2020

Übersetzungsprojekt

Föhntage oder Giorni di vento? Ein Übersetzungsprojekt am INTRAWI ist als Buch erschienen

Im Rahmen eines Übersetzungskurses wurde der Roman Föhntage des  Tiroler Autors Bernd Schuchter am Institut für Translationswissenschaft (INTRAWI) ins Italienische übersetzt und nun veröffentlicht. Die Präsentation der italienischen Übersetzung fand im Oktober 2020 im Zoom-Modus statt und wurde von der Associazione Culturale Antonio Rosmini in Trento organisiert.

 

Im Oktober 2020 fand die Präsentation der italienischen Übersetzung des Romans „Föhntage“ des Tiroler Autors Bernd Schuchter online statt. Das Gespräch mit dem Autor moderierte die Projektleiterin Carla Festi. Einige Lesepassagen aus der italienischen Übersetzung wurden von den Studierenden vorgetragen. Auch Stellungnahmen zur Übersetzungsarbeit im Kurs wurden berücksichtigt.

Für alle Interessierten ist hier der Link zur Präsentation:

https://www.associazrosminitrento.it/video-2020/video-ottobre-2020-2/

 

„Föhntage“ („Giorni di vento“, edizioni Alphabeta Verlag, Merano 2019) des Tiroler Autors Bernd Schuchter steht paradigmatisch für seine literarische Produktion: Er kombiniert Autobiografisches und Historisches, die große Geschichte und die kleinen individuellen Schicksale. Dem Roman vorangestellt ist ein Zitat Kurt Tucholskys. Es thematisiert die Grenze, die Notwendigkeit, die Grenzen des eigenen Landes und der eigenen Zeit zu überwinden, anders gesagt: zu reisen, um sich dem Anderen zu öffnen und über die eigene Zeit hinauszugehen, also Geschichte zu lernen, in die Vergangenheit zu blicken, um die Gegenwart zu verstehen: „Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte“. Etwas Offensichtliches, aber gerade die Geschichte lehrt uns, dass dies selten der Fall ist. Diesem Zitat wäre ein zweites hinzuzufügen, ein Zitat des Dichters Novalis: „Wo gehen wir denn hin? Wir gehen immer nach Hause“.

In diesen beiden Zitaten lassen sich die Themen des Romans umreißen: die Grenze auf der einen Seite und die Suche nach der Heimat auf der anderen. Heimat ist ein in der Südtiroler Literatur oft behandelter Begriff – manchmal kontrovers, beansprucht, auf jeden Fall provokant, und wegen seiner vielen Konnotationen auch schwer zu übersetzen. Das veranlasste uns, an einigen Stellen der italienischen Fassung den Begriff nicht zu übersetzen.

Wie auch in den Romanen des Südtiroler Autors Sepp Mall („An den Wundrändern“) oder der aus Südtirol stammenden Anna Rottensteiner („Lithops. Lebende Steine“) ist diese Heimat mit der Tiroler Geschichte eng verbunden. Anders als in den oben genannten Romanen, werden bei Schuchter die historischen Begebenheiten im Hintergrund der Erzählung zum einen aus der Sicht von zwei Figuren – dem kleinen Lukas und dem alten Lahner –, die beide auf der nördlichen Seite der Brennergrenze leben, wiedergegeben; das Neuartige an der Themabehandlung ist aber zum anderen die italienische Perspektive, hier in der Person des dritten Protagonisten, des Carabiniere Giuseppe Monte.

Wir schreiben das Jahr 1989, Jahr der Wende und Quelle so mancher Hoffnungen. Die Handlung spannt sich aber bis in die heißen Jahre der Südtiroler Autonomiebewegung und noch weiter in die Zeit der Optionen zurück. Josef Lahner musste 1939 mit seinen Eltern den Hof verlassen. Er kam nach Innsbruck und wohnte in den Häusern der Südtiroler Optanten im Stadtteil Pradl. Ein Teil seiner Familie blieb in Südtirol, die sogenannten Dableiber. Die Optanten galten als Verräter an ihrer Heimat. Lahners Trennung von seinen Verwandten wird im Laufe der Zeit zu einem unüberwindbaren Bruch. Ein Familienschicksal voller Widersprüche und Zerrissenheit wird hier gezeigt, das viele Tiroler Familien zeichnete und sie in ihrem Inneren zerbrechen ließ. Diese immer noch unbewältigte Vergangenheit trägt der Autor in das Leben der zwei älteren Protagonisten und schafft so eine gelungene Verflechtung zwischen der subjektiven Nachstellung historischer Tatsachen, die in den Erinnerungen der Figuren noch präsent sind, und der Erzählebene am Ende der Achtzigerjahre.

Die Oberfläche der unbeschwerten Kindheit des elfjährigen Lukas wird allmählich durch Fragen und fehlende Antworten leicht angekratzt. Oder vielleicht fehlen nur die Menschen, die diese Antworten geben könnten. Seine Fragen ergeben sich aus den Beobachtungen, die er jeden Tag macht, in der Schule, zu Hause, auf der Straße, beim Fußballspielen oder wenn er mit seinen Eltern über den Brennerpass in die Ferien nach Italien fährt. Die erste, gleich am Brenner, lässt ihn nicht los: „Warum haben die Orte in Südtirol zwei Namen?“

Wenn Josef Lahner ein schwieriges Kapitel der Geschichte Südtirols am eigenen Leib erlebte, so hatte es auch Giuseppe Monte, Lahners Gegenspieler, bereits vom Namen her, nicht leichter. Aus dem Süden Italiens kommend hat auch er seine Heimat verloren und in Bozen nie Wurzeln geschlagen. Die Erlebnisse als junger Polizist in den Bombenjahren am Brenner sind für ihn immer noch „ein dunkler Raum“, Schuldgefühle und Erinnerungen verdrängt er konsequent. Lahner und Monte trafen sich einmal kurz in jener bleiernen Vergangenheit; als sie einander nach 25 Jahren zweimal zufällig in Innsbruck wieder begegnen, „kippt Lahner in die Bilder seiner Erinnerung“ und auch Monte kann „die Vergangenheit nicht länger ruhen lassen“.

Eine starke Präsenz im Roman hat dieses Schweigen der beiden Erwachsenen über das Erlebte. Sie gehören zu einer Generation, die gelernt hat zu verdrängen. Doch sie muss jetzt, an einem Wendepunkt der Geschichte, endlich mit sich selbst abrechnen. Und sich zur Versöhnung die Hand reichen.

Ins Tor am falschen Ort geschossen landet der Ball von Lukas mitten im Fenster der Wohnung des alten Lahner und das hat nicht nur Glasscherben zur Folge. Die beiden leben in den gleichen Sozialwohnungen, Lukas ist ein Fußballnarr, ein Hofkind; Lahner, den Lukas‘ Mutter als Taugenichts tituliert, ist mürrisch und riecht nach Schweiß und Rotwein: Die Begegnung zwischen den beiden ist zunächst nur ein Akt der Wiedergutmachung für die zerbrochene Fensterscheibe. Allerdings beginnen danach lange Spaziergänge und schließlich eine große Freundschaft, die von Lukas‘ Fragen und Lahners Geschichten erfüllt ist – ein Gehen, das nur scheinbar Selbstzweck ist; zugleich nimmt es die gemeinsame Reise mit der Bahn vorweg, die sie auf der Suche nach Lahners Heimat unternehmen werden.

Auf diesen Spaziergängen entdeckt Lukas die Geschichte, die er nur „sehr weit weg, wie in einem Nebel“ aus der Schule kennt. Er lernt die Geschichte der angeblichen Helden seines Landes und viele neue Wörter wie ‚Physiognomie‘ oder ‚Gewohnheitstier‘. Die Spaziergänge mit Lahner eröffnen ihm neue Welten. Im Roman gibt es z. B. viele Hinweise auf Tiroler Künstler (Egger Lienz, Max Weiler), welche Lahner als Meister in der Darstellung der Tiroler Wesensart ansieht.
 Im Hintergrund dieser Spaziergänge hat der Wind eine ebenso starke Präsenz: der Wind, der uns gleich im ersten Absatz des ersten Kapitels ein sehr symbolisches Bild aufdrängt. Er drückt Lahners Konflikt aus, indem er seine Tränen trocknet, Tränen, die mit der Geschichte verbunden sind, die Lahner in sich trägt und nicht erzählen kann. Ebenso wenig wie er sich selbst akzeptieren kann, sondern auf seiner Opferrolle beharrt.

Endlich löst der Föhn den Nebel auf, als Lahner eine Reise mit Lukas nach Südtirol antritt, um seine Verwandten wiederzusehen. Und endlich hat Lukas die Antworten auf seine Fragen gefunden. Die Frage nach der Heimat wird auf einfache Weise aus der Sicht des Kindes gelöst: Heimat sind die Menschen, die Orte, die Erinnerungen an diese Orte und diese Menschen und die mit ihnen verbrachten Zeit. „All diese Erinnerungen sind meine Heimat“.

Eine Botschaft der Versöhnung geht von diesem Roman aus: wie notwendig es sei, Grenzen (oft konventionelle oder willkürliche Grenzen), die geistige, ideologische Barrieren darstellen, zu überschreiten und ohne Vorurteile den Menschen auf der anderen Seite der Grenze zu begegnen. Eine Botschaft für unsere zerrissene Zeit, die weit über die im Buch geschilderte Situation in Südtirol hinausgeht. Eine Botschaft, welche die Politik auch heute noch schwer zu begreifen vermag, ist sie doch immer auf der Suche nach dem Feindbild, an dem sie sich abarbeiten kann.

Bernd Schuchters „Föhntage“, nun auch in italienischer Übersetzung, schafft es, die bewegte Geschichte Südtirols auch jüngeren Lesern nahe zu bringen, ohne als Jugendbuch zu gelten. Nicht zuletzt: Dieses Buch wirft Fragen auf. Das Schweigen der beiden Protagonisten wird von Lukas‘ Fragen gestört. Dieses unbequeme Fragenstellen wäre eine gute Praxis, auch und gerade für die Jüngeren.

Text und Fotos: Carla Festi


 

Aus der INTRAWI-Übersetzungswerkstatt

Das aufwendige Übersetzungsprojekt „Föhntage/Giorni di vento“ am Institut für Translationswissenschaft (INTRAWI) erstreckte sich über zwei Semester im Jahr 2018 und 2019. Neun Studierende nahmen teil: Luisa Cerani, Alberto Geat, Christina Hörmann, Fabio Manon, Laura Rebosio, Vera Valduga, Tobias Venzo, Madelaine Vikoler und Fabiana Villotti.

Die 22 Kapitel des Buches wurden in Abschnitte unterteilt, so dass jede Person wöchentlich 300 bis 400 Wörter übersetzen musste. Wie bei Fachtexten bedarf es auch bei der literarischen Übersetzung einer eingehenden Dokumentations- und Recherchephase. Auch Fotos und Besichtigung der im Roman angeführten Schauplätze waren ein Teil des Projekts. Bei zwei Treffen mit dem Autor konnten offene Fragen geklärt und Hintergründe zum Werk in Erfahrung gebracht werden. Alle Studierenden erstellten vor Beginn der Übersetzungsarbeit eine detaillierte Analyse des Romans. Weiters wurden Figurenkonstellationen sowie problematischer Wortschatz analysiert.

Wir tauschten die übersetzten Textabschnitte untereinander zum Korrigieren aus, im Unterricht wurden sie dann besprochen. Gemeinsam wurde diskutiert, interpretiert und nach Lösungen gesucht. Die Übersetzungsteams bestanden aus italienischen und deutschen MuttersprachlerInnen, was sich als großer Vorteil erwies. Das kollektive Übersetzen bringt einen höheren zeitlichen sowie organisatorischen Aufwand mit sich, dafür ergeben sich mehrere unterschiedliche Sichtweisen und kreative Vorschläge, welche eine bestmögliche Übersetzung entstehen lassen. Wir haben unsere Vorschläge mehrmals überarbeitet, problematische Abschnitte zu einem späteren Zeitpunkt neuerlich besprochen. Im Anschluss daran wurde der Text von der Leiterin des Seminars Mag. Carla Festi durchgesehen. Letzte Instanz im Revidieren war dann der Verlagslektor.

Bezüglich der Intertextualität bot der Roman Einiges. Am Anfang liest man ein verschleiertes Zitat aus Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“: „Die Welt ist alles, was der Fallwind ist“. Während im Deutschen der veränderte Teil aus nur einem Artikel und einem Substantiv besteht, ist die Änderung in italienischer Übersetzung etwas länger, weil das Hinzufügen eines ganzen Nebensatzes notwendig ist, damit das Zitat Sinn ergibt: „Il mondo è tutto quel che ci porta il vento“.

Der Terminus „Heimat“ weist im Italienischen eine breite Palette von Übersetzungsmöglichkeiten auf: „casa mia“, „radici“, „terra/luogo/paese natia/o“, „patria“… Wir haben uns für eine „dynamische Übersetzung“ des Terminus entschieden, indem wir sie dem Sprechenden bzw. dem Kontext angepasst haben. „Casa mia“ wurde in informellen Passagen verwendet, während die formellere Variante „patria“ dementsprechend in formelleren Kontexten eingesetzt wurde – zum Beispiel als Wiedergabe des Eigennamens „Neue Heimat“ (Innsbrucker Wohnviertel mit den Neubauten für Optanten). Eine dynamische Übersetzung betrifft auch „Südtirol“, das wir je nach Kontext mit „Sudtirolo“ oder „Alto Adige“, je nach der Perspektive der Figuren, wiedergegeben haben. Wenn Monte von „Südtirol“ spricht, dann lautet die Übersetzung „Alto Adige“ – spricht hingegen Lahner, dann ist es „Sudtirolo“.
 Einige Passagen im Südtiroler Dialekt haben wir nicht übersetzt, weil der Kontext den Inhalt dieser Aussagen genügend vermitteln konnte. Insbesondere bei dramatischen Szenen hätte eine Übersetzung pedantisch gewirkt.

Besonders lehrreich war die Möglichkeit, im Team die Übersetzungsvorschläge zu analysieren. Ein reger Austausch ermöglichte das Stellen und Beantworten von Fragen – nicht nur lexikalischer Natur. Auch die Aufbereitung einiger Vorschläge für den Titel des Romans und die Gestaltung des Umschlags ergaben sich als spannende Beschäftigung. Im Rahmen eines solchen „echten“ Projekts konnten wir einen realen Einblick in den Prozess des literarischen Übersetzens als Ganzes gewinnen.

 

Text: Christine Hörmann, Laura Rebosio

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