Ungemach

Alte Bernhard-Leser verlesen sich natürlich, wenn ihnen plötzlich der schroffe Titel „Ungemach“ entgegenfliegt, das hat doch bei Bernhard 1968 Ungenach geheißen? Man kann zwar denken, was man will, aber nicht wollen, was man will
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(Credit: Verlag)

Christoph Linher kennt natürlich aus der Innsbrucker Germanisten-Zeit seinen Bernhard, und als Sprachmeister weiß er, dass Ungemach eine Literatursorte ist, die in jeder Epoche neu geschrieben werden muss. Der Ich-Erzähler Maurig aus dem Jahre 2017 fliegt auf der ersten Seite aus dem Rechtswesen, als man ihm seine Anwaltslizenz entzieht.

Hinten im Gebirge wohnt seine Großtante, die schon lange mit dem Tod kämpft, und die er jetzt endlich besuchen kann. Es kommt zu diesen wunderschönen Seelen-Entrückungen, wenn der städtische Erzähler völlig verwirrt vom Föhn und dem Gebirgsdorf seine Mätzchen ablegt und sich ganz auf das Wesentliche beschränkt.

Der Ex-Anwalt steigt in einem Zellen-kleinen Zimmerchen bei der Großtante ab, diese wird von der Pflegerin Frau Althaus betreut. Bald haben sich die drei als minimale Familienaufstellung unter Kontrolle, die Pflegerin hält sich im Hintergrund und legt höchstens wie der berühmte Asamer ein paar Scheite nach, Großtante sitzt im Dunkeln, fürchtet sich vor dem Gewitter und lässt ab und zu höchst seltsame existentielle Pointen heraus. So ist ihr Sohn Fahnennäher in der Schweiz geworden, zu mehr hat es nicht gereicht. Und ihr Vater ist rechtzeitig erblindet, so dass er ihre Hässlichkeit nicht hat sehen müssen, als sie vom Mädchen zur Frau geworden ist. Eines Tages legt sie Maurig einen Zettel hin, dass er das Haus erben wird, und er kriegt anderntags die Verständigung, dass er soeben enteignet worden ist.

Der Erzähler wird im Gebirge immer schwächer und hinfälliger, einmal schafft er es gerade noch zur Ruine, dann legt er wieder kleine Ziele fest, die er atemlos erreicht. Und immer, wenn er so ein Ziel schafft, schlägt das Wetter um.

Die Vegetation hat sich zurückgezogen, wir steuern auf den Jahreswechsel zu. Gegen die Wölfe hält sich jemand zwei Esel, welche alle Feinde verbeißen sollen. Der Bauer nebenan muss seine Geflügelzucht keulen und reißt dabei gleich den ganzen Stall um. Als es im Wirtshaus einmal in die lange Nacht geht, besäuft sich Maurig ungestüm und kriegt einen erotischen Schub. Die Wirtin mit dem Zwergengesicht und der hohen Stirn quillt den ganzen Abend aus dem Dirndl-Mieder, ehe sie ihm dann draußen am Spülkasten kurz den Hintern hinhält, den der Erotisierte dankbar annimmt.

Überall liegen Satzfetzen herum, die einen bedrohen, die Katze am Sims ist konturlos und besteht aus zwei Leuchtknöpfen, der Wildbach kommt zum Stillstand und es wird schrill-leise. Warum ist mir nie ein Ort zur Heimat geworden? (16) Es gibt tote Winkel der Zeit (50) und der Tod ist etwas, was nur dem Menschen zugestanden wird. (54) Wir werden an der eigenen Sprache ersticken. (106)

Mit einem einzigen Satz fasst die Großtante ihr Leben zusammen, das sie offensichtlich doch nicht beenden wird. „Man kann zwar denken, was man will, aber nicht wollen, was man will.“ (111) Der Held macht sich wortlos auf den Weg, als der Bauer den größten Teil des Hofes umgelegt hat.

Ein analog-grandioser Roman, bei dem Leben und Tod ohne Smartphone erzählt werden.

 

Christoph Linher: Ungemach. Roman.
Salzburg: Müry Salzmann 2017. 125 Seiten. EUR 19,-. ISBN 978-3-99014-156-4.
Christoph Linher, geb. 1983 in Bludenz, Germanistik-Studium in Innsbruck, lebt in Feldkirch.

Helmuth Schönauer 11/03/18