Ötzis Leibarzt

Die Mumie ist umgeben von eifersüchtigen Wissenschaftlern. Einer hat etwa einen Zehennagel gestohlen und rückt ihn partout nicht heraus
Ötzis Leibarzt
(Credit: Helmuth Schönauer)

Spontan auftauchende Leichen überfordern alle, nicht nur Krimi-Leser. Als nach fünftausend Jahren Ötzi unter den Tirolern ausapert, ist niemand vorbereitet, und man bearbeitet ihn im ersten Arbeitsgang mit Eispickel und eisigem Gelächter.

Mittlerweile liegt Ötzi bestens betreut und wissenschaftlich umkost in Bozen und ist das einzig schlechtwettertaugliche Highlight Süd- und Nordtirols. Erst durch das wundersame Interview Heinrich Schwazers mit Ötzis Leibarzt Eduard Egarter Vigl kommt man als Ötzi-Fan drauf, welche wissenschaftliche und experimentierfreudige Arbeit hinter der Aufarbeitung der Mumie steckt. Wäre Ötzi ein Kontinent, so wäre Eduard Egarter Vigl sein Columbus.

Der Fall Ötzi wird aus der Sicht seines Kommissars erzählt. In einem spannenden Fließtext sind zur Kleingliederung Fragen eingestreut, während große Satzblöcke die wichtigsten Thesen herausstreichen. So entsteht eine reale Abenteuergeschichte, wie man sie sich an langen Abenden wünscht, wenn Haudegen zu erzählen beginnen.

Nachdem man Ötzi aus dem Eis geschlagen hat, setzt sofort das Gezerre ein, wem er gehört. Die segensreiche Autonomie macht jenen Kompromiss möglich, dass er nicht nach Rom muss und dennoch nach Italien geht, wo man ihn in Bozen ausstellt, nachdem er in Innsbruck waghalsig spekulativ untersucht worden ist.

Der Pathologe Eduard Egarter Vigl kommt zu seiner Eis-Mumie mit der Begründung, dass er sich bei Leichen ohnehin auskennt. Nun ist der Fall aber so einmalig, dass man nicht weiß, wie man ihn ausstellen soll. Die rettende Idee kommt dem Pathologen in Gröden, wo er sieht, wie Eisskulpturen gestaltet und konserviert werden. Mit etwas Glück wird man Ötzi hundert Jahre fehlerfrei ausstellen können, und dann wird man eine Methode gefunden haben, wie es weitergeht, wenn man Ötzi dann noch sehen will.

Die Mumie ist umgeben von eifersüchtigen Wissenschaftlern. Einer hat etwa einen Zehennagel gestohlen und rückt ihn partout nicht heraus, ein anderer vergleicht Ötzi mit einem offenen Adventkalender, weil man alle paar Zentimeter die Haut aufgeschnitten hat, um zu sehen, ob vielleicht eine Überraschung darunter verborgen ist.

Den Mageninhalt hat man erst spät entdeckt, weil er durch den Eis-Druck verrutscht ist. Mit der Zeit hat man auch den Penis gefunden, der sich im keuschen Land lange hat verstecken können. Und die größte Überraschung ist schließlich die Entdeckung der Pfeilspitze, an der Ötzi gestorben ist. Diesen kriminellen Touch hat man in Innsbruck übersehen, was zu Reibereien führt. Wie kann ein Wissenschaftler dem anderen erzählen, dass er eine Flasche ist, ohne dass alles in Kränkung übergeht?

Längst ist Ötzi auch ein politischer Machtfaktor geworden. Nach einem Vertrag gehört er der Südtiroler Landesregierung und der Landeshauptmann bestimmt höchst persönlich, wie die Sache weitergeht. So schnell Eduard Egarter Vigl als Spezialist installiert worden ist, so schnell kann er auch weg sein, wenn er nicht spurt. Im Land herrschen eben andere Drücke und Gesetzmäßigkeiten als unterm ewigen Eis.

Vergleiche mit anderen Mumien, mit Tutanchamun und Inka-Reliquien stellen den Fall Ötzi in einen universalen Zusammenhang. Das Buch erzählt und erzählt und in einer Stunde sind fünftausend Jahre vergangen.

Eduard Egarter Vigl: Ötzis Leibarzt. Ötzi, Tutanchamun und Kriminalfälle. Heinrich Schwazer im Gespräch mit dem Pathologen. Mit Fotos.

Bozen: Edition Raetia 2017. 182 Seiten. EUR 17,90. ISBN 978-88-7283-430-5.

Eduard Egartner Vigl, geb. 1949, ist Pathologe und Ötzi-Forscher.

Heinrich Schwazer, geb. 1959, ist Journalist bei der südtiroler tageszeitung.

Helmuth Schönauer 29/03/18