2. Dezember

Das Klingen im Felsen

In der Nähe des Dorfes Ried im Oberinntale liegt die Laderalpe auf luftiger Höhe, und auf dieser steht eine Felswand auf, welche der Preischlfelsen oder auch das Preischlschröfele genannt wird. In diesem Felsen wird bisweilen ein seltsames Klingen wahrgenommen wie von Kuhschellen, und es lautet ganz eigen und geheimnisvoll.

Einst hütete ein noch lebender, glaubhafter Mann als Kleinhirte auf der Laderalpe die Kühe. Es war Samstag, und da der darauffolgende Sonntag ein hoher Festtag war, so wurde das Ave Maria früher geläutet, deshalb trieb der Kleinhirte noch nicht das Vieh auf der Alpe zusammen, ja er verspätete sich sogar damit in etwas. Als er aber endlich doch das Vieh zusammengetrieben hatte und hinter demselben dreinging, hörte er noch eine Schelle, und zwar beim Preischlschröfele.

Er meinte nicht anders, als daß eine Kuh zurückgeblieben, kehrte um und suchte. Da klang es oben - er kletterte am Preischlschröfele hinauf, da klang es unten. Der Kleinhirte kletterte wieder herab und horchte, da klang es wieder drinnen. Er stieg eine Klippe in der Mitte der Wand hinunter, ob da nicht eine Kuh vielleicht hinabgefallen, obschon es bereits dunkelte - aber er fand nichts, nur das Schellenklingen dauerte fort und fort, bis es tief innen im Fels leise verhallte und erstarb. Jetzt grauste dem Kleinhirten, er eilte dem Vieh nach, blickte aber noch furchtsam zurück - da sah er hinter sich am Fuße des Felsens ein Lichtlein, das wuchs zu einer Flamme auf, loderte hoch über den Felsen empor und erlosch plötzlich. Als dies geschah, begann das Vieh wie rasend zu laufen, bis es atemlos am Hange ankam.

Der Hirte schalt und fluchte über den Kleinhirten, daß der das Vieh so jage, und als letzterer erzählte, was er gehört und gesehen, glaubte ihm der Hirte keineswegs. Nach dem Nachtessen ging der Hirte selbst im hellen Mondschein zum Preischlschröfele hinüber, kam aber bald zurück, und zwar leichenblaß. Gegen seine Gewohnheit betete er diesmal den heiligen Rosenkranz selbst vor und antwortete auf Befragen, was ihm begegnet sei, weiter nichts, als: "Morgen haben wir Schnee!" Schon früh vier Uhr weckte er die Alpenleute.

Der Schnee war da und lag drei Fuß tief; die Hirten und Sennen hatten Not, mit dem Vieh zu Tal zu fahren. Schwer und ungern erzählen die Sennen von der Laderer Alm, denn sie meinen, jenes Schellenklingen und jene Lichterscheinung rühre her von einer armen Sennen- oder Hirtenseele oder einem Almputz, und Geister darf man nicht nennen, sonst kommen sie und beunruhigen den Erzähler.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 227. 

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