seine Konkurrenten spezifische Informationstätigkeiten ausführen kann. Die besondere Kompetenz des Bibliothekars rührt aber auch daher, daß er diese neuen Fähigkeiten verbindet mit den traditionellen bibliothekarischen Stärken.

5. Die traditionellen bibliothekarischen Stärken

Welche sind denn diese sogenannten traditionellen bibliothekarischen Tätigkeiten, die von niemandem besser beherrscht werden als von Bibliothekaren? Ich will die meines Erachtens fünf wichtigsten kurz nennen:

1. Identifizieren von Informationsquellen
2. Ordnen von Informationen und Informationsquellen
3. Klassifizieren, Systematisieren, Indizieren von Informationen und Informationsquellen
4. Suche nach und Wiederauffinden von Informationen und Informationsquellen und nicht zuletzt
5. Bereitstellen von Informationen und Informationsquellen.

6. Anforderungen an Berufsfeld und Ausbildung im einzelnen

Nach diesen mehr generellen Überlegungen zu den Veränderungen im Berufsfeld des Bibliothekars muß man, um Vorgaben für die Aus- und Weiterbildung zu formulieren, einzelne Entwicklungen gesondert und im Detail betrachten. Dabei ist zu prüfen, wie sich diese auf die Anforderungs- und Qualifikationsprofile in dem sich erweiternden Tätigkeitsfeld Informationsarbeit auswirken, um adäquate qualifikatorische Orientierungen für die einzelnen Berufs- und Tätigkeitsfelder zu geben.

Ich will das anhand von drei Tendenzen deutlich machen:

  1. Internationalisierung und Globalisierung
  2. Interdisziplinarität und Flexibilität
  3. Dekonstruktion und Integration

Diese drei Trends in ihrem komplexen Wirken konstituieren das, was den Kern der Informationsgesellschaft ausmacht.

(Bis vor einigen Jahren war die Diskussion um die Veränderungen des Berufs- und Tätigkeitsfeldes der Information auf die Fachverbände und wissenschaftspolitische Einzelaktivitäten beschränkt. Mittlerweile spielt die Informationsgesellschaft auch auf der "großen" politischen Bühne eine große Rolle. In den USA hat beispielsweise die 2. White-House-Conference im Jahre 1991 mit dem Titel "Information 2000" ein Zeichen gesetzt, und die Europäische Union hat in ihren Rahmenprogrammen (beispielsweise IMPACT-Programm und Telematics for Libraries) erhebliche Mittel für die Entwicklung moderner Kommunikations- und Informationsinfrastrukturen ausgewiesen.)

1. Trend: Internationalisierung und Globalisierung

Der sich seit Jahren immer mehr verstärkende Trend zur Internationalisierung und Globalisierung der Wirtschaft, der Märkte schlechthin muß seine Entsprechung in einer ebensolchen Globalisierung und Internationalisierung der Arbeitsmärkte und, davon abgeleitet, der Qualifikationsanforderungen und Qualifizierungsprogramme finden (Seeger). Dazu sind sowohl nationale Anstrengungen wie auch Aktivitäten auf internationaler Ebene erforderlich. Erforderlich ist es, die noch sehr unterschiedlichen Strukturen der nationalen Berufs- und Bildungssysteme zu harmonisieren, die internationale Kooperation der Bildungseinrichtungen zu fördern, national und international gleichermaßen und allgemein anerkannte Studiengänge und Abschlüsse zu etablieren etc.

2. Trend: Interdisziplinarität und Flexibilität

Die Entwicklungstendenz zu immer größerer Interdisziplinarität in den beruflichen Tätigkeiten des Informationsbereiches fordert von den Ausbildungseinrichtungen, immer mehr fachbezogene und überfachlich anwendbare Schlüsselqualifikationen zu vermitteln. Interdisziplinarität zeigt sich hier in doppelter Hinsicht:

1. als Erfordernis und Fähigkeit beruflicher Qualifikation in verschiedenen Disziplinen bzw. Teilgebieten des Informationsbereiches;

2. als Fachwissen auf beliebigen Wissensgebieten oder Wissenschaftsdisziplinen (außerhalb der Informationswissenschaften).

Der zuletzt genannte Aspekt ist die Frage, ob der Bibliothekar der Zukunft ein Generalist oder ein Spezialist sein wird. Ich weiß, daß diese Frage sobald nicht definitiv zu beantworten sein wird.

3. Trend: Dekonstruktion und Integration

Traditionell teilen wir unser Berufsfeld nach den drei dominierenden Institutionentypen ein in Archivwesen, Bibliothekswesen und Dokumentationswesen (kurz: ABD-Bereich). Entsprechend dieser Dreiteilung war und ist auch die Ausbildung strukturiert.

Infolge der massenhaften Verfügbarkeit der modernen Informationstechnologien treten neben oder anstelle der traditionellen Institutionen neue Organisationsformen, die Information in der Gesellschaft verfügbar machen. Dazu habe ich schon einige Ausführungen gemacht. Diese Entwicklung führt und wird weiter führen zu einer "Dekonstruktion", zu einer "Deregulierung" der bisherigen Berufsfelder des ABD-Bereiches. Und es wird zu einer Neukonstituierung kommen, die durch eine zunehmende Ent-Institutionalisierung der Informationsprozesse gekennzeichnet ist. Die Informationsprozesse (die bibliothekarischen etc.) werden künftig weniger an starren Institutionentypen als an den Bedürfnissen der Gesellschaft insgesamt bzw. der einzelnen Nutzer in ihren unterschiedlichen Umgebungen ausgerichtet sein.

Das Berufsfeld wird sich "horizontal", je nach Einsatzgebiet und unterschiedlichen professionellen Kompetenzen, differenzieren.

Ob die traditionelle "vertikale" Differenzierung der bibliothekarischen Tätigkeitsebenen so erhalten bleiben wird, ist zu bezweifeln. Zumindest werden durch die Anwendung der Informationstechnologien weiterhin einfache, mechanische, modellierbare Massenprozesse als Arbeitsgegenstand wegfallen und damit der Personalbedarf für solche Tätigkeiten stark abnehmen. Dieses hat zur Folge, daß auch die Ausbildung mit ihren traditionell stark abgegrenzten Studiengängen ebenfalls Rekonstruktionsbedarf hat. Die auf spezielle Institutionentypen abgestimmten Ausbildungsgänge - zumindest auf Hochschulebene - werden ihre Eigenständigkeit verlieren. Diese Entwicklung vollzieht sich zunächst unter dem Druck der Technologien, wird sich aber erst wahrhaftig durch die Ganzheit der inhaltlichen Informationsprozesse legitimieren. Die Ausbildung der Zukunft liegt in integrierten Studiengängen, die ihren Vorzug in der Differenzierung der Ganzheit ohne die bis heute vorherrschende staatliche Überregulierung haben.

7. Konsequenzen für Inhalte und Gegenstände der bibliothekarischer Ausbildungsgänge

Die Anforderungen der Informationsgesellschaft an Berufsfeld und Ausbildung unseres Berufsnachwuchses müssen uns veranlassen, permanent über Inhalte und Formen der Ausbildung unseres Berufsnachwuchses nachzudenken (dieses gilt prinzipiell auch für die Weiterbildung der heute Berufstätigen). Die Forderungen nach einem durch Internationalisierung, Globalisierung, Integration, Mobilität, Flexibilität etc. geprägten Qualifikationsprofil müssen in konkrete Studienpläne umgesetzt werden.

Die Gestaltung der Studien- und Prüfungsordnungen wird neben den grundsätzlichen Bedingungen durch nationale, disziplinäre, bildungsökonomische, bildungspolitische Randbedingungen geprägt und dementsprechend variieren. Bestimmbar sind aber die Inhaltskomponenten, die die Aus- und Weiterbildung in ihrer Kernsubstanz determinieren, und die Arbeitsmarktakzeptanz der erreichten Qualifikationen.

Welche sind diese Inhaltskomponenten? Meines Erachtens lassen sich die Inhalte, Gegenstände und Fächer der Ausbildung von Bibliothekaren - ohne eine Studienordnung zu entwerfen - vier Bereichen zuordnen:

  1. fachspezifische Kernfächer des Informationsbereiches (was ist das ABD-spezifische Wissen? Das habe ich am Anfang meines Vortrages schon skizziert.)
  2. transferable Fähigkeiten
  3. Fachwissen auf Anwendungsgebieten
  4. Sekundärtugenden

Kurz einige Erläuterungen zu Gegenständen und korrespondierenden Fächern. Ihre Ausprägung wird in Abhängigkeit vom jeweiligen Berufs(bild)feld, auf das die Ausbildung ausgerichtet ist, variieren.

zu 1: fachspezifische Kernfächer und -gegenstände
Gemeint sind die traditionellen Gegenstände und Fächer, die hier nicht aufgezählt werden müssen.

zu 2. Ausprägung transferabler Fähigkeiten

Darunter sind zu verstehen nicht-ABD-spezifische Gegenstände und Fächer sowie anwendungsorientierte Fächer, deren Wissen in vielen Bereichen der beruflichen Tätigkeit nutzbar ist: Fremdsprachen, betriebs- und volkswirtschaftliche Kenntnisse, Marketing und Public Relations (PR), Forschungs- und Innovationskompetenz u. ä.

zu 3. Vermittlung von Fachwissen auf Anwendungsgebieten

Die Frage nach dem Maß von Fachwissen auf einem oder mehreren Fachgebieten, auf denen der Bibliothekar als Informationsspezialist arbeitet, wird sehr unterschiedlich je nach Institutionstyp und Anwendungsfach beantwortet.

Während für den Einsatz in öffentlichen Bibliotheken der Generalist dominiert, wird in den wissenschaftlichen Bibliotheken und für die Information/Dokumentation der Spezialist gefordert. Bestimmend sind immer die Bedürfnisse der Nutzerschaft.

In den Bereichen von Wissenschaft und Wirtschaft kann ein Informationsspezialist wie der Bibliothekar überhaupt nur durch fundiertes Fachwissen kompetenter Gesprächspartner der Nutzer bzw. der Kunden seines Bereiches sein. Er kann Informationsfragen erst dann verstehen und kann qualitativ hochwertige Recherchen nur dann durchführen, wenn er selbst entsprechende Fachkenntnisse hat.

Und wenn wir den Bereich der Produktion von Informationsleistungen wie die Datenbankherstellung oder das inhaltliche Erschließen von Informationsquellen betrachten, können diese Tätigkeiten ausschließlich auf tiefes Fachwissen gestützt kompetent und korrekt durchgeführt werden.

Die Frage, ob "Generalist" oder "Spezialist", widerspiegelt sich dementsprechend auch in den Ausbildungsgängen (vor allem auf akademischer Ebene).

zu 4. Fächer, die Sekundärtugenden (Sekundärfähigkeiten) entwickeln

Die Frage, ob man Sekundärtugenden in der Ausbildung entwickeln kann oder soll, ist strittig. Egal, wie man dazu steht, ist aber klar, daß diese den Berufserfolg, die Karriere des Einzelnen mitbestimmen.

Worum handelt sich bei Sekundärtugenden?

Gemeint sind Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, Kreativität, Initiative, Entscheidungsstärke, Führungsqualitäten, die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, die Fähigkeit, die eigene Arbeit, die eigene Institution im Kontext eines größeren Fachgebietes zu erkennen, Belastbarkeit, Einsatzbereitschaft etc.

8. Schlußfolgerungen und Zusammenfassung

Was sind die Schlußfolgerungen, die Konsequenzen, die man für die Zukunft der bibliothekarischen (Informations-)Profession ziehen kann oder ziehen muß?

Der Bibliothekar muß sich im Wettbewerb mit anderen Professionen um die Bewältigung der Herausforderungen der Informationsgesellschaft auf seine spezifischen Stärken besinnen. Er muß deutlich erkennen und klar formulieren, was der Kern, was das Unverwechselbare, was das nicht Substituierbare seines Fachgebietes ist. Er muß im Faustschen Sinne darauf achten, diesen "Geist von seinem Urquell" abziehen zu lassen und "sich des rechten Weges wohl bewußt" sein.

Deshalb müssen Bibliotheken und Bibliothekare ausgehend von und basierend auf ihrer Tradition, ihre neuen Informationsdienstleistungen, die sie der Gesellschaft anbieten, so in der Öffentlichkeit präsentieren, daß Begriffe wie Informationsvermittlung, Online-Recherche, Datenbank, Wissenstransfer etc. im öffentlichen und individuellen Bewußtsein auch oder sogar vor allem mit unserer Profession verbunden werden.

Die bibliothekarische Aus- und Weiterbildung muß sich auf diese wachsende Herausforderung einstellen. Ich stimme mit anderen Kollegen darin überein, daß der Bibliothekar als Informationsspezialist beim Start ins Berufsleben ein solches Wissen mitbringen muß, das nicht in anderen Studiengängen erworben werden kann und das so anspruchsvoll ist, daß man es nicht beiläufig als "training on the job" erwerben kann. Das erfordert eine weitere Profilierung der Ausbildungsgänge, eine Vertiefung und Konzentration auf den Kern des Fachgebietes.

Doch das ist nur möglich, wenn neben der Beobachtung des Praxisbereiches die bildungsorientierte Forschung den erforderlichen wissenschaftlichen Vorlauf, die theoretischen, methodologischen und methodischen Grundlagen liefert.

Bibliothekswesen und -wissenschaft müssen dazu auch ihr allgemeines Image weiter ändern: von dem der Verwaltung der Schatzkammer des Wissens zur modernen, im Schnittfeld von Wirtschaft, Technik und Wissenschaft liegenden Disziplin.

Und um auf meine Eingangsfrage zurückzukommen, ob man jungen Leuten raten sollte, den Beruf des Bibliothekar zu ergreifen, fällt es mir auch jetzt nicht leichter, eine eindeutige Antwort zu geben, weil der Umgang mit Literatur und Büchern, der oft das Hauptmotiv für die Berufswahl ist, wohl doch abnehmen wird. Es zeichnen sich andererseits aber herausfordernde neue Chancen innerhalb der Informationsgesellschaft ab. Also - entscheiden Sie besser selbst.

Quellenangaben


Andreas Wittenberg
Verstärkte Bemühungen um Zusammenarbeit in der Einbandforschung

Zeit und Ort, um über dieses Thema zu sprechen, sind gut gewählt. Vor genau 100 Jahren wurden zum ersten Mal verstärkte Bemühungen bei der Erfassung von Bucheinbänden gefordert, und von Beginn an waren auch österreichische Bibliothekare an diesen Aktivitäten beteiligt.

Bevor ich jedoch zum Thema des Vortrages komme, gestatten Sie mir zwei kurze Vorbemerkungen.

Zum einen möchte ich den Organisatoren des Österreichischen Bibliothekartages für die Einladung danken, vor Ihnen zu sprechen. Die Gelegenheit, Ihnen aus meiner Sicht einen Bericht über vergangene, vor allem aber über aktuelle Vorhaben und Tendenzen auf dem Gebiet der Einbandforschung geben zu können, nehme ich gerne wahr. Daß diese Möglichkeit mir eingeräumt wurde, ist nicht selbstverständlich, denn es gibt gerade auch in Österreich eine Anzahl von exellenten Kennern der Materie. Daß ich einige dieser Kollegen in den letzten Jahren kennenlernen konnte, sei es durch brieflichen Kontakt oder auch durch persönliche Treffen bedingt durch meine Tätigkeit als Mitglied der Geschäftsführung des Arbeitskreises für die Erfassung und Erschließung historischer Bucheinbände (AEB), betrachte ich als großen Gewinn. Über den AEB werde ich später noch ausführlicher zu sprechen haben.

Damit komme ich zur zweiten Vorbemerkung. Ich stehe eigentlich in der Funktion eines doppelten Stellvertreters vor Ihnen. Zum einen als Vertreter unseres Arbeitskreises und zum anderen, und dieser Umstand stimmt mich trotz aller Freude sehr traurig, als Vertreter von Dr. Konrad von Rabenau. Die Einladung, vor diesem Auditorium zu sprechen, war ursprünglich an ihn gerichtet. Und das mit vollem Recht. Es gibt wohl zur Zeit keinen zweiten Menschen, der wie er für den historischen Bucheinband wirkt. Das von ihm aufgebaute Einbandarchiv, auch darüber wird noch ausführlicher zu berichten sein, verkörpert das Ergebnis von mehr als vier Jahrzehnten intensiver Arbeit. Nicht nur das Sammeln des Materials ist zu nennen, sondern vor allem dessen methodische Durchdringung. Ich sehe es als glückliche Fügung an, daß ich seit fast zehn Jahren ein wenig an dieser Arbeit teilhaben konnte.

Konrad von Rabenau wollte Ihnen vom bisher Geleisteten berichten und die noch auf eine Lösung wartenden Aufgaben, von denen es noch eine Menge gibt, aufzeigen. Eine Krankheit hindert ihn zur Zeit daran, seine Aktivitäten in gewohntem Umfang wahrzunehmen. Als klar wurde, daß er nicht nach St. Pölten würde reisen können, hat er mich gebeten, diese Aufgabe zu übernehmen. Auch in seinem Sinne möchte ich im folgenden auf die zurückliegenden Versuche einer methodisch aufgebauten Arbeit auf dem Gebiet der Einbandforschung blicken, Ihnen von aktuellen Vorhaben berichten und auch einen vorsichtig-optimistischen Ausblick wagen, auf vielleicht in der Zukunft Mögliches.

Daß gerade dieser Ausblick mit großer Vorsicht gegeben werden muß, zeigen die Erfahrungen der Vergangenheit. Und hier gibt es zwischen Deutschland und Österreich durchaus Parallelen. Dabei war die Notwendigkeit und der Nutzen des Bestimmens von Bucheinbänden schon ziemlich lange anerkannt. Es hat meines Wissens in den letzten Jahrzehnten auch nie Versuche gegeben, dieses in Frage zu stellen. Die Methoden dieser Arbeit waren vielfältiger Natur. Sicher auch bedingt durch die in der jeweiligen Zeit zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten. Auffallend ist aber, daß die Gründe, warum es dann letztlich nie zu einer kontinuierlichen Einbanderfassung gekommen ist, durch einen Zeitraum von mehr als einhundert Jahren nahezu gleich geblieben sind.

So ist Einbandforschung bis in die jüngere Vergangenheit mehr an den Namen einzelner herausragender Persönlichkeiten festzumachen als an Institutionen. Für Deutschland stehen Namen wie Ernst Kyriss, Ilse Schunke oder Konrad Haebler. Theodor Gottlieb, Kurt Holter und Gertrud Laurin sind für den österreichischen Raum charakterisierend. Obwohl die Genannten zum Teil an Bibliotheken angestellt waren und deren Bucheinbände in oft ausgezeichneter Weise der Öffentlichkeit präsentiert haben, waren dies eben doch Aktionen, die auf der Energie des einzelnen aufbauten und von seiner bzw. ihrer Phantasie getragen wurden. Sicher auch zum Nutzen und zum Ansehen der jeweiligen Institution.

Aber lassen Sie mich die Versuche mit dem Ziel einer koordinierten, auf einer methodischen Grundlage stehenden Einbandforschung in eine chronologische Folge bringen.

Wenn ich diese Aufzählung mit dem Namen Paul Schwenke beginne, dem im Jahre 1921 verstorbenen Ersten Direktor der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin, ist nicht mein Lokalpatriotismus dafür der Grund. Der liegt vielmehr darin, daß Schwenke sich als erster deutscher Bibliothekar öffentlich und mit großem Nachdruck für eine stärkere Betonung sowohl des Sammelns als auch der Erforschung von Bucheinbänden aussprach. Das Forum, um diese Gedanken zu äußern, bot die 44. Philologenversammlung im Jahre 1898. Das Neue an Schwenkes Aussagen war, daß er die Beschäftigung mit dem Bucheinband nicht mehr, wie bis dato üblich, den bibliophilen Kreisen überlassen wollte, sondern gerade in den Bibliotheken hervorragende Möglichkeiten sah, stärkeres Augenmerk auf die äußere Hülle des Buches zu richten. Und noch einen weiteren wichtigen Aspekt betonte er. Nicht nur die publikumswirksamen Prachteinbände sollten berücksichtigt werden, sondern alle in einer Bibliothek vorhandenen Einbände mußten herangezogen werden, um, auf einer möglichst breiten Basis aufbauend, zu gesicherten Aussagen über den Bucheinband zu kommen.

Um diese Gedanken auch in die Praxis umzusetzen, hatte Schwenke eine Sammlung von Durchreibungen einzelner Stempel und ganzer Einbände angelegt. Durch diese Sammlung war Schwenke nun in der Lage, durch den Vergleich der Stempel Aussagen über zeitliche und örtliche Zuordnung der Einbände zu treffen. Die "Schwenke-Sammlung" befindet sich heute in der Handschriftenabteilung der SBB-PK und wird vom Leiter des Gesamtkatalogs der Wiegendrucke, Dr. Holger Nickel, betreut. Ich werde noch einmal auf diese Sammlung zurückkommen. Zunächst aber möchte ich zu der Chronologie der einzelnen Versuche zurückkehren.

Nur wenige Jahre nach Schwenkes Äußerungen wurden diese vom Wiener Bibliothekar Theodor Gottlieb aus Anlaß einer Einbandausstellung in Wien erneut in das Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Auch Gottlieb sah die Notwendigkeit, daß gerade die Bibliotheken konsequent ihre Bestände erforschen und bekannt machen müßten. Einen weiteren Schritt für die Anerkennung einer auf wissenschaftlicher Grundlage stehenden Einbandforschung tat Hans Loubier mit einem Beitrag, der in der Festschrift zu Schwenkes 60. Geburtstag im Jahre 1913 für eine methodische Erforschung des Bucheinbandes warb. Er lenkte die Aufmerksamkeit über die Dekoration des Einbandes hinaus auch auf technische Details. Das Material der Deckel und des Bezuges, Bünde, Kapital, Schließen, Beschläge und Schnitt sollten mit in die Einbandbeschreibung aufgenommen werden. Noch einen Schritt weiter ging Loubier, als er 1927 im "Jahrbuch der Einbandkunst" seine in der Schwenke-Festschrift nur kurz angedeuteten Gedanken über ein "Repertorium der Abbildungen von Bucheinbänden" erneut aufgriff und ausführlicher vorstellte. Bestärkt wurde Loubier dabei durch die 1921 bzw. 1925 erschienenen Tafelwerke von Adolf Schmidt über die Bucheinbände der Landesbibliothek in Darmstadt bzw. die der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin von Max Joseph Husung.

Loubier wollte eine systematische Zusammenstellung aller bisher veröffentlichten Bucheinbände. Die Umsetzung seiner Gedanken in die Praxis stellte er sich wie folgt vor: "Es setze sich jemand an die Arbeit, der ein warmes Interesse für die Geschichte des Bucheinbandes hat, etwa ein junger Bibliothekar, der an einer Bibliothek beschäftigt ist, [...] nehme eines der Tafelwerke nach dem anderen zur Hand und lege einen Zettelkatalog über alle abgebildeten Einbände an". Im Anschluß hieran listete Loubier auf, was nach seiner Meinung auf diesen Katalogkarten stehen müßte, und betonte, welchen Wert ein solcher Nachweis hätte. Er selber, so Loubier weiter, habe nie die Zeit gefunden, diese Aufgabe planmäßig umzusetzen.

Neben der fehlenden Zeit, dieses Argument zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Versuche einer methodischen Einbandforschung, trat immer deutlicher ein anderer Fakt hervor, der die Arbeit erschwerte: Es fehlte das Wissen über die in den Bibliotheken überhaupt vorhandenen Einbände. Diesen Mißstand griff 1926 der damalige Direktor der Leipziger Stadtbibliothek, Johannes Hofmann, auf. Auf einer Tagung des VDB, die in Wien stattfand, forderte er den systematischen Nachweis der in den Bibliotheken vorhandenen Bucheinbände. Dabei sollte der Nachweis in den einzelnen Bibliotheken zugleich die nächste große Aufgabe vorbereiten, nämlich "... die Vereinigung der einzelnen Bucheinbandkataloge an einer Zentralstelle (am vorteilhaftesten in der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin) durch Übersendung von Kopien der Katalogkarten [...] Bis zur Verwirklichung eines so erstrebenswerten bibliographischen Mittelpunktes für die Einbandforschung könnte vielleicht mit Hilfe des ebenfalls in der Preußischen Staatsbibliothek befindlichen Auskunftsbüro der deutschen Bibliotheken das Suchen nach bestimmten Einbänden erleichtert werden."

Die Zustimmung für diese Pläne war zunächst sehr groß, Unterstützung wurde zugesagt, denn die Bedeutung der Einbandforschung als Teil der buch- und bibliotheksgeschichtlichen Forschung war inzwischen allgemein anerkannt. So wurde noch im gleichen Jahr eine Kommission gebildet, die einheitliche Regeln für die in Angriff zu nehmende Einbandkatalogisierung erarbeiten sollte. 435 deutsche und österreichische Bibliotheken wurden angeschrieben, um zu erfahren, ob bereits Vorarbeiten geleistet wurden oder ob Bereitschaft bestünde, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen. Die Zahl 435 repräsentierte alle im damaligen Jahrbuch der Deutschen Bibliotheken genannten deutschen und österreichischen Bibliotheken. Die signalisierte Bereitschaft war groß, und schon ein Jahr später konnten im ZfB "Richtlinien für die einheitliche Katalogisierung der Bucheinbände" veröffentlicht werden. Doch wie so oft zeigte sich auch bei diesem Projekt schnell der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Die anfängliche Euphorie wich, als man erkannte, daß sowohl Personal als auch finanzielle Mittel zur Ausführung der Pläne notwendig waren.

Bereits 1927 schrieb Hofmann in Erkenntnis dieser Tatsache: "Bis zur Erfüllung der Aufgaben, die die Kommission sich gestellt hat, ist allerdings der Weg noch sehr weit und beschwerlich. Ohne allseitige Hilfe wird das Ziel nicht zu erreichen sein.". Diese Hilfe, auch das hatte Hofmann klar erkannt, durfte sich nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränken, sondern mußte "eine internationale Angelegenheit" sein. Auch die Berichte der Kommission, ebenfalls im ZfB abgedruckt, wurden nüchterner.

Die Hoffnung, durch die Anerkennung der Hofmannschen Pläne auf dem Weltkongreß der Bibliophilen in Rom im Jahre 1929 neue Unterstützung zu erhalten, zerschlug sich schnell. Die Erfolge, die es aus dieser Zeit zu vermelden gab, waren wieder das Werk einzelner und nicht Ergebnis einer koordinierten Arbeit.

Inzwischen zeichneten sich durch die veränderten politischen Rahmenbedingungen neue Schwierigkeiten ab. Die Arbeit der Kommission wurde auch während des 3. Reiches fortgesetzt, fand sogar ausdrückliche Anerkennung. Doch die Personal- und Finanzlage wurde zusehends schlechter. Politisch bedingte Personalentscheidungen wie im Falle von Max Joseph Husung taten ein Übriges zu dieser Misere. Das Projekt Einbandkatalogisierung kam praktisch vollständig zum Erliegen.

Fünf Jahre nach Kriegsende wurde ein neuer Versuch unternommen, die Einbandkatalogisierung wiederaufzunehmen. Dieser ist mit dem Namen von Friedrich-Adolf Schmidt-Künsemüller verbunden. Er sah zwar auf der einen Seite, daß die alten Probleme aus der Vorkriegszeit weiter bestanden, durch die Kriegsfolgen teilweise noch erheblich verstärkt wurden, daß aber auf der anderen Seite ohne planmäßige Katalogisierung eine methodisch aufgebaute Einbandforschung nicht zu leisten war. Das Werben von Schmidt-Künsemüller hatte Erfolg, denn 1951 wurde vom VDB die Wiederaufnahme der Einbandkatalogisierung beschlossen .

Die Erfahrungen aus den zwanziger Jahren sollten berücksichtigt und ein neues, einfacher zu handhabendes Schema benutzt werden. Dies sollte auch die Möglichkeit bieten, in Bibliotheken ohne entsprechende Fachleute eine eventuell erst provisorische Einbanderfassung zu ermöglichen. Entsprechend den technischen Möglichkeiten der Zeit sollte das Lochkartenverfahren für die Katalogisierung angewandt werden. Der dazu vorgelegte Entwurf wurde mehrfach überarbeitet. Die am Ende festgelegte Einteilung der Lochkarte hier im einzelnen zu erläutern, wäre zu zeitaufwendig. Sie wurde in der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie abgedruckt und von Schmidt-Künsemüller ausführlich kommentiert. Die Arbeit litt vor allem am Mangel an zwei Dingen: der Freistellung von kompetenten Mitarbeitern und der Bereitstellung finanzieller Mittel zur Deckung der notwendigen Reisekosten. Auch die Umsetzung der Arbeit mit der entwickelten Lochkarte bereitete Probleme. Die Einteilung erschien zu differenziert, die Arbeitsvorgänge zu kompliziert. So endete die Katalogisierung von Einbänden mit Hilfe der Lochkarte, bevor sie in die bibliothekarische Praxis eingeführt werden konnte. Für lange Zeit sollte dies der letzte Versuch sein, eine methodische und überregionale Zusammenarbeit auf diesem Gebiet aufzubauen. Vorsichtige Anzeichen eines Neubeginns brachte das Jahr 1994. Für eine geplante Ausstellung von Bucheinbänden des deutschen Renaissancebuchbinders Jakob Krause in der Bibliotheca Wittockiana in Brüssel wurde auf Anregung von Helma Schaefer vom Deutschen Buch- und Schriftmuseum in Leipzig und von August Kulche, Brüssel, jetzt Präsident der internationalen Vereinigung "Meister Der Einbandkunst" MDE, Konrad von Rabenau mit der Auswahl der Exponate und ihrer wissenschaftlichen Erschließung im geplanten Katalog beauftragt.

Vor und während der Ausstellung, die neben Brüssel auch in Leipzig und Stuttgart gezeigt wurde, kam es zu vielfältigen Kontakten und Gesprächen von Kollegen, die sich mehr oder weniger intensiv mit dem Bucheinband beschäftigen. Übereinstimmend wurde dabei der Wunsch geäußert, zu einer engeren Zusammenarbeit zu gelangen. Vorbild dafür könnte die schon lange etablierte belgisch-niederländische Arbeitsgemeinschaft sein, die sich mit Fragen der Technik, des Stils und der Terminologie von Bucheinbänden beschäftigt.

Bestärkt durch diese Gespräche, luden Helma Schaefer und Konrad von Rabenau im März 1996 einige interessierte Kollegen nach Leipzig ein, um über Möglichkeiten einer besseren Zusammenarbeit zu beraten. Daß mit Jan Storm van Leeuwen aus Den Haag ein Vertreter des belgisch-niederländischen Arbeitskreises an der Leipziger Tagung teilnahm, stellte schon die Weichen für die spätere Arbeit. Er konnte von den Erfahrungen seiner Arbeitsgemeinschaft berichten und vor allem die in der Königlichen Bibliothek in Den Haag vorhandene Einband-Datenbank sowie die dort verwendete Software vorstellen.

Gerade die Erfahrungen auf dem Gebiet der Datenverarbeitung waren für die beiden Vertreter aus der Staatsbibliothek Berlin, Dr. Holger Nickel und mich, von besonderem Interesse. Um dies besser zu verdeutlichen, mache ich jetzt einen kleinen Sprung zurück zum Ende der achtziger Jahre und begebe mich von Leipzig nach Berlin.

Zu dieser Zeit hatten in der Staatsbibliothek Berlin die Arbeiten an einem Short-Title-Catalogue begonnen, der die im Besitz der Bibliothek befindlichen Drucke des 16. Jahrhunderts unter Beachtung neuer wissenschaftlicher Aspekte nachweisen soll. Anders als im VD16 werden auch die ausländischen Drucke erfaßt. Da die Aufnahmen nach Autopsie erfolgen, mußte jedes Buch aus dem Magazin geholt werden. Von den in großer Zahl vorhandenen Originaleinbänden werden von mir Durchreibungen angefertigt und, soweit dies in der Bibliothek noch nicht möglich ist, im Einbandarchiv Schöneiche der SBB-PK überprüft und gegebenenfalls einer Werkstatt zugewiesen. So entsteht neben dem Nachweis der Drucke auch ein komplettes Verzeichnis der Einbände des 16. Jahrhunderts. Durch diese Arbeit wurde noch einmal deutlich, daß das in den Jahren 1928 und 1929 erschienene zweibändige Werk von Konrad Haebler und Ilse Schunke "Rollen- und Plattenstempel des 16. Jahrhunderts" dringend einer Überarbeitung bedurfte.

Vorüberlegungen zu einem solchen Projekt waren vorhanden. Bereits im Jahre 1984 hatte Konrad von Rabenau die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit einer solchen Arbeit in Kenntnis gesetzt. Unter dem Titel "Ein neuer Haebler" hatte er die Schwachstellen des inzwischen 70 Jahre alten Haeblerschen Werkes analysiert und Wege aufgezeigt, wie ein "Neuer Haebler" angelegt werden müßte, um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden. Die Staatsbibliothek in Berlin griff von Rabenaus Überlegungen auf. Sie sieht sich in einer langen Tradition der Einbandforschung. Namen wie Ilse Schunke, Konrad Haebler, Max Joseph Husung und natürlich Paul Schwenke mögen als Beleg hierfür genügen. Die Durchreibungssammlung Schwenkes hatte ich bereits angesprochen. Sie hat einen Umfang von circa 5.000 Blatt, die Schwenke bei seinem Tode in nicht unwesentlichen Teilen ungeordnet hinterlassen hatte. Ilse Schunke übernahm im Auftrag der damaligen Deutschen Staatsbibliothek in Ost-Berlin die Aufgabe, das Material zu sichten und zu ordnen. Als Ergebnis ihrer Arbeit erschien im Jahre 1979 der erste Band der "Schwenke-Sammlung". Jedem Stempel wurde eine Nummer zugeordnet, unter der die entsprechende Werkstatt genannt ist. Die ausführliche Beschreibung der Werkstätten sollte in einem zweiten Band erfolgen. Das Manuskript hierfür hatte Ilse Schunke begonnen und war bis zum Eintrag "Uelzen" gekommen. Durch ihren Tod wurde die Arbeit unterbrochen und ruhte fast 20 Jahre. Erst im Jahre 1996 konnte der zweite Band veröffentlicht werden. Die Überarbeitung des Textes von Schunke sowie die Abfassung der fehlenden Artikel übernahm Konrad von Rabenau. Die Schwierigkeiten dieser Arbeit und die Kompromisse, die eingegangen werden mußten, hat Holger Nickel im Vorwort des zweiten Bandes ausführlich dargelegt. Mit der Herausgabe dieses Bandes konnte die Bearbeitung der Schwenke-Sammlung einem vorläufigen Abschluß zugeführt werden.

Anders verhält es sich mit der Durchreibungssammlung, die Ilse Schunke zusammengetragen hat und die nach ihrem Tode im Jahre 1979 der Deutschen Staatsbibliothek überlassen wurde. Sie enthält zum überwiegenden Teil Durchreibungen von Einbänden des 16. Jahrhunderts, vornehmlich im Rollen- und Plattenstil. Diese Sammlungen im einzelnen vorzustellen würde den zeitlichen Rahmen dieses Vortrages erheblich übersteigen. Es sei nur gesagt, daß ein Zählung der Sammlung in Vorbereitung der Anfertigung von Sicherheitskopien mehr als 13.000 Blatt mit zum Teil mehreren Durchreibungen ergab. Eine Abgleichung dieser Sammlung am Haeblerschen Repertorium konnte erst zum Teil in den vergangenen Jahren geleistet werden. Dabei bestätigte sich die These Konrad von Rabenaus, daß dort nur etwa 50% der heute bekannten Rollen und Platten verzeichnet sind.

In die Überlegungen zu einem "Neuen Haebler" wurde die Sammlung von Ilse Schunke und von Anfang an mit einbezogen. Dazu kam die ständig wachsende Zahl der Durchreibungen aus der Bearbeitung der Drucke des 16. Jahrhunderts. Weit übertroffen wird dieses Material durch das von Konrad von Rabenau aufgebaute Einbandarchiv, das von der Staatsbibliothek 1987 erworben werden konnte. Nach vorsichtigen Schätzungen von Rabenaus beinhaltet das Archiv zur Zeit etwa 70.000 Durchreibungen. Der weitaus größte Teil davon gehört dem Rollen- und Plattenstil an.

Dieses Archiv wurde nach einem dreifachen System aufgebaut. Dies bedeutet, von jeder Durchreibung wurden drei Kopien angefertigt. Im Idealfall - wenn die Werkstatt bestimmt werden konnte - wird folgende Ablage gewählt: Eine Kopie wird unter dem Fundort abgelegt. Dies sind in der Mehrzahl Bibliotheken und Archive. Hier wird nach der Signatur geordnet, so daß ein Nachweis vorhanden ist, welche Originaleinbände die jeweilige Institution besitzt. Eine zweite Kopie wird unter der Werkstatt abgelegt. Das inzwischen dort zusammengeführte Material übersteigt in fast allen Fällen die bei Haebler an der entsprechenden Stelle verzeichneten Rollen und Platten erheblich. Konnte die Werkstatt nicht bestimmt werden, verbleibt Kopie zwei zusammen mit Kopie eins vorerst in der Ablage Fundort.

Die dritte Kopie dient dem Nachweis des dargestellten Motivs. Durch die ungeheure Menge der vorhandenen Durchreibungen mußte hier ein im Vergleich zu dem von Haebler aufgebauten ikonographischen Index ein weitaus umfangreicheres und filigraneres System verwendet werden. Jeweils auf der Rückseite des Motivs ist vermerkt, ob es bei Haebler nachgewiesen ist. Hier stehen auch Fundort, Signatur und, soweit ermittelt, das Bindejahr. Die Belege, also die Drucke, von denen die Motive durchgerieben wurden, werden separat verzeichnet. Zu dieser Sammlung gehört ein umfangreiches Provenienzregister, das auch Buchstabensupralibros erfaßt und in Zettelform vorliegt. Eine Beispielsammlung von Motiven aus der Druckgraphik gehört ebenso zum Archiv wie eine umfangreiche Sammlung einbandkundlicher Literatur, zumeist in Kopien.

Diese Fülle von Material bildete den Ausgangspunkt für das Projekt "Neuer Haebler". War man zunächst davon ausgegangen, daß am Ende dieser Arbeit ein neues Printmedium stehen würde, wurde allen Beteiligten sehr schnell klar, daß dieses Ziel nicht zu erreichen ist. Zumal ständig neues Material hinzukommen würde, mußte ein gedrucktes Werk, wenn es dann endlich fertig wäre, schon wieder veraltet sein. Die einzige mögliche Alternative bot die neue Informationstechnik.

Als erster Schritt mußte eine Software mit günstigen Bedingungen für die Aufarbeitung des Materials gefunden werden. Von Anfang an war klar, daß dieses Programm außer der Erfassung von Textdaten auch die Option haben mußte, Bilddaten zu bearbeiten und zu verwalten, um so neben der Einbandbeschreibung auch den unverzichtbaren visuellen Eindruck zu bieten. Da darüber hinaus geplant ist, diese Daten nicht nur in Berlin nutzbar zu machen, sondern in einer späteren Phase auch andere Bibliotheken für eine aktive Mitarbeit zu gewinnen, mußte das verwendete Programm möglichst vielen potentiellen Teilnehmern bekannt bzw. schon in den Institutionen vorhanden sein. Unter Berücksichtigung aller Punkte fiel schließlich eine Entscheidung zugunsten von Allegro C, zumal in der SBB-PK mit diesem Programm schon eine Vielzahl von Projekten realisiert wird.

Zu diesem Zeitpunkt kam eine von allen Beteiligten sehr begrüßte neue Aktivität hinzu. Und damit mache ich den Sprung zurück von Berlin nach Leipzig in das Frühjahr 1996 zu dem erwähnten Gespräch über die Weiterarbeit in der Einbandforschung. Die in Leipzig anwesenden Kollegen waren sich schnell darüber einig, daß eine erneute Belebung der Arbeit vor allem eine größere Effektivität voraussetzte. Diese kann aber nur durch eine intensivere Zusammenarbeit der an diesen Fragen Interessierten erreicht werden.

Die Berliner Pläne auf dem Gebiet der Datenerfassung wurden ausdrücklich begrüßt, die Weiterentwicklung des Projektes als wünschenswert bezeichnet.

Nach intensiven Gesprächen einigte man sich, nach belgisch-niederländischem Vorbild einen Arbeitskreis zu bilden, der die zukünftigen Aktivitäten koordinieren sollte. Es wurde eine zunächst kommissarisch arbeitende Geschäftsführung ernannt, der Helma Schaefer, Deutsches Buch- und Schriftmuseum Leipzig, Annelen Ottermann, Stadtbibliothek Mainz, Konrad von Rabenau, Schöneiche bei Berlin, Holger Nickel, SBB-PK, Gerhard Karpp, UB Leipzig, und meine Person angehörten. Als wichtigste Aufgaben für dieses Gremium wurden genannt:

- Vorbereitung einer Tagung mit einem größerem Teilnehmerkreis zum Ende des Jahres
- Die Bildung von Arbeitsgruppen, die in kleinerem Rahmen Papiere erarbeiten, die auf der Tagung vorgestellt und diskutiert werden
- Vorbereitung eines eigenen Mitteilungsblattes für den Arbeitskreis
- Einrichtung einer Geschäftsstelle als Ansprechpartner und Koordinator der Arbeit

Im Dezember 1996 fand in Berlin die 1. Jahrestagung des Arbeitskreises statt. Über die Teilnahme von Gästen aus Belgien, Österreich und den Niederlanden herrschte bei den Organisatoren ebenso Freude wie über die zahlenmäßig große Resonanz auf diese erste Veranstaltung. Die Staatsbibliothek Berlin erklärte sich bereit, die Arbeit des AEB zu unterstützen und besonders bei Herstellung und Versand des Informationsblattes technische und finanzielle Hilfe zu leisten.

Der in Leipzig gewählte Name des Arbeitskreises wurde insofern geändert, als das Wort "deutsch" gestrichen wurde, um zu verdeutlichen, daß der AEB inhaltlich die gesamte Breite der Überlieferung auf dem Gebiet des Bucheinbandes bearbeiten will und dabei die Mitarbeit von Kollegen anderer Länder ausdrücklich wünscht. Zur zweiten Jahrestagung des AEB im Oktober 1997 in Michelstadt konnte das 1. Heft des Informationsblattes "Einband-Forschung" präsentiert werden.

Ziel dieses Blattes ist, allen auf diesem Gebiet tätigen Kollegen ein Forum zu bieten, in unkomplizierter Form neue Ergebnisse zu publizieren. Ein Schwerpunkt ist die kommentierende Weiterarbeit an den bekannten Repertorien von Schwenke/Schunke und Haebler/Schunke. Neues Material wird vorgestellt, Zuweisungen an Werkstätten ergänzt bzw. korrigiert. Vorhandene Einbandsammlungen und ihr Erschließungszustand werden beschrieben, um zu zeigen, auf welche Hilfsmittel die Forschung zurückgreifen kann. Auswertungen von Ausstellungen und Auktionen sowie Hinweise auf neu erschienene Literatur gehören zum Inhalt.

In Michelstadt konnten auch die auf den Gebieten Terminologie des Bucheinbandschmucks im 15. bzw. 16. Jahrhundert tätigen Arbeitsgruppen erste Zwischenresultate vorstellen.

Unter Berücksichtigung der Erfahrungen der Vergangenheit, speziell der meist knappen oder ganz fehlenden finanziellen Mittel zur Deckung von Reisekosten, hat sich die eingeführte Form der "korrespondierenden" Mitgliedschaft bewährt. Dies bedeutet, daß die von einer kleinen Gruppe erarbeiteten Zwischenergebnisse über die Berliner Geschäftsstelle an einen größeren Mitarbeiterkreis verschickt werden. Die Papiere können durchgearbeitet werden, und liegen zur nächsten Zusammenkunft der Gruppe wieder vor.

Ein weiteres Vorhaben, bei dessen Umsetzung der AEB auf die gute Zusammenarbeit mit möglichst vielen in- und ausländischen Kollegen hofft, ist die Fortführung der Bibliographie zur Einbandkunst. Seit Erscheinen dieses Werkes fehlt die kontinuierliche Fortsetzung. Der Nachweis der neueren, oft nur schwer zu ermittelnden Literatur ist eine der wichtigsten Aufgaben des AEB.

Es bleibt zum Abschluß dieses Berichtes der Ausblick auf die zukünftige Arbeit.

Es ist ein Ausblick auf eines der spannendsten Arbeitsgebiete in der heutigen Bibliothek. Denn die Chance, unter den Beständen wirklich Neues zu entdecken, ist in der Einbandforschung sehr groß. Daß hier gerade die Bibliothekare gefordert sind, hat Otto Mazal in seiner jüngst erschienenen "Einbandkunde" noch einmal betont. Mit der Gründung des AEB ist ein neuer Anfang gewagt worden, und trotz mancher Widrigkeiten sind die Chancen für eine erfolgreiche Arbeit diesmal doch recht günstig. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der schon erwähnten Erkenntnis, ohne intensive Zusammenarbeit immer tiefer in eine Sackgasse zu geraten. Die zunehmende Anzahl von Autoren für unser Informationsblatt, das mittlerweile in zwölf europäischen Staaten und in den USA gelesen wird, das große Interesse an den Jahrestagungen des AEB und an der von ihm geleisteten Arbeit lassen berechtigte Hoffnungen aufkommen.

Die Bemühungen um eine einheitliche Terminologie für die Beschreibung von Stempeln, Rollen und Platten machen Fortschritte und bilden eine der wichtigsten Grundlagen für die computergestützte Erfassung von Einbanddaten. Durch die mit der belgisch-niederländischen Arbeitsgruppe begonnene Zusammenarbeit und die geplante Abgleichung der Datenbanken in Den Haag und in Berlin könnte ein wesentlicher Schritt vorwärts getan werden.

Wenn meine Ausführungen dazu beitragen könnten, daß die eine bzw. der eine unter Ihnen ein wenig Lust bekommen hat, den Arbeitskreis näher kennenzulernen oder in einer der erwähnten Arbeitsgruppen mitzuarbeiten, so kann ich zwei Garantien geben:

Es ist genügend Arbeit vorhanden, und Sie sind herzlich willkommen!


W. Edgar Yates
Die Angst des Wissenschaftlers vor der Bibliothek

"Die Schwierigkeit ist ja immer nur," (so klagt der Erzähler von Thomas Bernhards letztem Roman) "wie einen solchen Bericht anfangen, wo einen tatsächlich brauchbaren ersten Satz [...] hernehmen [...]". Zwar geht es in dieser Passage um den Anfang nicht eines Vortrags, sondern einer Autobiographie, ich möchte aber gerade mit einer autobiographischen Einleitung anfangen - nicht, weil mein Leben besonders interessant wäre, sondern weil die Erfahrungen eines jeden Bibliotheksbenutzers offensichtlich von seinen Interessen abhängen. Ich habe als Germanist angefangen, bin (ohne fachmännische Kenntnisse) von der Germanistik allmählich zur Theatergeschichte übergegangen, habe mich dann auch in die Nestroy-Edition einbinden lassen, bei der es in erster Linie um die Transkription und Deutung von Handschriften geht. Kurz, ich bin kulturgeschichtlicher Dilettant geworden; und in Bibliotheken - wie ich wohl nicht zu betonen brauche - sind Dilettanten erst recht zu Hause.

Das Wort "zu Hause" ist nicht fehl am Platze. In der alten British Library in London, berühmt wegen der Rotunda des legendären Hauptlesesaals im Gebäude des British Museum mit seinen blau gepolsterten Tischen und Stühlen, fühlten sich bekanntlich so viele zu Hause, daß man schließlich anschlagen mußte, es sei den Bibliotheksbeamten leider nicht möglich, Telefonanrufe oder Post für Leser entgegenzunehmen. Ich selbst habe meiner Frau den Wunsch ausgedrückt, daß nach meinem Tod die Asche vor, in oder über dem Paternoster im Wiener Rathaus gestreut werden soll, mit dem man zur Stadtbibliothek hinauffährt. Daß sie sich vernünftigerweise weigern will, diese Bitte zu erfüllen, ändert nichts daran, daß ich seit über fünfunddreißig Jahren in der Druckschriftensammlung, seit über zwanzig Jahren in der Handschriftensammlung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek lese und daß ich mich dort wie sonst nirgendwo auf der Welt zu Hause fühle.

Zu den anderen Bibliotheken, in denen ich regelmäßig lese, gehören die Druckschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, die Bibliothek des Österreichischen Theatermuseums, das Germanistische Institut in London und die Universitätsbibliothek in Exeter, zu deren Beständen unter anderem Arthur Schnitzlers Sammlung von Zeitungsausschnitten über seine eigenen Werke gehört - eine vollständige Dokumentation der Rezeption, die nach Schnitzlers Tod von seinem Sohn Heinrich fortgeführt wurde und insgesamt über 22.000 Ausschnitte umfaßt. Der Zustand der älteren Ausschnitte - etwa der Erstdruck der Novelle "Leutnant Gustl", der 1900 in der Weihnachtsausgabe der Neuen Freien Presse erschien, eine Zeit, in der die Papierqualität bekanntlich extrem schlecht war - ist typisch für den Restaurationsbedarf vieler Sammlungen. Jeder wissenschaftliche Leser, der mit älterem Material zu tun hat, hat Verständnis für die Kosten, die sowohl im restauratorischen als auch im buchbinderischen Bereich entstehen, wenn man den Schaden an solchen dem Papierzerfall ausgesetzten Archivalien, noch mehr an Handschriften und Inkunabeln beheben will. Es leuchtet übrigens ein, daß diese Kosten besonders die großen Sammlungen betreffen.

Den Bibliothekarinnen, Bibliothekaren und Bibliotheksbeamten der genannten Institutionen bin ich für ihre langjährige Unterstützung und Hilfsbereitschaft, ihre Geduld, ihren Rat und ihr Wissen dankbarer, als ich es hier ausdrücken kann. Zu den weiteren Bibliotheken, denen ich aus früheren Jahren ebenfalls sehr dankbar bin, zählen auch die Universitätsbibliotheken in Cambridge und Durham, die Bayerische Staatsbibliothek in München, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar und die alte Bibliothèque Nationale in Paris. Indem ich in erster Linie diese relativ beschränkte Anzahl von Bibliotheken benutzt habe, habe ich das Prinzip formuliert, daß die Freundlichkeit des Ambiente meistens im umgekehrten Verhältnis zur Größe der Bibliothek steht. Als abschreckendes Beispiel für die Diskrepanz zwischen Größe und Benutzerfreundlichkeit kann die alte British Library dienen: Auf dem Rücken des Bestellzettels waren verschiedene Gründe für das Nichtvorhandensein des Buchs gedruckt, und wenn sich das Buch tatsächlich nicht auffinden ließ, bekam man den Bestellzettel zurück, auf dem der betreffende Grund angekreuzt worden war. Einer dieser Vermerke lautete: "im Krieg zerstört", was mich immer geärgert hat, weil das betreffende Buch immer noch in dem lange nach Kriegsende gedruckten Katalog aufgelistet war. Ein Forscher in einer Universitätsbibliothek in Kanada konnte also im Katalog des Britischen Museums nachschlagen, den seltenen Titel bestellen und extra nach London fahren, um zu erfahren, daß das Buch nicht nur nicht erhalten war, sondern daß man dies schon seit zwanzig Jahren wußte. Für die British Library war die historisch-bibliographische Dokumentation des gedruckten Katalogs offensichtlich weit wichtiger als der Leser.

Als mich der Präsident der VÖB eingeladen hat, heute zu referieren, hat er mich ausdrücklich um Kritik gebeten. Er wollte keinen Lobgesang hören. Als ich über diese Bitte nachgedacht habe, war die erste Metapher, die mir im Zusammenhang mit der Bibliotheksbenutzung eingefallen ist, die des Hindernisrennens. Man weiß, was das Ziel ist - es zu erreichen, ist manchmal aber etwas umständlich. Ein Rennen ist ein Wettkampf; eine weit bessere Metapher ist die einer Prüfung, oder eher: eine Reihe von Prüfungen, die der Leser wie Tamino in der Zauberflöte bestehen muß, bevor er ins Heiligtum des Weisheitstempels aufgenommen werden kann. (Dieser Metapher gemäß müßte der Bibliothekar oder die Bibliothekarin ein Zwischending zwischen Sarastro und Monostatos sein.) Man denke etwa an den Schluß des ersten Aktes. Tamino steht im Hain vor dem Tempel der Weisheit und fragt sich, wo er ist:

Ist dies der Sitz der Götter hier?
Es zeigen die Pforten, es zeigen die Säulen,
Daß Klugkeit und Arbeit und Künste hier weilen;
Wo Thätigkeit thronet und Müßiggang weicht [...]

Hier wird Tamino dann im zweiten Akt "seinen nächtlichen Schleier von sich reißen, und ins Heiligthum des größten Lichtes blicken". Das klingt nach Bibliothek.

Die Einladung, Kritik zu üben, geht an den falschen Mann, denn ich bin mit 'meinen' Bibliotheken sehr zufrieden. Ich habe mich folglich an verschiedene Kollegen gewendet mit der Bitte um möglichst detaillierte Kritik, um Klagen, Wünsche, skurrile Anekdoten. Die Antworten waren insofern enttäuschend, als sich herausgestellt hat, daß auch sie als Bibliotheksbenutzer großteils zufrieden sind. Es ist mir aber doch gelungen, einige kritische Punkte zusammenzustellen. Ich hoffe, daß es tatsächlich angebracht ist, sie heute zusammenzufassen; als Ihr Gast kommt mir dies ausgesprochen unhöflich und taktlos vor, denn sicherlich läßt sich keiner dieser Punkte auf die hier vertretenen Bibliotheken und Archive anwenden. Ich bin mir übrigens bewußt, daß die meisten Mängel einzig und allein auf fehlende Finanzierung zurückzuführen sind.

Die Prüfungen des Lesers nehmen ihren Anfang bei der technischen Ausstattung, und die nächste Referentin wird sicherlich ähnliche Punkte nennen. Zu den Prüfungsinstrumenten gehören Kataloge, Laptops und Fotokopierer: - Kataloge, die nur teilweise EDV-mäßig erfaßt sind und in deren Geheimnisse niemand den verzweifelten Leser einweihen kann, entweder weil die Computer nicht funktionieren oder aber weil der zuständige Bibliotheksbeamte gerade Bücher auszuheben hat und auf der Theke ein vergilbtes Schild mit "Komme gleich" hat stehen lassen. Einer der Vorteile der neuen British Library besteht darin, daß man "die Verbesserung des Zugangs zur Sammlung durch bessere Information" als ein Hauptziel benannt hat.

- Laptops mit klappernder Tastatur, denen immer mehr Plätze gewidmet werden (so daß man den Eindruck gewinnt, als wäre der Computer wichtiger als der altmodische Leser, der exzentrisch genug ist, sich nur mit Büchern oder Manuskripten befassen zu wollen) - wahrscheinlich aber nicht Plätze genug, um mit der stets wachsenden Benutzung von Computern Schritt zu halten;
- Fotokopierer, die der Leser nicht benutzen darf oder die nicht funktionieren oder die es gar nicht erst gibt. Ich bin mir bewußt, daß Fotokopierer in vieler Hinsicht unbeliebt sind und daß sie mißbraucht werden, indem viel zu viel kopiert wird. Aber gerade für den Forscher aus dem Ausland, der auf die Bestände einer bestimmten Bibliothek angewiesen ist, dem aber zu wenig Zeit zur Verfügung steht, gehört der Fotokopierer zu den besten Erfindungen unseres Jahrhunderts.

Ein weiterer Mißstand, der nicht auf wissenschaftliche Bibliotheken beschränkt ist, betrifft Plauderstündchen im Lesesaal: Der Leser als Papageno, dem ein Schloß vor den Mund gelegt werden müßte. In den Lesesälen alter Universitätsbibliotheken wurde häufig das Wort Silentium angeschlagen. Dieses Prinzip sollte nicht nur für Leser, sondern auch für Bibiothekare, Bibliothekarinnen und Bibliotheksbeamte gelten. Kollegiale Grüße, lange Telefongespräche, Anekdoten von ihrem Tun und Treiben können natürlich sehr unterhaltend sein, solcher Unterhaltung wegen ist man aber als Leser nicht gekommen. Über sorglos gesprächiges Personal hinaus kann es freilich auch lärmende Bibliotheksbenutzer geben. Eine Kollegin hat mir erzählt, daß sie sich an einen alten Mann in der Staatsbibliothek Berlin erinnert, der in der Handschriftenabteilung regelmäßig über den Manuskripten einschlief und laut schnarchte: "Es war zwar rührend, daß ihn keiner der Bibliothekare zu wecken wagte, aber das Arbeiten verging einem mit der Zeit, wenn man schon am Eingang die Besetzung des Saales sah!"

Ein weiterer wichtiger Punkt, der für die wissenschaftliche Arbeit besonders bedeutend ist, betrifft den Umfang und die Zugänglichkeit des Handapparats: je umfangreicher und je leichter zugänglich, desto besser. Eine schöne Folge des Umbaus im British Museum ist, daß im alten Lesesaal, der glücklicherweise unter Denkmalschutz steht und folglich nicht einfach abgerisssen werden kann, Nachschlagewerke aufgestellt werden sollen, die in direktem Zusammenhang mit dem Museum stehen. Den diametralen Gegensatz dazu stellt eine mir bekannte Bibliothek dar, deren sogenannter Handapparat in geschlossenen Schränken bewahrt wird, sodaß der Leser um Einsicht in jedes einzelne Buch - sogar in Wörterbücher - betteln muß. Es geht hier nicht nur um Vertrauen oder Mißtrauen, sondern auch um die Möglichkeit, Lesern und Leserinnen - insbesondere jungen Lesern und Leserinnen - den Gebrauch der Bestände zu erleichtern, sie zum Gebrauch der Bestände zu ermutigen.

Die nächste (unvermeidliche) Rubrik lautet: Gebühren und Öffnungszeiten. Daß fast überall - wenn auch weniger in Österreich als sonstwo - Bibliotheksbenutzer immer häufiger zur Kassa gebeten werden, ist ein Phänomen unserer Zeit, das wir sicherlich alle bedauern. Daß in dieser Hinsicht Kritik nicht an den Bibliotheksdirektoren, sondern eher an den für die Finanzierung verantwortlichen Politikern zu üben ist, liegt auf der Hand; hier braucht man sich nur die mit der Bestandserhaltung der Bibliotheken und der ständigen Erneuerung von Hardware und Software verbundenen Kosten zu vergegenwärtigen. Die immer häufigere Einführung von Gebühren paßt aber zum Thema: Motivation des Lesers. Am 19. August 1998 erschien in der Berliner Zeitung ein Bericht unter der Schlagzeile "Immer öfter heißt es an der Büchertheke: 'Zahlen bitte'"; hier war bezeichnenderweise zu lesen, man argwöhne, "daß die Leitung der Staatsbibliothek über die neuen Gebühren einen Teil der vielen Studenten wieder loswerden will." Ich schließe mich nachdrücklich dem - in der Presse vom 16. September 1998 leider auf die alles vereinfachende Schlagzeile "Bibliotheken fehlt Geld" reduzierten - Appell des Präsidenten der VÖB an - nicht nur, weil es durch die Einführung von Gebühren zu einer "Zwei-Klassen-Gesellschaft" kommt, sondern weil es sich dabei im Grunde um eine Besteuerung der Wißbegierde handelt.

Auch Öffnungszeiten hängen bekanntlich von adäquater Finanzierung ab; das gilt z.B. auch für ärgerliche kurzfristige Ankündigungen von reduzierten Öffnungszeiten, meistens verbunden mit einer Bitte um "Verständnis", die besonders bei Forschern, die nur kurze Zeit in der betreffenden Stadt zur Verfügung haben, alles andere als Verständnis hervorruft. Ich möchte diesen Themenkomplex aber in einem anderen Zusammenhang besprechen: Es geht mir um die Kooperation wissenschaftlicher Bibliotheken. Wenn in einer Groß- oder Hauptstadt das Stadtarchiv im Juli geschlossen ist, die Stadtbibliothek und die Universitätsbibliothek im August, die National- oder Staatsbibliothek im September, so bedeutet das zwar einerseits, daß in der betreffenden Stadt nicht alle Archive und wissenschaftlichen Bibliotheken zugleich geschlossen sind, andererseits aber, daß für Forscher, die im Ausland wohnen und die sich auf die Bestände aller dieser Archive und Bibliotheken verlassen, die Stadt ein Vierteljahr lang - und zwar gerade während der Semesterferien - für ihre Arbeit unzugänglich ist. Das Thema der Kooperation ließe sich weiterführen. Es ist frustrierend, aber unvermeidlich, daß sich die Materialien zu den meisten Autoren auf viele Bibliotheken und Sammlungen verteilen. Der Großteil des Nestroy-Nachlasses ist in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek erhalten, einzelne wichtige Handschriften gibt es aber auch in der Österreichischen Nationalbibliothek oder aber auch außerhalb Österreichs, etwa in Genf und München. Wer sich mit dem Nachlaß eines Hofmannsthal, eines Schnitzler, eines Max Reinhardt befassen will, muß ein Pendelleben führen - zwischen Frankfurt und Harvard, beziehungsweise zwischen Freiburg, Cambridge und Wien oder zwischen Wien und Salzburg. Sollte im Zeitalter des Fotokopierers oder des Microfiches und -films der Austausch von Kopien, um die großen Nachlässe an einem Ort zugänglich zu machen, nicht eine Selbstverständlichkeit sein?

Es geht hier wieder um die Verbesserung des Zugangs zu Materialien. "Bibliothekare [so Hans Magnus Enzensberger im Aufsatz "Das Haus an der Burggasse. Ein Versuch"], die ihre Bücher am liebsten im Magazin ließen, damit sie keine profane Leserhand entheiligt, hat es immer gegeben; seltener sind sie nicht geworden." Das erinnert mich an einen Wiener Antiquar, der mir Anfang der sechziger Jahre ein Buch gezeigt und einen Preis genannt hat. Ich habe einen Augenblick lang gezögert; das Buch ist im Nu wieder unter die Theke verschwunden, und der Antiquar hat gesagt: "Das behalt' ich für mich selbst." Als die neue Nestroy-Gesamtausgabe gegen Ende der siebziger Jahre begründet wurde, erschien in der Presse vom 14. Juli 1978 ein Bericht, der die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der Wiener Stadt? und Landesbibliothek den Verhältnissen zur Zeit des letzten großen Nestroy-Herausgebers Otto Rommel gegenüberstellte: "Berühmt die Antwort [so heißt es im Artikel], die einmal einem Nestroy-Bittsteller gegeben wurde: 'Das haben wir nicht einmal Rommel gezeigt.'" Die Anekdote ist sicherlich apokryph. Und der Antiquar in der Wiedner Hauptstraße ist längst tot, das Antiquariat längst verschwunden. Die Denkweise bleibt aber zäh am Leben, und zwar nicht nur in Antiquariaten, sondern anscheinend auch in einigen Bibliotheken, wie die Antworten auf meine Rundfrage bestätigt haben. Wer seine Schätze nicht hergeben will, traut dem Leser nicht.

Ähnlich verhält es sich mit jenen, die ihre Schätze ungern für Ausstellungen zur Verfügung stellen. Daß alte Manuskripte und Wiegendrucke sowie viele moderne Bücher sehr wertvoll und häufig in gefährdetem Zustand sind, versteht sich von selbst. Wer aber dem Leser oder dem Ausstellungsbesucher weder Interesse noch Fachkenntnis zuschreiben will, müßte sich wohl fragen, warum der Leser lesen will, warum der Ausstellungsbesucher zur Ausstellung kommt. Vor ca. zwei Jahren fand in Berlin eine Ausstellung im Fachbereich mittelalterliche Handschriften "zum Anfassen" statt. Das soll ein Riesenerfolg gewesen sein.

Der vorletzte Punkt, den meine Rundfrage aufgeworfen hat und der übrigens mehrmals zur Sprache gekommen ist, betrifft junge Doktoranden und Doktorandinnen und ist wohl das wichtigste Anliegen, das ich vorzubringen habe.

In Nestroys Komödie Mein Freund kommt ein Ladendiener namens Schippel vor, der in einer Leihbücherei arbeitet und über seine Arbeit räsoniert:

SCHIPPL. Unser' Leihbibliothek war so still, so ordentlich, - ich hab's den Leuten aus'trieben, das ewige Bücherumtauschen, Kommissekkieren, ang'schnurrt hab' ich s', daß sich fast niemand mehr herein'traut hat um ein Buch' - kurzum, ich hab' mir das G'schäft so eing'richt't, daß es a Gusto war für ein' alten Diener. Und er beklagt sich über ein Mädchen, das in der gleichen Bücherei arbeitet und eine "dalkete Neigung fürs Publikum" hat; sie "kennt sich nicht aus vor Freundlichkeit und Diensteifer" und vereitelt seine ganze Strategie: "Kundschaften, wo ich 'glaubt hab', ich hab' s' vertrieben auf ewige Zeiten, tauchen wieder auf."

Ich bin wie gesagt mit 'meinen' Bibliotheken sehr zufrieden, wenn ich aber über die Ursachen dieser Zufriedenheit nachdenke, muß ich berücksichtigen, daß man mich dort kennt und daß ich nicht mehr jung und ängstlich bin, mich nicht mehr anschnurren lasse. Man muß immer die Unsicherheit der Anfänger und Anfängerinnen berücksichtigen. Die sind es, die Angst vor der Bibliothek, Angst auch vor Bibliothekarinnen und Bibliothekaren haben, sogar vor den Aushebern und anderen Hilfskräften, wenn sie es auch nicht immer wagen, diese Angst zur Schau zu tragen oder ihren Ärger zum Ausdruck zu bringen. Neue Bibliotheksbenutzer, die dem Analphabetismus des Fernsehzeitalters widerstehen, und zwar insbesondere junge Doktoranden und Doktorandinnen, sind nicht nur die Kundschaft der Zukunft, sie verkörpern die Zukunft der Wissenschaft und der Bibliotheksarbeit. Man müßte sie möglichst freundlich und zuvorkommend empfangen, möglichst schonend und nachsichtig auf ihre Probleme und Fehler reagieren.

Der letzte Punkt, der in den Antworten auf meine Frage ebenfalls häufig erwähnt wurde, ist anderer Art. Es handelt sich um die menschliche Schwäche des Wissenschaftlers. Er ist Leser - "Noch mehr - er ist Mensch". Das Wort Sarastros paßt gut zum Rahmenthema dieser Tagung. In der Zauberflöte ist menschliche Schwäche durch Papageno verkörpert, der sich "mit Schlaf, Speise und Trank begnügt". Mit einem Wort: Der Mensch braucht Kaffee.

Der Leser braucht Kaffee. Sogar der wissenschaftliche Forscher braucht Kaffee. Als ein Kollege von der Universitätsbibliothek Exeter (einer Institution, in der es weit und breit keinen Kaffee gibt), der vor kurzem zur Zeitungssammlung der British Library in einem nördlichen Stadtteil Londons fahren mußte, habe ich nach seiner Rückkehr geradezu schadenfroh festgestellt, daß er vor allem darüber klagen wollte, daß er keinen Kaffee hatte finden können.

Hoffentlich habe ich kein Bild von turbulenter Unzufriedenheit bei wissenschaftlichen Bibliotheksbenutzern gegeben. Die Prüfungen, denen sie sich unterziehen müssen, lassen sich mit Geduld - und in gehöriger Stille - überstehen. Auch für den Leser ist in der Zauberflöte ein treffendes Motto zu finden, und zwar im Rat der drei Knaben an Tamino im Hain vor dem Tempel der Weisheit am Schluß des ersten Akts:

Zum Ziele führt dich diese Bahn,
Doch mußt du Jüngling! männlich siegen.
Drum höre unsre Lehre an:
Sey standhaft, duldsam, und verschwiegen!


Letzte Änderung: 16/05/2012