Projekte und Forschung

The Tudor Child

Forschungsprojekt ABT
gefördert vom Tiroler Wissenschaftsfonds und der Kulturabteilung des Landes Tirollogo_abt 


The Tudor Child

The Tudor Child
Clothing and Culture 1485 to 1625

Kleidung und Kultur von 1485 bis 1625

von Jane Hugget und Ninya Mikhaila
Herausgeberin: Jane Malcolm-Davies

veröffentlicht 2013

ISBN – 978-0-9562674-2-9 (United Kingdom)
ISBN – 978-0-89676-267-1 (United States of America)

Um das Buch zu bestellen besuchen Sie den Tudor Tailor Buchladen.


"The Tudor Child"
bietet Einblick in die soziale Geschichte von Babys und Kindern aus dem späten fünfzehnten Jahrhundert bis in das erste Viertel des 16. Jahrhunderts. Basierend auf neuen Forschungen in Primärquellen wie Testamente einfacher Menschen, Haushaltskonten und einer Studie von mehr als tausend zeitgenössischen Bildern. Das Buch bietet faszinierende Einblicke in die Art und Weise, in der die Tudor Kinder erzogen, ausgebildet und natürlich bekleidet wurden.

 Das Buch ist reich an Farbabbildungen und bietet ein visuelles Fest von Gemälden und Skulpturen, schöne Zeichnungen von Michael Perry und hochwertige Fotografien von rekonstruierten Kostümen. Inkludiert sind mehr als 40 Muster mit Anweisungen zum Herstellen von Kleidungsstücken für alle Altersgruppen: von Säuglingen bis Zwölfjährigen - auch Unterwäsche, Kopfbedeckungen und Strickwaren.

Kinderkleidung aus Schloss Lengberg im "The Tudor Child"

Der Bitte, ob es möglich wäre, einige Bilder von Kinderkleidern aus Lengberg, Osttirol, zum Buch beizutragen, um Beispiele für unmittelbare Vorgänger aus dem 15. Jahrhundert aufzuzeigen, ist das Institut für Archäologien der Universität Innsbruck gerne nachgekommen.

Zwei Bilder wurden dazu zur Verfügung gestellt und sind jetzt auf den Seiten 14 und 51 im Buch zu finden.

Babygewand

Unter den Textilfunden von Schloss Lengberg befinden sich mehrere Fragmente von Kinderkleidung und ein Fragment, das so klein ist, dass es wahrscheinlich Teil eines Babykleides war.

Tudor Child_baby´s garment_Lengberg

Vom Babykleid ist nur der Rückenteil und die rechte Vorderseite mit einer Reihe von sechs Nestellöchern, einem Ärmelloch und die Hälfte des zweiten, erhalten, aber der Umfang kann mit ca. 30,4 cm rekonstruiert werden. Ein Vergleich mit moderner Babykleidung zeigt, dass Umfänge von 26 bis 33 cm für Frühgeborene reichen. Zwar ist ein Körperumfang von 30,4 cm immer noch sehr klein, aber es gibt wenig bis gar keine Informationen über die durchschnittliche Größe von Neugeborenen im 15. Jahrhundert. Darüber hinaus war der Umfang variabel, da das Kleidungsstück ja mittels genähter Ösen, durch die ein schmales Band gefädelt war, verschlossen wurde und daher nicht vollständig auf der Vorderseite geschlossen sein musste. Bislang konnten jedoch keine Bildquellen für solche Babykleidung gefunden werden. Es werden immer Wickelkinder dargestellt, aber es ist nicht bekannt ob sie unter den Fatschen bekleidet waren. Auch ob es im späten Mittelalter in ganz Europa üblich war Babys immer fest einzuwickeln ist nicht gesichert, vor allem da es in späteren Perioden gelegentlich als ungesund angeprangert wurde.

Bereits im 16. Jahrhundert schrieb  Felix Würtz (ca. 1500/1510 bis 1590/ 1596) ein Buch namens "Practica der Wundartzney", wo er seine Meinung über die Ansichten zur Behandlung von Wunden aufschrieb und mehrere medizinische Traditionen kritisierte. Dieses Buch wurde, zusammen mit seinem "Kinderbüchlein" in dem er das Fatschen von Säuglingen beanstandete, nach seinem Tod im Jahre 1612 von seinem Bruder Rudolph veröffentlicht.

„ Ich habe auch rechte un gerade Kinder von Gott erschaffen / und also von den Menschen in diese Welt geboren gesehen / darauß nichts dester minder krumme und lamme Menschen worden seind an ihren Schencklen / auch nimmermehr gerad und gesund worden / und habe mir auch etwan die Ammen oder die Mütteren selber angezeiget / wie es jnen seye ergangen. Ich aber habe auch etwan ein Kind wiederumb nider legen und zu binden lassen / daß ich gesehe wie sie es gebunden hätten / da sahe ich dann wol wo es gefählet hätte / und insonderheit mit dem binden deren so ich eben gemeldet habe / dann wann sie es auff der schoß mit dem schmalen ende verbunden haben / so legen sie ihnen in der Wiegen die Knielein zusammen / legen auch etliche büschlein darzwischen / unnd wollen Gott sein geburt nicht lassen verbleiben / wie er sie erschaffen und gestaltet hat / sonder wollen noch geradere und schönere Kinder haben / in dem sie es aber aus Mißverstand wollen gerad binden / so binden sie es krumb / und ziehen die band hart zu / also daß daß Kind kein Ruhe haben kan / sonder es windet und wendet sich so lang / bis daß es etwas mag ledig werden / .........“

Aus:
Felix Würtz, Practica der Wundartzney ... darinnen allerley schädliche missbrauch, Pays Welche bissher von vnerfahrnen, vngeschickten Wundärtzten in gemeinem schwanck gangen seind aussfuhrlichen angedeutet, vnd vmb Viler erheblicher Ursachen Willen abgeschafft Werden. In Vier ordenliche Bücher vnderscheiden und abgetheylet (Basel 1612) S. 485.

Das komplette Buch finden Sie hier: archive.org - Felix Würtz, Practica der Wundartzney

Natürlich könnte dieses Textilfragment etwas anderes gewesen sein als ein Babygewand, aber bislang wurde keine andere plausible Erklärung gefunden.

Mädchengewand
Tudor Child_girl´s garment_Lengberg

Hier handelt es sich um das leinene Innenfutter eines Mädchenkleides mit einen V-förmigen Ausschnitt auf Vorder- und Rückseite, ursprünglich vorne mit einem nun zerbrochenen Buntmetallhaken verschlossen. Ein Streifen aus roter Seide ist teilweise in den Saum des Ausschnitts eingebracht und mit Nähzwirn, manchmal blau gefärbt, vernäht.

Zwischen dem Mieder und dem nun fehlenden Rock des Kleides befindet sich, wohl zur Verstärkung,  ein Leinenstreifen in Köperbindung. Da nur das Futter erhalten geblieben ist kann die Farbe des Kleides selbst nicht bestimmt werden, aber die Verwendung von roter Seide und blau gefärbtem Zwirn deuten entweder rot oder blau an. Dieses Textil wurde Radiokarbon-datiert, die Daten reichen von 1440 bis 1640 (ETH-42.288 - Wahrscheinlichkeit 95,4%). Angesichts dessen, was wir über die Geschichte von Schloss Lengberg wissen war dieses Kleid irgendwann zwischen 1440 und 1485 in Verwendung.
 

 

Unter den 14 Fragmenten gefältelter Leinenhemden aus Lengberg findet sich zwei von Kindern. Ein teilweise plissierter Halsausschnitt mit erhaltenem Textilknopf und ein Ärmelfragment (Bund) mit Textilknopf und entsprechenden Knopfloch. An den Hemdfragmenten von Lengberg können drei verschiedene  Faltenarten und vier verschiedene Möglichkeiten um den Besatzstreifen zu nähen unterschieden werden.

Von den Hemden können keine Bilder im Buch gefunden werden. Für weitere Informationen zu den gefältelten Hemden von Schloss Lengberg siehe:

Beatrix Nutz und Harald Stadler, How to Pleat a Shirt in the 15th Century. In: Archaeological Textiles Review 54, 2012, 79-91.


Beatrix Nutz