11. Dezember

Die Schlangenjungfrau vom Heiligen-Baum-Schloß

Als vor vielen Jahren einmal die Burschen von Nauders in größerer Gesellschaft allerlei Spiel und Kurzweil trieben und viele Zuschauer herumstanden, war unter den Spielenden ein braver Junge, der Johannes hieß.

Der Johannes hörte sich dreimal laut beim Namen rufen, und als er hinblickte, von woher die Stimme kam, sah er eine wunderschöne Frau, welche ihn vom "Geißplatz", an welchem sie "Feuerhüpfen" spielten, zur Kirche hinaufrief, wo sie stand. Nur Johannes hörte und sah sie, alle anderen nicht. Er folgte der Einladung und sie führte ihn zum heiligen Baume und sprach: "Wenn du dich nicht fürchtest, so kannst du dir eine Tonne voll Gold verdienen und damit eine arme Seele erlösen."

Sie offenbarte ihm des weiteren, daß sie dreimal in Gestalt eines häßlichen Wurmes kommen werde, daß sich dann der Johannes niederlegen solle, damit sie über ihn kriechen könne, womit die Erlösung vollendet sei. Sagte aber Johannes darauf: "Des Goldes wegen tue ich's nicht, aber wenn ich eine arme Seele erlösen kann, tue ich's gerne", und die schöne Frau verschwand, und Johannes legte sich auf den Boden.

Alsbald kroch ein Wurm über ihn - Johannes blieb regungslos liegen; es kam ein anderer, größerer, kroch über ihn - Johannes blieb regungslos liegen. Nun kam ein dritter Wurm, noch größer und abscheulich von Ansehen und Geruch, und kroch über ihn; als dieser bei seinem Munde vorbeikam, ekelte es ihn so an, daß er aufschrie und aufspringen wollte, aber besinnungslos liegenblieb; und als er lange Zeit darnach wieder zu sich kam, lag er eine Strecke weiter in der Wiese drunten.

Er hörte zugleich mehrere Frauen weinen und Münzen klingeln. In späteren Jahren bemerkte man oftmals, wenn frischer Schnee gefallen war, zarte Fußtritte von Frauen. Diese Schlangenjungfrau-Sage wird auch, gleich ähnlichen, noch verändert erzählt. Da umringelte die Schlange den Jüngling, statt über ihn hinwegzukriechen, und beim letzten Angriff sinkt dieser in Ohnmacht, wird tiefsinnig und menschenscheu und bleibt von da an stumm.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 232.  

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