Eine Million Kilometer durch Innsbruck

„Südtiroler“ ist im Innsbrucker Taxi-Jargon jemand, der kein Trinkgeld gibt.
18TIMO_August
(Credit: Wagnersche)

Spätestens seit den frühen Funkstücken des Peter Handke gilt das Taxi als eines der innigsten Erzählmittel, wenn es um die Geräusche und Geschichten einer Stadt geht. Nicht umsonst hat jede Stadt ein eigenes, unverwechselbares Grundgeräusch.

Gernot Zimmermann ist ein Vierteljahrhundert lang in Innsbruck als Taxler unterwegs gewesen, dabei hat er die sprichwörtliche Million an Kilometern heruntergespult und gut zweihunderttausend Fahrgäste kutschiert. Jeder Innsbrucker ist statistisch gesehen einmal bei ihm in der Fahrgastzelle gesessen.

Der ausgefuchste Taxler und spätere Journalist wickelt seine Jahrzehnte als große Erzählung ab, die in hunderte Anekdoten zergliedert ist, welche nahtlos ineinander übergehen. Wie ja auch eine Taxifahrt immer in die nächste übergeht, bis man aufhört. Denn ohne Taxifieber lässt sich auf Dauer kein Taxi lenken, und wer das Fieber einmal hat, kann nicht mehr aussteigen.

Die kleinen Partikel ergeben mit der Zeit ein wundersames Bild von Innsbruck in den 1980er und 1990er Jahren. Das beginnt mit Routen, die heute wegen geänderter Einbahnen nicht mehr möglich wären, steigert sich über Lokalitäten, die mittlerweile legendär sind, hin zu Verfolgungsjagden, die man sich in Zeiten ohne GPS und Videoüberwachung noch leisten konnte. Bereits die Taxiprüfung hatte im vorigen Jahrhundert die Ausmaße eines Rigorosums, musste man doch ohne Navi alle Seitengassen auswendig kennen und im Kopf die günstigste Fahrtroute berechnen. Mit diesem ökonomischen Raster im Kopf sieht man plötzlich die Stadt mit anderen Augen.

Hauptaugenmerk wird natürlich auf die verschiedenen Autos, Chefs und Kollegen gelegt, weil man mit diesen ein Leben lang zusammen ist, zum Unterschied von den Fahrgästen, die manchmal nur eine kurze Strecke ausfassen, wie jene Familie, die vor dem alten Hauptbahnhof einsteigt, um quer über den Südtiroler Platz ins Hotel Europa zu fahren.

Natürlich kommen im Laufe der Jahre jede Menge skurriler Typen zusammen, Zuhälter, leichte Damen, angesoffene Hofräte, große Kinder, denen das Leben einen Strich durch die Träume gemacht hat. Ein paar Mal wird es auch gefährlich, wenn der Driver in Untergrund-Auseinandersetzungen gerät, manchmal sind auch die Passagiere so daneben, dass sie beim Bezahlen ausrasten. - Und immer wieder Kilometer, Geographie, Straßennetz. Man glaubt es kaum, wie groß so eine mickrige Stadt wie Innsbruck sein kann, wenn man eine Million Kilometer darin machen muss.

Zur Jahrhundertwende ist dann Schluss für den Taxler Zimmermann. Ein Grund ist unter anderem, dass es sowohl unter den Fahrern als auch unter den Gästen kaum mehr Deutschsprachige gibt. Das Taxigewerbe ist längst ein globales Unternehmen geworden, in dem die einsprachigen Bewohner oft in der eigenen Stadt untergehen.

Ein Glossar lässt noch ein paar Sprach-Blitze aus der alten Welt aufglühen. „Auflegen“ heißt, jemanden mitnehmen, „schießen“ heißt, den Chef prellen, „Südtiroler“ ist jemand, der kein Trinkgeld gibt.

 

Gernot Zimmermann: Eine Million Kilometer durch Innsbruck. Fotos.
Innsbruck: Wagner‘sche 2018. [Erinnerungen an Innsbruck].
ISBN 201-7-1013-79629.

Gernot Zimmermann, geb. 1962 in Innsbruck, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer