in memoriam


 Nachruf Prof. Konrad Spindler
 

(20. 6. 1939 - 17. 4. 2005)

Zeichnung K.Spindler

 

Univ.-Prof. Dr. Konrad Spindler starb nach langem Leiden an einer Amyotrophen Lateralsklerose am 17. April 2005 in Innsbruck. Trotz der schweren gesundheitlichen Beeinträchtigung absolvierte er nach wie vor ein bewundernswertes Arbeitspensum. Knapp acht Wochen zuvor hatte er noch - bereits an den Rollstuhl gefesselt - auf einer internationalen Fachtagung zur sog. Himmelsscheibe von Nebra in Halle (Saale) referiert. Obgleich wir von der Schwere seiner Krankheit wussten, kam sein Tod für uns doch unerwartet früh.

Konrad Spindler schloß 1970 in Freiburg i. Br. sein Studium der Vor- und Frühgeschichte mit der Promotion ab. Von 1971 bis 1974 leitete er das DFG-Projekt "Ausgrabung Magdalenenberg". Von 1974 bis 1977 hatte er die Assistenz am Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte der Universität Regensburg inne. Nach der Habilitation war er an der Universität Erlangen-Nürnberg als wissenschaftlicher Rat und ab 1980 als Professor für Vor- und Frühgeschichte tätig. 1988 wurde er als ordentlicher Professor an das Institut für Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie in Innsbruck berufen. Seit 1991 koordiniert er die archäologischen und archäologisch-naturwissenschaftlichen Untersuchungen am "Mann im Eis". Konrad Spindler veröffentlichte 42 Monographien und über 182 Aufsätze zu archäologischen Themen von der Steinzeit bis in die Neuzeit Europas. Drei weitere Arbeiten werden posthum erscheinen.
Er war uns ein guter Chef. Unter seiner Vorstandschaft erreichte unser Institut höchste Professionalität im Publikationswesen und in der Öffentlichkeitsarbeit - und dies lange bevor public relations und die Öffnung der Universität nach außen vehement gefordert wurden.

Der populäre und großartige Forscher wurde mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem wurde ihm das Verdienstkreuz des Landes Tirol verliehen. Die Leopold-Franzens-Universität trauert um einen großen Wissenschafter, seine Kollegen um einen väterlichen Freund.
In seiner Abschiedsrede würdigte Rektor Gantner den großen Wissenschafter: "Lieber Herr Professor Spindler, Sie haben sich in höchstem Maße um Ihr Fach und Ihre Universität verdient gemacht. Die Angehörigen der Leopold-Franzens-Universität, das Rektorat und die Philosophisch-Historische Fakultät betrauern zutiefst Ihren frühen Abschied von dieser Welt. Es wäre noch so viel zu tun, zu sagen, zu forschen und zu lehren gewesen. Wir werden Ihnen stets ein ehrendes Andenken bewahren und sind in dieser Stunde bei Ihrer Familie und Ihren Freunden, die den Verlust des geliebten Ehegatten, Vaters und Freundes zu Recht zutiefst betrauern."

G. Tomedi

Nekrolog auf Konrad Spindler; Itter, am 21. 04. 2005

Nachdem meine Vorredner am offenen Grab Deine Leistung für die Universität und die Fakultät reflektiert haben, darf ich persönliche Bilanz über 17 Jahre Konrad Spindler als Universitätslehrer und Freund ziehen.

Am 1. März des Jahres 1988 nahmst Du als neu berufener Ordinarius den Dienst in Innsbruck auf. Wie des öfteren bei beruflichen Auswahlkriterien war ein taktisches Spiel nicht aufgegangen und so bescherte uns eigentlich der Zufall, neben der unbestrittenen fachlichen Qualifikation einen Wissenschaftler aus deutschen Landen. Nicht zur Freude aller, hieß es doch: wieder einen Deutschen als Chef, ein Schicksal, das seit vorgestern auch die gesamte Katholische Welt teilt. Gerade in der Anfangszeit war so manche Hürde in der Angleichung preussischer und inneralpiner Mentalität zu meistern, doch Du lerntest schnell den richtigen Umgang mit uns Eingeborenen. Bei so viel Lernwillen war es selbstverständlich, Dich ohne lange Prüfungen in die Geheimnisse der Osttiroler Bretteljause einzuweihen, von der Du ein Leben lang geschwärmt hast.

Ab 1992 übernahmst Du das Institutsruder und der bisher schon rauer werdende Wind wurde um einige Windstärken schärfer. So manche gewonnene Erfahrung aus freiberuflicher Tätigkeit als Archäologe, etwa das verstärkte Einwerben von Drittmittel in den Universitätsbetrieb, fielen bei Dir auf fruchtbaren Boden und animierten auch die Kollegen zu ähnlichen Aktivitäten.

Über die Entstehung  und die Folgen des internationalen Hauches, der seit der Entdeckung des Mannes im Eis im Jahre 1991 unser Institut durchweht, wurde heute schon berichtet.

Die Projektpalette und Kooperationen reicht inzwischen von Nordafrika bis zur Nordwestpassage. Wir forschen zu Lande, zu Wasser und im Gletscher.

Neben der Aufrüstung von technischen Kommunikationsmitteln wie fax, E-mail, Internet, CAD, ohne die ein immer schnelllebriger Wissenschaftsbetrieb nicht mehr auskommen kann, sind wir seit dem archäologischen Großereignis gezwungen auch unsere Sprachkenntnisse aufzumöbeln, um die Welt von Abfaltersbach bis Sydney mit Informationen bedienen zu können. Wobei Dein Verhältnis zum Computer als einem, der mit der Schreibmaschine und dem Bleisatz groß geworden ist immer ein Problem war.

Der fair und freundschaftlich ausgetragene Kampf mit unseren Zeichnern, ob digitale oder/und analoge Dokumentation tobte bis zum Schluss.

Deine Skepsis in Richtung PC hat sich allerdings bestätigt. Die Prophezeiung des papierlosen Büros ist nach wie vor ein Wunschtraum. Wie auch die Rede vom Tod des Buches an der Realität vorbeigeht. Dies zeigt sich allein schon in der Literatur über Computer, die einen ernormen Boom verzeichnet. Und was Dich immer wieder versöhnlich stimmte: auch der begeistertste User liest seinen Roman nach wie vor lieber im Buch als auf dem Bildschirm.

Besonders wichtig war Dir die Öffnung unseres Institutes nach außen, wie u. a. das geniale Konzept des wissenschaftlichen Dorfbuches unterstreicht. Die Zusammenarbeit mit Tiroler wie Kärntner Gemeinden reichte von Abfaltersbach, Assling, Iselsberg, Fritzens, Igls, Kirchdorf, Langkampfen, Lienz bis zu Matrei in Osttirol, Oberdrauburg, Pinswang, Reutte, Seefeld, Serfaus, Sölden/Vent bis Volders. Die mit ihrer partnerschaftlichen Hilfe in den letzten Jahren durchgeführten Ausstellungen und die Fülle von Publikationen stellen einen bedeutenden Beitrag der Universität zur Landesgeschichte dar.

Die von Dir gegründete wissenschaftliche Reihe Nearchos befindet sich auf einem guten Weg. Der bis Mitte der 90er Jahre noch exotische Titel hat in der Fachwelt inzwischen einen guten Namen mit verbürgter Qualtiät von Inhalt  und Druck.

Es war eine produktive Zeit. Über 35 z.t. mehrfachdaumendicke Publikationen haben wir von 1993-2005 „rausgehauen“, wie Du Dich auszudrücken pflegtest.

Deine Methode als bulliger Panzer querfeldein ans jeweilige Ziel zu kommen, hast Du rasch inneralpinen Verhältnissen angepasst und mich/uns oft den zwar längeren, aber weniger Verwüstung anrichtenden Weg gehen lassen. Wie oft marschierten wir,  immer auf der Suche nach neuen Geldquellen für unsere Reihe Nearchos getrennt, und fielen uns im Ziel taschengefüllt in die Arme.

Die Ermunterung des wissenschaftlichen Nachwuchses schneller zur Feder zu greifen, unter entsprechender Obhut mit kleinen Publikationen zu beginnen, etwas was noch zu unserer Studentenzeit verpönt war, zählten zu Besonderheiten in diesem Institut.

Als Chef von Weitblick war es Dir immer wichtig auch die übernommenen Assistenten anzuhalten zu habilitieren. Hast Du die nun gültigen Zielvereinbarungen etwa schon vorausgeahnt?

Eine Unzahl von Menschen haben Dir viel zu verdanken. Dies reicht von Karenzvertretungen bis zur Ermunterung unseres nichtwissenschaftlichen Personals einen Aufsatz zu schreiben. Immer wieder hast Du zu wissenschaftlichem Arbeiten animiert, was u. a. zur Anlage einer Datenbank einer immensen Sammlung von Musikalien aus Bodenfunden geführt hat, die in ihrer Systematik weit über den Tiroler  Tellerrand hinausragt.

Dazu gehören auch die Heranbildung zu einer Berufsreife, bestehend aus einer sinnvollen Mischung von theoretischem und praktischem Wissen, einer möglichst frühen Anbindung an potentielle Arbeitgeber, der geschulte Umgang mit Grundbesitzern, Politikern etc.

Wichtig war auch Deine ausgeprägte Öffentlichkeitsarbeit, d. h. keine Scheu vor Kamera und Mikrophon, um möglichst effizient die Werbetrommel für unser Fach zu rühren. Gerade in dieser Hinsicht zählte Deine Redegabe wohl zu den Ausnahmeerscheinungen des Faches, auch wenn wir uns mit der häufigen Verwendung des Prädikats welteinzigartig nicht immer so schnell anfreunden konnten.

Besonders wichtig, und weil ohne gutes Klima nichts Großes gedeihen kann, war Dir die Harmonie unter den Kollegen im Institut. Und dies trotz größter Unterschiedlichkeit im Wesen, Ordnungssinn, Wissenschaftsauffassung und -weitergabe.

Außergewöhnlich warst Du in jedem Fall, wie Deine Krankheit; von der nur 0,5 Promille der Menschheit und da vor allem Spitzensportler befallen werden. Und ein Spitzensportler in Deiner Arbeit warst Du allemal. Berühmt und brutal zugleich war Deine gnadenlose Disziplin zu Dir selbst. 17 Jahre lang standest Du - 13 davon mit mir - schon um 7 Uhr im Institut auf der Matte und hast Dein Büro erst gegen 18 Uhr verlassen.

Ewig in Erinnerung bleiben dein abwechslungsreiches Menue in der halben Stunde selbstvergönnter Mittagspause. Es bestand konsequent aus der Stulle mit Wurst und Käse, und Käse und Wurst, manchmal wurde auch ein Ei oder ein Apfel bewilligt. Dazu literweise Kaffee im blauweißen Häferl als Kraftstoff.

Du warst immer für Innovationen aufgeschlossen, zum 703 Male die Stufe Hallstatt B 3 noch feiner zu zerlegen, langweilte Dich und auf diesem Weg trat Bunzlau in Dein Leben. Dieses Projekt verfolgtest Du mit einem derartigen missionarischen Eifer, bis alle vom nichtwissenschaftlichen Personal bis zum Studenten im 1. Semester wussten, was Hochgebrannte Lehmglasierte Irdenware ist.

Gleichzeitig wurde im Institut Bunzlau gleich mehrere Male zum Unwort des Jahres nominiert. Man wurde von Bunzlau verfolgt, selbst bis in frühmittelaltliche und prähistorische Schichten hatten sich plötzlich durch Maulwurfsgänge Keramik aus Bunzlau verirrt.

Immer offen, hast Du mit deinem Wissen nie hinter dem Berg gehalten. Du warst unmenschlich diszipliniert, dabei kreativ, praxisorientiert, wahnsinnig schnell im Schreiben. Du verfügtest über ein absolutes Feeling für die außergewöhnliche wissenschaftliche Story, und konntest diese in deiner staubtrockenen Art begeistert vermitteln.

Auch als Chef war Deine Ära von großer Ruhe und Gelassenheit geprägt. Nur zweimal habe ich Dich über all die Jahre schreiend erlebt. Man hatte fast das Gefühl, dass Dir genetisch diese Empfindungsebene fehlte. In den 17 Jahren gab es genau drei Mal eine ärgere Auseinandersetzung, die am selben Tag oder spätestens am nächsten Tag bereinigt wurde.

Drei Seiten handgeschriebenes Manuskript als Tagespensum waren Pflicht und am Wochenende oft mehr. Und immer ging ein Strahlen über Dein Gesicht, wenn Du beschriebenes Papier dem Sekretariat zum Eintippen vorlegen konntest. Das war Dein Lebenselexier. Mit diesem, Deinen eisernen Willen hast Du auch die letzten Monate und Wochen gemeistert. Und es war für uns aus Deinem engsten Umfeld klar, dass wenn nichts mehr auf das Papier kommt, dies nur Abschied bedeuten konnte.

Wir hatten noch sehr viel vor. Die gemeinsame Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn nach Deiner Emeritierung, die vorsichtige Annäherung an den ungeliebten PC, die Ötzi-Abschlusspublikation.

Ich darf im Namen aller meiner Kollegen und Studenten sagen, wir haben gern und mit Leidenschaft in diesem Team, in diesem Institut mit Dir gearbeitet. Sei uns drüben ein Fürsprecher für eine glückliche Passage ins 21. Jahrhundert.

Ich übergebe für die Archäologen der Zukunft nun dieser Erde deine wissenschaftlichen Grundutensilien, Deine Kaffeetasse in blauweiß, eine Packung leckere Hobby weich und Dein Schreibgerät, einen zumeist kurzen Bleistift mit Verlängerer.

Lieber Konrad, wir danken Dir für alles, was Du uns, unserem Land an Erkenntnis und als Mensch gegeben hast und wünschen Dir nunmehr den tiefen Einblick in jene Geheimnisse unseres Seins, die zu erforschen wir hierorten nicht in der Lage sind.

H. Stadler


Gedanken zum Tode Konrad Spindlers

Der Tod ist schlimm für die Hinterbliebenen. Ob aber der Tod tatsächlich schrecklich ist für die Sterbenden, wissen wir nicht.
Konrad Spindler war Agnostiker. Sokrates hat indes die wesentliche Frage, die Agnostiker prinzipiell nicht beantworten wollen, nämlich die, was nach dem Tod stehen kann, auf wunderbare Weise diskutiert.

Cicero zitierte in seinen tusculanae disputationes bei der Frage nach dem, was hinter dem Tod folgt, den Philosophen Platon, der die letzten Worte von Sokrates überlieferte. Sokrates hatte bereits den Schierlingsbecher ausgetrunken und ging nun dem Tod sehenden Auges entgegen. Auch Konrad Spindler ging dem Tode sehenden Auges entgegen.
Sokrates sagt das auf ersten Blick Paradoxe:
"Magna me spes tenet, iudices, bene mihi evenire, quod mittar ad mortem." (Ich habe die große Hoffnung, ihr Richter, dass mir Gutes zustoßen wird, da ich nun in den Tod geschickt werde). Und weiter: Es gibt nur zwei Möglichkeiten, dass entweder der Tod gänzlich alle Sinne davonrafft oder dass man durch den Tod an irgendeinen anderen Ort wandert. Deswegen wird es im ersten Falle so sein, dass alles Empfinden ausgelöscht wird und der Tod - dem Schlafe ähnlich, bisweilen auch ohne Träume - die sanfteste Ruhe mit sich bringt. "Dii boni" - ruft er aus: Gute Götter - was für ein Gewinn zu sterben!
Wie viele Tage können gefunden werden, die einer so beschaffenen Nacht vorgezogen werden könnten? Wenn jemandem ähnliches ewig geschähe für alle zukünftigen Zeiten, wer könnte glücklicher sein als ich?
Dann nennt Sokrates die zweite Möglichkeit: Wenn es indes wahr sei, was man sagt, der Tod sei eine Wanderung in Gefilde, die jene, die aus dem Leben geschieden sind, bewohnen, so wäre dies sogar um vieles erfreulicher.
Wenn du diesen, die hier im Diesseits für Richter gehalten werden wollen, entkommen bist und nun zu jenen kommst, die als die wahren Richter genannt werden, nämlich Minos, Rhadamanthys, Aecus, Triptolemos, und mit diesen zusammenkommst, die gerecht und ehrenhaft gelebt haben, kann euch diese Reise minder erscheinen?
Dort soll es erlaubt sein, mit Orpheus, Homer oder Hesiod zu sprechen, wie hoch schätzt ihr dies letztlich ein? So würde ich wahrhaftig oft gerne sterben, wenn es so geschehen könnte, damit ich dieses, was ich so sage, erleben könnte. Und so sagt er zuletzt die tröstlichen Worte: Auch ihr Richter, die ihr mich freigesprochen habt, dürft den Tod auch nicht fürchten.

Und so fragen wir jetzt, müssen wir Hinterbliebene die Sterbenden und Toten wirklich beklagen? Wir sind es, die traurig und zu bedauern sind, da wir einen starken Freund verloren haben. Konrad - du fehlst uns!

G. Tomedi