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Copy of Außerhalb der Kirche kein Heil?

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Wie lange ist es her, dass man von der allein seligmachenden Kirche sprach? „Außerhalb der Kirche kein Heil" - so lautete die schroffe negative Formel. Verbunden damit war die Angst um das Heil derer, die der Kirche den Rücken kehrten. Fromme Mütter, die um das Seelenheil ihrer aus der Kirche ausgetretenen Kinder bangen, sind heute selten geworden. Vorbei ist es aber mit den Priestern, die gleich nach einer Geburt herbeieilten, damit ja kein Neugeborenes ungetauft verstorben das Heil verfehlt. Vorbei ist es auch mit Missionaren wie dem vor 500 Jahren geborenen Jesuiten Franz Xaver, der in verzweifelter Eile zehntausende indische Perlenfischer taufte, um sie dem drohenden Höllenfeuer zu entreißen.

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Viel hat sich verändert, zweifellos. Und das hat seine Gründe: Heutige Christen sind tief verwoben mit einer Welt, in der Gott, Religion und Kirche weithin keine Rolle mehr spielen. Es wäre absurd, wenn sie zugleich annehmen würden, dass alles Außerkirchliche der Verdammung preisgegeben ist. Heutige Christen sind es gewohnt, tolerant zu denken. Toleranz wird auch selbstverständlich erwartet von den Vertretern der Kirche. Oft sind es Christen und kirchliche Autoritäten, die am vehementesten für die Rechte von Juden und Moslems eintreten. Bis hinauf zu den Päpsten. Johannes Paul II. hat Beispiele dafür gegeben.

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1. Ein revolutionäres Konzil?

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Wie aber geht diese neue Toleranz der katholischen Kirche zusammen mit einer kirchlichen Tradition, die ihren Gläubigen die Formel „Außerhalb der Kirche kein Heil" mit Nachdruck einschärfte?1

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Gewöhnlich verweist man hier auf das Zweite Vatikanische Konzil: Brachte es nicht einen radikalen Umbruch in das Verständnis von Kirche und Heil? In noch nie da gewesener Weise spricht es von Religions- und Gewissensfreiheit, von einer Heilsmöglichkeit für alle Menschen und von einer positiven Bedeutung anderer Konfessionen und Religionen.

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Nach der Meinung vieler war es ein revolutionäres Konzil, zumindest aber ein fortschrittliches. Es ließ einen katholischen Exklusivismus - Heil exklusiv innerhalb der katholischen Kirche - hinter sich und schritt mutig voran zur Position eines Inklusivismus: Heilsmöglichkeit für alle, sozusagen „all inclusive". Ein Konzil, das es wagte, die frühere Enge hinter sich zu lassen, die Bastionen einer defensiven und triumphalistischen Kirche zu schleifen und mit offenen Armen der Welt entgegenzugehen! Aber ging es weit genug?

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Immerhin machte das Konzil auch Unterschiede: außerhalb der Kirche Elemente von Wahrheit und Heiligung, - und in der Kirche? Die ganze Wahrheit und das ganze Heil? Jedenfalls wird dieses Ganze Jesus Christus zugesprochen. Er ist das Licht der Völker („Lumen gentium") - Licht der Wahrheit und Licht für eine weltweite Versöhnung.2 Wo also in der Welt etwas an Wahrheit oder Heiligkeit gefunden wird, ist es als Licht Christi zu bekennen. Karl Rahner hat die Theorie dazu entwickelt: Außerhalb der Kirche gibt es anonyme Christen. Aber darf ich Menschen, die sich nicht als Christen verstehen (wollen), als anonyme Christen bezeichnen? Vielleicht ist es das größte Kompliment, das ich ihnen als gläubiger Christ machen kann. Dennoch liegt der Verdacht der Herablassung nahe. Inklusivismus kann auch Vereinnahmung bedeuten.

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Hier gehen fortschrittliche Christen und TheologInnen konsequent weiter. „Außerhalb der Kirche kein Heil" → „Außerhalb der Kirche klein Heil" → „Außerhalb der Kirche ein Heil". Nach Exklusivismus und Inklusivismus habe als nächster Schritt der religiöse Pluralismus zu folgen: Viele Wege führen zu Gott.3 Der christliche Heilsweg ist einer von ihnen, - und er hat keinen Grund, sich in Bezug auf Wahrheit und Heiligkeit als den anderen überlegen aufzuspielen. Christus - der Weg, die Wahrheit, das Leben (Joh 14,6)? Für die Christen vielleicht. Im Blick auf die ganze Menschheit wäre zu korrigieren: ein Weg, eine Wahrheit, eine Weise zu leben.

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Dass das auf Widerstand stößt, verwundert nicht. Die Bremser haben schon gesprochen, durch das katholische Lehramt. Im Jahr 2000 verurteilte die Enzyklika „Dominus Iesus" die pluralistische Religionstheologie. Das Dokument trägt die Handschrift des jetzigen Papstes. Ein Rückschritt zurück hinter das Zweite Vatikanum?

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Ein Blick in die Texte ergibt anderes: Dass die katholische Kirche „nichts von alledem ablehnt, was in diesen Religionen wahr und heilig ist", und dass deren Vorschriften und Lehren „nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet", sagt nicht nur der Konzilstext; es wird auch in Dominus Iesus zitiert. Und dass „diese pilgernde Kirche zum Heile notwendig sei" und „Christus allein Mittler und Weg zum Heil ist, der in seinem Leib, der Kirche, uns gegenwärtig wird", steht nicht nur in Dominus Iesus, es ist aus dem Konzilstext Lumen gentium. Die Aussagen, mit denen die Enzyklika die pluralistische Religionstheologie verurteilt, finden Rückhalt im Konzil.

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Progressive Theologen4 würden ohne weiteres zugestehen, dass auch im Zeiten Vatikanum „bremsende" Aussagen stehen. In ihren Augen sind das Zugeständnisse an die traditionalistische Konzilsminderheit, - begreiflich, aber zu weit gehend. Der Fortschritt über das Konzil hinaus würde dem Geist des Konzils entsprechen. Zeitbedingte Einschränkungen könnten wegfallen, zumal die extremen Traditionalisten mittlerweile ohnehin die katholische Kirche verließen.

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Ein solches progressives Verständnis des Konzils ist problematisch. Das zeigt sich spätestens dann, wenn der Fortschritt „mit dem Konzil über das Konzil hinaus" den Vorwurf der Traditionalisten bestätigt, das Konzil habe mit der früheren kirchlichen Tradition gebrochen.

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2. Ein Konzil der Widersprüche?

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Es müssen beide Aussagerichtungen im Konzil zur Kenntnis genommen werden: jene, die die Heilsmöglichkeiten für alle Menschen hervorheben, aber auch jene, die die traditionelle Lehre von der Heilsnotwendigkeit der Kirche übernehmen. Beide Aussagelinien grenzen mitunter unmittelbar aneinander. So heißt es in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen:

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„Die katholische Kirche verwirft nichts von dem, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muß sie verkündigen Christus, der ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat. Deshalb mahnt sie ihre Söhne, daß sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern." (Nostra aetate 2,2)

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Es geht um das Verhältnis von katholischen Christen zu VertreterInnen anderer Religionen. In den Dialog bringen sie sich ein als Glieder der Kirche, für die gilt: „Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben', in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat." Wer so Christus bezeugt, kann als Dialogpartner für Nichtchristen interessant sein. Sie oder er hat etwas zu sagen, kann auf etwas Wertvolles und mitunter Hilfreiches verweisen, hat etwas zu geben. Ein echter Dialog lebt aber von einer Balance von Geben und Empfangen. Wenn Christen den „Weg, die Wahrheit und das Leben" mit der Person Jesu Christi schon haben, wie können sie dann das, was nichtchristliche Dialogpartner an Erfahrungen und religiösem Wissen haben, aufnehmen? Sind sie überhaupt noch lernfähig? Können sie auch empfangen? Oder kommt allenfalls ein Scheindialog zustande, wie in einem Lehrer-Schüler-Gespräch, das dazu dient, dass der Schüler sich jenem umfassenden Wissen annähert, über das der Lehrer im Voraus verfügt?

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Die dogmatische Konstitution über die Kirche spricht von der einzigen Kirche Christi,

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„die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18 ff), für immer hat er sie als „Säule und Feste der Wahrheit" errichtet (1 Tim 3,15). Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, daß außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen." (Lumen gentium 8)5

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Die wahre Kirche, verwirklicht in der katholischen Kirche, die unter der Leitung des Papstes steht: Hier findet sich die traditionelle katholische Lehre mit einem Überlegenheitsanspruch, der auch der Ökumene mit anderen christlichen Konfessionen Probleme bereitet. Zwar heißt es, dass die wahre Kirche in der römisch-katholischen Kirche verwirklicht und nicht einfach mit ihr identisch ist, - mit dem lateinischen Wort „subsistit", über dessen genaue Bedeutung im Gefolge des Konzils von Theologen heftig gestritten wurde. Lässt es nicht die Möglichkeit offen, dass die wahre Kirche auch andernorts verwirklicht ist? Aber solche weitgehenden Deutungen wurden vom römischen Lehramt und vor allem von Kardinal Ratzinger scharf zurückgewiesen. Im Sinne dieser Korrekturen versteht sich die katholische Kirche als Zentrum und Gipfel jener wahren Kirche, deren Ausläufer sich allerdings bis weit in die anderen Religionen und sogar über die gesamte Menschheit erstrecken.

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Wie ist bei einem solchen Gefälle ein ausgewogener Dialog möglich? Reicht es, den Dialogpartnern gnädig „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit" zuzugestehen, wenn man für sich selber das Ganze beansprucht? Haben die Pluralisten hier nicht Recht, dass die Kirche den eigenen Absolutheitsanspruch noch mehr zurückschrauben muss bis zum Bekenntnis von Jesus Christus als „einem Weg, einer Wahrheit und einer Weise zu leben"?

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Ein dritter Text soll zeigen, wie das Konzil Aussagen über die Heilsnotwendigkeit der Kirche und über eine universale Heilsmöglichkeit direkt aneinander reiht. Er stammt wieder aus der dogmatischen Konstitution über die Kirche. An etwas späterer Stelle heißt es dort:

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„Zu dieser katholischen Einheit des Gottesvolkes, die den allumfassenden Frieden bezeichnet und fördert, sind alle Menschen berufen. Auf verschiedene Weise gehören ihr zu oder sind ihr zugeordnet die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heile berufen sind.
Den katholischen Gläubigen wendet die Heilige Synode besonders ihre Aufmerksamkeit zu. Gestützt auf die Heilige Schrift und die Tradition, lehrt sie, daß diese pilgernde Kirche zum Heile notwendig sei. Christus allein ist Mittler und Weg zum Heil, der in seinem Leib, der Kirche, uns gegenwärtig wird; indem er aber selbst mit ausdrücklichen Worten die Notwendigkeit des Glaubens und der Taufe betont hat (vgl. Mk 16,16; Joh 3,5), hat er zugleich die Notwendigkeit der Kirche, in die die Menschen durch die Taufe wie durch eine Türe eintreten, bekräftigt. Darum könnten jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollten." (Lumen gentium 13f)6

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Zuerst betont das Konzil die Möglichkeit einer Berufung zum Heil für „alle Menschen überhaupt", unmittelbar darauf schärft es mit aller Deutlichkeit die Heilsnotwendigkeit der Kirche ein. Der letzte Satz übernimmt den Inhalt der Formel „Außerhalb der Kirche kein Heil", beschränkt ihn allerdings auf jene Menschen, „die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollten."

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Was ist zu diesem Befund zu sagen? Behauptungen von einem revolutionären Konzil verlieren jede Überzeugungskraft. Vielmehr drängt sich der Eindruck von einem „Konzil der Widersprüche" auf. „Hölzerne Eisen", das heißt Arrangements von Behauptungen, die sich gegenseitig logisch ausschließen, wurden dem Konzil auch noch in anderen Kontexten vorgeworfen.7 Die Entwicklungen von Kirche und Theologie im Gefolge des Konzils scheinen dem Vorwurf Recht zu geben. Konzilstexte sind nicht nur Sammlungen inhaltlicher Aussagen, sie sind zugleich Positionspapiere, welche die Identität und den Kurs der Kirche festlegen. Das gilt in besonders hohem Maß für das Zweite Vatikanische Konzil. Was wird passieren, wenn ein Positionspapier widersprüchliche Optionen, die den Überzeugungen gegensätzlicher Interessengruppen entsprechen, unvermittelt nebeneinander stellt? Es wird zu Polarisierungen kommen. Verschiedene Gruppen werden ihre jeweilige Sichtweise bestätigt finden und mit Nachdruck gegeneinander vertreten. Wegen mangelnder Eindeutigkeit des Zentrums kommt es zu zentrifugalen Entwicklungen: Parteiungen entfernen sich immer mehr von der Mitte, bis an den Rändern extreme Gruppen von der Kirche abbrechen.

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Es könnte aber auch sein, dass die Spannungen sich ausbalancieren lassen und dadurch erst jenen Mittelweg freigeben, der die Kirche in die authentische Nachfolge Christi führt. Der „Geist des Konzils" - der Heilige Geist, der dieses Konzil nach Meinung vieler in besonderem Maße durchwehte - wäre dann nur im Ganzen seiner spannungsvollen Aussagen zu finden. Jede einseitige Konzilsrezeption würde ihn verlieren. Folgen wir dieser Spur, indem wir zunächst die Problematik der Extreme untersuchen. Dann wollen wir die Möglichkeit eines Mittelwegs prüfen.

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3. Die Tragik der Extreme

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„Außerhalb der Kirche kein Heil" und „Heilsmöglichkeit für alle Menschen": zwei Gruppen von Aussagen, die das Konzil durchziehen und die stellenweise hart aneinander grenzen. Menschen, die überzeugt sind, dass beides unvereinbar ist, müssen wählen und verwerfen.8 Entweder sie treten für die universale Heilsmöglichkeit ein und lehnen die Aussagen über die heilsnotwendige Kirche ab. Sie plädieren für Weltoffenheit und Dialogfähigkeit und verwerfen dafür die exklusivistische kirchliche Tradition: die Position der Progressiven und Pluralisten. Oder sie verfechten den traditionellen Anspruch von der allein selig machenden Kirche und lehnen die weit reichenden Aussagen über eine universale Heilsmöglichkeit ab, etwa indem sie sie als anbiederndes Zugeständnis an den Zeitgeist denunzieren: die Position der Traditionalisten. Bei aller Gegensätzlichkeit ist beiden Richtungen gemeinsam, dass sie die beiden Aussagenlinien des Konzils als unvereinbar betrachten und das Konzil als in sich widersprüchlich kritisieren: ein Zwitter, der den einen zu weit und den anderen nicht weit genug geht.

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Beiden Positionen ist eine besondere Tragik gemeinsam: Sie verlieren alles. Vehement treten sie für ihr eigenes Anliegen ein und sind bereit, dafür die entgegenstehenden Aussagen zu verwerfen. Und genau damit verspielen sie auch ihr eigenes Anliegen:

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3.1 Traditionsbruch der Traditionalisten

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Für die Traditionalisten9 besteht dieses Anliegen in einer kompromisslosen Treue zur kirchlichen Tradition. Dafür sind sie bereit, die weltoffenen Anteile am Konzil zu verwerfen. Damit verlieren sie aber zugleich wesentliche Teile der katholischen Tradition. Denn diese enthält in Spannung zu den Aussagen über die allein selig machende Kirche zahlreiche Ansätze, die Gottes Güte und Seinen Willen, dass alle Menschen gerettet werden (1 Tim 2,4), berücksichtigen.10 Diese Lehren und Theorien mögen zum Teil abstrus klingen. Aber mit ihnen entwand sich die Kirche den furchtbaren Vorstellungen von einem tyrannischen Willkürgott und von der Kirche als kleiner Arche, die einen Bruchteil der Menschheit vor dem Versinken in das ewige Höllenfeuer retten würde. Wo solche Extremvorstellungen ausdrücklich vertreten wurden, hat die Kirche sich davon distanziert. So verurteilte sie im Jahr 1713 den Satz eines französischen Theologen und geistlichen Führers: „Außerhalb der Kirche wird keine Gnade gewährt."11

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„Außerhalb der Kirche kein Heil" = Dogma - „Außerhalb der Kirche keine Gnade" = Häresie! Wie geht das zusammen? Die Spannungen, die wir am Zweiten Vatikanum feststellten, prägen auch die vorausgehende kirchliche Tradition, bis hart an die Grenze zum logischen Widerspruch.12 Die volle Lehre der Kirche kann nur in einer Balance gewahrt bleiben, die beiden Teilen des Spannungsbogens der kirchlichen Tradition gerecht wird.13 Diese Balance verlieren die Traditionalisten, wenn sie jenen Teil des Spannungsbogens abwerten, der dem Heilsuniversalismus des Zweiten Vatikanums argumentativ zugrunde liegt. Ihre vorgebliche Treue zur kirchlichen Tradition pervertiert so zur Fixierung auf ein Zerrbild.

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3.2 Die eingeschränkte Dialogfähigkeit der Pluralisten

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Pluralisten14 kämpfen für Weltoffenheit, für Toleranz und Dialogfähigkeit gegenüber Nichtchristen und VertreterInnen anderer Religionen. Dafür sind sie bereit, kirchliche und christliche Wahrheitsansprüche zurückzuweisen oder radikal zu relativieren. Wie steht es um die daraus resultierende Dialogfähigkeit? - Dialog ist nur fruchtbar als Austausch in wechselseitigem Geben und Nehmen. Dafür ist zweierlei notwendig: Auf der einen Seite Offenheit für den Dialogpartner mit der Fähigkeit und der Bereitschaft, selber dazuzulernen; auf der anderen Seite aber auch das konsequente Eintreten für eigene Wahrheitsansprüche. Nur so ist für den Dialogpartner ein Gewinn aus dem Dialog möglich. - Pluralisten glätten die Kanten des Christentums so weit, bis nur noch Behauptungen übrig bleiben, die mit anderen Religionen als harmonisierbar erscheinen. Dialogpartner vermögen damit nur zu finden, worüber sie selber bereits verfügen. Der Dialog wird für sie überflüssig. Aber nicht nur das Geben, auch das Empfangenkönnen ist im Pluralismus eingeschränkt. Das ausgeprägte pluralistische Ethos von Toleranz und Humanität legt die Standards für einen Dialog von vornherein fest, sodass von den Dialogpartnern nur das aufgenommen wird, was diesen Standards entspricht. Was sich damit schlägt, wird zwar an der eigenen christlichen Tradition scharf verurteilt, bei den VertreterInnen anderer Religionen aber eher heruntergespielt. Die Dialogfähigkeit der Pluralisten ist somit gegen den Anschein und gegen ihren Anspruch stark reduziert.15 Den Pluralisten droht ebenso wie den Traditionalisten das Verhängnis, dass sie gerade dasjenige, um dessentwillen sie Teile der christlichen Lehre abspalteten, in der Konsequenz ihrer Abspaltung verlieren.

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4. Ein Konzil der Mitte

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Wenn sich somit die Extreme als nicht gangbar erweisen, wie steht es um die Mitte? Gibt es einen Mittelweg, der den beiden Textgruppen von kirchlicher Heilsnotwendigkeit und universaler Heilsmöglichkeit gleichermaßen gerecht wird? Es müsste ein Weg sein, auf dem wir den kirchlichen Traditionen mit ihren Spannungen gerecht werden und allen Menschen mit ihren Religionen und Kulturen in tiefer Achtung begegnen. Beides setzt eine Haltung tiefen Respekts voraus, der allen gilt, nicht nur den Menschen „außerhalb der Kirche", sondern auch den Menschen in der Kirche, - und dabei nicht nur den heute lebenden, sondern auch den früheren, die uns als Glieder der Kirche vorausgegangen sind. In der Achtung ihnen gegenüber wurzelt eine echte Treue zur kirchlichen Tradition.

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Traditionen sind verdichtete Erfahrungen. Kirchliche Traditionen sind zu Texten, Symbolen und Riten geronnene Erfahrungen zahlloser Menschen, die in der Geschichte und Vorgeschichte der Kirche gemeinsam ein Leben mit Gott zu führen versuchten. Auch die Formel „Außerhalb der Kirche kein Heil" ist eine extreme Verdichtung von Erfahrungen. Um ihr gerecht zu werden, müssen zuerst die Erfahrungen, die in dieser Formel verdichtet sind, freigelegt werden.

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Die Geschichte dieser Formel führt uns zurück bis zu Texten aus dem 3. Jahrhundert von den Kirchenvätern Origenes und Cyprian.16 Sie zeigen: Die Formel „Außerhalb der Kirche kein Heil" war ursprünglich kein spekulatives Urteil gegen die Heilsmöglichkeiten von Nichtchristen, sondern ein Appell an Christen17, der besagt: „Sucht das Heil, das euch durch Christus zugesagt ist, in der Kirche. Abgespaltet von ihr werdet ihr es verfehlen." Später wurde die Formel losgelöst von diesem mahnenden („paränetischen") Kontext, und das öffnete schlimmen Missverständnissen Tür und Tor. Dass Christen das Heil nicht an der Kirche vorbei finden können, ist eine Warnung, die auch für uns Heutige im Supermarkt der Heilsangebote beherzigenswert ist.18 Was passiert aber, wenn man daraus einen Satz über alle Menschen macht? Einer Unzahl von Menschen, die mit der Kirche in keinem tieferen Kontakt stehen und deshalb auch keine Chance haben, Glieder der Kirche zu werden, wird somit die Heilsmöglichkeit abgesprochen. Aus der Heilsformel wird eine Unheilsformel. Solche unheilvollen Verallgemeinerungen sind in der Kirche passiert.19 Hier muss die Rede von „Außerhalb der Kirche kein Heil" scharf kritisiert werden.

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Solche Kritik ist allerdings auch von Seiten des katholischen Lehramts erfolgt. Die Aussagen „Christus ist nicht für alle Menschen den Heilstod gestorben" und „Außerhalb der Kirche wird keine Gnade gewährt" wurden im frühen 18. Jahrhundert als häretisch verurteilt.20 Und nun, wo die Frage nach der Heilsmöglichkeit von kirchenfernen Menschen aufgeworfen war, suchte die Kirche nach theologischen Möglichkeiten, ihnen ohne Widersprüche eine Heilsmöglichkeit auch positiv zuzugestehen. Die bisher reifsten Früchte dieser Bemühungen trägt das Zweite Vatikanische Konzil, unter anderem mit dem Satz:

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„Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemühen" (Lumen gentium 16).

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Die Formel „Außerhalb der Kirche kein Heil" wird vom Konzil nicht fallengelassen, sondern zurück geschnitten auf seine ursprüngliche Bedeutung als Ermahnung an Christen und an Menschen, die von ihren eigenen Erfahrungen her die Heilsbedeutung der Kirche einsehen können:

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„Darum könnten jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollten" (Lumen gentium 14).

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Zwischen beiden Sätzen besteht somit kein Widerspruch!21 Durch die vom Konzil angebrachten Einschränkungen werden die Aussagen bezüglich einer „Heilsmöglichkeit von Menschen außerhalb der Kirche" (1. Zitat aus Lumen gentium 16) und „keinem Heil außerhalb der Kirche" (2. Zitat aus Lumen gentium 14) miteinander verträglich.

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5. Julia - zur Veranschaulichung

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Versuchen wir, noch besser zu verstehen, wie es dem Konzil möglich war, einen Widerspruch zwischen Heilsmöglichkeit für alle Menschen und Heilsnotwendigkeit der Kirche zu verhindern. Es gelang, weil das Konzil es konsequent vermied, allgemeine spekulative Aussagen über das Unheil von Menschen zu machen. Traditionelle kirchliche Sätze wie die Formel „Außerhalb der Kirche kein Heil" wurden zurückgeschraubt auf Aufforderungen, die sich an Christen richten.22 Was heißt das konkret?

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Denken wir an eine uns nahe stehende Person, die aus der Kirche ausgetreten ist oder der Kirche gleichgültig gegenübersteht, und nennen wir sie zur Verdeutlichung Julia. Ob Julia wegen ihrer Kirchenferne „nicht gerettet werden kann", können wir nicht beurteilen. Denn wir wissen nicht, ob sie „um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit" wirklich weiß, - das heißt nicht nur theoretisch, sondern mit einer Gewissheit, die eine Lebensentscheidung tragen kann. Eine solche Gewissheit könnte fehlen oder verloren gegangen sein aufgrund von schlechten Erfahrungen, eines unzulänglichen Wissens über Gott und die Kirche (ein Wissen, das nicht tief genug reicht, um Enttäuschungen integrieren zu können) oder auch aufgrund von psychischen Beeinträchtigungen. Aus ähnlichen Gründen dürfen wir die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Julia „ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen ist" oder - so können wir sinngemäß hinzufügen - dass sie diese Anerkennung ohne Schuld zurückgezogen hat. Wenn sie dennoch mit ihren begrenzten Möglichkeiten und „nicht ohne die göttliche Gnade ... ein rechtes Leben zu führen sich bemüht" dürfen wir damit rechnen, dass ihr „von der göttlichen Vorsehung das zum Heil Notwendige nicht verweigert wird".

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Aber dieses zum Heil Notwendige fällt nicht automatisch vom Himmel! Es ist der Auftrag von Christen, von Kirche, es zu vermitteln. Das ist gemeint mit der Heilsnotwendigkeit der Kirche.23 Und so muss ich mit der Möglichkeit rechnen, dass der Unglaube und die Kirchenferne von Julia einen Auftrag an mich bedeuten. Vielleicht bin ich der Mensch, durch den „die göttliche Vorsehung ihr das zum Heil Notwendige nicht verweigert". Als ChristIn und Glied der Kirche bin ich also gefordert. Die Frage nach der Heilsmöglichkeit stellt sich mir nicht in Bezug auf Julia, sie stellt sich mir in Bezug auf mich selber im Angesicht von Julia.24

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Aber ist das nicht eine totale Überforderung? Das würde zutreffen, wenn ich die Letztverantwortung für das Heil von Julia hätte. Dem ist aber nicht so. Ich brauche nicht mehr zu tun, als das sichtbar zu leben, was ich als ChristIn geschenkt bekam. Ich brauche nur die Liebe weiter zu verströmen, die ich empfangen habe. Im Bemühen, mich jederzeit vom Ruf Gottes leiten zu lassen, kann ich zu einem weiteren Engagement für Julia geführt werden oder auch zu etwas anderem. Diese Last ist leicht (Mt 11,30), denn ich darf darauf vertrauen, dass nicht ich alles bewirken muss. Selbst wenn Julia nur mehr durch mich einen Bezug zur Kirche hätte.

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Die Zusage, dass Menschen auch außerhalb der Kirche gerettet werden können, stellt somit ein wichtiges Gegengewicht zur Aussage von der Heilsnotwendigkeit der Kirche dar. Der Satz von der Heilsnotwendigkeit der Kirche ruft mich als Glied der Kirche in die Verantwortung für Menschen, auch außerhalb der Kirche. Ihr entspricht in konkreten Situationen der Anruf: Du bist gefordert. Die Aussage, dass Menschen auch außerhalb der Kirche unter bestimmten Bedingungen das Heil finden können, begrenzt meine Verantwortung auf ein tragbares Maß. Ihr entspricht in konkreten Situationen der Zuspruch zur Gelassenheit: Du bist nicht überfordert.

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6. Die Fähigkeit von Christen, im Dialog zu empfangen

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Schauen wir von hier aus auf unsere Frage, ob Christen dialogfähig sein können. Bin ich als Christ gegenüber Julia nicht ausschließlich in der Rolle des Gebenden? - Wir haben gesehen: Anforderung ohne Überforderung kommt dadurch zustande, dass ich nur weiterverströmen muss, was ich empfangen habe. Dabei gibt es die erstaunliche Erfahrung, dass man in diesem Weiterverströmen selber empfängt. Der Mensch findet im Geben zu sich, er findet im Geben zu Gott, er findet im Geben Jesus Christus. Er findet Christus im Anderen. Und das bedeutet Empfangen. Es ist geradezu ein Kriterium für rechtes Geben, dass ich Julia nicht als eine bedürftige Empfangende erlebe, sondern dass sich mir in meinem Geben der Reichtum der Empfängerin erschließt. Ich kann ihr Gott nur „bringen", indem ich ihre eigenen Fähigkeiten, Gott zu finden, belebe. Es kann sein, dass Julias Gaben, Gott wahrzunehmen und Ihn anzunehmen, brach liegen oder verschüttet sind. Indem ich ihr dabei helfe, diese Begabungen freizulegen, werden sie auch für mich fruchtbar. Auch in der Nichtchristin Julia ruht eine ganz besondere, ihr von Gott verliehene, Fähigkeit, Gott wahrzunehmen. Wo ihre Fähigkeit sich mit meiner Fähigkeit verbindet, werde auch ich Gott in reicherem Maße wahrnehmen. So erfahre ich mich in meinem Geben unversehens als Empfangenden.

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Der Einsatz für den Anderen in Dialog und tätiger Hilfe gelangt dann an sein Ziel, wenn ich nicht mehr bloß Gebender bin und der Andere nicht mehr bloß Empfangender ist, sondern wenn wir beide uns miteinander als von Gott beschenkt erfahren. Auch im Bezug auf den Anderen außerhalb der Kirche gilt: Christus begegnet mir im Anderen. Und Christus begegnet uns in unserer Begegnung.

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Die Konzilsaussage, dass außerhalb der Kirche vielfältige Elemente der Wahrheit und Heiligung sind (Lumen gentium 8), wird damit frei von jedem Verdacht eines katholischem Überlegenheitsdenken. So wie ich Julia gegenüber nicht der überlegen Gewährende, sondern der im Geben Empfangende bin, so beansprucht auch Kirche nicht, das Ganze an Wahrheit zu besitzen.25 Das Ganze an Wahrheit und Heiligung schreibt sie nicht sich, sondern Jesus Christus zu. Christus, nicht die Kirche ist Lumen gentium - Licht für die Völker.26 Kirche ist daraufhin unterwegs, Jesus Christus immer vollkommener zu erfassen. Und das vermag sie nicht anders als indem sie ihn verkündet und so immer neu empfängt. So findet sie im Einsatz für die Welt und im Dialog mit ihr immer wieder - oft unversehens - Elemente der Wahrheit und Heiligung, die sie verloren, vernachlässigt oder noch gar nicht erschlossen hat. Kirche ist wesentlich bezeugend, sie ist missionarisch. Indem sie Christus den Menschen „bringt", findet sie ihn neu für sich selber. Sie findet Christus mit den Anderen und in den Anderen, auch in den Kirchenfernen.27

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Die eingangs angeführten Beispiele erscheinen nun in einem anderen Licht. Die fromme Mutter, die um das Seelenheil ihrer aus der Kirche ausgetretenen Kinder bangt, ist heute vielleicht selten geworden, aber keineswegs lächerlich. Tiefer als mancher aufgeklärt-christliche Zeitgenosse hat sie das kirchliche „Du bist gefordert" begriffen. Es wäre christlich nicht zu verantworten, wollte man ihr diese Sorge einfach ausreden. Was man ihr aber auf der Grundlage einer balancierten Kirchenerfahrung getrost zusagen darf, ist: „Du bist nicht überfordert. Was du geben musst, wirst du empfangen."

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Ein differenzierter Blick öffnet sich uns auch auf die Missionspraxis von Franz Xaver. Was hätte sich geändert, wenn ihm durch ein Wunder die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils offenbart worden wäre? Hätte er seinen Missionarsberuf an den Nagel gehängt? Gewiss nicht! Er wäre genauso zu den Perlenfischern gegangen. Vielleicht wäre er nicht mehr so hektisch von einem zum anderen gerannt; denn er hätte deutlicher gewusst, dass nicht alles von ihm abhängt. Aber bewegt von der eigenen Erfahrung der Liebe Gottes hätte er im Angesicht der Fischer ebenso den Ruf vernommen: „Du bist gefordert."

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Literatur

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  • Congar, Yves, Der Fall Lefebvre. Schisma in der Kirche? Freiburg i.Br. 1977, 100.
  • Denzinger, Heinrich, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Freiburg 371991.
  • Gutiérrez, Gustavo, Theologie der Befreiung, Mainz 1992.
  • Hilberath, Bernd Jochen, Communio hierarchica. Historischer Kompromiß oder hölzernes Eisen?, in: Theologische Quartalsschrift 177 (1997) 202-219
  • Internationale Theologenkommission, Das Christentum und die Religionen. 30. September 1996 (Arbeitshilfen des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz 136), Bonn 1997.
  • Kern, Walter, Außerhalb der Kirche kein Heil? Freiburg i.Br. 1979.
  • Kongregation für die Glaubenslehre, Dominus Iesus. Erklärung über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche und „Note" zum Begriff „Schwesterkirchen" (Kathpress Sonderpublikation 2000,5), Wien 2000.
  • Neuhaus, Gerd, Zwischen Relativismus und Absolutheitsanspruch. Überlegungen zu einer nachkonziliaren Theologie der Religionen, in: Wilhelm Geerlings, Max Seckler (Hg.), Kirche sein. Nachkonziliare Theologie im Dienst der Kirchenreform. FS H.J. Pottmeyer, Freiburg i.Br. 1994, 273-293.
  • Rahner, Karl / Vorgrimler, Herbert, Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums mit Einführungen und ausführlichem Sachregister, Freiburg i.Br.181985.
  • Ratzinger, Joseph, Das neue Volk Gottes. Entwürfe zur Ekklesiologie, Düsseldorf 1970
  • Schmidt-Leukel, Perry, Gott ohne Grenzen. Eine christliche und pluralistische Theologie der Religionen, Gütersloh 2005.
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Anmerkungen

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1 Vgl. die Aussage des Konzils von Ferrara-Florenz aus dem Jahr 1442, „dass niemand, der sich außerhalb der katholischen Kirche befindet, nicht nur keine Heiden, sondern auch keine Juden oder Häretiker oder Schismatiker, des ewigen Lebens teilhaft werden können, sondern daß sie in das ewige Feuer wandern werden, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn sie sich nicht vor dem Lebensende ihr angeschlossen haben" vgl. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Nr. 1351.

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2 Vgl. Zweites Vatikanum, Lumen gentium 1: „Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet (vgl. Mk 16,15). Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit."

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3 Zur pluralistische Religionstheologie vgl. Schmidt-Leukel, Gott ohne Grenzen. Vgl. dazu unten, Anm. 15.

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4 Mit dem Wort „progressive Theologen" beziehe ich mich auf eine verbreitete Tendenz der Konzilsrezeption, die den Gegensatz des Zweiten Vatikanischen Konzils zur früheren kirchlichen Lehre betont und entsprechend dazu neigt, spätere lehramtliche Stellungnahmen als Rückfall hinter das Zweite Vatikanum zu kritisieren. Es geht mir um das Problem einer kirchlichen Polarisierung, die durch Etikettierung von TheologInnen als „progressiv", „liberal" oder „konservativ" oft angeheizt wird. Da zudem die Möglichkeit für eine differenzierte Auseinandersetzung hier fehlt, verzichte ich auf die Nennung von Namen und Beispielen. Vgl. auch die Anm. 10 zur Rede von Traditionalisten und von Pluralisten.

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5 Hervorhebung von mir.

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6 Hervorhebungen von mir. Der Absatz markiert den Übergang von Nr. 13. zu Nr. 14.

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7 Vgl. Hilberath, Communio hierarchica. Im Unterschied zu dieser innerkatholischen theologischen Kontroverse lehnen die Traditionalisten Lefebvres das gesamte Konzil als inkonsistent ab. Vgl. die Konzilskritik auf der deutschen Homepage der Priesterbruderschaft St. Pius X.: „Papst Johannes XXIII. schlug sich ebenso wie sein Nachfolger Paul VI. auf die Seite der Liberalen. Diese dominierten daraufhin das Konzil. Das Ergebnis war ein Konglomerat von Texten, die teils rechtgläubig, teils mehrdeutig, teils aber auch von Irrtümern durchsetzt sind. In einer bewußt unklar und ungenau gehaltenen Sprache formuliert, sind sie insgesamt von einem liberalen Geist durchdrungen. Derselbe Geist zeigte sich deutlich in den nachkonziliaren Reformen und Richtlinien, die teilweise noch weit über die Texte des Konzils hinausgingen. Die Priesterbruderschaft lehnt es daher ab, das Konzil und seine Reformen anzunehmen, weil sie von jenem liberalen Geist geprägt sind, der nicht der Geist der Kirche ist." Im Internet:

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http://www.fsspx.info/bruderschaft/index.php?show=fragen&page=3 (23.3.2006)

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8 „Und wenn ein gewisser Widerspruch sich zeigen sollte in seinen [des Heiligen Vaters] Worten oder seinem Handeln sowie in denjenigen seiner Ämter, so wählen wir immer, was von jeher gelehrt worden ist, und schenken den Neuerungen, die die Kirche zerstören, keinerlei Gehör." Marcel Lefebvre, in seiner „Glaubenserklärung" vom 21. November 1974, zitiert nach Yves Congar, Der Fall Lefebvre, 100.

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9 Zur Verwendung des Wortes Traditionalismus in diesem Aufsatz: Ebenso wie bei der Rede von Progressiven und Pluralisten geht es um die Problematik einer Polarisierung in extreme Richtungen, nicht um eine Auseinandersetzung mit bestimmten Vertretern (oder um eine Festlegung bestimmter Vertreter auf die hier allgemein skizzierten Ausrichtungen). In erster Linie denke ich bei der Rede von Traditionalisten an die Priesterbruderschaft St. Pius X. im Gefolge des exkommunizierten Erzbischofs Marcel Lefebvre. Grundsätzliche Positionen können über die Homepage http://www.fsspx.de eingesehen werden. Vgl. auch Anm. 7, sowie Yves Congar, Der Fall Lefebvre.

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10 Zu nennen wäre die Lehre von Jesus, der „hinabgestiegen in das Reich des Todes" (Apostolisches Glaubensbekenntnis) ist, um die vorchristlichen Gerechten und Ungerechten zu befreien (vgl. 1 Petr 3,19f); die Annahme eines Limbus puerorum, einem Vorhimmel (früher: Vorhölle), in den ungetauft verstorbene Kinder eingehen würden, sodass sie, wenn ihnen schon die himmlische Glückseligkeit verwehrt ist, sie wenigstens nicht als verdammt zu betrachten wären; die Lehre von der Begierdetaufe, wonach in Grenzfällen der Wunsch das Sakrament ersetzt, - eine Lehre, ohne die jene Taufwerber, die kurz vor der Taufe verstarben, vielleicht sogar das Martyrium erlitten, konsequenterweise als „außerhalb der Kirche" und damit als verdammt zu betrachten gewesen wären; entsprechend die Annahme eines „votum ecclesiae", einem für das Heil bereits ausreichenden „einschlussweisen Verlangen nach der Kirche". - Vgl. zu diesen Lehren und Theorien das informative und gut lesbare Büchlein: Walter Kern, Außerhalb der Kirche kein Heil?

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11 Der Satz stammt von dem Jansenisten Paschasius Quesnel und wurde von Clemens XI. verurteilt, vgl. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Nr. 2429.

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12 Die Spannung zwischen Heilsausschließlichkeit der Kirche und Heilsmöglichkeit für alle gerät z.B. bei der folgender Feststellung von Papst Pius IX. aus dem Jahr 1854 an die Schwelle zum logischen Widerspruch: „Im Glauben müssen wir festhalten, daß außerhalb der Apostolischen Römischen Kirche niemand gerettet werden kann; sie ist die einzige Arche des Heils, und jeder, der nicht in sie eintritt, muß in der Flut untergehen. Aber dennoch muß gleicherweise für gewiß gelten, daß diejenigen, die in unüberwindlicher Unkenntnis der wahren Religion leben, von keiner Schuld dieser Art vor den Augen des Herrn betroffen werden. Wer nun aber nähme für sich in Anspruch, daß er die Grenzen solcher Unkenntnis bestimmen wollte angesichts der Eigenart und Verschiedenheit der Völker, Gegenden, Naturanlagen und so vieler anderer Dinge?" (zitiert nach Kern, Außerhalb der Kirche kein Heil?, 49f; vgl. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Einleitung zu Nr. 2865-2867).

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13 Joseph Ratzinger hat dazu festgestellt: „Der Satz ‚Außerhalb der Kirche kein Heil' konnte und kann fortan nur noch in dialektischer Einheit mit der Verwerfung der Behauptung ‚Außerhalb der Kirche keine Gnade' genannt werden. Das bewußte Aufnehmen dieser Dialektik entspricht fortan allein dem Stand der kirchlichen Lehre." Ratzinger, Das neue Volk Gottes 348.

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14 Mit den Begriffen Pluralismus und Pluralisten beziehe ich mich in diesem Aufsatz auf Vertreter der pluralistischen Religionstheologie, ohne mich hier auf eine detaillierte Auseinandersetzung einlassen zu können. Ein umfassendes Plädoyer für eine pluralistische Religionstheologie gibt Schmidt-Leukel, Gott ohne Grenzen. Das detailreiche und weitgehend frei von Polemik gehaltene Handbuch verdient eine differenziertere Auseinandersetzung als mit den wenigen kritischen Bemerkungen hier möglich ist.

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15 Zu den Grenzen der Dialogfähigkeit des religionstheologischen Pluralismus vgl. die scharfsinnige Analyse von Gerd Neuhaus: Zwischen Relativismus und Absolutheitsanspruch.

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16 Diese Texte werden vorgestellt und erschlossen von Ratzinger, Das neue Volk Gottes, 342-345.

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17 Origenes wendet sich in seinem Text auch ermahnend an Juden, - allerdings auf der Grundlage der allegorischen (auf Christus hin zielenden) Auslegung eines alttestamentlichen Textes, der den Juden somit aus ihrer eigenen religiösen Tradition zugänglich war.

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18 Dass das Heil nicht losgelöst von der Kirche zu finden ist, bedeutet ja nicht, dass die außerkirchlichen Heilsangebote ignoriert oder abgewertet werden müssen. Es bedeutet vielmehr, dass sie alle - soweit sie als wahr und hilfreich erfahren werden - um die eine Mitte Jesu Christi zu zentrieren sind. Und das bedeutet zugleich, dass sie in die Kirche integriert werden.

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19 Dazu gehört die in Anm. 1 zitierte Aussage des Konzils von Florenz. Joseph Ratzinger weist darauf hin, dass selbst diese Erklärung, ebenso wie der darin zitierte Text des radikalen Augustinusschülers Fulgentius von Ruspe, noch einen entfernten paränetischen Kontext hat: Das Konzil von Florenz richtete sich an die griechisch-orthodoxen Christen mit der Zielsetzung einer Überwindung des Schismas. Vgl. Ratzinger, Das neue Volk Gottes, 346.

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20 Vgl. oben, Kapitel 3.1, sowie Kern, Außerhalb der Kirche kein Heil?, 47f.

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21 Der Beweis: (2 => 1): Nach dem zweiten Zitat kann eine Person dann „nicht gerettet werden", wenn sie „um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit weiß, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren will". In diesem Fall ist aber auch nicht mehr die Voraussetzung für die Zusage der Heilsmöglichkeit im ersten Zitat gegeben, dass sie „ein rechtes Leben zu führen sich bemüht". - (1 => 2): Nach dem ersten Zitat ist einer Person die Möglichkeit zum Heil zuzusprechen, wenn sie „ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen ist, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemüht". Wenn sie ein rechtes Leben zu führen sich bemüht, wird sie im Falle ihres Wissens um die von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit der katholischen Kirche auch in diese eintreten." - Damit der Beweis schlüssig ist, ist allerdings eine Zusatzannahme erforderlich: dass das „rechte Leben" nicht bloß allgemein als Befolgung etwa der Zehn Gebote zu verstehen ist, sondern als ein Leben gemäß den heilsbezogenen Einsichten, die einem Menschen von Gott her geschenkt sind.

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22 „So erhält der Satz ‚Extra Ecclesiam nulla salus' seinen ursprünglichen Sinn zurück, nämlich die Mitglieder der Kirche zur Treue zu ermahnen. Nachdem dieser Satz in das allgemeinere ‚Extra Christum nulla salus' aufgenommen worden ist, steht er nicht mehr im Widerspruch zur Berufung aller Menschen zum Heil." Internationale Theologenkommission, Das Christentum und die Religionen, Nr. 70.

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23 Auch vom Satz, dass die Kirche zum Heil notwendig ist, gilt, dass er kein allgemeines spekulatives Prinzip ist (als solches würde er die Frage nahe legen, wie denn dann Menschen fern der Kirche Heil finden können), sondern als Auftrag und Mahnung an die Christen: Heilsnotwendigkeit der Kirche besagt, dass es für die Kirche - und das heißt: konkret für die Christen - notwendig ist, das Heil immer neu in die Welt hinaustragen.

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24 Als katholische Christen betrifft uns die Aussage von Lumen gentium 14: „Nicht gerettet wird aber, wer, obwohl der Kirche eingegliedert, in der Liebe nicht verharrt und im Schoße der Kirche zwar ‚dem Leibe', aber nicht ‚dem Herzen' nach verbleibt."

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25 Kirche beansprucht allerdings, mit ihrem - lehrmäßig festgelegten - Glauben an Jesus Christus über einen „Rahmen" zu verfügen, der weit genug ist, alles an Wahrheit und Heiligung in sich aufzunehmen. Alles, was sich ihr im Dialog mit der Welt an Wahrem und Heiligem öffnet, bekennt sie als in seinem Wesen auf Christus und Kirche hingeordnet. In der Aufnahme (Assimilation) dieser Elemente muss Kirche also nicht eine andere werden; sie muss nur immer reiner und konsequenter ihr ursprüngliches, von Christus gegebenes Wesen erfüllen, - was die Notwendigkeit von unter Umständen beträchtlichen Korrekturen nicht ausschließt. In diesem Zusammenhang muss der für viele Anstoß erregende Anspruch auf eine in Dogmen festgeschriebene unfehlbare Lehre gesehen werden.

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26 Vgl. das Zitat von Lumen gentium 1,1 in Anm. 2.

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27 Vgl. hier Jesu Weltgerichtsrede Mt 25,31-46: „Wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?" - „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." - Jesu Weltgerichtsrede gilt nicht nur für Nichtchristen, die damit, ohne Christus zu kennen, ihn aufnehmen oder ablehnen. Sie gilt auch für Christen, gilt für Kirche. Auch ihr erscheint Christus immer wieder inkognito. Erst aus ihrem Einsatz heraus wird ihr - oft nachträglich - klar, dass Christus für sie eine lebendigere Gestalt gewonnen hat. Die „Option für die Armen", hat auch eine erkenntnismäßige, theologische Dimension. Das ist eine zentrale Einsicht, die uns die Befreiungstheologie erschlossen hat. Vgl. Gutiérrez, Theologie der Befreiung.

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