Projekte und Forschung

Spindeltypologie
Spinnen grober Fasern und Seilherstellung in Amerika

ABTlogo_abt

 

In einigen Regionen Nord- und Zentralamerikas werden gröbere Pflanzenfasern, wie die des Spanischen Mooses und die Fasern verschiedener Agave-Arten, mit einem unter mehreren Namen bekannten hölzernen Werkzeug gesponnen und verzwirnt. Vorkommende Namen: Spinner, Mayan Spinner, Rakestraw Spinner, Rope Spinner (=Seilspinner), Twister (=Zwirner), Rope Twister (=Seilzwirner), Hair Twister (=Haarzwirner), Twisting Paddle (Zwirnblatt), Whirligig, Tarabilla, Tarrabee und Tarabi (oder Tarabe).

Der Spinner besteht aus zwei Teilen: einem runden Griff der als Achse fungiert und einem flachen Brett (oder Blatt). Das Blatt ist an einem Ende eingekerbt und unterhalb der Kerbe gelocht. Der Griff wird durch dieses Loch gesteckt. Die zu spinnenden Fasern werden an der Kerbe befestigt. Durch das Drehen des Blattes (ähnlich einer Ratsche) werden diese dann verdreht. Das Spinnen und Verzwirnen wird von zwei Personen durchgeführt: Beim Spinnen dreht eine Person das Holzgerät, während eine Person gegenüber des Spinners/der Spinnerin den Strang fest in einer Hand hält und neue Fasern auf das Ende des Stranges führt. Dabei bewegt er/sie sich vom Spinner immer weiter weg je länger der gesponnene Faden wird. Bei der Herstellung eines Seils werden in der Folge zwei solcher Geräte benötigt. Das gesponnene Garn wird verdoppelt und zu stärkerem Zwirn verdrillt. Dazu bedient eine Person zwei der Spinner (einer in jeder Hand), die er/sie in die gleiche Richtung dreht.  Die andere Person hilft, die Stränge zusammen zu halten, um den Verzwirnungsprozess zu erleichtern.

Ein sehr ähnliches Gerät (Geräte) wurde schon zu pharaonischen Zeiten und bis ins 20. Jh. in Ägypten verwendet.

Es scheint, als sei der Spinner mit den Spaniern in die Neue Welt gekommen. So wurde diese Gerät, als Taravita bezeichnet, in der spanischen Provinz Cádiz zum Spinnen von Espartogras benutzt.

Ein YouTube-Video zeigt zwei Frauen aus Dagestan beim Spinnen mit einem sehr ähnlichen Gerät. Leider ist die Bildqualität äußerst schlecht.   

Verwendet wurde und wird der Spinner von den Koasati (auch Chousatta) und Houma, nordamerikanische Indianervölker, die überwiegend im US-Staat Louisiana leben, sowie in etlichen anderen süd- und südwestlichen Staaten der USA bei den Rinderzüchtern (siehe Karte).

Die Koasati und Houma in Louisiana nutzten Spanisches Moos (auch: Louisianamoos, Tillandsia usneoides), das versponnen und zu (Sattel)Decken verwebt wurde.

In Zentralamerika benutzen die Nachkommen der Maya in Guatemala den „Mayan Spinner“ zum Spinnen und  für die Herstellung von Seilen aus Agave-Fasern (Sisal oder Maguey).

Eine Anleitung zur Herstellung und Benutzung eines „Indian Rope Spinners“ finden Sie hier: Scout Pioneering

Dort heißt es:
“Bereits 1200 n. Chr. stellten die Papago1 Indianer des amerikanischen Südwestens Seile aus Kaktusfasern mit einem Seilzwirner her. Die Technik kann heute noch verwendet werden.”
und
"Der in Abbildung 71 gezeigte einfache Seilspinner ist eine Replik eines um 1200 n. Chr. von im heutigen Arizona lebenden amerikanischen Ureinwohnern benutzten Spinners. Mit diesem Spinner und Fasern von Kakteen aus der Region waren die Ureinwohner in der Lage Seile für den Bau von Unterständen und für viele andere Zwecke zu fertigen. Museumsobjekte belegen zweischäftige Seile von etwas weniger als 1/4 " / 6,32 mm [im Durchmesser]."

Sollte dies tatsächlich der Fall sein, kann der Spinner nicht durch die Spanier nach Amerika gekommen sein. Man muss dann von einer Parallelentwicklung ausgehen. Jedoch wird diese Aussage   weder durch Museumsobjekte noch durch Literaturhinweise belegt.

Ein „rope twister“ der Tohono O´odham, aus Sells (Indian Oasis), Tohono O'odham Reservation, Pima County, Arizona, befindet sich heute im National Museum of the American Indian. Dieser wurde aber erst 1915 erworben.

USA_map_rope spinner
Ausdehnung und Nomenklatur des Spinners am Höhepunkt der Rinderzuchtperiode. Nach: Kniffen 1953, 181.

Nach / Redrawn after: Kniffen 1953, 181.



Koasati spinning Spanish Moss_1908
Koasati-Frau und Mädchen beim Spinnen und Weben von Spanischem Moos, Louisiana 1908, USA. Aus: Carocci 2010, 18.


 

rope making
Spinner (Tarabe) der Koasati, Louisiana, USA.
Aus: Kniffen 1953, 180.

 

How the Cowboy Makes His Lariat_1917
Kurzfilm von 1917 über die Seilherstellung (Herstellung eines Lassos und eines Sattelgurtes) aus Pferdehaar mit Hilfe eines Taravia (Seilspinners).

Für das Video klicken Sie bitte auf das Bild oder besuchen die Seite der National Film Preservation Foundation: How the Cowboy Makes His Lariat (1917)   

Guatemala_spinning maguey twine
San Pablo La Laguna, Guatemala. Spinnen und Zwirnen von Maguey. Aus/: Anderson 1978, 46-47.



 

Dagestan_rope spinning
Frauen in Dagestan beim Spinnen mit einem Seilspinner. A. Faserzufuhr B. Drehen des Spinners

Die Republik Dagestan (russisch Республика Дагестан/ Respublika Dagestan) ist seit 1991 eine russische Republik im Nordkaukasus im südlichen Teil Russlands.
Für das Video klicken Sie bitte auf das Bild oder besuchen die YouTube-Seite / to watch the video click the image or see here: Традиционная одежда женщин Дагестана (Traditionelle Kleidung der Frauen in Dagestan). Diese Szene finden Sie bei 14:10 bis 14:35 Minuten.   

 

Literatur:

Fred Kniffen, The Western Cattle Complex. In: Western Folklore 12/3, 1953, 179-185. JSTOR

Marilyn Anderson, Guatemalan Textiles Today (New York 1978). ISBN: 0-8230-2158-0

Max Carocci, Clad with the `Hair of Trees´: A History of Native American Spanish Moss Textile Industries. In: Textile History 41/1, 2010, 3-27. Maney Online


1 Der Begriff "Papago" ist eine abwertende Bezeichnung durch die spanischen Eroberer, und wird von dieser Gruppe von Menschen, die sich selbst die Tohono O'odham Nation nennen, abgelehnt.