5. Dezember

Die Geldhüter

Im Thale Brandenberg bei Rattenberg wird ein hoher, scharfer Bergkegel vom Volke gewöhnlich die reiche Spitze genannt. Im Thalgrund am Fuße derselben liegt eine Alm, wo das Vieh oft tief in den Winter hinein mit dem würzigen Wiesenheu gefüttert wird.

Daselbst kam einmal am Christabend ein Mann im dichten Winteranzug und mit gewaltigem Bergstock zum Senner und bat, er möchte in der kommenden Nacht sein Stübelein heizen, so heiß als möglich, es werde ihn nicht gereuen. Der Senner gab sein Wort, das Verlangte zu thun. Es kam ihm zwar die Sache etwas wunderlich vor; aber er sprach sich also Muth ein:

"Fürchtest sonst keinen Landauf, Landab - werden dir diese heut auch nicht den Kopf abreißen."

Nun schürte er ein knorriges Scheit um das andere in den großmächtigen Kachelofen. Die Stube wurde nach und nach derart heiß, daß es der Senner fast gar nicht mehr aushalten konnte. Seine Hand war triefnaß, so trieb es ihm den Schweiß aus dem Leib. Da kroch er hinter den Tisch in die Ecke unter die Bank. Hier war das kühlste Plätzchen und dann konnte er noch von diesem Winkel aus unbemerkt sehen, was da kommen werde.

Wie es gegen Mitternacht gieng, hörte er plötzlich Schritte näher und näher kommen. Vor der Hütte wurde mit kräftigem Stampfen der Schnee von den Füßen geschüttelt. Darauf schritten sieben Männer schweigend zur Thüre hinein, Ihre Kleider und Schuhe waren steingefroren, sie verbreiteten gleich beim Eintreten Kälte, daß der Senner unter der Bank sich die Hände rieb.

Nachdem sie eine Weile dicht um den Ofen gestanden hatten, ohne ein Wort zu verlieren, verließen sie wieder stumm und ernst die Stube. Der Senner kroch schnell aus dem Versteck hervor. Als sein Blick auf den Tisch fiel, rief er aus voller Brust: "Juchhe!" Sein Hut war mit funkelnden Zwanzigern gefüllt bis zum Rand. Allein für den Augenblick hatte er nicht Lust, sie zu zählen.

Er ging wieder neuerdings Scheiter in den Ofen zu werfen, damit das ausgekältete Gemach wieder behaglich erwärmt würde. Die sonderbaren Männer sind niemand anders gewesen, als die Geldhüter hoch oben an der reichen Spitze.

Daselbst sind unerschöpfliche Schätze; wer bei seinen Lebzeiten davon etwas nimmt, der muß nach dem Tode die kalte Pein leidend dabei Wache halten, bis er von einen Schicksalsgenossen abgelöst wird. Sieben haben diesen Dienst immer zu versehen. Viel Ähnliches erzählt man von der reichen Spitze in der Gerlos. (Beilage zur Donau 1855 Nr. 392.)

Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 357, Seite 196 f.  

Nach oben scrollen