Wintersemester 2019/20

Übersetzungsprojekt Nestroy in Schlagwörtern

Fünf Studierende des Institutes für Translationswissenschaft der Universität Innsbruck – ihre Namen finden sich unter den jeweils von ihnen übersetzten Passagen – haben unter Anleitung von Martina Mayer und Ludovic Milot im Rahmen der Lehrveranstaltung Literaturübersetzen II Deutsch>Französisch im WS 2019/20 einige Passagen aus Werken Nestroys ins Französische übersetzt. Entnommen wurden die kurzen Ausgangstexte Reinhard Urbachs Sammlung Nestroy, Stich- und Schlagworte (1977 im Insel-Verlag erschienen) mit der Zielsetzung, dank einer bewussten Selektion verschiedene Facetten von Nestroys Humor und Sprache zu illustrieren. Präsentiert wurden die Übersetzungen bei einer Lesung im Rahmen des Runden Tischs „Wirklichkeit ist immer das schönste Zeugnis für die Möglichkeit, der am 14.1.2020 im Rahmen der Nestroy-Tage des Innsbrucker Institutes für Translationswissenschaft stattfand. Die Übersetzungen wurden im Rahmen eines Themenschwerpunkts rund um Nestroy auch in der Fachzeitschrift Moderne Sprachen (63.1/2019, siehe auch: https://www.modernesprachen.com/) abgedruckt.

Text: Martina Mayer

Übersetzungen

Beleuchtung

Ich find’, jede Beleuchtung is unangenehm. Wenn man jemanden haßt, is man froh, wenn man ihn nicht sieht – wozu die Beleuchtung? – Wenn man jemanden liebt, is man froh, wenn einem d’andern Leut’ nicht sehn – wozu die Beleuchtung? – Die übrige gleichgültige Welt nimmt sich im Halbdunkel noch am erträglichsten aus; wozu also die Beleuchtung?

Éclairage

J’trouve, chaque éclairage est désagréable. Quand on hait quelqu’un, on est heureux quand on l’voit pas, alors pourquoi cet éclairage ? Quand on aime quelqu’un, on est heureux quand on n’est pas vu par les autres gens, alors pourquoi cet éclairage ? Le reste du monde, sans intérêt, semble encore plus supportable dans la pénombre, alors pourquoi cet éclairage ?

Übersetzt von Anaëlle Demarche, Université de Mons

 

Aristokratie

Hätt’ sich der Adam im Paradies einen Adelsbrief kauft, wären wir jetzt alle gnädige Herrn.

Aristocratie

Si Adam s’était acheté une lettre de noblesse au paradis, nous serions tous des gentilshommes.

Übersetzt von Nina Brader, Universität Innsbruck

 

Antiquariat

Totengräbergeschäft der Literatur.

Antiquaire

Fossoyeur de la littérature.

Übersetzt von Marlies Alber, Universität Innsbruck

 

Altern

Ja, ja, lang leben will halt alles, aber alt werden will kein Mensch.

Vieillir 

Oui, oui, évidemment, vivre longtemps ils le veulent tous, mais devenir vieux, personne ne le veut.

Übersetzt von Lisa Wolwertz, Université de Mons

 

Erde

»Was ist die Erde?«

»Ein Himmelskörper, auf dem die Unglücklichen ein höllisches Leben haben.«

Terre

« C’est quoi la terre ? »

« C’est un corps céleste sur lequel les malheureux vivent un enfer. »

Übersetzt von Nina Brader, Universität Innsbruck

 

Dilemma

Er hat immer ein’n Hamur als wie a Kreuzspinnerin, wenn g’weißingt wird.

Dilemme 

Il a toujours l’humeur d’une araignée porte-croix dont on blanchit le mur.

Übersetzt von Lisa Wolwertz, Université de Mons

 

Landschaftsmalerei

Die Welt wird nicht größer, und die Maler werden immer mehr. Wo was Neues finden? Um jeden steirischen Felsen sitzen drei Maler herum und pemseln drauf los! Jedes Bachbrückel, jedes Seitel Wasserfall prangt auf der Leinwand, das ganze Salzkammergut existiert in Öl, die Schweizer Natur hat keine Quadratklafter mehr, die nicht schon zehnmal in der Kunstausstellung waren.

La peinture de paysages 

Le monde ne devient pas plus grand, et les peintres deviennent toujours plus nombreux. Où trouver quelque chose de nouveau ? Autour de chaque rocher de Styrie, trois peintres sont plantés là et se mettent à barbouiller bêtement ! Chaque petit ponceau, chaque chopine de cascade trône sur la toile, tout le Salzkammergut est fixé dans l'huile, la nature suisse n’a plus une brasse carrée qui n’ait pas déjà été dix fois dans les expositions d’art.

Übersetzt von Albane Grimaud, Université catholique de l’Ouest, Angers

 

Altern

Der Prozeß des weiblichen Altwerdens hat eine durch das Formelle der sozialen Position bedingte, von dem faktischen Jahresquantum abstrahierende Distinktion.

 

Vieillir

Le processus de vieillissement chez les femmes est soumis à une distinction qui est conditionnée par les conventions de la position sociale et qui fait abstraction du quantum effectif des années.

Übersetzt von Lisa Wolwertz, Université de Mons

 

Etymologie

aedificia, Gebäude. Da fällt mir eben wieder die Sprachverwandtschaft dieser beiden Worte auf; das Wort Gebäude stammt offenbar aus dem Lateinischen, aedificium, gaedibicium, gedibicium, gedibäudium, Gedibeidi, Gebäude. So leiten sich unsere meisten Worte von den Römern ab.

Étymologie

oikos, bâtiment. Je viens encore de remarquer la parenté linguistique entre ces mots ; le mot bâtiment vient évidemment du grec, oikos, boikos, boiskomos, boistomenton, bastimentum, bâtiment. Ainsi, la plupart de nos mots dérivent des Grecs anciens.

Übersetzt von Marlies Alber, Universität Innsbruck

 


Links

13.01.2020 Nestroy-Tage | Vortrag von Marc Lacheny (Université de Lorraine, Metz)
Johann Nestroy als Bearbeiter von englischen und französischen Stücken und Romanen: ein Beispiel für Kulturtransfer zwischen Frankreich, England und Österreich im 19. Jahrhundert

14.01.2020 Nestroy-Tage | Runder Tisch mit Lesung
"Wirklichkeit ist immer das schönste Zeugnis für die Möglichkeit."

 

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