Tirolensie des Monats April

Im postmodernen Literaturbetrieb steckt ähnlich einer russischen Puppe immer eine Inszenierung in der anderen
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(Credit: Berlin Verlag)


Romeo oder Julia

Im postmodernen Literaturbetrieb steckt ähnlich einer russischen Puppe immer eine Inszenierung in der anderen. Mal ist es ein Buch, dann ein Festival, dann eine biographische Begebenheit, dann ein Traum, dann eine Love-Story aus der Erinnerung. Alle sind nach einem positiven Strickmuster geformt, damit sie auf den Klappentext passen.

Gerhard Falkner macht sich mit seinem Roman „Romeo oder Julia“ über den Literaturbetrieb lustig und würdigt diesen als Arbeitgeber, der ständig die letzte absurde Kraftanstrengung von einem Autor fordert. „Kurt Prinzhorn, Kunst und Logis“ entwickelt sich als Visitenkarte, welche den Eintritt in alle Literaturgesellschaften dieser Erde ermöglicht.

Im aktuellen Fall geht es um Innsbruck, Moskau, Madrid und Berlin, überall ist das bloße Absteigen in der Logis die höchste Kunst. Dass Innsbruck in dieser Liga mitspielt, ist natürlich ein großes Lob für das Literaturfestival Sprachsalz in Hall, das als Ambiente für das erste Kapitel herhalten darf.

Der Ich-Erzähler steigt also im Innsbrucker Hotel ab, es gibt das übliche Saufen, Turteln und Sinnieren, im konkreten Falle führt das „Gehen bei Stifter und Bernhard“ zu einer permanenten geistigen Erektion. Nach der ersten Nacht merkt der Held, dass jemand unbemerkt in seinem Zimmer gebadet hat, nach der zweiten hat ihm jemand den Schlüsselbund geklaut.

Noch ärger als der Verlust dieser Schlüssel, die zu allen möglichen Dichterwohnungen in halb Europa passen, ist die Unglaubwürdigkeit, in die er mit dieser Geschichte gerät. Neben dem Literaturgelände befindet sich glücklicherweise die Psychiatrie, die für solche Geschichten notfalls Logis hat.

Der Dichter arbeitet in der Folge seine nächsten Dienstorte ab. In Moskau geht es darum, dass die meisten Dichter eher über St. Petersburg geschrieben haben, in Madrid lassen sich wiederum die russischen Dichter besonders gut in der Hitze lesen. In Berlin kommt schließlich die Polizei und erklärt, dass sich in Madrid eine unbekannte Person aus seinem Zimmer gestürzt hätte.

Es bleibt alles rätselhaft, aber es lässt sich vielleicht eine verkaufbare Geschichte daraus machen, wenn man die unbekannte Frau als Stalkerin der Haller Psychiatrie umformt. Ein guter Name für diese Rolle ist Veronika Ruffiner, die wie die Haller Dichterin des Ständestaates klingt. Ja, diese Frau steigt dem Autor nach und lässt dabei den schönen Satz fallen: „Ich war auch nichts weiter als einer dieser Buchrücken in deiner Bibliothek.“ (257)

Gerhard Falkner lässt die Leserschaft klug im Ungewissen, erzählt er nun den puren Schas auf höchstem Niveau, oder wird der Literaturbetrieb durch seine kluge Erzählweise zum Schas. Die Anspielungen sind mannigfaltig. „Wenn jemand sehr aufmerksam ist, bemerkt er möglicherweise fast alles.“ (235) Vermutlich muss man sich als Leser für eine der beiden Absichten entscheiden, es heißt ja schließlich Romeo oder Julia.

 

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia. Roman.

München: Berlin Verlag bei Piper 2017. 266 Seiten.. ISBN 978-3-8270-1358-3.
Gerhard Falkner, geb. 1951 in Schwabach, lebt in Berlin und Weigendorf.

Helmuth Schönauer 18/09/17