Fachbereich Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie

Geschichte des Innsbrucker Institutes für Ur- und Frühgeschichte

Die Anfänge urgeschichtlicher Forschung in Tirol

Als Vater der Altertumsforschung in Tirol darf wohl Anton Roschmann (1694 Hall in Tirol 1760 Innsbruck) gelten. Als Bibliothekar der Claudiana, der Vorgängerin der Universitätsbibliothek, befasste er sich mit großem Eifer mit der alten Geschichte und Geografie Tirols. Seine Handschrift "Inscriptiones et alia diversi generis per omnem Tirolim monumenta" datiert in das Jahr 1756. Seinen Beschreibungen archäologischer Funde aus Alttirol (Nord-, Ost- und Südtirol sowie Trentino) sind auch zahlreiche lavierte Zeichnungen beigefügt, die für zahlreiche inzwischen verschollene Stücke nunmehr die einzige Quelle darstellen.

Als man 1823 das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum eröffnete, wurde es sogleich zur Heimstatt von Laierforschern und Privatgelehrten. Zahlreiche Fundmeldungen und Erwerbungsberichte in der Zeitschrift des Ferdinandeums geben davon beredtes Zeugnis. Eine Systematisierung der Forschung bedurfte aber noch einer Institutionalisierung.

Franz von Wieser

Franz von WieserDie ersten institutionalisierten Weichen zur Erforschung der Urgeschichte Tirols stellte Franz von Wieser (1848-1923). Er wuchs in Innsbruck auf und wandte sich an der Universität hauptsächlich geografischen und historischen Studien zu. Im Jahre 1870 promovierte er und schloss das Lehramtsstudium für Geschichte, Geografie und Deutsch ab. Zunächst als Gymnasiallehrer in Brno (Brünn) und dann in Bozen beschäftigt, habilierte sich Wieser im Jahre 1874 an der Universität Innsbruck für historische Geographie. Gleichzeitig trat er eine Stelle am Geographischen Institut an, an dem er bereits 1879 zum Extraordinarius und 1885 zum Ordinarius ernannt wurde.

Für Wieser bildete fortan die Forschung an der Universität den Schwerpunkt seines Wirkens. Es ist seiner enormen Vielseitigkeit zuzuschreiben, dass das Tiroler Landesmuseum schon bald an ihn herantrat und ihn um Übernahme der urgeschichtlich-archäologischen Agenden bat. 1877 wurde er somit zum Fachdirektor der prähistorischen Abteilung des Museums bestellt.
In dieser Funktion war er an einer Vermehrung des archäologischen Fundgutes aus dem damaligen Tirol (Nord-, Ost- und Südtirol sowie das Trentino) natürlich besonders interessiert. Zahlreiche Grabungsergebnisse publizierte er allerdings meist nur in kurzen und summarischen Berichten. Viele seiner Forschungen sind heute nur mehr den ausführlichen Notizen und Zeichnungen in seinen acht Bändchen umfassenden, seit 1878 geführten Tagebüchern zu entnehmen.
Die in das Museum gebrachten Grabungsfunde lagerten gewöhnlich jahrelang im verpackten Zustand. Erst seit 1919 wurden planmäßige Inventarisierungs- und Katalogisierungsarbeiten unter der Anleitung Wiesers begonnen. Nach seinem Tod im Jahre 1923 lagen aber noch viele Fundkisten ungeöffnet im Depot und harrten eines Bearbeiters.

Gero von Merhart
Gero von Merhart

Erst seinem Nachfolger als Fachdirektor der urgeschichtlichen Sammlung, Gero von Merhart, gelang es, die Inventarisierung der Funde aus Wiesers Zeit abzuschließen. Der aus Bregenz gebürtige Forscher (1886-1959) war seiner Ausbildung nach Geologe. Während seiner Universitätsstudien in Zürich, Wien und München hatte er jedoch auch Vorlesungen zur Urgeschichte besucht. Nach seiner Promotion im Jahre 1913 trat er als Assistent in die Prähistorische Staatssammlung München ein. Schon bald nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, an dem er als Oberleutnant der österreichischen Armee teilnahm, geriet er in russische Gefangenschaft. Durch glückliche Umstände erhielt er jedoch die Möglichkeit, an der urgeschichtlichen Abteilung des Geografischen Museums in Krasnojarsk in Sibirien zu arbeiten, ja sogar zum Leiter dieser Abteilung aufzusteigen. Daraus resultierte auch seine Habilitationsschrift, die er 1923 an der Universität Wien einreichte. In der Folge kam Merhart nach Innsbruck.

Man erwartete von ihm am Museum Ferdinandeum zunächst die - allerdings unbezahlte - Aufarbeitung der vielfach unveröffentlichten Fundbestände aus der Ära seines Vorgängers. Für die Lehre über fünf Semestern an der Universität Innsbruck erhielt er nur eine geringfügige Abgeltung. Obgleich er schon mit Einsatz auch privater Mittel begonnen hatte, eine Bibliothek und eine Lehrsammlung einzurichten, und trotz vehementer Unterstützung seitens seiner Innsbrucker Kollegen stieß der Antrag auf Errichtung eines Lehrstuhles in Innsbruck beim Ministerium in Wien stets auf taube Ohren. Es war für die Universität eine vertane Chance, als Merhart 1927 Innsbruck verließ, um als Direktorialassistent am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz zu wirken. 1928 wurde er auf die neugeschaffene Professur für Urgeschichte an der Universität Marburg an der Lahn berufen.

Ordinariat Leonhard Franz (1942-1967)

Leonhard FranzNach der Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde vorerst im Rahmen eines Extraordinariats eine Lehrkanzel für Ur- und Frühgeschichte geschaffen. Dies entsprach natürlich der damaligen nazionalsozialistischen Ideologie in der Bildungspolitik, die in der Vorzeitforschung und besonders in der Archäologie der Germanen eine willkommene Untermauerung eigener territorrialer Ansprüche suchte. Der lang gehegte Wunsch einer Lehrkanzel fand also in diesem Gefüge offene Ohren.

Zunächst wurde das Extraordinariat im Jahre 1940 mit Kurt Willvonseder besetzt, der aber nur zwei Trimester lang die Stelle wahrnahm. 1942 wandelte man das Extraordinariat in ein Ordinariat um. Auf dieses wurde Leonhard Franz berufen. Mit seiner Berufung fällt zeitlich auch die Gründung des Institutes zusammen. Gleichzeitig wurden die räumlichen Voraussetzungen im zweiten Stock der 1916 fertig gestellten "Neuen Universität" geschaffen.
Nach Kriegsende beabsichtigte das wieder installierte Unterrichtsministerium, das Institut für Vor- und Frühgeschichte an der Innsbrucker Universität wieder einzuziehen. Argumentiert wurde damit, dass das Institut eine Gründung des Dritten Reiches und somit eine aufoktroyierte Einrichtung sei. Der Lehrbetrieb wurde sogar vorübergehend im Wintersemester 1946/47 eingestellt. Erst ab dem Sommersemester 1947 erhielt Franz die notwendigen Lehraufträge wieder, wurde aber erst im Sommersemester 1951 als Institutsvorstand bestätigt. Der Weiterbestand des Institutes war damit nunmehr auch in den neuen demokratischen Zeiten gesichert.
Leonhard Franz (1895-1974) hatte in Wien Germanistik und Urgeschichte studiert. Er habilitierte sich 1927 als Assistent am Wiener Institut für Urgeschichte bei Oswald Menghin mit "Bemerkungen zur Steinzeit Nordeuropas". 1929 wurde Franz auf das neu geschaffene Extraordinariat an die Deutsche Karls-Universität Prag berufen und dort 1936 zum Ordinarius ernannt. 1939 wechselte er nach Leipzig, wo er ein bereits gut ausgestattetes Seminar vorfand. Trotzdem gab er dem Innsbrucker Institut schließlich den Vorzug, da er gerade dem neu geschaffenen Lehrstuhl auf Tiroler Boden große Bedeutung beimaß.
Da es keinen eigenen Kustos für Urgeschichte am Museum gab, betraute man Franz zusätzlich mit den Aufgaben eines Fachdirektors am Ferdinandeum. In Ermangelung eines Bodendenkmalpflegers in Tirol wurde er 1951 zudem zum ehrenamtlichen Konservator für Ur- und Frühgeschichte bestellt.
Erst 1957 wurde für die Leitung der archäologischen Abteilung am Ferdinandeum ein eigener Dienstposten geschaffen, den man mit Liselotte Plank, einer Schülerin von Franz, besetzte.
Seit 1946 verfügte Franz mit Dr. Osmund Menghin auch über einen Mitarbeiter am Institut. Menghin hatte zunächst Tiermedizin in Wien und Leipzig studiert, wandte sich aber dann der Urgeschichte und Anthropologie zu. Nach Kriegsende schloss er sein Studium bei Leonhard Franz mit einer urgeschichtlichen Dissertation ab. Im Jahre 1957 habilitierte sich Menghin mit dem Thema "Studien zur Bronzezeit in Tirol". 1970 wurde Menghin schließlich zum außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt.

Ordinariat Karl Kromer (1967-1986)

Karl Kromer

Nach der Emeritierung von Franz im Jahre 1967 wurde Karl Kromer auf den Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte berufen. Mit Kromer hatte die Fakultät einen Gelehrten gewonnen, der sich vor allem mit der Bearbeitung des Gräberfeldes von Hallstatt und den von ihm in den Jahren 1960-1966 durchgeführten österreichischen Rettungsgrabungen in Ägyptisch-Nubien einen Namen gemacht hatte.
Karl Kromer (geb. 1924) studierte Urgeschichte, Völkerkunde und Alte Geschichte in Wien. Nach seiner Promotion 1947 war er zunächst Assistent und seit 1958 Leiter der Prähistorischen Abteilung am Naturhistorischen Museum in Wien.
Kromer konnte für das Institut neben der Bibliotheksaufstockung die Dienstposten zweier zusätzlicher Assistenten, einer Sekretärin und eines halbtags beschäftigten Zeichners erwirken. Als im Herbst 1981 die geisteswissenschaftlichen Institute in einem eigenen Neubau am Universitätsforum übersiedelten, erhielt auch die Ur- und Frühgeschichte im 6. Stock eine angemessene Heimstatt, zu der u. a. ein eigener Zeitschriftenraum, Sammlungsraum, Depot- und Geräteraum, eine Dunkelkammer und eine zweiräumige Restaurierwerkstätte gehören.
1967 habilitierte sich Elmar Vonbank, damals Direktor des Vorarlberger Landesmuseums.
1973 habilitierte sich Andreas Lippert, zuvor wissenschaftlicher Bediensteter in der Prähistorischen Abteilung am Naturhistorischen Museum in Wien und seit 1968 Assistent am Institut mit dem Thema "Beiträge zur Späthallstattkultur in Osttirol und Kärnten". 1976 wurde er zum außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt. 1991 erhielt er einen Ruf nach Wien.
1982 habilitierte sich Liselotte Zemmer-Plank, Kustodin der Vor- und Frühgeschichtlichen und Provinzialarchäologischen Sammlung am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, mit Beiträgen zur Ur- und Frühgeschichte Tirols.
1987 habilitierten sich Markus Egg, der seit Abschluss seines Innsbrucker Studiums am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz tätig ist, sowie Walter Leitner, der seit 1976 als Assistent und seit 1994 als Professor am Innsbrucker Institut beschäftigt ist.
Kromer führte nach vorbereitenden Material- und Geländestudien in Ägypten in den Jahren 1969 und 1970 zwischen 1971 und 1975 sechs Grabungskampagnen in Giseh bei Kairo östlich der Mykerinos-Pyramide durch. 1981 und 1983 folgten dann weitere Untersuchungen im Nahbereich der großen Pyramiden von Giseh, wo eine Mastaba aus dem Alten Reich freigelegt werden konnte.
Eine andere Grabung im Nahen Osten, die auf Kromers Initiative hin begonnen wurde, war die Tellgrabung am Kordlar-Tepe bei Rezayeh in Westaserbeidschan (Iran). Ab dem Jahre 1974 führte sie dann Lippert bis zu den politischen Umwälzungen im Jahre 1978 weiter.
Von 1976 an führte das Institut im Auftrage des Südtiroler Denkmalamtes Grabungen am frühgeschichtlichen Friedhof bei Kloster Säben ober Brixen durch, von 1979 bis 1981 Rettungsgrabungen an einer spätbronzezeitlichen Siedlung in Eppan-St. Pauls.

1986 war Karl Kromer aus Gesundheitsgründen genötigt, vorzeitig zu emeritieren. Zweifellos ist seine Innsbrucker Zeit mit einer wichtigen Phase der Entwicklung des Institutes verknüpft. Auch die Philosophische Fakultät verdankt ihm vieles: Er war im Studienjahr 1970/71 ihr Dekan. 1979 wurde ihm in Anerkennung seiner besonderen Leistungen für die archäologische Forschung im In- und Ausland das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Forschung I. Klasse verliehen.
Nach seiner Emeritierung lebte er wieder in Wien, wo er zeitweilig noch am Institut für Ur- und Frühgeschichte Vorlesungen abhielt und an der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wirkte. Er entschlief in Frieden am 19. September 2003 in seinem Haus. Wir betrauern unseren Lehrer und Doktorvater.

Ordinariat Konrad Spindler (1988-2005)

Konrad Spindler

Am 1. März 1988 nahm der neuberufene Ordinarius Konrad Spindler seinen Dienst am Institut auf. Spindler studierte in Münster und Freiburg i. Br. das Nominalfach, Römische Provinzialarchäologie und Anthropologie. Er wurde im Jahr 1970 promoviert und war anschließend Stadtarchäologe in Villingen im Schwarzwald. In diese Zeit fällt seine Ausgrabung des späthallstattzeitlichen Fürstengrabhügels Magdalenenberg, dessen Erforschung ihn zu einem bedeutenden Hallstattexperten machte. Ab 1974 war Spindler wissenschaftlicher Assistent an der Universität Regensburg. 1977 wurde er wissenschaftlicher Rat und Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg.
In Innsbruck hat sich Spindler zusätzlich einem völlig neuen Forschungsgebiet verschrieben: der Alltags- und Handwerkskultur des Mittelalters und der Neuzeit. Die Keramikforschung stellt dabei einen Angelpunkt seiner Interessen dar. 1989 wurde dieser Forschungszweig in Form einer Abteilung für Mittelalterliche und Neuzeitliche Archäologie im Institut eingerichtet und Spindler zu deren Leiter bestimmt.
Zudem konnte Spindler eine deutliche Verbesserung des technischen Personalstabes erreichen, so dass das Institut nunmehr über einen Restaurator sowie zwei und einen halben Dienstposten für technische Zeicher verfügt.
Spindler gründete 1993 die Schriftenreihe NEARCHOS, die mit inzwischen 20 Bänden deutlich den Bedarf einer eigenen Studienrichtung Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit signalisiert. 2002 eröffnete er die Neue Reihe PREARCHOS.
1998 habilitierte sich Gerhard Tomedi, seit 1986 Assistent am Institut, 2000 zugleich Harald Stadler, seit 1992 ebenfalls dort Assistent, und Helmut Rizzolli.
Prof. Dr. Konrad Spindler starb nach langem Leiden an einer Amyotrophen Lateralsklerose am 17. April 2005 in Innsbruck. Trotz der schweren gesundheitlichen Beeinträchtigung absolvierte er nach wie vor ein bewundernswertes Arbeitspensum. Knapp acht Wochen zuvor hatte er noch - bereits an den Rollstuhl gefesselt - auf einer internationalen Fachtagung zur sog. Himmelsscheibe von Nebra in Halle (Saale) referiert. Der populäre und großartige Forscher wurde mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem wurde ihm das Verdienstkreuz des Landes Tirol verliehen. Die Leopold-Franzens-Universität trauert um einen großen Wissenschafter, seine Kollegen um einen väterlichen Freund.


Habilitationsarbeiten und veniae legendi

Merhart, Gero von, Bronzezeit am Jenissei. Ein Beitrag zur Urgeschichte Sibiriens, 1923: Urgeschichte des Menschen.
Menghin, Osmund, Untersuchungen zur Urgeschichte Tirols, 1957: Urgeschichte der Menschen und der Kultur.
Vonbank, Elmar, Studien zur Ur- und Frühgeschichte Vorarlbergs und der angrenzenden Lande, 1967: Ur- und Frühgeschichte Europas.
Lippert, Andreas, Beiträge zur Kenntnis der Späthallstattkultur in Osttirol und Kärnten, 1973: Ur- und Frühgeschichte der Menschen in Europa.
Zemmer-Plank, Liselotte, Beiträge zur Urgeschichte Tirols, 1982: Ur- und Frühgeschichte mit besonderer Berücksichtigung Tirols.
Egg, Markus, Die hallstattzeitlichen Hügelgräber vom Siedelberg und vom Helpfau-Uttendorf in Oberösterreich, 1987: Ur- und Frühgeschichte Europas unter besonderer Berücksichtigung der Bronze- und Eisenzeit.
Leitner, Walter, Eppan-St. Pauls, eine Siedlung der späten Bronzezeit. Ein Beitrag zur inneralpinen Laugen/Melaun-Kultur, 1987: Ur- und Frühgeschichte Europas.
Tomedi, Gerhard, Die Altgrabungen am hallstattzeitlichen Gräberfeld von Frög in Kärnten, 1998: Ur- und Frühgeschichte.
Stadler, Harald, Die Hafnerei Höfer-Troger-Steger. Beiträge zur Keramikforschung im Pustertal, 2000: Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie.
Rizzolli, Helmut, Münzgeschichte des alttirolischen Raumes im Mittelalter und Corpus nummorum Tirolensium mediaevalium, 2000: Mittelalter- und Neuzeitarchäologie unter besonderer Berücksichtigung der Numismatik.


 Andreas Lippert und Gerhard Tomedi