Tirolensie des Monats

Um wirklich unsterblich zu werden, musst du zu einem Mythos mutieren.
Mein haßgeliebtes Bruneck

Mein haßgeliebtes Bruneck

Um wirklich unsterblich zu werden, musst du zu einem Mythos mutieren. Die Zeitgenossen eines Mythos sitzen Jahr für Jahr fassungsloser vor diesem Satz und rechnen ihr armseliges Leben mit siebzig gegen den aufregenden Mythos eines Helden auf, der schon beinahe ein halbes Jahrhundert tot ist.

norbert c. kaser hat sich genial in jenen Mythos hineingeschrieben, den seine Zeitgenossen von ihm verlangt haben. Er hat offensichtlich so genau die Südtiroler Seele getroffen, dass diese ihm zwar zu Lebzeiten nichts, anschließend aber alles an Anerkennung verpasst hat. Preise, Schulen, Vorlässe, alles, was die Romantik heroischen Helden zu bieten hat, ist für norbert c. kaser aufgeboten worden. Gerüchtehalber soll sogar der Haymon-Verlag als Vater aller Nachlässe nach dem toten Hund Kasers (Haymo) benannt sein.

Dazu gehört auch das ständige Nachjustieren und Nachmessen seines Wirkens. Nachdem die Zeitgenossen schon alles gesagt haben, inklusive des schönen Scheichl-Diktums, wonach Bruneck für Kaser das ist, was Dublin für Joyce gewesen ist, steigt jetzt die nächste Generation in den Würdigungsring und schlägt sich vortrefflich.Joachim Gatterer macht rund um die Stadt Bruneck ein klares Lesebuch, in dem Politik, Kirche, Schule, Stadt und Gesichter ohne jegliche Aufregung gewürdigt werden. Die einzelnen Abschnitte setzen mit einem Quadrat-Punkt ein und kommen gleich zum Thema.Dadurch kommen auch die Tagesverfassungen des Kaser unverfälscht zum Vorschein, Fotos
geben dem Ganzen die Aktualität einer Sozialstudie, worin eine aufgeweckt-gedemütigte Seele sich die Tageseindrücke vom Leib schreibt. Da bleibt phasenweise nichts für Dichterromantik übrig, es geht ums nackte Überleben und Saufen. Dass bei dieser Gelegenheit die biederen Zeitgenossen als scheinheilig und von Gestern rüberkommen, liegt oft eher am Dusel als in einer seriösen Analyse. Gerade weil zwischen Bettel-Postkarten, Gedichten und patriotischen Aufrufen nicht unterschieden wird, ergibt sich dieser einmalige Kaser-Ton, der oft als biblisch-pathetisch wahrgenommen wird und heute, vierzig Jahre nach seinem Tod, auch mit der entsprechenden Milde der Nachfahren gesehen wird. Nach vierzig Jahren wirkt Kaser ähnlich aufwühlend verrannt wie Reimmichl nach siebzig Jahren.

Das „haßgeliebte Bruneck“ ist jedenfalls ein wunderbares Buch geworden, das Zeitzeugen, Nachfahren und vor allem der Stadt Bruneck gerecht wird. Und welches Buch hat schon die
Gnade, mit einem „Jahrhundert-Sager“ enden zu dürfen: „erschlagen haengen / meine haende / ohne finger // in die literatur [Herbst 1968]“

norbert c. kaser: mein haßgeliebtes bruneck. Ein Stadtporträt in Texten und Bildern.
Herausgegeben von Joachim Gatterer. Fotos.
Innsbruck: Haymon 2017. 216 Seiten. EUR 18,60. ISBN 978-3-7099-7283-0.

norbert c. kaser, geb. 1947 in Brixen, starb 1978 in Bruneck.
Joachim Gatterer, geb. 1980 in Bruneck, arbeitet am Brenner-Archiv der Uni Innsbruck.

Helmuth Schönauer 09/04/17