(C) BfÖ 2018

Die abgelösten Handschriftenfragmente der ULB Tirol und ihre digitale Erschließung

Im Projekt des Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank „Die abgelösten Handschriftenfragmente der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol und ihre digitale Erschließung“, das am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck sowie in der Abteilung für Sondersammlungen der ULB Tirol angesiedelt ist, werden die abgelösten Handschriftenfragmente der ULB Tirol, die Teil eines größeren Fragmentbestandes sind, über das Webportal „Fragmentarium. Digital Research Laboratory for Medieval Manuscript Fragments“ fortlaufend zugänglich gemacht (Laufzeit des OeNB-Projekts 2018–2020).

Projektposter:      Deutsch —  Englisch 

Kurze Projektbeschreibung als PDF mit Ausblick auf das Potenzial von Folgeprojekten in:
C. Sojer, „Die abgelösten Handschriftenfragmente der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol und ihre digitale Erschließung“, in b. i. t. online – Bibliothek. Information. Technologie 22/4 (2019), 290–296.
 
Projektleitung: Univ.-Prof. Mag. Mag. Dr. Martin Wagendorfer, M.A.S 
Telefon + 49 (0) 89 / 2180-5688
E-Mail Martin.Wagendorfer@lrz.uni-muenchen.de  
 
Projektmitarbeiterin: Mag. Dr. Claudia Sojer
Telefon +43 512 507 2499 
E-Mail Claudia.Sojer@uibk.ac.at
 
Studentische Hilfskraft: Viviana Kleinlercher, BEd
Telefon +43 512 507 2499

Das Projekt

Im Frühjahr 2017 wurde unter der Leitung von Univ.-Prof. Mag. Mag. Dr. Martin Wagendorfer, MAS (seinerzeit Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften; seit Oktober 2019 Inhaber der Professur für Historische Grundwissenschaften mit besonderer Berücksichtigung der Digital Humanities am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München) unter Mitarbeit von Dr. Claudia Sojer ein Antrag zur Bearbeitung der abgelösten Handschriftenfragmente der ULB Tirol beim Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank (OeNB) eingereicht. Das Projekt Die abgelösten Handschriftenfragmente der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol und ihre digitale Erschließung (Projektnummer: 17779) wurde in der einzigen Vergabesitzung im Dezember 2017 als eines von acht geförderten geisteswissenschaftlichen Projekten bewilligt (insgesamt wurden 49 Forschungsprojekte aus 231 Anträgen genehmigt).

Die abgelösten Handschriftenfragmente der ULB Tirol werden im Laufe der Jahre 2018–­2020 in einer den modernen Standards entsprechenden Datenbank zugänglich gemacht. Den Benutzerinnen und Benutzern wird zu jedem Fragment sowohl hochwertiges Bildmaterial als auch eine den aktuellen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Beschreibung angeboten. Um maschinenbasierte Verknüpfungen fruchtbar zu machen, sind standardisierte und normierte Beschreibungskriterien grundlegend, die sich in ihrer Ausformulierung den neuesten Entwicklungen und Möglichkeiten der Digital Humanities (DH) anpassen. Ebenso grundlegend sind standardisierte Bilddarstellungsformen auf einer Oberfläche, die dementsprechende Such- und Filteroptionen für externe Benutzer/innen anbietet, da diese Standardisierungsaspekte bei Datenbanken aufgrund der computerisierten Suchfunktionen viel stärker wiegen als bei gedruckten Katalogen.

Das Innsbrucker Fragmentprojekt kooperiert daher mit dem internationalen Projekt Fragmentarium (Digital Research Laboratory for Medieval Manuscript Fragments), das das Internet als zentralen Arbeitsort für die Inventarisierung, Katalogisierung und wissenschaftliche Erforschung von Fragmenten einsetzt. Die Erschließung der bisher nicht bearbeiteten Innsbrucker Fragmente wird folglich nach den bei Fragmentarium geltenden Richtlinien durchgeführt. Das Innsbrucker Fragmentprojekt verwendet mit Fragmentarium und der IIIF-Technologie Instrumente der „Offenen Wissenschaft“, um Fragmente online für jede/n jederzeit und jederorts zugänglich zu machen. 

Digitalisierung der Fragmente an der ULB Tirol: das Material 

Das Potenzial der Sammlung von abgelösten Handschriftenfragmenten der ULB Tirol zeigt sich an einigen in der Forschung ein­gehender behandelten Fragmenten. So ist beispielsweise Frg. 2 im Rahmen einer Kooperationsverein­barung zwischen der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol sowie der Universitätsbibliothek Heidel­berg Teil des Projekts „Bibliotheca Laureshamensis – digital: Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch“. Frg. 64 ist im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung zwischen der ULB Tirol und der Johns Hopkins University Gegenstand des „Kaiserchronik-Projekts“, des größten germanistischen Forschungsprojekts in Großbritannien unter Federführung der Universität Cambridge in Zusammenarbeit mit der Univer­sität Marburg a. d. Lahn, der BSB München, der ÖNB, der ÖAW sowie der Johns Hopkins University Baltimore. Im Rahmen des Forschungsprojektes soll möglichst auch die gesamte Überlieferung erfasst, analysiert und in digitaler Form über ein Online-Portal der Johns Hopkins University der Forschung zur Verfügung gestellt werden. Kurzbeschreibungen mehrerer abgelöster deutschsprachiger Fragmente der ULB Tirol finden sich im Portal „Handschriftencensus“. Frg. 65 und Frg. B 8 können ob ihres Bekanntheitsgrades als Einzelbeispiele aus dem im „Handschriftencensus“ angesiedelten Marburger Repertorium (13. –14. Jh.) hervorgehoben werden. Dieses Projekt wird ähnliche Funde im bisher noch unerschlossenen Fragmentbestand ermöglichen.

Anhand der maschinenschriftlichen nicht veröffentlichten Inventarlisten, die von Sieglinde Sepp, einer Mitarbeiterin der Abteilung für Sondersammlungen, im Jahr 1982 erstellt wurden, sind aktuell 193 Fragmentsignaturen für abgelöste handschriftliche Fragmente in der Abteilung für Sondersammlungen der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol verzeichnet. Diese Inventarlisten unterteilen sich in ein erstes Kurzverzeichnis mit den Fragmentsignaturen 1–90 sowie ein zweites Kurzverzeichnis der 1982 erstmals erfassten Fragmente der Gruppen A–E, unterteilt in: A 1–18, B 1–9, C 1–33, D 1–3 und E 1–40, dazu kommen 21 Fragmentsignaturen, die seit den Achtzigerjahren in die Sammlung aufgenommen worden sind.

Laut diesen Inventarlisten gehören die Fragmente folgenden Themenfeldern an: Autoren (unterteilt in Deutsche, Griechische, Romanische, Römische), Evangelien und Bibeltexte, Grammatiken und Glossare, Jurisprudenz, Kirchenrecht, Kirchenväter, Liturgien und Nekrologe, Medizin und Naturwissenschaft, Predigten und Erbauliches, Psalmen und Kirchgesänge, Sprache und Literatur, Theologie, Varia und Verschiedenes. Dabei müssen die Kategorien „Varia“ und „Verschiedenes“ jedoch durch eingehendere Untersuchungen und Umverteilung aufgelöst werden.

Alle 214 Fragmentsignaturen (in ca. 300 Einzelteilen) bedürfen einer Digitalisierung mit einheitlichen Standards. Allerdings wurden 51 davon bereits von einschlägig arbeitenden Projektgruppen behandelt und die dort gewonnenen Daten können in eine Gesamtdatenbank aller Fragmente der ULB Tirol übernommen bzw. damit verlinkt werden:

  • Die abgelösten handschriftlichen hebräischen Fragmente werden vom Team "Hebräische Fragmente in Österreich", hebraica.at, bearbeitet.
  • Die abgelösten handschriftlichen Musikfragmente, deren Trägerobjekte aus der Bibliothek des Augustiner-Chorherrenstift Neustift bei Brixen stammen, werden von Dr. Giulia Gabrielli und ihrem Team in einem Forschungsprojekt an der Freien Universität Bozen bearbeitet und im Verlag der ÖAW publiziert.
  • Die abgelösten deutschsprachigen Fragmente des 8.–14. Jahrhunderts werden im Paderborner bzw. Marburger Repertorium („Handschriftencensus“) bearbeitet (s. oben bei Frg. 65 und Frg. B 8).
  • Das bereits erwähnte Frg. 2 ist Gegenstand des Projektes „Bibliotheca Laureshamensis – digital: Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch“.
  • 10 Fragmentsignaturen verlangen lediglich eine minimale Bearbeitung, da sie bereits intensiv in der Forschungsliteratur behandelt wurden.
  • Für 30 Fragmentsignaturen liegen Tiefenerschließungen in Form unveröffentlichter handschriftlicher Repertoriumsblätter vor. Die Erschließung erfolgte durch Sieglinde Sepp auf Basis der von der Kom­mission für Buch und Bibliotheksgeschichte der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare zwischen 1983 und 1985 erstellten Richtlinien.

Diese Repertoriumsblätter enthalten folgende Rubriken: „Signatur“, „Abgelöst von“, „Autor / Titel / Inhaltsschlagwort / Sprache“, „Erhalte­ne Stelle(n)“, „Bibliographischer Nachweis / Edition“, „Lokalisierung“, „Datierung“, „Beschreibstoff“, „Umfang“, „Abmessungen“, „Spaltenzahl“, „Schriftcharakter“, „Ausstattung“, „Art der Überlieferung“, „Weitere Fragmente derselben Handschrift / desselben Drucks“, „Sonstige Bemerkungen zum Fragment“, „Angaben zum (ehemaligen) Träger“, „Autor / Titel / Lokalisierung / Datierung bzw. Impressum / bibliographischer Nachweis“, „Vorbesitzer (mit Angabe von Besitzvermerken, Kaufver­merken, alten Signaturen u. Ä.)“, „Anmerkungen zum Einband“, „Sonstige Bemerkungen“, „Doku­mentation des Fragments“, „Edition(en) des Fragments und Literatur zum Fragment“.

Nicht bei jedem Repertoriumsblatt sind alle Rubriken ausgefüllt, dennoch liefert dieses Material wertvolle Vorarbeiten und Hinweise, die zeitaufwändige Erstrecherchen zu diesen 30 Fragmentsignaturen einsparen, da die Informationen lediglich nachgeprüft, verifiziert, erweitert sowie mit aktuellen Literaturverweisen versehen werden müssen.

Digitalisierung der Fragmente an der ULB Tirol: die Methodik 

In einem ersten Schritt werden die klassischen Methoden der Paläographie und Kodikologie für die Beschreibung von Handschriften und Fragmenten angewandt: Erfasst werden die äußeren Eigenschaften der Fragmente wie Abmessungen, Beschreibstoff, Liniierung usw. Das Erheben von genauen Zeilenabständen, Buchstabenmaßen und -neigung, Schaftdicke, Breite von Schaftfüßen, Einstichlöchern von Liniierungen usw. kann in Zweifelsfällen bei Fragmentzusammenführungen relevant werden, weil in der Fragmentforschung Merkmale fehlen, die man bei vollständigen Handschriften zur Zuweisung heranziehen kann, wie z. B. Incipit oder Desinit / Explicit. Hinzu kommt die Kontextlosigkeit der Paläographie, der Schreibheimat, der Provenienz. Daraufhin werden mit Hilfe der Bestimmung der Schrift, der Identifizierung des Textes oder inhaltlicher Kriterien (wie ggf. im Fragment enthaltener Kolophone mit Datierungen o. Ä.) Entstehungsort und -zeit der Fragmente möglichst genau bestimmt. Gleiches gilt für die möglichst genaue Feststellung der Provenienz der Fragmente, d. h. des Trägerobjekts, in dem sich das Fragment vor der Ablösung befunden hat, sowie, wenn möglich, der Zugehörigkeit des Fragments.

Den zweiten Schritt bildet die Anfertigung hochauflösender Digitalisate sowie die Eingabe der im ersten Schritt gewonnenen Ergebnisse in die Datenbank. Die Digitalisierung der 214 Fragmentsignaturen wird mit dem an der Universitätsbibliothek Graz speziell für sensibles Buchgut entwickelten und an der ULB Tirol vorhandenen Book Traveller (Grazer Bücherwiege oder Grazer Buchtisch genannt) durchgeführt. Diese spezielle Vorrichtung für die Retrodigitalisierung von sensiblem Buchkulturgut arbeitet mit professionellen hochauflösenden Kameras und wird in den Digitalisie­rungsabteilungen weltweit führender einschlägiger Häuser (Gotha, Göttingen, Harvard, St. Gallen, Vatikan, Wolfenbüttel, usw.) eingesetzt. Anhand einer eigenen Digitalisierungstechnik für Fragmente, bei der spezielle Prismen an die flexibel verstellbaren Flächen der Buchwippe bzw. im Buch angebracht werden, ist es möglich, zu den grundsätzlich schwer digitalisierbaren Fragmentteilen außergewöhnlich hochqualitatives Bildmaterial herzustellen. Diese Technik kommt v. a. bei den In-situ-Fragmenten zum Tragen, die an der ULB Tirol idealerweise in einem an dieses Projekt anschließenden Folgeprojekt digitalisiert werden sollen.

Die letzte Phase konzentriert sich auf die virtuelle Zusammenführung von Einzelobjekten, die einerseits versucht, aufgeteilte ursprüngliche Handschriften zu rekonstruieren, deren Teile sich heute als Fragmente in verschiedenen Büchern und diese wiederum in verschiedenen Institutionen befinden oder befinden können. Andererseits wird dadurch eine virtuelle Zusammenführung von abgelösten Fragmenten mit ihrem Trägerobjekt ermöglicht, und dadurch auch der Zugang zu einem wichtigen Stück Kulturgeschichte, v. a. für das Verständnis der Geschichte der Bindewerkstätten und des Materialgebrauchs in bestimmten Epochen.

Die Informationen wurden in gekürzter Form folgendem Beitrag entnommen: Walter Neuhauser / Claudia Sojer, Die Fragmente der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol in Innsbruck. Die erschlossenen Fragmente in situ der Handschriften mit Ausblick auf weitere Erschließungsarbeiten im noch unerschlossenen Fragmentbestand, in: Ergebnisband zu den zehn Innsbrucker Handschriftenkatalogen (Arbeitstitel, in Vorbereitung).


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