H.Stadler

 

 

Medieninformation zum frühmittelalterlichen Gräberfeld von Volders:

Multikulti, krumme Rücken und ein „Riese"

Die Forschungen zum frühmittelalterlichen Gräberfeld in Volders/Augasse sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. So wurde etwa mit den 148 freigelegten Be­stattungen die Zahl der bisher in Tirol aus dieser Epoche bekannten Gräber glatt verdoppelt. Die zahlreichen Einzelfunde aus diesem Friedhof geben neue und spannende Einblicke in die Zeit vom 5. bis ins 12./13. Jh. n. Chr., eine Periode, für deren erste Hälfte in Tirol schriftliche Quellen fast völlig fehlen. Grabbeigaben und andere Hinweise belegen ein friedliches Nebeneinander der romanischen und zu­gewanderten Bevölkerung, außerdem einen gewissen Wohlstand und weit über die Region hinausreichende Handelskontakte.

Nicht zuletzt ist die Volders-Grabung auch ein Beispiel für eine fruchtbare und konfliktfreie Zusammenarbeit von Archäologie und Bauwirtschaft: Entgegen an­ders lautender Gerüchte ergaben sich durch die Grabungen kaum Verzögerungen für die auf dem Gelände geplante und inzwischen verwirklichte Wohnanlage.

„Die Menschen, die vor fast 1500 Jahren in Volders bestattet wurden, dürften großteils der romanischen Bevölkerungsgruppe angehört haben, die anscheinend mit den zu die­ser Zeit einwandernden Bajuwaren friedlich zusammenlebte", erläutert Harald Stadler vom Institut für Archäologien der Uni Innsbruck. Er leitete das Projekt und legte nun mit sechs Autoren den ersten Teil der dreibändig geplanten Publikation über die erfolgrei­che Grabung vor. Gefunden wurden in den Gräbern u. a. Gürtel- und Trachtbestandteile, Gewandnadeln, Münzen, Schmuckstücke, Messer, ein Kamm und anderes mehr. Stad­ler: „Die Grabbeigaben sind tatsächlich „multikulturell'. Es wurden Stücke aus romani­schem und bajuwarischem, langobardischen und byzantinischem Milieu gefunden. Das lässt auf intensive Außenkontakte und einen gewissen Wohlstand schließen, vielleicht auch auf eine ethnische Durchmischung der Bevölkerung."

Auf ein friedliches Neben- und Miteinander von einheimischer und zugezogener Bevöl­kerung, aus deren Verschmelzung schließlich die Tiroler hervorgingen, deuten auch die Untersuchungen hin, die der Anthropologe George McGlynn an den Skeletten vorge­nommen hat: Bei keinem der vielen Toten waren eindeutige Zeichen äußerer Gewalt­einwirkung zu finden. Auch die Zahl der Skelette, bei denen Knochenbrüche festgestellt wurden, ist mit sechs sehr gering. Dafür wiesen 25 Bestatteten degenerative Verände­rungen der Wirbelsäule auf, was auf häufiges Arbeiten in gebückter Haltung – etwa auf dem Feld – hindeutet.

Ebenfalls interessante Ergebnisse brachte die Altersbestimmung der „Ur-Volderer". Von den 144 diesbezüglich untersuchten Bestatteten waren 118 Erwachsene und 26 Kinder und Jugendliche. Bei 70 Erwachsenen wurde das Sterbealter genauer bestimmt: Im­merhin 23 davon sind über 60 Jahre alt geworden.

Interessant ist schließlich auch die ermittelte Körpergröße. Bei den Männern wurde eine Durchschnittsgröße von rund 1,68 Meter festgestellt, bei den Frauen rund 1,60. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet der Mann aus Grab Nr. 50, der einen prächtigen, fremdländischen Gürtel trug: Er hob sich mit 1,88 Metern von seinen Zeitgenossen deut­lich ab und war in seiner Epoche ein wahrer „Riese".

Rückfragehinweis: ao. Univ.-Prof. Dr. Harald Stadler, Tel. 0512/507-4322