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Frankreich
Braut- oder Hochzeitsspinnrocken

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Braut- oder Hochzeitspinnrocken, Bretagne, 19. Jh. Länge: 83 cm.


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Braut- oder Hochzeitsspinnrocken. Details.

 

France, Brittany, bride´s distaff 3
Braut- oder Hochzeitsspinnrocken. Details und Mikroskopaufnahmen.


A: Stoffrose an der Spitze. B: geklöppeltes Band aus Silberlahnfäden und Lahn (Plätt)1 um die Mitte des Rockens. C: Gewebe (Stoff) in 1/3 Köperbindung mit Silberlahnfäden. D: Borte (Band) an Geweberand mit Kettfäden aus Silberlahnfäden und Plätt. E: Quasten aus Silberplätt. Vermutlich handelt es sich beim Lahn Neusilber. Neusilber ist die Bezeichnung für eine Kupfer-Nickel-Zink-Legierung mit hoher Korrosionsbeständigkeit, Festigkeit und silberähnlichem Aussehen. 

Die Spinnrocken von Neuvermählten

Chateaubriand schrieb in seinem Buch „Génie du Christianisme“: „Die Braut erhält vom Pfarrer die Segnung zur Verlobung und legt auf dem Altar einen mit Bändern geschmückten Spinnrocken nieder“. Der große Schriftsteller spielt in dieser Textseite seines Buches auf einen damals weit verbreiteten Brauch an, der bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts (19. Jh.) noch in sehr vielen französischen Landesteilen gut bekannt war.

Dieser Brauch wird bereits im 16. Jahrhundert von G. Bouchet in seinem denkwürdigen Werk „Les Sérées“ beschrieben. „Früher“, schreibt der Autor, „trug man vor der Braut, die  zum Haus des Bräutigams schritt, einen mit Wolle und Spindel bestückten Spinnrocken einher, um sie damit an ihre Pflicht zu spinnen zu erinnern und nichts anderes zu tun.“ Wenn auch zur Zeit dieses liebenswerten Schreibers diese Tradition bereits verschwunden war, war jedoch ein anderer Brauch noch in Kraft: nämlich anlässlich der Hochzeit einen schönen Spinnrocken mit Flachs auf den Altar der Jungfrau Maria zu legen.  

Dieser Brauch existierte in der Normandie und zahlreiche Autoren haben uns darüber berichtet. Im 18. und zweifellos noch im 19. Jh. verblieb in Ètienville (Dép. Manche) ein Spinnrocken auf Dauer neben der Statue der Hl. Jungfrau. Die junge Braut oder ihre Brautjungfer musste am ersten Sonntag nach der Hochzeitsnacht dort ein Band anbringen und der Kirche einen Docken (Garnknäuel) aus Leinenfäden schenken.

Um 1880 beschreibt J. Lecœur auch die Zeremonie in der Bocage2 (Normandie): „Einige Stunden nach der Hochzeit verlässt die junge Braut  begleitet vom Bräutigam und ihren Verwandten ihre Wohnung. Dabei trägt sie einen Spinnrocken der mit Flachs und Bändern geschmückt ist und sich auf dem Aussteuerwagen befand. Der Zug zieht zur Kirche, wohnt der Messe bei, und sobald der Gottesdienst beendet ist, kniet sich die Braut vor den Altar der Jungfrau Maria. Nach einem Gebet erhebt sie sich und legt beim verehrten Bild ihre bäuerliche Votivgabe ab. Diese Opfergabe bleibt solange liegen bis der Spinnrocken einer anderen Braut ihn ablöst. Früher trug die neue Braut den Rocken, den sie mit ihrem eigenen austauschte weg und musste ihn (den darauf befindlichen Flachs) verspinnen. Ihr Spinnrocken erwartete die folgende Braut und so mangelte es nie an Faden, weder in der Sakristei noch im Pfarrhaus“.

In seiner amüsanten Beschreibung einer Hochzeitsnacht zu Beginn des 19. Jh. in der Umgebung von Pont-Audemer (Dép. Eure), versäumt J. Lecœur nicht den Transport der Aussteuer zu erwähnen, die „von einem bebänderten und mit Flachs bestückten Spinnrocken überragt wurde, der unter der Aufsicht einer nahen Verwandten der zukünftigen Ehefrau darauf angebracht wurde“. „Dieses Objekt“, schreibt er „diente dazu, dass die junge Frau sich hinsichtlich des Wohlstands ihres Haushalts zu beschäftigen wusste.“

Pfarrer Angot weist in seinem Wörterbuch der Mayenne auf den Gebrauch des Spinnrockens einer jungen Ehefrau in Saint-Jean-sur-Mayenne (Dép. Mayenne) hin. Im Perche3 existierte dieser Brauch und trug den poetischen Namen „Faden der Jungfrau“. In der, der Normandie benachbarten,  Beauce4 wurden auch Knäuel aus Hanf von den jungen Frauen geopfert. Noch im 19. Jh.  spann die junge Braut  in der Gegend von Chartres und im Berry5, sei es in der Kirche, sei es im Portalvorbau. Um 1870 wandte sich die Braut, bevor sie den Altarraum verließ, entweder zum Altar der Jungfrau oder zur Statue der Hl. Anna. Dort überreichte ihr einer der Kirchendiener einen reich bestückten Spinnrocken, dessen geschnitzter Stab mit Werg und Bändern geschmückt war; sie trug ihn mit sich  um ihn zu verspinnen. Dieser Brauch wurde auch in Anneau im Jahr 1896 geübt. Im selben Jahr weigerte sich eine Braut südlichen Ursprungs, so schreibt Albert Dauzat, sich dem zu beugen! In Meslay-de-Grenet (Dép. Eure-et-Loire), die Kirche ist für ihren Totentanz berühmt, unterwarfen sich zur selben Zeit die jungen Dorffrauen diesem Brauch. Man konnte noch vor einiger Zeit in dieser kleinen Kirche, nahe des Altars zu Ehren der Hl. Jungfrau,  einen sehr alten Spinnrocken aus dem 18. Jh. sehen, dessen fein gravierter Stab von Besuchern sehr bewundert wurde – möglicherweise etwas zu sehr – denn mittlerweile ist dieses merkwürdige folkloristische Stück verschwunden.

Wir finden diese Tradition im Berry wieder. Wir überlassen die Beschreibung einem Lokalhistoriker, Adrien de Barral, der in der „Revue du Centre“ im Jahr 1886 die Spinnrocken von Taufpat(inn)en  und Bräuten studierte: „In einem Teil des Berry – unter anderen in der Umgebung von Bourges – kann man in der Kapelle der Hl. Jungfrau acht oder zehn Spinnrocken sehen. Sie sind auf einer Art Garderobenständer aus Holz  aufgestellt. Diese Spinnrocken besitzen geschnitzte Stäbe, die mit Blatt- und Blumenranken, mit Zickzack und  Blumendekor in Relief geschmückt sind. An der Spitze ist das Werg mit verschiedenfärbigen Bändern umwickelt, deren Enden ringsum herabhängen. …So ist der Brauch: nach jeder Taufe übergibt man einen der Rocken der Taufpatin; sie trägt ihn zu sich nach Hause, spinnt den Hanf, dann bestückt sie den Rocken wieder mit neuem Werg und staffiert ihn von neuem aus. Gewöhnlich erneuert man auch den Stab: Der Pate gestaltet den neuen Stab und verziert ihn nach seinem Geschmack und künstlerischen Vermögen. Die Patin  übergibt den neuen Rocken  und das neue Paket Werg dem Küster. Der gesponnene Faden wird zu Textilien für die Kirche verarbeitet.“

„Die Bräute bekommen auch einen Spinnrocken. Am Sonntag, welcher der Hochzeitsnacht folgt, übergibt der Kirchendiener während des Hochamts der neuen Ehefrau ihren Spinnrocken. Ebenso wie  die Patin bestückt sie ihn mit Werg und der Ehegatte schnitzt ebenfalls einen neuen verzierten Stab.“

In der Île-de-France6 kann man in manchen Dörfern in den Kapellen, die der Hl. Jungfrau geweiht sind, kleine Objekte sehen, die dem weiblichen Lebensbereich angehören. Die Brüder Seignerolle notierten in ihrem Buch über die Folklore aus Hurepoix7 (île-de-France), dass dieser Brauch  um 1930 am Verschwinden war. Andererseits ließ  in Saint-Chéron (Dép. Essone) der Küster die Braut den Spinnrocken, der immer in der Kirche verblieb, küssen (umarmen).

In Saint-Lambert8 brachte die Braut am Hochzeitstag ein Stück ihres Schleiers in die Kirche, der dann dort für ein Jahr verblieb. Am Sonntag danach übergaben ihr die jungen Mädchen einen Spinnrocken, auf dass sie damit spinnen lerne. Wenn in  Voisins-le-Bretonneux (Dép. Yvelines) eine Braut zum ersten Mal zur Messe in die Kirche zurückkehrte, übergab ihr eine ihrer Begleiterinnen einen Spinnrocken, der  nichts anderes als ein mit Spitze umhüllter und mit Orangenblüten geschmückter Stock ist. Die junge Frau muss dieses Simulacrum küssen und  ein Geldstück geben.

Der unbestrittene Meister (Kenner) der französischen Folklore, A. van Gennep, hat vor kurzem in einem großartigen Werk über die Volkskunst, die Zeichnung eines Rockens einer Braut veröffentlicht, die in Sainte-Geneviève-des Bois (Dép. Seine-et-Oise)9  entdeckt wurde. Dieses interessante Gerät ist mit sehr naiven Mustern verziert und zeigt den Pfarrer, die Braut und verschiedene religiöse Symbole.

Im Brie10 stand diese Tradition hoch im Kurs: Der Reisende Goudemez besuchte im Jahr 1786 die Kirche von Champeaux bei Meaux (Dép. Seine-et-Marne) und notiert: „es ist Brauch, dass man, wenn eine junge Frau heiratet, einen von ihr selbst geschmückten Spinnrocken auf den Altar der Hl. Jungfrau legt.“

Dieser Brauch existierte auch in anderen Provinzen, zum Beispiel in der Bretagne11 und im Poitou12. Wir hoffen, dass bei den Erhebungen der Federation folklorique d’Île-de-France und dem Comité de folklore normand in den Wandschränken und Besenkammern der Kirchen zahlreiche Spinnrocken von Bräuten entdeckt werden. Zudem hoffen wir, dass man auch den kleinen Krimskrams, letzter Zeuge eines oftmals Jahrhunderte alten Brauches vor dem Vergessen und der Zerstörung bewahren kann.


Übersetzung von: Roger Vaultier, Les quenouilles de mariées. Le Chasseur Français N°640, Juni/June 1950, Seite/page 381 (Französisch-Deutsch: Helga Marchhart; Deutsch-Englisch: Beatrix Nutz).

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Darbringung des Spinnrockens auf dem Altar der Hl. Jungfrau am Tag nach der Hochzeitsnacht.

Literatur:
Arnold van Gennep, Manuel de folklore français contemporain 1/II. Du berceau a la tombe. Mariage – Funerailles (Paris 1946), 465-469.

Basse-Normandie, bride´s distaff
Basse-Normandie (Niedernormandie), Überreichen des Spinnrockens an die neue Braut. Stich aus einem Magazin von 1865.

France, map


1 Lahn = ein flach gewalzter, meist aus vergoldeten Kupferlegierungen, seltener auch aus Gold oder Silber (Leonisches Gold) hergestellter Draht für Metallgespinste, den so genannten Lahnfaden. Wird auch als Plätte oder Rausch bezeichnet. Lahnfaden = organischer Faden (Seele) mit Lahn umwickelt.
2Als Bocage bezeichnet man in Frankreich einen Landschaftstyp, der sich durch eine große Anzahl an Hecken oder Wallhecken als Begrenzung landwirtschaftlicher Felder auszeichnet. Die Bocage kommt vorwiegend in den französischen Atlantikregionen Normandie, Bretagne und Poitou-Charentes vor, vereinzelt aber auch im Zentralmassiv und im Nordosten Frankreichs. Villers-Bocage ist eine Gemeinde im Departement Calvados in der Region Basse-Normandie in Nordfrankreich.
3 Le Perche ist eine Landschaft im Norden Frankreichs, gelegen im Westen des Pariser Beckens. Sie umfasst den Osten des normannischen Départements Orne (Region Basse-Normandie) und den Westen des Départements Eure-et-Loir (Region Centre).
4 Die Beauce ist eine dünnbesiedelte französische Bördenlandschaft, die auf die heutigen Départements Eure-et-Loir, Loir-et-Cher sowie kleinere Teile von Loiret, Essonne und Yvelines aufgeteilt ist. Hauptort ist Chartres.
5 Das Berry ist eine Landschaft in Zentralfrankreich. Es besteht heute im Wesentlichen aus den Départements Cher (dem Haut-Berry) und Indre (dem Bas-Berry).
6 Die Île-de-France ist eine Region in Nordfrankreich, die größtenteils mit dem Ballungsraum Paris identisch ist. Die Region besteht aus der Stadt Paris und den Départements Essonne, Hauts-de-Seine, Seine-et-Marne, Seine-Saint-Denis, Val-d’Oise, Val-de-Marne und Yvelines.
7 Der Hurepoix ist eine Landschaft in Frankreich und eine ehemalige Provinz zur Zeit des Ancien régime. Sie liegt überwiegend im heutigen Département Essonne, teilweise aber auch in den Départements Yvelines, Hauts-de-Seine und Val-de-Marne.
8 Entweder Dép. Yvelines oder Calvados.
9 Heute: Département Essonne. Am 1. Januar 1968 auf der Grundlage des Gesetzes vom 10. Juli 1964 über die Neugliederung der Départements in der Region um Paris aus dem südlichen Teil des alten Départements Seine-et-Oise gebildet.
10 Die Brie ist eine historische Region in Frankreich. Sie entspricht in etwa dem heutigen Département Seine-et-Marne.
11 Die Bretagne ist eine westfranzösische Region. Sie besteht heute aus den Départements Côtes-d’Armor, Finistère, Ille-et-Vilaine und Morbihan.
12 Das Poitou ist eine Landschaft im Westen Frankreichs und war eine historische Provinz und Grafschaft. Das Gebiet der Grafschaft entsprach ungefähr den heutigen Départements Deux-Sèvres, Vienne und Vendée.