Virtuelle Zusammenführung

Dank der Digitalisierung der heute getrennten Bestände können die Handschriften virtuell wieder vereint werden.

Die Neustifter Handschriften wurden nach der Aufhebung des Stiftes 1809 nach Innsbruck transportiert und der Handschriftensammlung der damaligen Universitätsbibliothek einverleibt. Die Objekte wurden nicht nach Provenienz, sondern zumeist nach Format aufgestellt und erhielten eine Numerus currens-Signatur.

Nachdem 100 Neustifter Handschriften nach dem ersten Weltkrieg an den italienischen Staat abgegeben werden mussten, blieben die entsprechenden Signaturen frei. Heute zeigen Vertreter im Magazin an, wo ursprünglich Neustifter Handschriften standen.

Mit Mitteln des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift  wurden in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Bozen bis 2018 die heute in Neustift befindlichen Handschriften digitalisiert. Volldigitalisate stehen über manuscripta.at zur Verfügung. So können die Lücken in der Sammlung der ULB Tirol virtuell wieder gefüllt werden.

Die Digitalisierung der Neustifter Handschriften an der ULB Tirol erfolgte als hausinternes Pilotprojekt zur systematischen Digitalisierung des gesamten Handschriftenbestandes im Zeitraum zwischen Oktober 2020 und April 2021. Die Bilder sind in der Digitalen Bibliothek der Universität Innsbruck frei zugänglich. Damit lässt sich die derzeit bekannte und erhaltene mittelalterliche Handschriftenbibliothek des Stiftes virtuell rekonstruieren (Übersicht s. Startseite).

Besonders spannend ist dies im Falle einiger ehemaliger Sammelhandschriften, die in Neustift nach Einrichtung der barocken Klosterbibliothek im 18. Jahrhundert in mehrere Einzelbände aufgelöst worden waren. In zwei Fällen sind Teile der ursprünglichen Bindeeinheit heute an der ULB Tirol, der Rest wieder in Neustift:

Mitte des 15. Jahrhunderts wurde eine Gruppe von Handschriften aufgrund ihrer inhaltlichen Zusammengehörigkeit – es handelt sich fast ausschließlich um Schriften des Aristoteles bzw. Kommentare dazu – in Neustift zu einer Einheit gebunden, aber 1778 wieder getrennt: Cod. 157, 159 und 164 werden heute in Innsbruck verwahrt, Cod. 163, 168 und 181 in Neustift. Dank des Inhaltsverzeichnisses in Cod. 157, Bl. 1v kann die ursprüngliche Anordnung der Bücher im Sammelband rekonstruiert werden:

  1. 157: Aristoteles, Ethica Nicomachea und Oeconomica
  2. Aristoteles, Politica (heute nicht mehr nachweisbar)
  3. 159: Albertus de Saxonia, Kommentar zu Cod. 157
  4. 168: Aristoteles, Physica 1-5
  5. 163: Aristoteles, Physica 6-8 und De anima
  6. 181: Alanus, De arte praedicandi
  7. 164: Anshelmus Havelburgensis, Anticimenon

Dasselbe Schicksal traf auch den an der ULB Tirol befindlichen Cod. 82, der im 15. Jahrhundert in Neustift mit mehreren anderen Teilen zu einer Sammelhandschrift gebunden und im 18. Jahrhundert wieder abgetrennt wurde und als einziger in Innsbruck verwahrt wird. Die alte Blattzählung in den einzelnen Teilen ermöglicht die Rekonstruktion der ursprünglichen Anordnung:

  1. 158: Augustinus. Foliierung 15. Jh.: 1–69
  2. 83: Theologische Sammelhandschrift, dat. 1400. Foliierung 15. Jh.: 70–128
  3. 82: Henricus de Langenstein: De contractibus. De contemptu mundi. Foliierung 15. Jh.: 129–165
  4. 183: Heinrich Seuse: Horologium sapientiae. Foliierung 15. Jh.: 166–203
  5. 161: Iohannes de Dambach. Origenes. Foliierung 15. Jh.: 204–215
  6. 182: Ps.-Eusebius, dat. 1400. Foliierung 15. Jh.: 216–231
  7. 162: Sermones de dedicatione. Foliierung 15. Jh.: 232–241

 

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