21. Dezember

Die Nachtweide

Ein Gemsenjäger übernachtete einst in der Sennhütte der Kortscher Alm, als das Almvich längst abgetrieben war und schon eine dünne Schneedecke über die Bergmähder gebreitet lag.

Er schlief fest und ruhig bis Mitternacht, da wurde er aber auf einmal von einem Heidenlärm geweckt. Pfeifen und Schreien, Schellengeklingel und Peitschenknall, alles ging durcheinander! Obgleich ihm nicht ganz wohl zumute war, so wagte er es doch, durch die Fugen der Wand in die Pferch hinauszugucken.

Da sah er zu seinem größten Erstaunen, wie ein Hirt die Kühe zusammentrieb und wie ein anderer salzte und molk. Als sie draußen fertig waren, kamen sie in die Hütte herein, seihten die Milch auf, rahmten ab, machten sich ans Käsen und Kochen und legten sich schließlich zu ihm auf das Stroh, ohne seiner zu achten. Draußen muhte und brüllte und blökte das Vieh die ganze Nacht hindurch, und an ein Schlafen war nicht mehr zu denken. Auf einmal kam der Schafhund herein, setzte sich vor den Jäger und schaute ihn mit feurigen Augen fortwährend an. Die Augen wuchsen mit jeder Minute und wurden am Ende so groß wie hölzerne Almmilchschüsseln. Am Ende bellte er laut auf und verschwand samt dem Senn, den beiden Kügern und dem Raiger (Schweinhirten) der Alm.

Morgens ging der Jäger hinaus und durchforschte alles genau, aber von der ganzen nächtlichen Kameradschaft war nichts mehr zu finden. Auch im Schnee konnte er keine anderen Fußspuren, als nur seine eigenen, entdecken. Er ging heim und hatte seit dieser Zeit die Lust verloren, allein in einer Sennhütte zu übernachten. (Schlanders.)

Quelle: Zingerle, Ignaz Vinzenz, Sagen aus Tirol, 2. Auflage, Innsbruck 1891, Nr. 398, S. 232

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