1920 – 1945

Erste Erwähnungen eines Universitätsorchesters gehen bis zur Gründungszeit der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck zurück

Das Collegium Musicum wurde 1920 von Rudolf von Ficker begründet, aber unter seinem Nachfolger nicht weitergeführt.

Im Juni 1940 erfolgte eine Neugründung unter Wilhelm Ehmann und Julius Alf, das Orchester gehörte zum Musikwissenschaftlichen Institut. Aufschluss über die Arbeit des Collegium Musicum während des Dritten Reiches gibt die Dissertation "Musikwissenschaft und NS-Ideologie. Dargestellt am Beispiel der Universität Innsbruck von 1938-1945." von Mag.Phil.Kurt Drexel aus der die folgenden Auszüge stammen.

Lag der Aufgabenbereich des alten Collegium hauptsächlich in der musikalischen Umrahmung von universitären Vorträgen und Feiern, so war dem neuen Typ ein wesentlich erweitertes Verwendungsfeld zugedacht. Die Einsätze des Collegium Musicum reichten vom "Singen mit Kameradschaften" bis zu Konzert- und Wehrbetreuungsreisen im Auftrag der Reichsmarine und der KdF.

Auch an den meisten anderen Universitäten im Deutschen Reich wurden Ensembles nach diesem Muster zusammengestellt. Im Mittelpunkt der Programmgestaltung stand deutsche Musik vom 14. bis zum 18.Jahrhundert. Kleinere szenische Aufführungen, Lesungen, Tänze und Gemeinschaftsgesänge ergänzten das Repertoire, das nach dem Motto "Für jeden etwas" vom Jodler bis zur Instrumentalsuite reichte. Für Wilhelm Ehmann diente das Collegium Musicum zunächst als Experimentierfeld für seine Ansätze zur nationalsozialistischen Feiergestaltung und zur Demonstration in den Lehrveranstaltungen. Bald ergaben sich jedoch über Kontakte Ehmanns zum Oberkommando der Reichsmarine in Berlin (OKM) Möglichkeiten, zu KdF- und Wehrbetreuungsfahrten eingesetzt zu werden.

Die Mitglieder des Collegium Musicum setzten sich zur einen Hälfte aus Studierenden am musikwissenschaftlichen Institut, zur anderen Hälfte aus Studenten der verschiedenen Fakultäten zusammen. Die Anzahl der Mitwirkenden in den Jahren 1940 bis 1943 schwankte etwa zwischen 15 und 30. Gelegentlich wurden auch Nichtstudierende hinzugezogen. Der Anteil der weiblichen Mitwirkenden lag durchschnittlich bei zwei Drittel der Gesamtteilnehmerzahl.

Durch die rege Probentätigkeit und zahlreiche Auftritte in- und ausserhalb der Universität gelangte das Collegium bald zu beachtlichen musikalischen Leistungen. Im Oktober 1940 wurden die ersten "Testkonzerte" imVolder- und Navistal unternommen, im folgenden Jahr gab es eine "Pfingstfahrt" nach Wasserburg am Bodensee. Die privilegierte Stellung des Collegium wird aus den diversen Exkursionen, Schilagern und sonstigen Vergünstigungen, die das Ensemble – mitten im Krieg – genoss, deutlich.

Am 24. Juli 1941 begann das Vorbereitungslager (für die Wehrbetreuungsfahrten) am Achensee. Die erste Reise führte in die Bretagne und dauerte vom 31.Juli bis 7.August. Eine zweite folgte vom 16.März bis 22. April 1942. Nach Dänemark ging die dritte Fahrt vom 2. bis 31. August desselben Jahres, die vierte und letzte vom 17.Dezember 1942 bis 4. Jänner 1943 führte wiederum in die Bretagne. Dazwischen hatte die Gruppe diverse Auftritte im Gau Tirol/Vorarlberg mit Titeln wie: "Offener Abend", "Werkpausenkonzert", "Studienabend" etc.

Aus der Tätigkeit des Collegium Musicum flossen dem Institut für Musikwissenschaft erhebliche finanzielle Mittel zu. Diese deckten nicht nur die Reisekosten und an die Mitwirkenden ausbezahlten Tagesdiäten; die Überschüsse reichten gar zur Anschaffung von Instrumenten, Schallplatten, Büchern und Notenmaterial. Dazu kamen zahlreiche Sonderdotationen seitens des Ministeriums, sodass der Inventarbestand des Instituts in den Jahren 1940 bis 1943 bedeutend erweitert werden konnte.

Etwa ab dem dritten und vierten Kriegsjahr wurde die Arbeit der Collegia Musica als eine Art Durchhaltemusik und somit als "kriegswichtig" angesehen. Dies galt nicht nur für den sogenannten "Fronteinsatz" der Betreuungsfahrten, sondern ebenso für die Aufrechterhaltung der "Moral" im Hinterland. WilhelmEhmann setzte auf größtmögliche Flexibilität beim Vortrag, um auf diese Weise "Fehlschläge" zu vermeiden:

So kann sich ein Collegium Musicum bei einem Fronteinsatz nicht damit begnügen, ein möglichst gut ausgearbeitetes Programm immer wieder ablaufen zu lassen – ein Fronteinsatz ist keine Konzertreise –, sondern es muss versucht werden, mit einem bestimmten musikalischen Rüstzeug ausgestattet, sich jeweils in die Besonderheit einer angetroffenen Lage hineinzufinden…

Demgemäß wurden Soldatenlieder und Mundartgedichte neben Kantaten (beispielsweise von Bresgen) und Mozarts "Kleiner Nachtmusik" geboten; augenscheinlich war dieses Konzept erfolgreich:

"Durch das Anknüpfen persönlicher Verbindungen zur Mannschaft, das gemeinsame Musizieren, die erläuternde Ansage, die Vermeidung eines starren Programms und das Abstimmen der Folge auf den jeweiligen Hörerkreis, das Auswählen ansprechender Einzelsätze, den sinnvollen Wechsel der Spielgruppen ist das heute so oft berührte Problem 'der Soldat und die ernste Musik' wider eigenes Erwarten gar nicht aufgetaucht. Fehlschläge sind niemals eingetreten."

In den letzten beiden Kriegsjahren kam das Musizieren des Innsbrucker Collegium Musicum fast völlig zum Erliegen. Zwar konnte das Ensemble nach Ehmanns Einberufung zur Wehrmacht noch eine Weile weitergeführt werden. Nachdem Julius Alf jedoch kurze Zeit später auch einen Stellungsbefehl erhalten hatte, fand sich niemand mehr, der die Leitung übernehmen konnte. Eine Reaktivierung erfolgte erst nach Kriegsende.


Tätigkeitsbericht des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Innsbruck vom 1.Jänner 1940 bis 16.September 1943 (Auszüge aus der Abschrift)

WS 1940

1.Jänner   Dozent Dr.Ehmann wird mit der vertretungsweisen Leitung des Instituts beauftragt.

SS 1940

12.Juni  Studiumabend des Collegium Musicum mit Musik von Johann Sebastian Bach im Musikwissenschaftlichen Institut.

18.Juni  Singen mit den Kameradschaften des NSDStB

 
9.Juli  Exkursion nach Mittenwald zum Besuch der Geigenbauer
 
WS 1940/41

1.September  Dozent Dr.Ehmann rückt zur Wehrmacht ein

19.-20.Oktober Fahrt des Collegium Musicum ins Voldertal und Navistal

26.November Dozent Dr.Ehmann wird zum planmäßigen a.o. Professor und Direktor des Musikwissenschaftlichen Institus ernannt.

10.Dezember Abendmusik des Collegium Musicum mit alten und neuen Chorliedern in der Aula

15.Dezember Anschaffung eines Cembalos

8.-9.Februar Skilager des Collegium Musicum in Padaun

12.März Musikalischer Institutsabend vor geladenen Gästen

SS 1941

9.-10.Mai Exkursion nach München zum Besuch des Mozartfestes

30.Mai-3.Juni Pfingstfahrt nach Wasserburg am Bodensee mit musikalischem Abend für die Bevölkerung

21.-22.Juni Sonnwendfahrt des Collegium Musicum ins Fotschertal

26.Juni Vortrag Professor Ehmanns „Die Musik der Antike und ihre Auswirkungen in der europäischen Musikgeschichte“ unter Mitwirkung des Collegium Musicum in der Aula der Universität

10.Juli „Offener Abend“ des Collegium Musicum mit Chor und Orchestermusik in der Aula

24.-29.Juli Vorbereitungslager der Collegium Musicum für die Wehrbetreuungsfahrt am Achensee

 31.Juli-27.August Wehrbetreuungsfahrt des Collegium Musicum in die Bretagne im Auftrag des OKM – 29 Konzerte

 

WS 1941/42

13.Dezember Gedenkfeier für den gefallenen Gaudozentenführer Professor Dr.Ernst Foradori – Ausgestaltung durch das Collegium Musicum in der Aula

3.-12.Dezember Skilager des Collegium Musicum in Lanersbach mit Musikabend im Bergwerk des Tuxertals

28.Feber-1.März Exkursion nach München zum Besuch von Konzerten

5.März „Musikalischer Abend“ mit Bericht über die Wehrbetreuungsfahrt in die Bretagne vor geladenen Gästen

7.März Verabschiedung der zum Studium beurlaubten Soldaten durch denStudentenbund. Mitwirkung des Collegium Musicum

15.März Werkspausenkonzert im Reichsbahnausbesserungswerk am Westbahnhof. Studenten und Studentinnen musizieren für Werktätige

16.März-22.April Wehrbetreuungsfahrt des Collegium Musicum in die Niederlande im Auftrag des OKM – 48 Konzerte 

SS 1942

20.-21.Juni Sonnwendfeier des Collegium Musicum im Voldertal 23.Juni  Gedenkfeier für den im Osten gefallenen Professor Dr.Pleyer. Ausgestaltung durch das Collegium Musicum in der alten Universität

17.Juli „Abendmusik im Hofgarten“ des Collegium Musicum, vor allem mit Chormusik der Gegenwart

1.August Eröffnung des vom Gauleiter einberufenen Musiklagers für Partei- und Formationsführer des Gaues Tirol/Vorarlberg. Vortrag Professor Ehmanns „Das Lied der Bewegung“ unter Mitwirkung des Collegium Musicum

2.-31.August Wehrbetreuungsfahrt des Collegium Musicum nach Dänemark im Auftrag des OKM – 31 Konzerte.

September Anschaffung eines Kontrabasses 

WS 1942/43

17.Dezember-4.1. Wehrbetreuungsfahrt des Collegium Musicum in die Bretagne im Auftrag des OKM – 31 Konzerte

18.Jänner Zum Reichsgründungstage: Dichterabend mit H.F.Blunck, veranstaltetvon der Gaustudentenführung. Ausgestaltung durch das Collegium Musicum im Stadtsaal.

29.Jänner „Studienabend“ des Collegium Musicum. Solokantate des nordischen Barocks, veranstaltet mit der Gaustudentenführung der Universität. Einführung von Professor Ehmann im Barocksaal der alten Universitätsbibliothek

13.Feber Rektorinauguration. Ausgestaltung durch das Collegium Musicum

27.Feber-1.März Skilager im Fotschertal

19. März „Offener Abend“ des Collegium Musicum „Innsbrucker Musik aus der Zeit Kaiser Maximilians“ im Barocksaal der alten Universitätsbibliothek

23.März Studienabend des Collegium Musicum mit Werken Johann Sebastian Bachs, aufgeführt vom Collegium Musicum des Mozarteums Salzburg im Barocksaal der alten Universitätsbibliothek. Einführung von Professor Ehmann

29.März-4.April Konzertreise des Collegium Musicum durch die Kreisstädte des Gaues Tirol/Vorarlberg im Rahmen des Kulturringes mit HJ. Mit Innsbrucker Musik aus der Zeit Kaiser Maximilians und alpenländischer Volksmusik. „Sing- und Spielabend mit alpenländischer Musik“. Inspektion der Musikschulen.

SS 1943

Mitte Juni Anschaffung eines Clavichords. Kopernikus-Feier in der Aula. Ausgestaltung durch das Collegium Musicum

12.Juli Abendmusik im Hofgarten desCollegium Musicum mit Chor-, Solo- und Orchesterwerken der Klassik.

3.August-5.September Wehrbetreuungsfahrt des Collegium Musicum an die Kanalküste im Auftrag des OKM – 48 Konzerte

16.September Professor Ehmann rückt erneut zur Wehrmacht ein.