Projekte und Forschung

Ungarn
Europa

ABTlogo_abt

Ungarische Spinnrockentypen

Hungary, distaff types
Ungarische Spinnrockentypen.

Quelle: http://mek.oszk.hu/02100/02115/html/2-742.html (   09.06.2015)

A: Övguzsaly = Hüftspinnrocken: Durchschnittlich von einen Meter Länge wird dieser Spinnrocken von der Spinnerin unter den linken Arm geklemmt und (oder zusätzlich) in den Gürtel gesteckt. So kann auch während des Gehens gesponnen werden. Dieser Typ findet sich vor allem bei den Südslawen und in Rumänien, einschließlich der ungarischen Sprachgebiete.

B: Rúdguzsaly = Stangenspinnrocken: dieser Spinnrockentyp ist wesentlich länger als Typ A (ca. 150 bis 160 cm). Dieser Spinnrockentyp wird beim Sitzen zwischen die Beine geklemmt. Vorkommen hauptsächlich in Siebenbürgen (früher Teil des Königreichs Ungarn, heute zu Rumänien gehörig).

C: Talpas guzsaly = Fußspinnrocken (wörtl.: talp = Sohle): über ein Meter langen Spinnrocken mit einem (egytalpú guzsaly) oder zwei (kéttalpú guzsaly)  flügelartigen Füßen. Der Spinnrocken wird von der Spinnerin aufrecht gehalten in dem Sie entweder einen ihrer Füße auf den Fuß des Spinnrockens stellt oder aber, ähnlich wie bei russischen Spinnrocken, auf dem Fuß des Rockens sitzt. Mit Ausnahme von Transdanubien1 und der Kleinen Ungarischen Tiefebene2 im gesamten Bereich verbreitet. Die zweiflügelige oder zweifüßige Form findet sich vor allem in der Großen Ungarischen Tiefebene3 und im Hochland während die einfüßige Form im Tiszántúl und in Siebenbürgen vorkommt.

D: Székes guzsaly = Schemelspinnrocken oder –kunkel: langer Stab der in einen kleinen Hocker eingesetzt ist, so dass er von der Spinnerin nicht mehr festgehalten werden muss (in welcher Weise auch immer). Dieser Spinnrocken kann sowohl zusammen mit einer Handspindel, als auch mit einem Spinnrad Verwendung finden. Verbreitung: Transdanubien, Kleine Ungarische Tiefebene sowie Satu Mare (früher Komitat Sathmar)5 und Siebenbürgen in Rumänien.

Spinnrocken der verschiedenen Typen können aber auch miteinander kombiniert werden. So können Spinnrocken des Typs B (Rúdguzsaly - Stangenspinnrocken) auch in einen Fuß oder in einen Schemel gesteckt werden und so als Talpas oder Székes guszaly zum Einsatz kommen.

distaff with stool
Stangenspinnrocken aus Siebenbürgen in einem schemelförmigen Holzkreuz aus Kärnten.




 

Hungary, distaff_2
Ungarischer Spinnrocken des Typs talpas guzsaly (=Fußspinnrocken) mit einem „Flügel“ als Fuß (egytalpú guzsaly). Dieser Spinnrocken ist sehr einfach, der Fuß ist nicht verziert und der Schaft nur mit einfachen Schnitzereien versehen. Länge des Schafts: 138 cm (Gesamthöhe: 141 cm), Länge des Fußes: 38 cm.

 

Hungary, distaff 3
Ungarischer Spinnrocken des Typs talpas guzsaly (=Fußspinnrocken) mit zwei „Flügel“ als Fuß (kéttalpú guzsaly). Sowohl der Fuß als auch der Schaft sind mit Schnitzereien verziert. Länge des Schafts: 131,5 cm (Gesamthöhe: 135 cm); Länge des Fußes: 50,5 cm
 

Hungary, distaff

 

 

 

Ungarischer Spinnrocken, 19. Jh., Länge: 64 cm. Um diesen Spinnrocken unter den Arm geklemmt zum Spinnen mit einer Handspindel zu verwenden erscheint der Griffteil ein wenig kurz (27 cm), doch war dieser Rocken möglicherweise einst länger. Schnitzspuren am sonst recht glatt geschliffenen Griff weisen darauf hin, dass dieser Spinnrocken abgeschnitten und der Stabdurchmesser des untersten Teils verringert wurde.  Vermutlich um den Rocken auf ein Spinnrad aufstecken zu können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hungary, woman with distaff
Postkarte: Frau beim Spinnen mit einem Spinnrocken des Typs talpas guzsaly (=Fußspinnrocken) mit zwei „Flügel“ als Fuß (kéttalpú guzsaly).
Hungary, woman spinning

Postkarte: Frau beim Spinnen mit einem Spinnrocken des Typs székes guzsaly (= Schemelspinnrocken).

 

Hungary, woman with distaff, 1887
Ungarische Frau mit Spinnrocken. Viktorianischer Kunstdruck auf Papier aus dem Jahr 1887 von Art & Letters, 1886-1887.

 


1 Als Transdanubien („Land jenseits der Donau“, zu lat. Danubius „Donau“) werden in Ungarn die rechts (südlich und westlich) der Donau gelegenen Landesteile bezeichnet. Der ungarische Name lautet Dunántúl. Der Begriff umfasst die drei westungarischen Regionen Westtransdanubien, Mittel- und Südtransdanubien sowie die rechts der Donau gelegenen Teile des Komitats Pest. In den genannten Regionen liegen die neun Komitate Baranya, Fejér, Győr-Moson-Sopron, Komárom-Esztergom, Somogy, Tolna, Vas, Veszprém und Zala.
2 Die Kleine Ungarische Tiefebene (ungarisch Kisalföld) ist eine Tiefebene im Pannonischen Becken in Ungarn, der Slowakei und Österreich.
3 Die Große Ungarische Tiefebene (ungarisch Alföld oder Nagy Alföld) ist ein Teil der Pannonischen Tiefebene, der sich im Ostteil von Ungarn, in Teilen Rumäniens, Serbiens und Kroatiens, und am Rand der Slowakei („Ostslowakisches Tiefland“) und der Ukraine („Transkarpatisches Tiefland“) erstreckt.
4 Tiszántúl oder Trans Tisza Region ist eine Gebiet Ungarns welches zwischen der Theiß und der Ostgrenze des Landes (Wörtliche Bedeutung: "Jenseits der Theiß") liegt. Neben Kiskunság ist es Teil der Großen Ungarischen Tiefebene.
5 Das Komitat Sathmar war eine Verwaltungseinheit im Königreich Ungarn. Heute liegt der kleinere Teil (etwa 1/4 des Gebiets) im Nordosten Ungarns, der größere Teil (etwa 3/4 des Gebiets) im Nordwesten Rumäniens (im heutigen Kreis Satu Mare).