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Spinnen der siebenbürgisch-deutschen Landleute

Im 12. Jahrhundert folgten Siedler aus dem deutschen Reich - vornehmlich aus dem Rhein-Moselgebiet - dem Ruf des ungarischen Königs nach Siebenbürgen. Heute sind die Siebenbürger Sachsen eine deutschsprachige Minderheit in Rumänien. In Siebenbürgen leben heute noch ca. 16.000 Siebenbürger Sachsen. In Deutschland leben heute ca. 250.000 Mitglieder dieser Gemeinschaft, weitere leben in Österreich, den USA und Kanada. (Anmerkung ABT)

Das Spinnrad und zwar das Trittrad fand überall Eingang, doch die altgewohnte Handspindel (späll, spall) konnte von ersterem dennoch nicht verdrängt werden. Bloß die Frauen pflegen es zu benützen, die Mädchen tragen - wie einstens - die einfache Spindel zur Spinnstube (rökestuff, spanstuff, spännstuff).
Die Spinnwirtel (wierkel, wirtel, wertelchen, wirltche) (Abb. 39 bis 45) werden in gleicher Weise wie bei den Romänen benutzt und haben auch ähnliche Form; doch die mit Kerbschnitt verzierten sind im allgemeinen nicht derartig fein ausgeführt wie jene. Eine Eigentümlichkeit an ihnen fand ich vereinzelt im Großkokler Komitat [Siebenbürgen]. Hier werden die Wirtel manchmal derartig eingerichtet, dass sie beim Spinnen Geräusch verursachen (klappern) und zwar aus dem Grunde, damit der Fleiß der Arbeiterin jederzeit kontrolliert werden könne.

Romania, spindle whorls
Abb. 39 bis 45: Siebenbürgisch-deutsche Spinnwirtel aus Holz.  39 und 40: von Klein-Schelken (heute: Șeica Mică, Kreis Sibiu) ; 41 bis 43: von Frauendorf (heute: Axente Sever, Kreis Sibiu); 42: mit einen Steinchen in einer Aushöhlung, das beim Spinnen ein klapperndes Geräusch verursacht; 44: von Peschendorf (heute: Stejăreni, Kreis Mieresch (Mureş)); 45: von Sächsisch-Nadesch (heute: Nadeș, Kreis Mieresch (Mureş)).

Die größte Verbreitung hat hier die deutsche Schemelkunkel (binkelröken, stählchenröken, röken), die entweder ein kreisrundes, dreifüßiges (Abb. 47) oder quadratisches, dann vierfüßiges Bänkchen zur Basis hat, das nebst der Stange fast immer bunt angestrichen ist. In Agnetheln [heute: Agnita, Kreis Sibiu] und dessen Umgebung, in Groß-Schenk [heute: Cincu, Kreis Braşov], Rohrbach [heute: Rodbav, , Kreis Braşov]  u. a., dann abseits hievon in Klein-Schelken [heute: Șeica Mică, Kreis Sibiu] fand ich die scheinbar wendische1 Haken- oder Sitzkunkel (Abb. 46) im Gebrauch, die nach W. von Schulenburg im Spreewald in der Lausitz2 einstens benutzt wurde.


Auch unter den deutschen Landleuten Siebenbürgens ist es Sitte, dass junge Männer die Mädchen mit Spinnwirteln und Kunkeln beschenken, doch diese namentlich die letzteren werden zumeist von Handwerkern gekauft und nicht eigenhändig angefertigt. Gesponnen wird fast nur Hanf, selten Flachs oder Wolle. Der Rocken (kai, kaier, kotj, zoken, zekelchen) wird mittelst eines Bandes (rökeschnäar, reekeschnäar) oder eiserner Kette (rökeneisen) an die Kunkel gebunden.

Romania, Șeica Mică, distaff
Abb. 46: Sitzkunkel von Klein-Schelken (heute: Șeica Mică). Abb. 47: Deutsche Schemelkunkel.













1Wenden (auch Winden, lateinisch Venedi) bezeichnet diejenigen Westslawen, die vom 7. Jahrhundert an große Teile Nord- und Ostdeutschlands (Germania Slavica) bewohnten, heute meist als Elbslawen bezeichnet.
2Die Lausitz (etwa „sumpfige, feuchte Wiesen“; niedersorbisch Łužyca, obersorbisch Łužica, polnisch Łużyce, tschechisch Lužice) ist eine Region in Deutschland und Polen. Sie umfasst den Süden Brandenburgs und den Osten des Freistaates Sachsen sowie Teile der polnischen Woiwodschaften Niederschlesien und Lebus.


Aus: Mauritius von Kimakowicz-Winnicki, Spinn- und Webewerkzeuge: Entwicklung und Anwendung in vorgeschichtlicher Zeit Europas. Mannus-Bibliothek 2, Verlag Curt Kabitzsch (Leipzig 1. Aufl. 1910 / 2. unver. Aufl. 1930), 23-25.