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Spindeltyologie
Seilherstellung in Ägypten 

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Schon seit pharaonischen Zeiten werden in Ägypten Seile auf besondere Weise hergestellt. Eine Wandmalerei im Grab 2611 (Grab des Khaemwese) in Dra Abu el-Naga, Theben, aus der Zeit Tuthmosis IV (18. Dynastie, Neues Reich, etwa von 1397 bis 1388 v. Chr.) zeigt drei Männer bei der Arbeit neben einem Papyrussumpf. Die Figur auf der rechten Seite der Gruppe von Seilern verdreht zwei getrennte Stränge des Seils und hält in jeder Hand ein für diesen Zweck verwendetes Werkzeug (Seilspinner). Die mittlere Figur, auf einer Schilfkiste oder Stuhl sitzend, sollte einen aufrechten Stab aus Holz oder Metall zwischen die beiden miteinander zu verdrillenden Stränge halten. Leider ist aber ein großer Teil dieser Figur beschädigt. Der Mann hinter der sitzenden Figur hält das Seil gestrafft. Über den Arbeitern sieht man vier fertige Seilrollen, und auch ein Papyrusbündel das  bereit ist geschnitten und zu einem Seil gedreht zu werden.
Die Gruppe der sechs Werkzeuge darunter ist besonders interessant und umfasst alles, was bei der Herstellung von Seilen verwendet wird. Erstens eine Art von Spieß der beim Spleißen benutzt und auch beim Verdrillen zwischen zwei Stränge gesetzt wird. Darunter ein Holzhammer zum Weichklopfen der Papyrusstängel, nachdem sie in Wasser eingeweicht worden sind, um sie biegsam genug zu machen, um gedreht werden zu können. Neben diesem sind zwei Werkzeuge für das Drehen der getrennten Seilstränge zu sehen. Sie sind von der gleichen Form wie sie bis ins 20. Jh. in Ägypten benutzt wurden, aber mit dem Zusatz einer schweren Kugel am Ende zur Unterstützung der Schwungkraft. Auf der rechten Seite davon ist ein weiterer Spieß, aber kleiner als der erste, und schließlich ein Messer, das wahrscheinlich für das Schneiden des Schilfs verwendet wurde.

Ein Foto aus dem ersten Viertel des 20. Jh. zeigt eine vergleichbare Szene. Ägyptischen Fellachen stellen ein Seil mit fast identischer Methode her. Der Fellache in der Mitte des Bildes hat eine Eisenstange senkrecht in den Boden gesteckt und hält  ein Stück Holz horizontal zwischen den beiden Strängen, die miteinander verdrillt werden. Dieses zusätzliche Stück Holz wird nur für dicke Seile verwendet und nicht für feinere Stränge, die nur den vertikalen Stab erfordern.

In der Szene aus dem Grab verdreht der Mann die Stränge, indem er in jeder Hand einen Seilspinner hält. Dabei musste er beide Spinner in die gleiche Richtung drehen, was deutlich mehr Geschick erfordert als es auf den ersten Blick erscheint.
Die modernen Ägypter beschäftigten immer zwei Männer für diesen Zweck (wie auf dem Foto zu sehen). Heutzutage werden Seile auch nicht mehr aus Papyrus sondern aus Kokos-  und Palmfasern gefertigt.

Ähnliche Methoden zur Seilherstellung kann man auch in anderen Ländern antreffen. Etwa in Amerika.

 

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Wandmalerei im Grab 261 (Grab des Khaemwese) in Dra Abu el-Naga aus der Zeit Tuthmosis IV (18. Dynastie, Neues Reich, etwa von 1397 bis 1388 v. Chr.).

 rope making in Egypt 1916Seilherstellung in Ägypten, erstes Viertel 20. Jh.

Aus: Ernest Mackay, Note on a new tomb (No. 260) at Dra Abu´l Naga, Thebes. In: The Journal of Egyptian Archaeology 3, 1916, pp. 125-126. JSTOR


Siehe auch:

Mohammed Nasr, The Theban Tomb of Khaemwese in Dra Abu el-Naga. In: Studien zur Ägyptischen Kultur 15, 1988, 233-242.

Emily Teeter, Techniques and Terminology of Rope-Making in Ancient Egypt. In: The Journal of Egyptian Archaeology 73, 1987, 71-77. JSTOR

 

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Moderner Nachbau eines ägyptischen Seilspinners. 

Länge des Blattes: 35 cm, Länge des Stiels (Griff): 28 cm. Das Gerät wird ähnlich einer Ratsche bedient. Man führt ein Ende des zu verdrehenden Seils durch das Loch im Blatt und bindet es fest. Durch Drehen des Blattes um den Griff (in der Hand gehaltene Achse) werden die Fasern fest verdrillt. Nachbau durch Ahmad Awad, 2014.

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Ägyptisches Seilerwerkzeug – moderner Nachbau.

Zwei Seilspinner mit jeweils einem dünneren Strang, die beide von zwei Arbeitern stark in die gleiche Richtung verdreht werden. Das dickere Seil entsteht durch eine Drehung in die Gegenrichtung. Um das Seil regelmäßig zu machen werden die zwei Schnüre durch das Loch im Brett geführt und dabei mit Hilfe einer Holz- oder Eisenstange die Drehung reguliert. Dies ist die Aufgabe des sitzenden Arbeiters in der Mitte. Am Ende hält der vierte Arbeiter das Seil mit Hilfe einer weiteren Stange gespannt. Der Nachbau dieses Seilerwerkzeuges erfolgte 2014 durch Ahmad Awad, der noch vor rund 40 Jahren selbst Seile auf diese Weise hergestellt hat.

 

Moderne arabische Bezeichnungen

المجدلة      = AL MAGDALA   (Das Seil -  Flechtwerkzeug)

المجادل      = AL MAGADEL   (Seilspinner. Plural, da mindestens zwei Spinner gebraucht werden)  

الحبل        = AL HABL   (Das Seil, der Strick)          


1 manchmal auch mit Grab Nr. 260 verwechselt oder gleichgesetzt, da sich beide Gräber einen Treppenaufgang teilen.