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Tirolensie des Monats Feber

Uli Brée erzählt voll im Zeitgeist liegend und schafft dadurch Zeitgeist.

Schwindelfrei

Das Genre Vorabendserie prägt die Fläche einer Gesellschaft mit seinem absoluten Zeitgeistanspruch mehr als jegliche Art von Literatur. Wer in diesem Genre unterwegs ist, dem wird anschließend in der Literatur scharf auf die Finger geschaut.

Uli Brée ist mit seiner TV-Serie der „Vorstadtweiber“ in aller Munde. Und seit jeder erotische Touch außerhalb des Screens zu einer Gerichtsverhandlung führen kann, schaut man sich jeden Po-Griff zweimal an, ob er politisch korrekt ist oder nicht. Die Vorstadtweiber geben dabei ein loses Regelwerk absurder Begegnungen zwischen Männern und Frauen ab, die gerade noch nicht gerichtlich geahndet werden.

In der schwindelfreien „Begegnungssammlung“ Uli Brées kommen nun in literarischer Aufmachung Männer und Frauen zusammen, die abwechselnd über das Wunder der Erotik staunen, wenn sie es am eigenen Leib erfahren. Alphabetisch wohl geordnet matchen sich von Annette über Mutti bis Zores Männer mit auffälligen Frauen, oft wird die Begebenheit aus einer Drohnensicht beschrieben, was die erotischen Ameisen besonders einfühlsam aufeinander zugehen lässt, meist aber sind es berufliche oder biographische Grundsituationen von Macht und Distanz, die es dann doch noch irgendwie funken lassen. Allein schon der Untertitel Frauen sind gar nicht so, sie sind ganz anders, deutet auf einen Erzählstandpunkt hin, der hauptsächlich ein männlicher ist.

Das kann eine Abrechnung eines ehemals irritierten Schülers mit seiner Klassenlehrerin sein, das kann die Störung eines männlich geprägten Familienlebens durch ein Kindermädchen sein, das kann aber auch auf eine zwischenzeitliche Psychose eines Scheißkerls hinauslaufen, der alles verbockt.

Die einzelnen Begebenheiten sind meist knallig und „filmreif“ wie im TV. Eine Pizza führt richtig aufgetischt stracks zu einem Orgasmus. Ein altes Tastentelefon lässt die Finger sich vortasten zur begehrten Frau. Ein Paar misst mit den Maßzahlen des abgelaufenen Lebens auf dem Meterband nach, wie oft es noch intim zusammen sein kann. Ein Sohn hat ein hohes Frauenbild von seiner Mutter, weil diese der Pille getrotzt hat und Papst Paul VI enzyklisch gefolgt ist. In einem kurzen Sehnsuchtsflash tritt Olga Konjunktinova auf, natürlich voller Möglichkeitssinn.

Aus den Episoden quellen immer wieder markante Sätze und Lebensweisheiten. „Liebe ist nur ein unverlässliches Hormon.“ (34) „Er wollte sich umbringen. Er war zu alt für eine Weltkarriere, zu jung für die Pension und zu müde für eine Affäre. Ein Scheißalter.“ (143)

„Zwei Ratlose, die ihre Liebe zu Tode schweigen.“ (54)

Uli Brée erzählt voll im Zeitgeist liegend und schafft dadurch Zeitgeist. Schnell, auf den Punkt gebracht, wegwischbar. Seine Geschichten sind Apps, die sich selbst updaten oder löschen, je nach Befindlichkeit des Lesers. Eine interessante Studie zur Gegenwart, nicht nur, weil sich die Helden an einem türkisfarbenen Faden aus der Affäre ziehen. (125)

 

Uli Brée: Schwindelfrei. Frauen sind gar nicht so, sie sind ganz anders.
Salzburg: Residenz 2017. 150 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7017-1689-0.

Uli Brée, geb. 1964 in Dinslaken, lebt seit 2014 in Mieming.

Helmuth Schönauer 05/11/17