Tirolensie des Monats Juni

Eine Universität ist immer das, was sie nicht sein will.
Timo Juni

Die Universität

 

 

Am klügsten sind immer jene Romane, wo sich ein Held aufmacht nach Tirol, durch gute Fügung aber von diesem Wahnsinn abgehalten wird

Andreas Maier hat seine ersten Romane in Brixen geschrieben, ein Highlight ist dabei der Gerüchte-Roman über die mauschelnde Stadt Klausen. Mittlerweile arbeitet er beharrlich an einer Autofiktion, wo ein ziemlich autobiographischer Held sein bisheriges Leben in genießbare Portionen zerlegt. Dabei unterstützen persönliche Erfahrungen den allgemeinen Sound oder ergänzen diesen, wenn es sich um eine besonders individuelle Erfahrung handelt.

Im Roman „Die Universität“ ist der Ich-Erzähler in Frankfurt inskribiert und will in den Semesterferien 1988 abhauen in den Süden, wenigstens bis Südtirol. Weil der Fahrkartenschalter nicht richtig spurt, plant der Held um, lässt Südtirol sausen und kehrt wieder heim in den fuzzigen Ort Butzbach, wo er die Tochter eines Buchhändlers für ein Leseabenteuer sucht.

Eine Universität ist immer das, was sie nicht sein will. Von der Frankfurter Universität erfahren wir vor allem, dass sie schwindlig, wenn nicht sogar krank macht. Der Held hat sich eine überschaubare Dosis Alkohol zu allen Gelegenheiten angewöhnt, und mit der Zeit leidet er an Schlafstörungen und Schwindelgefühl, was er auf das Studium zurückführt.

Ein erfahrener Arzt hört ihm zu und gibt ihm zu verstehen, dass man die wichtigsten Dinge des Lebens nicht erklären kann, Gesundheit zum Beispiel. Auf der Suche nach einem Zimmer stößt er beim Probeliegen auf ein Erotikmagazin des Hausherrensohns, er rubbelt ein wenig herum und lehnt dann das Zimmer ab. Ein anderes Zimmer nimmt er, weil die Matratzenfläche dem Seelenzustand am nächsten kommt.

Bemerkenswert ist dieser Sound, der vor allem in philosophischen Abteilungen herumgeistert, „evident“, „heuristisch“ oder „a priori“ müssen in jedem Satz verwendet werden, soll dieser eine Aussagekraft haben. (99) Da trifft es sich gut, dass der Held als Reservepfleger auf die alte Adorno-Witwe angesetzt wird, die einen Knall hat und mit ihren scharfen Fingernägeln alles zerkratzt, was ihr in die Nähe kommt. Während in der Wohnung des verstorbenen Philosophen Adorno sich die Belegexemplare stapeln, versteht es die Witwe, mit ein paar Urinstinkten des Überlebens alle wahnsinnig zu machen und zu betonen, dass auch sie eine wichtige Existenz ist.

Ernüchtert von dieser Realität widmet sich der Erzähler seiner Hausarbeit über Identität, die verwendeten Thesen haben aber kaum etwas mit jener Welt zu tun, die sich rund um den Frankfurter Campus abspielt. Als er mit einem Opel im Verkehrsgewühl untertaucht, kapiert er schließlich, was in der Gesellschaft philosophisch los ist: Alles ist Auto!

Andreas Maier erzählt wundersam ironisch vom Zeitgeist, den Floskeln der Zeit und den sinnlosen Hofknicksen der denkenden Kaste. Der Erzähler beschönigt nichts und staunt am Ende selber, wie gut das alles ausgegangen ist mit der Universität, zumal er ja nicht nach Südtirol gefahren ist.

 

Andreas Maier: Die Universität. Roman.

Berlin: Suhrkamp 2018. 147 Seiten. EUR 20,60. ISBN 978-3-518-42785-9.

Andreas Maier, geb. 1967 in Bad Nauheim, erste Romane verfasst in Brixen/Südtirol, lebt in Hamburg.

Helmuth Schönauer 03/04/18