Tirolensie des Monats Mai

„Bluten Sie woanders!“ sagt der Hausbesitzer, als der Held mit dem Fahrrad auf seinem Grundstück gestürzt ist.
Tirolensie des Monats Mai
(Credit: Hanser Verlag)

Die kommenden Jahre

Einem Weltroman gelingt es mit ein paar Anstichen, Atmosphäre, Zeitgeist und politischen Status einer Jahresgegenwart darzustellen. So ein Roman wird dann zu einem Referenztext, der wie ein Ohrwurm der Beatles eine Gefühlslage flächendeckend beschreiben kann.

Norbert Gstrein hat um die Allerweltsfloskel „die kommenden Jahre“ einen stillen Roman verfasst, bei dem es gar nicht so einfach ist, ihn durch eine Handlung zu begreifen. Es geht um Vieles, um Oberflächliches wie die Öffentlichkeit, und Intimes wie die Ehe. Über einen vagen Erlebnisstrom sind die Koordinaten von zwei Welten gelegt, der Bücherwelt und der Gletscherwelt.

Der Icherzähler Richard ist Gletscherforscher und auf einer Auszeit in Kanada, in das seit Donald Trump auch eingefleischte Amerikaner auswandern wollen. Seine Frau Natascha ist Schriftstellerin in Hamburg, zusammen haben sie die Tochter Fanny und von Natascha stammt das Sommerhaus, das zur Abrundung einer gelungenen Familie dient.

Während Richard, seit er als Kind im Tiroler Elternhotel immer wieder in der Kühlkammer eingesperrt worden ist, naturgemäß die Kälte sucht und somit alles, was mit dem Klimawandel zu tun hat, sucht Natascha ebenso naturgemäß die Wärme der Menschlichkeit, indem sie eine syrische Flüchtlingsfamilie im Sommerhaus aufnimmt.

Aber Literaturbetrieb und Klimawandel sind längst öffentliche Angelegenheiten geworden. In einem Video wird die humanistische Aktion verbreitet, und als dann auch noch ein neues Buch der Schriftstellerin mit Flüchtlings-Sound erscheint, treten Zweifel auf, ob nicht die ganze erfahrbare Welt längst eine Inszenierung geworden ist.

Und in der Tat ist fast nichts eindeutig. Rund um das Sommerhaus strolchen Jungs herum und bedrohen die Flüchtlinge. Sinnigerweise grenzt an das Anwesen eine Schönheitsfarm, in welcher sich Betuchte den Hintern nach dem Menschenbild der Betuchten formen lassen. Die Auseinandersetzung eskaliert, als die syrischen Kinder entführt werden, aber andererseits ist alles ein Abenteuerspiel und die Polizei wäre beim Einschreiten lächerlich.

Der Roman setzt sich über lange Strecken aus erzählter Entfernung zusammen. Richard arbeitet in Kanada seine persönlichen Klimastörungen auf, Natascha in Hamburg ihre verstörten Menschenbilder. Die Kommunikation geschieht realistisch über Skype, aber als der Held nach einem Fahrradunfall fürchterlich ausschaut, klebt er das Skype-Auge zu und gibt eine Störung vor. Selbst eine Übertragung in Echtzeit ist nicht vor Fake-Einlagen gefeit.

In zwölf gegengeschnittenen Kapiteln wird in einem HD-Realismus erzählt, wie sich die einzelnen Wahrnehmungen der Reihe nach auflösen und zu einem Gefühl werden. Das Schlusskapitel ist als Wunschkonzert angelegt. Einmal inszeniert es für Literaturliebhaber eine mathematisch genaue Fiktion, dann wieder für Romantiker eine berührende Liebesgeschichte. Und dann gibt es etwas, was Wirklichkeit genannt wird. Der Flüchtlingsvater schießt auf die bedrohlichen Einheimischen und zerstört alle Hoffnung. Die guten Bilder und die schöne Menschlichkeit gehen zu Boden, wie immer, wenn eine Waffe im Spiel ist.

Norbert Gstrein bietet für die kommenden Jahre ein Gefühl an, das so genau ist, als hätte es jeder einzelne schon genau so erlebt. Solidarität durch vernetzte Vereinzelung. „Bluten Sie woanders!“ (104) sagt der Hausbesitzer, als der Held mit dem Fahrrad auf seinem Grundstück gestürzt ist.

 

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Roman.

München: Hanser 2018. 288 Seiten. EUR 22,70. ISBN 978-3-446-25814-3.

Norbert Gstrein, geb. 1961 in Mils/Imst, lebt in Hamburg.

Helmuth Schönauer 21/02/18