Ausgewählte Handschriften der ULB Tirol

Link 1_1_Cod. 484

Der thematische Schwerpunkt des Innsbrucker Handschriftenbestandes liegt, bedingt durch die überwiegend klösterlichen Vorbesitzer, auf theologischen Handschriften in lateinischer Sprache. Daneben finden sich auch zahlreiche Handschriften in deutscher Sprache, aber auch in Italienisch, Französisch sowie Griechisch, Hebräisch und Arabisch. Ebenso unterschiedlich sind die Entstehungszeiten der Handschriften; sie reichen vom 10. Jh. (die älteste erhaltene Handschrift in Tirol – Cod. 484 [Abb.], das Innicher Evangeliar – gilt als einLink 1_2_ Meisterwerk der spätkarolingischen Buchkunst) bis ins 20. Jh.

Zum weiten Schatz der theologischen Literatur gehören Predigthandschriften, Schriften der Kirchenväter, der Scholastik, liturgische Werke wie Stundengebete, Breviere, Psalterien oder Bibeln u.v.a.m. Andere Handschriften berichten von Wundern oder Legenden. Nicht selten finden sich in den Codices Abhandlungen aus dem Kirchen- oder aus dem weltlichen Recht, als Besonderheit z. B. der nur in Cod. 922 überlieferte Deutschenspiegel. Ebenso beliebt waren naturwissenschaftliche und medizinische Texte, dazu kommen astronomische und mathematische Handschriften wie die astrologische Schrift des Joseph Grünpeck (Cod. 314, Abb.) mit Darstellungen von Wunderzeichen und Himmels-erscheinungen.

Link 1_3_Cod. 400Einen großen Anteil nehmen die Handschriften historischen Inhalts wie Chroniken und Annalen ein. Dabei entpuppen sich unscheinbare Handschriften des Öfteren als sensationelle Neufunde und Raritäten, so etwa Cod. 400 (Abb.) mit bisher unbekannten Briefen aus den Kanzleien Friedrichs II. und Konrads IV.

Link 1_4_Cod. 87Literarische und zugleich kunstgeschichtliche Kostbarkeiten bieten einige italienische Renaissance-Handschriften, z. B. ein Vergil (Cod. 471), ein Curtius Rufus (Cod. 84) oder eine Handschrift mit den Tragödien Senecas (Cod. 87, Abb.). Gerade in den letzten Katalogbänden nahm auch die Anzahl an humanistischen Werken immer mehr zu – das beste Beispiel für humanistische Hofpoesie ist wohl Cod. 664, besser bekannt als Codex Fuchsmagen, mit über 200 Gedichten, Elegien, Epitaphien und Epigrammen deutscher und italienischer Humanisten.

Link 1_5_Cod. 281So abwechslungsreich wie die Inhalte und die Ausstattung der einzelnen Bücher, so unterschiedlich sind auch die Entstehungs- und Herkunftsländer der Handschriften, oft abhängig von ihren jeweiligen Vorbesitzern. Aus diesem Grund wurde bei der Beschreibung besonderes Augenmerk auf die Geschichte jeder einzelnen Handschrift gelegt, zugleich als Beitrag für die noch nicht geschriebene Tiroler Bibliotheksgeschichte.

Zur Herkunft der Handschriften: 1745 erhielt die ULB Tirol anlässlich ihrer Gründung die Bestände der Hofbiblio-theken, also der Regierungs- und Wappenturmbibliothek. Aus dieser kamen einige besonders kostbare Handschriften, wie etwa ein französisches Stundenbuch (Cod. 281, Abb.) oder das Missale des Kardinals Ippolito d’Este (Cod. 43), ein Meisterwerk der Schule von Ferrara.

Link 1_6_ Cod. 469Zuwachs erhielt dieser Urbestand Ende des 18. Jh. durch die von Kaiser Joseph II. verfügten Klosteraufhebungen. Dabei gelangten auffallend viele Handschriften aus der Kartause Schnals nach Innsbruck. Durch Büchertausch waren mehrere wertvolle Pergamentcodices in den Besitz dieses Klosters gekommen, so z. B. eine Ende 13./Anfang 14. Jh. in Nordfrankreich entstandene reich verzierte Bibelhandschrift aus dem Besitz des bibliophilen Adelsgeschlechts der Annenberger – die Annenberger-Bibel (Cod. 469, Abb.).

1807 wuchs die Anzahl der Handschriften durch die vorübergehende Aufhebung der Stifte Wilten, Stams, Fiecht, Marienberg und Neustift in der Zeit der Zugehörigkeit Tirols zu Bayern erneut (s. Bestandsgeschichte).

Link 1_7_Cod. 259Die wertvollsten dieser Handschriften stammen aus den Klöstern Stams und Neustift:

Stamser Mönche hatten aus ihren Studienorten Paris, Heidelberg, Ingolstadt oder Wien Handschriften nach Stams gebracht, ein Kernbestand stammte aus dem Mutterkloster Kaisheim. Dass aber auch Kostbarkeiten in Tiroler Schreibstuben entstanden, zeigt beispielsweise ein Stamser Graduale (Cod. 1) der ULB Tirol – Anfang des 15. Jh. im Kloster von einem Stamser Mönch geschrieben, ist er ein schönes Beispiel für Buchschmuck im Stile der österreichischen bzw. süddeutschen Buchmalerei. Stams ist auch der Vorbesitzer der Handschrift mit dem ältesten und wertvollsten Einband an der ULB Tirol, einem romanischen Blindstempeleinband um Cod. 259 (Abb.).

Link 1_8_WolkensteinÜber Neustift gelangte z. B. die bekannte Neustifter bzw. Innsbrucker Spielhandschrift (Cod. 960) nach Innsbruck, die als einer der wichtigsten Zeugen für das mittelalterliche geistliche Schauspiel gilt. In Neustift selbst ist möglicherweise auch die wertvolle und berühmte Wolkenstein-Handschrift B (Abb.) entstanden.

(Text: Mag. Petra Ausserlechner 2011)

 

 

 


Abbildungen (von oben nach unten):

Innsbruck, ULB Tirol, Cod. 484: „Innicher Evangeliar“, Bl. 13v: Evangelist Matthäus, Bodenseeraum, Ende 9. / Anfang 10. Jh., Prov. Innichen (Photo Frischauf, Innsbruck)
Innsbruck, ULB Tirol, Cod. 314: Joseph Grünpeck: Prodigia, Bl. 1v: Meteoriteneinschlag von Ensisheim, Linz, 1501, Prov. Karmeliterkloster Lienz (Photo Frischauf, Innsbruck)
Innsbruck, ULB Tirol, Cod. 400: „Innsbrucker Briefsammlung", Bl. 116v / 117r (Watzek Photografie, Hall i.T.)
Innsbruck, ULB Tirol, Cod. 87: Seneca: Tragoediae. Ödipus, Initiale I mit Rankenausläufern, Bologna, 14. Jh., Prov. Hofbibliothek im Wappenturm (Photo Frischauf, Innsbruck)
Innsbruck, ULB Tirol, Cod. 281: Stundenbuch für Frère Jean Bourgeois, Bl. 147r: Stifterbild, Tours, zw. 1490 und 1495, Prov. Hofbibliothek im Wappenturm (Photo Frischauf, Innsbruck)
Innsbruck, ULB Tirol, Cod. 469: Lateinische Bibel, sog. „Annenberger-Bibel", Bl. 163rb: König David mit Harfe, Nordfrankreich, Ende 13. / Anfang 14. Jh., Prov. Kartause Schnals (Watzek Photografie, Hall i.T.)
Innsbruck, ULB Tirol, Cod. 259: Romanischer Einband, „Zweiter-Prinz-Heinrich-Binder", Frankreich, 12 Jh., Prov. Zisterzienserstift Stams (Photo Frischauf, Innsbruck)
Innsbruck, ULB Tirol, o. Sign.: Oswald von Wolkenstein, Liederhandschrift B, Vl. Iv: Porträt des Dichters, Neustift (?), 1432, Prov. Familie Wolkenstein (Photo Frischauf, Innsbruck)
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